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Die Wahrheit · 1899-01-09 · Heft 2 (9.1.1899) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 2 (9.1.1899)
Date
1899-01-09
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Oesterr.-ungar. Cantoren-Zeitung. Nr. 2. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". is. Jahrg. Tempel- und Lynagogenwllsik. Entstehung (Fortsetzung.) Synagoge. Bon E Kirscliuer, München. Wenngleich Znnz sagt: „An die Stelle des Tempels trat die Synagoge, welche der einzige Träger der Nationalität der Juden wurde. Dorthin floh ihr Glauben, und von dorther empfingen sie Belehrung für ihren irdischen Wandel, Kraft zur Ausdauer in unerhörten Leiden und Hoffnungen auf eine künftige Morgeuröthe der Freiheit", so schließt diese Ansicht keineswegs die nachgewieseue Thatsache aus, dass schon zur Zeit des zweiten Tempelbestandes in Jerusalem sowohl wie in den Provinzstädten Synagogen existirten. Eine dunkle Spur von gemeiusamen gottesdienstlichen Veranstaltungen ailßerhalb des Tempels finden wir bereits im 2. Buch der Könige. Dem 23. Vers des 4. Capitels geht die Erzählung voraus von dem Tode des Kindes der Sch'.luammis. Diese will zum Propheten Elisa eilen, dass er ihr Hilfe schaffe. Ihrem Manne verheimlicht sie aberden GrundihrerReise,unddieser fragt sie: „Warum willst Du gerade heute zu ihm gehen, es ist ja weder Neumond uoch Sabbath?" Aus dieser Frage können wir schließen, dass schon die Propheten an den Neumonden und Sabbathen das Volk um sich zu versammeln pflegten, um dieses durch ihre gewaltigen Reden zu belehren, zu ermahnen und zu bessern. Deutlicher schon spricht der Psalmist von Synagogen im 74. Capitel. Dort heißt es im 4. Verse: „Es brüllen Deine Feinde inmitten Deiner Versammlungsorte, sie stellen ihre Zeichen als Zeichen ans", und im 8. Verse: „Sie sprechen in ihrem Herzen: „Lasst uns sie quälen insgesammt! Sie verbrennen alle G o t t e s st ä t t e n im Lande." Unter den Gvttesstätten, Moade El, verstehen die Commentatoren die Botte ch’nessijoss uwotte midroschoss, die Versammlnngs- und Lehrhäuser. Während in den Lehrhänsern das Studium des Gesetzes eifrig betrieben wurde, fügte man im Bess hak'nessess, dem Versammlungshans, der Lehre auch das Gebet hinzu, und zwar die einfachsten Elemente desselben. Das älteste Ritual bestaird »ach Znnz ans dem Schema, dem Bekenntnis der Einheit, der Tephillah, dem eigentlichen Gebete, unb der Keduschah, der Verherrlichung Gottes. Belehrung und Gebete tvaren hie zwei Bestandtheile, aus denen der Gottesdienst in den Botts chnessijoss, in den damaligen Synagogen sich znsammeirsetzte. E8ra ha880lsr, der große Schriftgelehrte Esra, der Reformator, wie er sein soll, er war von der Ueberzengung durchdrungen, dass die Abodah allein, d. h. der Tempeldienst in Jernsalem mit feinem wesentlichsten Bestandtheile, dem Opfer, keine sichere Gewähr biete für den immerwährenden Bestand des Jndenthnms, wenn nicht auch die Thora, die Kenntnis des Gesetzes, Geitleiugut des ganzen Volkes würde. Das war das erlösende Wort, dies der erlöste Gedanke, welcher in der Zeit des ersten Tempelbestandes m schier unzerbrechliche Fesseln geschlagen war. Wie treffend schildert Hvsea die Einseitigkeit des damaligen Cnltns, wenn er im Namen Gottes schmerzerfüllt ausrnft: „Liebe verlange ich. nicht Opfer, Gotteserkenntnis ist mehr denn Ganzopfer", und hinweisend auf das Gebet: „Nehmet mit euch Worte und kehret zum Ewigen um, sprechet zu ihm, vergib alle Schuld und hole hervor das Gute und wir wollen statt der Farren mit den G e b e t e n u n s e r e r L i p p e n zahlen." Umsonst waren aber die zürnenden, klagenden, bittenden Worte jener prophetischen Gottesmänner. Abfall vom Monotheismus blieb das Losungswort, Einführung fremder, nnjüdischer Bräuche war modern, und Hand in Hand damit gieng der allmähliche Verfall der Sitten, Künste und Wissenschaften, bis das nationale Unglück von Außen dem Unglück von Innen ein Ende machte. Nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft zog nun der weitausschallende Esra die heilsamsten Lehren aus der Vergangenheit für die Zukuirft des neubegründeten Staatswesens. Wohl blieb die Grundlage für den Gottesdienst in dem neu erbauten Tempel die gleiche wie im ersten Tempel. Die Priester verrichteten wieder ihren Opferdienst, die Leviten saugen wieder ihre noch nicht vergessenen Tempelweisen, die Instrumente erklangen wie vordem. Aber selbst im Tempel musste Raum geschafft werden für die Einführung der Reform Esra's; die Lischkass hagosiss, die Quaderhalle, wurde zur Synagoge ningewandelt, in ihr wurde täglich gebetet, in ihr wurde das Gesetz vorgelesen. In- und außerhalb des gelobten Landes wurden Schulen und Synagogen begründet, geistige Regsamkeit herrschte allerorten, das Wissen wurde eine Macht,, vor der sich selbst Könige und Priester beugen mirssten, gleichviel, ob der Repräsentant des Wissens ein armer Handwerker oder ein Fürst war. Sv oft das Volk in größere Orte kam, sollte es auch die Synagoge besuchen, sollte es gemeinsam beten und Belehrung empfangen ans dem Gottesworte und über dasselbe. Ans dem, was uns die Mischnah über diese gottesdienstlichen Veranstaltnngeu berichtet, müssen wir zu dem Schluß gelangen, dass dem liturgischen Gesänge, im Verhältnis zu den pompösen musikalischen Aufführungen im Tempel, eine nur bescheidene Rolle zngewiefen war. In der That dürfte sich die musikalische Uebnng in der Synagoge über eine einfache Rezitation der Gebete, über eine Cantillation der Thora-Abschnitte nicht erhoben haben. Sie konnte sich aber auch nur in den einfachsten Gesangsformen bewegen, wenn wir in Erwägung ziehen, dass damals Chasanim in unserem Sinne noch gar nicht existirten. Wohl sp'icht die Mischnah zu wiederholten Malen von einem Chasan haknessess, wie ich aber sogleich zeigen werde, deckt sich dieser Begriff durchaus nicht mit demjenigen, welchen wir seit dem Mittelalter mit dem Worte Chasan zu verbinden pflegen. Angestellte Cnltnsbeamte, denen die Abhaltung der Liturgie ein für allemal übertragen worden wäre, gab es in den Synagogen des Alterthums überhaupt uoch uicht. Die Mischnah

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