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Die Wahrheit · 1899-01-09 · Heft 2 (9.1.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 2 (9.1.1899)
Date
1899-01-09
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2. Die Wahrheit. Seite 9. Gottes sei über Euch. — Abgesehen davon, dass Lector Weiß, einer der gründlichsten und scharfsinnigsten Kenner der talmudischen Litteratur, diesen Spruch des Antigouos geradezu als unjüdisch bezeichnet (zur Geschichte der jüd. Tradition II., S. 29), dnrch welchen verleitet, die spateren Rabbinen ähnliche Aussprüche gethan hätten, so brauchen wir nicht einmal soweit zu gehen, da diese Worte offenbar den Zeitverhältnißeu ihre Entstehung verdanken. Es war die Zeit des Antiochus Epiphanes. Jose ben Joeser, Zeitgenosse des Autigonos, wurde unter vielen anderen Frommen schmählich hingerichtet. Man höhnte sie noch, wie der Midrasch rabbo zu Toledot berichtet, mit den Worten: Was habt Ihr nun von Eurer Frömmigkeit? Dem entgegnete nun Antigouos, man müsse Gott unter allen Umständen dienen und ihn a ll e i n fürchten, nicht die Henkersknechte: Der Lohn Gottes wird um so größer sein — so schließt Antigonos' Spruch in Aboth d' R. Nathan. Dadurch fallen aber die Folgerungen weg, welche Lazarus (S. 133) daraus gezogen hat. Es würde zu weit führen, wenn wir alles in der „Ethik des Judenthums" richtig stellen wollten. Aber au einem Beispiel müssen wir zeigen, welches Unheil eine ungenaue Quellenbenutzung anrichten kann, und das umsomehr, als Lazarus gegen seine Gewohnheit einen Polemischen Ton gegen Raschi und Tosaphot anschlägt, sie der Casuistik beschuldigt und „allen talmudischen Autoritäten der Welt" den Kamps ankündigt. In Berachot 17 * heißt es: Nabha pflegte zu sagen : der Endzweck der Weisheit ist Rene und gute Werke. Dass nicht jemand Bibel und Mischna liest, dabei aber seinen Vater, seine Mutter, seinen Lehrer- oder einen, der ihm an Weisheit und Jahren überlegen ist, beleidige. Denn es heißt: Anfang der Weisheit ist die Furcht vor dem Ewigen, gute Einsicht allen, die sie üben (Ps. 111,10).Wer die Gebote übt nicht dem wäre lieber, wenn er nicht geschaffen wäre. Nach dem Zusammenhänge kann nur heißen, um das in Bibel und Mischna gelesene in die That umzusetzen, oder Theorie soll zur Praxis führen. Man dürfe aber nicht die Thora studircn, etwa um mit seiner Weisheit zu prahlen, sonst aber ein schlechter Mensch sein. In Pesach. 50b aber heißt es : Nabha fand einen Widerspruch. Einmal heißt cs: Denn groß bis zum Himmel ist Deine Gnade (Ps. 57,11) das andere Mal heißt es: Denn groß über den Himmel hinaus ist Deine Gnade (Ps. 108,5). Wie ist das zu verstehen? Hier, wenn man die Gebote übt, dort, wenn man sic übt. Und wie R. Jehuda. Denn R. Jehuda sagte im Namen Rabs! Immerhin beschäftige sich der Mensch mit Thora und Geboten, wenn auch nicht ,122^. Denn dnrch das Nicht- HÜ&b kommt riEtP1?. Hier hat nun derselbe Nabha, sich der Ansicht R. Jehudas anschliessend, die Uebung der Gebote nicht als verdienstlich hingeftellt. Wie stimmt es aber mit dem, was er selbst in Berachot gesagt? Doch offenbar, weil hier die Gebote jedenfalls geübt werden, wenn auch ohne Absicht, ein Gebot zu erfühlen, während dort vom Studium der Thora bei Verletzung der Gebote die Rede ist. So erklären denn auch Raschi und Tosaphot diesen Widerspruch. Wer könnte da von Casuistik reden? Lazarus thut cs (Anhang Nr. 26, S. 405—8). Offenbar haben ihm die beiden Aussprüche des Rabha und des R. Jehuda Vorgelegen, ohne, dass er die Quellen im Zusammenhänge zu Rate zog. Er konnte daher nicht wissen, dass Rabha selbst sich dem Spruche N. Jehudas anschließt und dass er in Berachot nicht von einem gesprochen hat, der „trotz aller seiner etwaigen guten Handlungen den wahren Berus nicht erfüllen kann", da eben ausdrücklich die schlechten H a n d t u u g e n genannt werden! Ebenso hat Lazarus Unrecht in seiner Polemik gegen Raschi, diese liebenswürdigste Erscheinung im Rabbinismus, im Anhang Nr. 15. Sabbat 106* heißt es: Wenn Einer von der Genossenschaft stirbt, so sei die ganze Genossenschaft besorgt (ixnn), Raschi fügt hinzu: sie soll den Tod fürchten. Lazarus aber übersetzt falsch: die Genossenschaft soll um ihn Kummertrag e n, mii> macht diesen Satz zu einem herrlichen Ausspruch, den Raschi seines ethischen Gehaltes entkleidet. Aber höher als irgend ein substituirter ethischer Gehalt steht doch wohl die Wahrheit, und 1X1 heißt nun einmal „besorgt sein", nicht „Kummer tragen", in welchem Fall auch der Nachsatz daselbst keinen Sinn hätte. — Ferner: Zu den Worten des Psalmisten (105,15) „Tastet meine Gesalbten nicht an" bemerkt der Talmud (Sabbat 119b): das sind die Schulkinder. Nun ist die Bedeutung des hebräischen rV'tfS in erster Linie „gesalbt, mit Oel bestrichen". Gesalbt wurden die Hohepriester, die Könige, die heilige Geräthe. Dnrch den Glauben an die Ankunft eines ^2, der Israel elöscn würde, bekam allerdings das Wort mtfE die Bedeutung „Erlöser", aber nicht jeder Erlöser kann N'V2 heißen, wenn er nicht thatsächlich' gesalbt, mit Oel bestrichen wird. Gott ist Israels Erlöser, aber kein Israelit, der Hebräisch versteht, wird seinen Gott N'V2 nennen. Wenn also der Talmud das Wort ’ITttfDa ans die Schulkinder bezieht, so hat Raschi vollkommen Recht, wenn er auf die Sitte jener Zeit verweist, Kinder mit Oel zu bestreichen. Die talmudische Bemerkung hat demnach den ethischen Gehalt nicht verloren und ist durch Raschi nicht verhunzt (!) worden, wie Lazarus meint, da die Schulkinder immerhin als unsere Messiasse hingestellt werden, die man nicht antasten soll. Wir wollen unsere Ausführungen mit den Worten Schopenhauers schließen: „Es ist viel leichter in dem Werke eines großen Geistes die Fehler und Jrrthümer nachzuweisen, als von dem Werte desselben eine deutliche und vollständige' Entwickelung zu geben". Das Hanptverdienst Lazarus', welches Keiner bestreiten oder auch nur gering auschlagen wird, ist und bleibt, dass er die Ethik des Judenthums aus dem kümmerlichen Dasein befreite, welches sie bisher auf dem Grenzgebiet der H a l a ch a und H a g g a d a siihrte. Er hat sie zur Beherrscherin des ganzen jüdischen Lebens erhoben und aller Welt Achtung und Bewunderung für sie eingeflößt. Wir wünschen und hoffen, dass der zweite Band der Ethik, dessen großangelegter Entwurf bereits vorliegt, keinen Anhaltspunkt 511 Ausstellungen bieten und unsere Bewunderung für das monuinentale Werk keine Einschränkung erleiden wird. Gemeinde-Bote. Aus der Sitzung des Vorstandes der israel. Cultusgemeinde vom 6. Jänner 1899 unter Vorsitz des Präsidenten kaif. Rath Klinger. Nachdem in vertraulicher Sitzung über Verleihung von Stiftungen und Aufnahmsgesuche in das Altersversorgungshaus Beschluss gefasst worden war, fand in der darauf folgenden öffentlichen Plenarsitzung, an welcher sämmtliche Cultusvorsteher .theilnahmen, die Constitnirung des Vorstandes statt.

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