Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 2 (9.1.1899)
- Date
- 1899-01-09
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Sekte 6. die Wahrheit. Gemeinde wohnen, sind ihre Mitglieder, ohne Rücksicht auf ihre religiöse Richtung. Diese Verfassung hat Zustände; geregelt, die mitunter chaotisch waren. Unsere derzeitige Lage ist wie ein offenes Buch, vor uns. Wir sind von feindlichen Parteien umgeben, und zwar von drei großen feindlichen Parteien.. Eine, die hier in der Residenz unter dem Namen chriftlichsocial austritt, und uns offen den Krieg erklärt, die uns aus der Gemeinschaft mit unseren Mitbürgern ganz ausschlicßcu will, uns in unserem Erwerbe schädigt, uns den Aufenthalt in unserem Vatcrtande verleidet. Die zweite Partei arbeitet unter dem Schlagworte „Reinigung der nationalen Race". Ich habe da nicht die deutschvolkliche Partei vor Augen. Wahrscheinlich dürfte ihnen bekannt sein, dass die slavisch-antisemitische Bewegung, die dasselbe Schlagwort unter der Menge verbreitet, noch weit bedenklicher ist, denn hier wird das Nationalgefühl angefacht und mißbraucht für die abscheulichsten Zwecke. Die Juden in Böhmen haben alle möglichen Conccssionen gemacht, um des lieben Friedens willen. In rein czechischen Gegenden haben sie ihre alten guten Schulen aufgehoben, beim Gottesdienst bedienten sic sich der czechischen Sprache, in gemischtsprachige Gegenden beider Sprachen. Alle diese Conccssionen haben keinen Erfolg gehabt. Die leidenschaftliche Berfolguug der Juden auf dem flachen Lande ist aus der Tagesordnung. Die dritte Partei, welche nicht mit offenem Eisir, nicht als autisemitsche Partei austritt, ist die gefährlichste, unter deren Herrschaft wir die traurigsten Erfahrungen gemacht haben, welche ihre reactionären Absichten unter dem Deckmantel der Religion verbirgt und die Juden ans Schule und Amt vertreiben lvill. Wenn wir aber auch hier sehen, wir der prächtige Bau der mit der Dezcmberverfassnng ausgerichtet wurde, wankt und Risse in seinen Grundfesten, und Sprünge in seinem Fundamente zeigt, wie Unholde der Tiefe entsteigen, die Unken- und Enlenrufe der Reaction laut werden, und wenn wir sehen, wie unsere Feilt de diescnprächtigenBau dem Einstürze entgegenzuführen sich bemühen— wir verzagen nicht. Wir blickten getrost empor zum erhabenen Monarchen, dem Beschließer der Verfassung, der schon wiederholt, feierlich verkündigte: „Ich will Friede unter meinen Völkern,, ich dulde keine Judeuhctzeu." Deshalb werden wir auch siegreich aus dieser Bewegung hervorgehcn. Die Dämonen toller Leidenschaft werden vor den unerschütterlichen Grundfesten des Rechtes und Gesetzes in Nacht und Nebel zurücksinken, woher sie gekommen sind. Wir werden siegreich hcrvorgcheu, wenn wir durch selbstloses und gemeinnütziges Wirken uns unseren Mitmenschen als nützlich erweisen, wenn wir aber auch das treue Vermächtnis, das unsere Väter uns hiuterlasscn haben, unsere Confession schützen und schirmen, wenn wir begeistert für unseren Glauben eiutreten. In diesen stürmischen Zeiten mögen uns die Worte des Schweizers vorschwcbcu und uns einigen: „Wir bauen auf dcu höchsten Gott! Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern, in keiner Noth uns trennen und Gefahr!" Zum Berichte des Vorstandes der Wiener (Lultusgemeinde. n. Es trifft sich, dass gleichzeitig mit dem Berichte des Vorstandes der hiesigen israelitischen Cultusgemeinde auch der der Berliner jüdischen Gemeinde der Oeffentlichkeit übergeben wurde. Dadurch sind wir in der erwünschten Lage, Vergleiche zwischen beiden anznstellen und daraus manche interessante Folgerung zu ziehen. Es erscheint dies umso werlhvoller, als unser Vorstand nicht übel Lust zeigte in manchen Dingen es dem Berliner gleich zu thun, und da ist es - nicht gleichgiltia, auf die Unterlchitde hinzuweiscn. welche zwischen den hier in Auachl kommet de» Gemeindeverwaltungen bestehen. Hx. i Schon in der Einleitung des Berichtes des Vorstandes der Berliner Gemeinde begegnen wir einigen Sätzen, deren Inhalt uns mit blassem Neid erfüllen muß. „Der ruhige und stete Fortschritt" — so beginnt der Bericht — „dessen die hiesige Gemeinde sich seit Jahrzehnten erfreut, ist auch in dem letzten Verwaltnngsabschnitte zu verzeichnen gewesen. Die Zahl der Andachtsstätten, sowie der Religiousschnlen hat eine Vermehrung erfahren, den Wvhlfahrtseinrichtunaen konnten erhöhte Zuschüsse, den privaten Vereinigungen, welche es sich zur Aufgabe gemacht haben, in örtlich begrenzten oder durch ihre religiöse Meinung .zusammengehörigen Kreisen für Cnltns und Unterricht zu sorgen, größere Subventionen als zuvor bewilligt werden." „Durch möglichste Berücksichtigung der verschiedenen religiösen Richtungen wurde versucht, bei allen Gliedern der Gesammtgemeinde das gemeinsame Interesse für dieselbe zu erhalten. Dieses Bewusstsein der Gesammteinheit wird — so hoffen wir — auch in Zukunft stark genug bleiben, um den Frieden innerhalb der Gemeinde zu sichern und zu fördern." „Die Zahl der beitragspflichtigen Gemeindemitglieder ist von l 6.235 aus 21.369 gestiegen. Trotz mancher Verluste, welche die Gemeinde in Folge von Austritten ans dem Jndenthume und der Synagogengemeinde erlitten, ist es möglich gewesen, ohne Mehrbelastung der stenerzahlenden Mitglieder den erhöhten Ansprüchen Rechnung zu tragen, welche auf fast allen Gebieten an die Gemeindebehörden herantreten." „Der .von. den Gemeindemitgliedern zur Deckung der etatsmäßigen Ausgaben erhobene Beitrag ist im Verlaufe der Berichtsperiode von M/20 ans Vq von Hundert des staatlicherseits veranlagten Einkommens ermäßigt worden." Wir citiren nicht weiter. Das Wenige, das wir reprodncirten, spricht Bände. Gegenüber diesen, in wenigen Zügen gezeichneten essentiellen Verhältnißen der Berliner Gemeinde erscheint das, was unser Vorstand in dem allgemeinen Theile seines Berichtes sagt, meritorisch nichtssagend, dagegen viel verkündend, wenn er von sich selbst spricht. Die Sitzungsberichte, welche regelmäßig ennncirt werden, enthalten nebst den sachlichen Mittheilungen zuviel persönliche Lobreden, die Vorsitzender und Vorstandsmitglieder mit einander austanschen. Manche der Redner gemahnen nicht selten an den famosen Schmok: sie sprechen nach rechts, sie sprechen nach links. Eine solche Erscheinung ruft berechtigterweise ernste Bedenken hervor. Wer mit aller Welt Freundschaft sucht und mit mimosenhafter Empfindlichkeit jede abfällige- Aenßerung fürchtet, der — hat sie zu fürchten. In der That führt uns im gegebenen Falle schon der Umstand darauf, dass der Vorstand jedem Begehren fast ohne jede Prüfung seiner inneren Berechtigung und seiner Harmonie mit den Gemeinde-Interessen mit aller Bereitwilligkeit zu willfahren bestrebt ist. Welche Nachtheile.hieraus für das Gemeindewohl erwachsen, tritt uns klar und unzweideutig in materieller Beziehung vor die Augen, wenn trotz Stenererhöhung und Gebührentärif-Steigernng wieder ein Deficit das Fäcit der Gemeindegebahrung, und in moralischer Beziehung, wenn in allen Institutionen ein Rückgang bemerkbar ist. Rein. als ein Spiel mit Worten muß es bezeichnet werden, wenn von der Absicht, einen ..Volkstempel" — ein Ansdruck, der patentirt zu werden verdient — zu errichten, gesprochen )vird, und als Motiv der Znrückst llnng dieses Prostete? die peknnäre Finanzlage der