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Die Wahrheit · 1899-01-09 · Heft 2 (9.1.1899) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 2 (9.1.1899)
Date
1899-01-09
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Die^Mahrhelk! Nr. t. erife 5. Es wird ferner erzählt, dass, als ein protestantischer Abgeordneter gelegentlich bemerkte, alle anderen Religionen wären staatsgefährlich, weil sie alle vom Auslande Hilfe erwarten, nur die protestantische Kirche nicht, Goldmark hierauf folgende Erwiderung gab: „Was die jüdische Religion anbelangt, so sei der Redner im Jrrthum. Schon der eine Umstand, dass sie kein Vermögen besitzt, schließt aus, dass sie dem Staate gefährlich werden kann, und wenn es auch wahr ist, dass wir wirklich auf einen Messias gewartet haben, also auf Hilfe von Außen, dann haben wir ja das Jahr 1848, wo wir das höchste Gut, die bürgerliche Freiheit errungen. Sind wir einmal frei und nicht gedrückt, dann brauchen wir auch keinen Messias." Als nun die Frage der Judenemancipation auf die Tagesordnung des Kremsierer Reichstages gelangte, luden Fischhof und Goldmark die jüdischen Capacitäten aus ganz Oesterreich nach Kremsier zu einer Berathung ein, um darüber einig zu werden, wie man der Judenemancipation auf dem Reichstage zum Durchbruch verhelfe, und um Fühlung zu bekommen mit den Führern der liberalen Partei. Die jüdischen Vertrauensmänner sprachen auch bei dem Führer der czechischen Partei vor, aber -die Antwort, die sie hier erhielten, glich eher einer Ablehnung, als einer Förderung ihrer Wünsche. Fischhof und Äoldmark luden sämmtliche Führer der liberalen Partei zu einem Lvuper ein, und an diesem Abende gab es auch eine» Trinkspruch uf die Gleichberechtigung der Juden und die Judenemancipation. Iber der Trinkspruch wurde selbst in diesem Kreise liberaler Räuncr kalt und mit einer gewissen Reserve ausgenommen. Wenn in dem engsten Kreise der Freunde solche Strömung errschte, was war von jenen bürgerlichen Abgeordneten zu erlarteu, welche der Gewissens- und Glaubensfreiheit abhold iaren? Als die jüdischen Deputirten diese Stimmung sahen, egten sie eine Denkschrift vor mit dem Motto: „Weise dieses 3£att nicht zurück, es wird Dir gereicht vom jüdischen Brudererzen." Die Schrift gab ein Bild des namenlosen Jammers, reichen die Vergangenheit aus die jüdischen Söhne unseres aterlandes gehäuft hat, und sagt unter Anderem: „Die Hoffnung er Juden, in der neuen Verfassung ihre Gleichberechtigung. Ausgesprochen zu sehen, scheine sich nicht verwirklichen zu wollen, eswegen musste das Schweigen, das bisher von den Vertretern er jüdischen Gemeinden beobachtet wurde, gebrochen werden, um zeigen, dass gewisse bedauerliche Erscheinungen des jüdischen olkslebens in den vom Staate selbst herausbeschworenen Zujändeu die Ursache finden." Mit dein kais. Patent vom 4. März wurde der Reichstag s aufgelöst erklärt, und zwar mit der Motivirnng, dass er sich os in theoretischen Erörterungen ergangen, aus denen die msturzparteien neuen Muth zu revolutionärer Thätigkeit schöpften, ie liberalen Abgeordneten flüchteten, da man ihnen nahelegte, ss ihre Verhaftung bevorstehe. Auch Fischhos wurde aufgefordert, e Flucht zu ergreifen, er erklärte aber, dass er bleibe; er wolle xber vom Gericht als vom Volke verurtheilt werden. In der 'acht wurde er unter Waffengeklirr verhaftet und nach Hullein kortirt. Nach mehrwöchentlicher Haft wurde er freigesprochen, r zog sich aus dem politischen Leben zurück und stellte sich nn ganz in den Dienst der Humanität. Zugleich mit dem Auflösungspatente hat der Kaiser aus euer Machtvollkommenheit den Völkern eine neue Constitution währt, ebenfalls auf liberalen Grundsätzen, von den Juden auf's rundlichste begrüßt und gefeiert. Aber leider sollte diese Verssung nur von kurzer Dauer feilt, denn mit dem kais. Patente rde die Märzverfassnng vom Jahre 1849 wieder außer Kraft setzt, weil nach den Ergebnißen der gepflogenen Berathung se Verhaltniße weder in ihrer Grundlage den VerhAtnißcn > österr. Kaiscrstaalcs angemessen, noch als ausführbar erscheine, it diesem Patente wurde freilich ein wichtiger Satz, die Gleicht aller Staatsangehörigen vor dem Gesetze, ausdrücklich bestätigt, er dieser Grundsatz kam nie zur Durchführung. Von nun. an ngen die Juden trüben Zeiten entgegen. Es wurde ihnen Besitzfähigkest liegender Güter entzogen, es wurden gegen sie Maßregeln erlassen, die weder durch Unwürdigkeit, noch durch Unfähigkeit sich rechtfertigen ließen. Ja die Regierung gicng noch weiter, sie griff sogar in jenes Gebiet ein, auf welchem die Juden zur Zeit der ärgsten Verfolgung unbehelligt geblieben waren, iq ihr internes religiöses Leben. Es wurde bekannt gegeben, dass man als wahre Vertreter nur die orthodoxe Partei betrachte.' Dadurch wollte man jeder Reform auf religiösem Gebiete entgegentreten. Beschwerden an die Regierung uützten nichts; sie wurden alle abgewieseu. In dieser traurigen Lage fanden wir die Juden in den Fünfziger Jahren. Die Reaction feierte ihre Triumphe, unter Bach wurde am 18. August 1855 das Concördat mit dem' päpstlichen Stuhle abgeschlossen, demgemäß das ganze österreichische Schulwesen unter die Aufsicht der katholischen Kirche gestellt wurde. Selbst die jüdischen Religionslehrer bedurften zu ihrer Anstellung die Genehmiguug der bischöflichen Consistorien, nnd auch die Religionsbücher mussten die Genehmigung erlangen. Nach Schilderung der mannigfachen Bedrückungen in dieser Periode kommt der Vortragende zum Kriegsjahr 1859. Die Juden legten bereitwilligst ihr Scherflein auf den Altar des Vaterlandes, und jüdische Soldaten eilten begeistert zu den Fahnen. Es kam die Schlacht bei Solferino, und dann wurde Frieden geschlossen. In dem Friedensmanifeste vom 15. Juli 1859 wurden zeitgemäße Besserungen in der Gesetzgebung und Verwaltlmg in Aussicht gestellt. Von da erösfneten sich den Juden günstigere Hoffnungen. Die Schranken fielen nach und nach: Das erste war, dass den Juden die Besitzfähigkcit eingeräumt wurde. Am 20.' Oktober 1860 erschien das sogenannte Octoberdiplom, welches noch heute nach gewissen Richtungen als Staatsgrundgesetz gilt. Es wurde die Gleichberechtigung aller Confessionen und die Aemterfähigkeit aller Staatsangehörigen anerkannt. Die weitere Entwicklung ist erinnerlich. Durch das Februarpatent sollte das Octoberdiplom weiter ausgebildet werden. Unter Belcredi wurde der Versuch gemacht, die Verfassung zu sistiren. Dann kam 1866, und dann wurden die verfassungsmäßigen Zustände wieder hergestellt. Sie wissen, dass wir Juden einen lebhaften Antheil am Verfassungsleben genommen haben. Die Juden hat man in der Regel auf der Seite der liberalen Partei gefunden. Die Dezemberversassung von 1867 anerkannte die volle Gleichberechtigung der Nationen und Confessionen, die Freizügigkeit, die Aemterfähigkeit aller Staatsbürger und die Gleichheit Aller vor dem Gesetze. Wir können nicht umhin, heute jener großen erleuchteten Männer zu gedenken, aus die wir damals stolz waren: Giskra, Brestcl, Plencr sein, Kuranda, Lichtenfels, Anastasius Grün/ Sturm re. Mit welcher Begeisterung ist Mühlfeld für Glaubens¬ und Gewissensfreiheit eingetreten. Diese Größen schwanden und machten anderen Männern Platz im Parlament — ob zur Ehre Oesterreichs nnd zur Ehre des Parlaments lassen wir einst die Geschichte selbst enscheiden. Nach den beiden Ministerien Auersperg — damals traten Glaser und Unger auf die Bildfläche — kam das Ministerium Taaffe. Wir haben von diesem Ministerium, nichts .Gutes zu verzeichnen. Im Parlament erstarkte die antisemitische'Bewegung. Der Ausspruch Taaffe's, er wolle diese Partei parlamentfähig machen, wurde verhängnisvoll. Bei seinem großen Einflüsse, nicht nur im Parlamente sondern auch in höheren Kreisen, wäre es ihm ein Leichtes gewesen. Hunderttausende patriotisch gesinnter jüdischer Bürger vor Kummer zu bewahren und in ihrer Existenz zn> schützen. Er wollte es nicht. Es hatte den Anschein, dass er § diese Bewegung eher begünstigte, als dass er sie unterdrückt hätte.rf Einen einzigen Lichtblick haben wir dem Ministerium Taaffe znzuschreiben; es ist die neue Eultusgemeindeverfassirng, durch welche endlich nach hundert Jahren das jüdische Gemeindo-l wesen seine Regelung erfahren hat, /und zwar kam in dieser, Verfassung der schon von Mannhsirner begeistert vertrete^ Gedanke zum Ausdruck, dass zwifchey, ,hxn.Juden keine Spaltung bestehe, dass die alten Frommen aupfnedlichem Wege fhr die', neuen Formen gewonnen werden Mmt/ AÄe Juden, die in bei?

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