Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 2 (9.1.1899)
- Date
- 1899-01-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Die Wahrheit. Nr. 2. Die Stellung der Juden in Oesterreich in den letzten füntzig Jahren?) Von Dr. Friedrich Dufchenes, Prag. Bevor ich ein Bild über die Lage der Juden' in den letzten fünfzig Jahren entrolle, fei es mir gestattet, einige allgemeine Bemerkungen meiner heutigen . Darstellung vorausznschicken, welche ich zu näherer Mleuchtuug des Theryas für nothwendig erachte. Ein Mischer Historiker bemerkte einst! in seiner Einleitung, dass derjenige, dem die Aufgabe zufällt, dem Leser die Geschichte der Juden vorzuführen, zugleich auch : die Aufgabe hat, die ganze Leidensgeschichte dieses vielgeprüften Volkes vorzuführen. So oft wir die Stellung der Inden in dem einen oder anderen Lande, oder Zeitalter überblicken, nehmen wir immer dieselbe Erscheinung wahr, dass Ereigniße, die aus d-s große Staatsganze cimvirken, stets nachhaltigen Einfluss auf die Stellung der Inden ansübten. So oft Krisen und wieder Krisen über Oesterreich hereinbrachen, schwebte schweres, unhcilhj les Gewölke über den Häuptern der Juden. Stabile, friedliche, ruhige Zeiten waren ihnen nur selten bcschiedcn. Brachte sie ein glückliches Geschick ans eine gewisse Höhe, so sanken sie bald wieder jählings von der erreichten Stufe herab. Die Geschichte der Juden in den letzten 50 Jahren bietet« ein buntes Bild von Wechselfällen. Historische Ereigniße auf vaterländischem Boden wirkten auf die Stellung der Juden in einer Weise ein, dass jede geschichtliche Periode Oesterreichs zugleich eine Epoche in der Geschichte der Juden war, und tueim wir die Stellung der Juden in diesem Reiche näher ins Auge fassen wollen,-so müssen wir noch etwas weiter in der Geschichte zurückgehcn. Es ist nämlich in Gottes Rath bestimmt, dass Oesterreich, jene alte Ostmark, eine hervorragende Cultnr- und Friedensmission über-. nahm, dass es zwischen den anstürmendcn Völkern des Ostens und den sic weit au Cuttur überragenden Völkern des Westens vermittelnd eintrete, dass es im friedlichen Wege groß und Mächtig werde, nach dem Ausspruche der Geschichte : „bella geraut alii, tu felix Austria nube“. Andere Staaten mögen auf Eroberungen auszichen,- Dir, glückliches Oesterreich, ist es vom Himmel bcschieden, durch Verbindungen glorreicher Regenten-Häuser groß und mächtig zu werden. Durch diese Fricdensmission sollte Oesterreich sich die Herzen aller Völker ohne Unterschied gewinnen, allen Völkern die sich in seinen gesegneten Gauen niederließen, eine friedliche Stätte, ein glückliches Heim bieten. . Wir wollen cs unerörtert lassen, ob Oesterreich, das. alte und das verjüngte, diese Mission erfüllt habe, oder erfüllen konnte; wir wollen nur noch einen Blick auf die Stellung der Juden im Allgemeinen werfen und wir kommen da zu dem Resultat, dass uns Juden eine ähnliche Mission wie jener alten Oftmark zufiel, hass wir Juden nahezu zu derselben . Mission von der Vorsehung überhaupt berufen wurden. ' Die Geschichte gibt Zeugnis davon, dass die Juden stets deü Wieden liebten, nie den Kamps suchten. Sie waren aber genöthigt, wie jene alte Ostmark sich vor räuberischen UebersäÜen ihrer. Nachbarn zu schützen und. oft hinter Bollwerken Schutz zu suchen. Diese Bollwerke der Inden waren aber ganz anderer Art wie in jener alten Ostmark. Diese Schutzwehr war ihr von ihren Vätern ererbtes,'felsenfestes Gottes vertrauen auf die Menschenrechte, Gesch und Recht, die staatliche Ordnung, auf die sich jeder Staatsbürger mit vollem Rechte berufen kann, und wir sehen, dass die Juden immer stets bestrebt waren, mit den, Waffen des Geistes, durch intensive Arbeit auf allen Gebieten —, des geistigen und Humanitären Lebens Vorurtheile und Unbilden zu besiegen. Sie suchten michts anderes, denn als Menschen unter Menschen zu leben und gemeinnützig zu wirten. In dieser Stclluug sihen wir sie Jahrhunderte 'laug und finden sie am Ende Des 19. Jahrhundert, und es wäre verlockend),; ciucn? *) Bortrag, gehalten im Verein „Israel Union" in Wien ai» 29. Decembcr 1898. Blick über den ganzen Zeitraum dieses Jahrhunderts zu werfen. Unwillkürlich erinnere ich mich in dieser Stunde an die Worte eines hervorragenden Philanthropen,, des französischen Senators Gregoire, der in seiner preisgekrönten Schrift über die „Moral und Politik der Juden" der Mitwelt folgendes sagte: „O Nationen", seit 18 Jahrhundert werden die Israeliten von Euch verfolgt und niedergedrückt. Die Wuth Eurer Völker hat diese trostlose Herde zu ihrem Opfer erkoren. Soll denn dieser Hass gegen die Juden auf Eure Nachkommen fortgepflanzt werden? Ein neues Jahrhundert beginnt. O, dass der Anfang sich mit der Palme der Humanität schmücken möge. Auch sie sind Mitglieder der Völker Gottes. Oeffuet ihnen ein Asyl, wo sie ruhig ihr Haupt uicdcrlegeu können. Nehmet sie auf als Brüder in Eurer Mitte und dieses neue Jahrhundert wie die späteren Geschlechter werden Euch segnen/" Dieses 19. Jahrhundert wird nun als die Zeit des unermeßlichen Fortschrittes, die Zeit der Toleranz und der Aufklärung bezeichnet. Für uns Inden entrollt aber auch dieses Jahrhundert eine Geschichte des Leidens. Wohl dämmerte es taghell, doch waren die Lichtbilder immer nur von kurzer Dauer. Zeigte sich auch am Firmament ein leuchtender Stern, so wurde er doch bald verscheucht von dunklem Gewölke. Doch wollen wir nicht in die Ferne schweifen, sondern uns nunmehr die 50 Jahre, die eben jetzt zu Ende gehen, im Geiste vorführen. Nach einem Hinweis auf das kürzlich stattgehabte Regierungsjubiläum unseres Kaisers führte uns der Vortragende in die sturmbewegten Tage des Jahres 1848. „Freiheit, Gleichheit. Brüderlichkeit" ertönte es in ganz Oesterreich, und dieser Ruf pflanzte sich fort bis in die entlegensten Hütten. Unter den Vorkämpfern für die bürgerliche Freiheit, für die Menschenrechte, für Glaubens- und Gewissensfreiheit finden wir begeisterte jüdische Männer und unter jenen Märzgefallenen, die ihr Leben für ihr Volk aushanchten, eine ganze Reihe von Juden, junfc da muß ich darauf Hinweisen, wie ein Christ, ein Mitglied der Wiener Nationalgarde, Kaufmann war sein Name, an dem Grabe der Märzgefallenen folgenden Nachruf hielt: „Seht hier, in der Mitte unserer Brüder ruht Einer, auf -den wir Christen sonst im Leben mit Verachtung herabgeblickt haben. Lasset aber, meine Brüder, jeden Hass und jedes Vorurtheil fahren! Seht, auch er ist den schönen Tod für seine -Mitbürger gestorben, auch er hat mit Wort und That unsere / gute Sache vertheidigt. Er ist ein Jnde, aber wie ruhig schläft er in unserer Brüder Mitte!" Und der unvergessliche Mannheimer schloss sich diesem Nachrufe mit folgenden Worten an: „Ihr habt gewollt, dass die todten Inden mit Euch und;in Eurer Erde ruhen. Sie. haben gekämpft für Euch, sie haben; geblutet für Euch, sie ruhen nun in Eurer Mitte. Vergönnt aber 'auch denen, die gleich ihnen gekämpft, dass sie mit Euch leben,! frei und geachtet. Nehmt uns auf als freie Männer, und der Segen Gottes sei über Euch und mit Euch!".; Die Forderung des Volkes, an der Gesetzgebung theilkzunehmen, war so mächtig, dass die Regierung mit dem anti-,! qnirten System brechen, musste und eine neue Constitution erließ, natürlich nur einen Verfassungsentwurf, der in dem nach Kremsier einberufenen Reichstag berathen und beschlossen werden'! sollte. Unter den Reichstagsmitgliedern finden wir fünf Juden: Dr'. Adolf F i s ch h o f, Dr. Josef Gold m a r k, Isaak N o e Manheimer, Dr. Meisels und Jakob Halpern. Diese fünf jüdischen Abgeordnete unterschieden sich von einander in Folge ihrer Lebensrkchtuug, aber in einem Punkte waren sie solidarisch, : für ihren Glauben waren sie begeistert, und ihr ehrliches und - energischesAUftreten für ihren Glauben hat ihnen auch die Sympathien der übrigen Deputirten erworben. Da wird auch erzählt, dass Rabbi Meisels aus Krakau, als er im Reichstage erschien, vom Präsidenten Smolka in sehr herzlicher Weise in polnischer Sprache begrüßt und eingeläden wurde, auf der Rechten unter seinen. j Landsleuten Platz zu nehmen. „Ich kann unter Euch nicht Platz ruehMett'^ änttvortete-Rabbi Meisels, „denn wir Juden haben keine Rechte."