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Die Wahrheit · 1899-01-09 · Heft 2 (9.1.1899) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 2 (9.1.1899)
Date
1899-01-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
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A 's! - =k Nrdaction u Btnmnijtcafttm Wien, II/1. K. k. österr. Psstsparcasia. Check-Conto Nr. 846.251. Inserate 10 Kreuzer per Nonpareille-Zeile. Abonnements- und Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar. —.. =17 Iaöhängige Heiischrisi für jüöische Erscheint jeden achten Tag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!" Bezugspreis: Ganzjährig.fl. Halbjährig .... fl. S.— Für Lultusbeamte: Ganzjährig . . . . fl. 5.— Für Ausland: Ganzjährig.12 Mark 6 Rubel oder 16 Frs. Nr. 2. Wien, 9. Jänner 1999. Intzalt: Aus dem niederösterieichischen Landlage. — Die Stellung der Juden in Oesterreich in den letzten 50 Jahren. — Zum Berichte des Bor standes der Wiener Cultusgemeinde. (Fortsetzung). — Die Ethik des Jndenthums. (Schluss). — Gemeindebote. — Tempel- und Synagogenmnsik. Entstehung der Synagoge. (Fortsetzung». —Der zweite Verbandsrag der iscael. Religionslehrer an den österr. Mittelschulen. — Iirdische Ansichtskarten. — Vermischte Nachrichten. — Feuilleton: Ter Nihilist. (Fortsetzung). Aus dem niederösterreichischen Landtage. Seit dem Bestände der antisemitischen Aera ist man es gewöhnt, den niederösterreichischen Landtagssaal zur Stätte der rüdesten Judenhetze herabgewürdigt zu sehen, und so waren jüngst wieder jene Räume, in denen einst die Zierden des österreichischen Parlamentarismus mit Begeisterung für die höchsten Ideale der Menschheit eintraten. Zeugen eines widerlichen Schauspieles. Ein von antisemitischer Seite eingebrachter Dringlichkeitsautrag, der die Regierung auffordert, den Hausierhandel für Wien abzuschaffen, gab den antisemitischen Ehrenmännenl willkommenen Anlass, unter dem Schatze der Immunität die Juden in der gröblichsten Weise zu beschimpfen, wobei der Abgeordnete Wohlmeyer dieselben als Betrüger und Schwindler hinstellte, die das christliche Volk auszubeuten suchen, und das Dioskurenpaar Schneider-Gregorig die Behauptung aufstellte, dass die Jllden überhaupt keine Menschen sind. Es ist schon längst ein überwundener Standpunkt, derartige Enilnziationen durch Gegenargumente zu entkräften, denn mit Vernunftsgründen richtet man nichts aus uild die einzig wirksame Beweisführung, dass die Juden Menschen sind, wäre solchen Leuten gegenüber eine thatkräftige Illustration des bekannten Couplets: „Was Menschenhände alles können"; aber wenn lvir auch gegen diesen Missbrauch der Immunität machtlos sind, dürfen wir die unverhüllte Parteilichkeit des Landmarschalls von Niederösterreich nicht ruhig hinnehmen, der diese rohen Auslassungen gegen die Juden ungerügt ließ und nur den Abgeordneten Dr. Ofner, welcher den Muth besaß, die Bemerkungen Schneiders und Consorten als eine Pauschalverdächtigung und niederträchtige Berläumdung zurückzuweisen» mit einem Ordnungsrufe bedachte. Zur Leitung der Verhandlungen im Landtage ist kein von >er Majorität gewählter, sondern ein auf Vorschlag der Resterung ernannter Funktionär berufen, und da wir uns gegenwärtig Gott sei Dank nicht mehr als Kammerknechte, fonbeni als vollberechtigte österreichische Staatsbürger fühlen, so müssen unsere öffentlichen Vertreter an die Regierung mit der Forderung herantreten, dafür Sorge zu tragen, dass der Landmarschall von Niederösterreich nicht regelmäßig an Schwerhörigkeit leide, wenn über die Jllden in llnfläthigster Weise geschimpft wird, und dass er ein empfindsameres Ohr für parlamentarische Sitte und Gerechtigkeit bezeuge. Die letzten Ereigniße im Landtage werfen aber auch ein trauriges Licht auf die matte und energielose Haltung der liberalen Partei in der Vertheidigung der Rechte und Ehre ihrer jüdischen Mitbürger. Als Schneider in so frivoler Weise den Juden alle Menschenrechte absprach, hätte ein Sturm der Entrüstung die ganze Partei anfrüttelu und wie ein Mann hätte sie sich erheben müssen, um vom Vorsitzenden den Ordnungsruf für die unter dem Schutze der Immunität den Juden zugefügte Beleidigung zu fordern. Der vorliegende Sitzungsbericht gibt aber nicht den geriligften Anhaltspunkt für eine derartige Bewegung in der liberalen Partei, und es wird gut sein, diese Thatsache für die Zeit der »Msten Wahlen in Erinnerung zu behalten. Abgesehen von dem Verlauf der Debatte im Landtage enthält auch das Meritum des behandelten Gegenstandes eine ernste Mahnung au unsere Glaubensgenossen. Es wnrdtz» da wieder der Versuch gemacht, einen großen Kreis nach ehrlichem Erlverbe strebender Juden in seiner Existenz zu treffen. Angesichts dieser Thatsache ist es unsere Pflicht, bei der Befriedigung unserer Lebensbedürfniße in allen Erwerbszweigen auf unsere Glaubensgenossen nach Möglichkeit Rücksicht zu liehmen, damit ihnen wenigstens in den eigenen Reihen der schwere Kampf um's Dasein erleichtert werde. Bei dem kekannten Jndifferentismus unter den Juden kann diese Mahnurrg nicht oft genug wiederholt werden.

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