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Die Wahrheit · 1899-01-01 · Heft 1 (1.1.1899) · page 12

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 1 (1.1.1899)
Date
1899-01-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Nr. 1. „Verlage: Gesterrerchisch-nngarische Lantoren-Zeitung. Gelte LZ. Es soll nicht in Abrede gestellt werden, dass die Musik bei den Juden infolge der späteren politischen Wirren, infolge ihrer Verweltlichung immer mehr und mehr in Verfall gerieth. Ist es aber denkbar, dass die musikalischen Meisterschöpfnngen jener Glanzepoche während des zweiten Tempelbestandes und in der Zeit Christi sollen vollständig verschollen gewesen sein? Blieb denn die Traditionskette bis zur Zerstörung des zweiten Tempels nicht nahezu ununterbrochen? Wenn wir auch aunehmen wollten, was aber durchaus noch nicht erwiesen ist, dass die Juden im vorchristlichen Zeitalter, wie einige Gelehrte behaupten, keine Musikzeichen besaßen, wenn wir auch wissen, dass der Tempeldienst während der babylonischen Gefangenschaft völlig geruht hat, so erfahren wir doch wiederum auch, dass von den Leviten. Psalmdichtern und Sängern Sammlungen von Lobgesängen und Klageliedern der Heimath in die Gefangenschaft mitgeführt wurden, dass unter den Zurückkehrenden aus Babylon sich über 200 Sänger und Sängerinnen befanden, denen die überlieferten Tempelweisen in der verhältnismäßig kurzen Spanne Zeit wohl nicht vollständig konnten abhanden gekommen sein. Aber auch zur Zeit Christi bestand die Tempelmusik nicht nur aus feierlich-ernsten Recitationen, wie Professor Fleischer annimmt. Ich verweise z. B. auf den 5. Perek im Tractat Suceah, allwo es nach einleitender Schilderung von den Vorbeitungen zum Feste des Wasserschöpfens heißt: „Fromme Männer und Männer von Verdienst tanzten vor dem Volke mit brennenden Fackeln in den Händen und sangen dabei Lieder und Lobgesänge und die Leviten begleiteten mit Harfen. Psaltern, Zimbeln, Trompeten und unzähligen musikalischen Jnstrumenteu auf den 15 Stufen, die aus dem Vorhof hinabführten in den der Frauen." Angesichts dieser Schilderung können wir wohl nicht gut aunehmeu, dass bei dieser nahezu an Ausgelassenheit grenzenden Festesfreude die sehr in den Vordergrund tretende Vocal- und Instrumental-Musik einen besonders ernsten Charakter trug. Die Lcbiros-^'siscbbocbos, die Lieder und Lobgesänge, ausgeführt von einer Schaar festlich und freudig gestimmter Männer, erhoben sich gewiss in Bezug auf ihren musikalischen Gehalt, auf ihre musikalische Form über eine einfache, feierliche Recitationsweise, welche Fleischer in der Zeit Christi als die alleinige musikalische Bethätigung gelten lassen will. Indessen war es immerhin von hohem Interesse, über unsere Streitfrage die Ansicht eines Mannes und, wie ich gleich hinzufügen will, eines Christen — kennen gelernt zu haben, der es sich nicht verdrießen lässt, ernste und tiefe Forschungen anzustellen auf einem Kunstgebiete, über welches unsere sogenannten aufgeklärten Juden die Nase zu rümpfen pflegeu, dessen Existenzberechtigung in der modernen Liturgie, dessen jüdischen Ursprung,, dessen jüdische Eigenart sie sich nicht scheuen abzuleugnen. Als einen Repräsentanten dieser Richtung nenne ich Ihnen Professor Emil Breslauer. Berlin, welcher im dortigen Litteratur- Verein einen Vortrag hielt über das Thema: „Sind originale Synagogen- und Volksmelodien bei den Juden geschichtlich nachweisbar?" Dieser Vortrag ist kürzlich als Broschüre erschienen und in ihr fasst der Vortragende seine Ausführungen zusammen in die Worte: „Dass wir den so Vielen von uns lieb und vertraut gewordenen Gedanken, als hätten wir eine spezifisch jüdische Musik, als stammten die Melodien, die unser Herz ergriffen, einzig und allein aus den Reihen der Männer unseres Stammes, als besäßen wir in ihnen sogar Ueberbleibsel der alten Tempelmusik aufgeben müssen. Kein Merkmal konnten wir auffinden, wodurch sich die Musik der Synagoge von der der Völker unterscheidet, wir haben erkannt, dass die Synagoge stets von der Singweise jener Völker, unter denen die Juden lebten, beeinflußt wurde, und wir waren in der Lage, für die gleiche Ansicht die Aussprüche höchster Autoritäten der Wissenschaft und Kunst anzuführen." Nun ist es aber merkwürdig, dass, im Gegensatz zu Professor Breslauer's Anschauung, die von ihm angeführten Autoritäten der Wissenschaft und Kunst gar nicht in Abrede stellen, vorhandene Reste altjüdischer Musik in unserer Liturgie und ihr Entstehen in oder unmittelbar nach der Zeit des Tempelbestandes. Was sie durch ihre Ansichten und Aussprüche bekunden, dass ruimlich ein großer Theil unserer Synagogengesänge, insbesondere diejenigen, welche den Texten aus mittelalterlicher und noch späterer Zeit untergelegt sind, beeinflußt wurden von den Singweise» derjenigen Völker, unter denen die Inden jeweilig lebten, diese allbekannte Thatsache ist noch von keinem Fachmann geleugnet worden, welcher mit unserer Liturgie und mit der Litteratur über dieselbe auch nur einigermaßen sich vertraut gemacht hat. Nur berührt diese Thatsache den Kern unserer Streitfrage ebensowenig, wie die Beweisführung auf rein musikalischem Gebiete, durch welche Prof. Breslauer seine negirenden Ansichten zu begründen sucht. Zu diesem Zwecke führt er zwei der beliebtesten Synagogenmelodien, das Kol nidrei und die Abodah, in verschiedenen Fassungen vor, und kommt zu dem Ergebnis, dass diese Melodien schon wegen der in ihnen häufig vorkommenden übermäßigen Secundenfortschreitungen und Coloraturen jüdischen Ursprungs nicht sein können. Er sagt: „Es ist nicht schwer zu erkennen, dass die Coloraturen und Läufe gewisser Nigunim Geigenfiguren sind. Ganz überzeugend für diese Herkunft mag die Beobachtung dienen, dass man Kenner der Synagogenmusik beim Concert einer Zigeunercapelle häufig ausrufen hört: „„Das klingt ja wie ein Nigun."" Und solch' eine Aenßerung ist für Prof. Breslauer der kräftigste, unerschütterlichste Beweis dafür, dass alle unsere Synagogengesänge von den Zigeunern stammen und dass sie slavischen Ursprungs sind, weil sie, nach Breslauer's falscher Ansicht, alle einen NoU-Charakter tragen. Die Kol nidrei- und die Adodab-Melodie sind allerdings Lieblingsgesänge der deutschen und polnischen Juden geworden infolge ihres unergründlich liefen musikalischen Gehaltes. Erschüttert uns bis in's Innerste hinein die Kol nidrei-Weise durch ihren schwermüthigen Charakter, durch den Ausdruck tiefster Zerknirschung und sehnsüchtigen Verlangens, so zaubert uns die gewaltige Abodab-Melodie wie mit einem Schlage die entschwundene Tempelherrlichkeit vor unser geistiges Auge. Gerade die schlichten Textesworte, von denen Breslauer sagt, sie entbehren jeden poetischen Reizes, sie waren es, welche den Componisten der Abodah zu dieser großartigen Melodie begeisterten und entflammten. Er erschaute in Tönen den heiligsten Moment des Tempeldienstes, da der Hohepriester den Schein hamforoscb, den Gottesnamen. ausspricht, das versammelte Volk in Ehrfurcht erschauernd in's Knie sinkt, auf das Antlitz fällt und ausruft die uralte Response: „Boruch schein K’wod malchusso l’olom woed“. Wer in diesen eine ganze Ideenwelt versinnlichenden Worten einen poetischen Reiz nicht entdecken kann, dem ist wahrlich das Empfinden für die jüdische Vergangenheit, für jüdische Heiligthümer abhanden gekommen, darum muß alles Schöne und Erhabene in unserem Cultus fremden Ursprungs sein, darum können und dürfen es nicht jüdische Componisten gewesen sein, welche diese erhabenen Melodien aus dem Borne ihrer eigenen Phantasie geschöpft haben. Wer die Erfinder der genannten zwei Synagogenweisen gewesen, wir wissen es leider nicht mehr, dass sie aus der Zeit des Tempelbestandes stammen, wir behaupten es nicht, denn bei unseren mnsikhistorischen Untersuchungen kommen einzig und allein die altjüdischen Recitationen und Cantillationen in Frage, von denen jedoch Herr Prof. Breslauer so gut wie gar keine Notiz nimmt, vermnthlich, wie. er bei anderer Gelegenheit sagt, weil er sich aus dem Banne der Gewohnheit befreit, weil die Erinnerung an die Eindrücke der Kindheit schwächer geworden waren. Nein, nicht schwächer sind diese Eindrücke geworden, sie sind vielmehr ihm ganz und gar entschwunden, sonst hätte er wissen müssen, dass bei unseren jüdischen Gottesdiensten, welche noch Anspruch ans diese Bezeichnung erheben wollen, nicht die Gesänge mit geschlossener, melodischer Form die Hauptrolle spielen, sondern das Rezitativ, das Sagen und die Cantillation der Thora- und der Prophetenabschnitte, das von den Reformern verhöhnte, verachtete, längst über Bord geworfene Leinen. Nur bei einem großen Theil dieser musikalischen Gebilde stehen wir auf altgeschichtlichem Boden, nur sie bilden den springenden Punkt bei der Beantwortung der Frage: „Sind Reste altjüdischer Musik in unserer heutigen Liturgie noch nachweisbar?"

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