Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 1 (1.1.1899)
- Date
- 1899-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oestrrr.-ungar. Cantorenm. n. Beilage zur Zeitschrift „Die Wahrheit". *9. 2chg. Tempel- und Synagogenmusik. Entstehung der Synagoge.*) Von E. Kirschner, München. „Meine Herren! Die Ausführungen, welche ich die Ehre haben werde, Ihnen heute vorzutragen, werden sich nicht nur. auf musikgeschichtlichem Gebiete bewegen, sondern auch auf demjenigen rein geschichtlicher Untersuchungen. Wir können dieses wichtigen Hilfsmittels nicht entrathen bei der Beantwortung der Frage: „Giebt es, oder welches sind Erkennungszeichen, Merkmale einer alten oder uralten Synanogen-Gesangs-Weise?" und ich wünschte, es gelänge mir, auch Ihnen die Ueberzeugung beizubringen, wie die rein geschichtliche Entwicklung der Synagoge auf die musikalischen Uebungen in ihr von großem Einfluss gewesen ist, sein musste. Habe ich in meinem Vortrage über Tempel- und Synagogenmusik vom 10. Februar 1897 auf den ganz eigenartigen Skalenban hingewiesen, welcher noch heutigen Tages einen Theil unserer Recitationen und Thora-Eantillationen, insbesondere diejenigen vonRooolr haschonoh. und Jom Kippur, anszeichnet, so werde ich mich heute bemühen, Ihnen noch andere Kriterien vorzuführen, welche ebenfalls berechtigte Schlüsse auf ein sehr hohes Alter eines Theiles unserer Synagogen-Gesänge zulassen. Ich bin jedoch nicht so prätentiös, die Ergebniße meiner Untersuchungen als unumstößliche, geschichtlich vollständig erwiesene Thatsachen und Wahrheiten hinznsteüen. Das ist bei dem uns leider so spärlich zur Verfügung stehenden Qnellenmaterial vorerst noch unmöglich. Ich bescheide mich vielmehr gern mit dem Ziele, V e r m u t h u n g e n aufzustellen, welche sich mir aufgedrängt haben nach eingehendem Studium der einschlägigen Litteratur, nach unausgesetztem Nachdenken über unsere musikalischen Ueberlieferungen, nach einem, wie ich glaube, nicht ganz erfolglosen Eindringen in den Bau. in das Wesen derselben. Ist es doch das Schöne und Erfreuliche der Wissenschaft, sagt Ambros, dass von ihr ans eine Bahn zum Wettlauf nach dem krönenden Ziele geöffnet wird, auf der für Viele zugleich Raum ist und Niemand darf so verblendet sein, zu meinen, er schließe mit seiner Arbeit die Sache ein für allemal ab. Allein, mit der einfachen Negation des sehr hohen Alters eines Theiles unserer traditionellen Gesänge, wie dies nicht selten von jüdischer, ja von fachmännischer Seite beliebt wird, ist es wahrlich auch nicht gethan. Absprechen — kostet bekanntlich sehr wenig Hirnschmalz. Wollen wir es doch lieber den Forschern gleichthuu, welche in neuerer Zeit mit einem gar nicht genug zu rühmenden Bienenfleiß bestrebt sind, den Schleier zu lüften, welcher über den Ursprung unseres liturgischen Gesanges gebreitet ist. So dürfte es auch für Sie von Interesse sein, zu hören, was eine Capacität auf dem Gebiete der Erforschung des ältesten Kirchengesanges, was Professor Oscar Fleischer, Berlin, über die uns beschäftigende Frage denkt und schreibt. Es war am 11. Februar 1897, ein Tag nach meinem in Ihrer Mitte gehaltenen Vortrage, als auch Professor Fleischer im Berliner Litteratur-Vereine das Thema ..Die Musik der alten Hebräer" behandelte. Nach dem kurzen Referat in der ^Allgemeinen Zeitung des Judeuthums" soll der Vortragende zu dem Ergebnis gelangt sein, dass die heutigen Juden keine Originalmusik mehr besitzen. Dieses Urtheil aus dem Munde eines der bedeutendsten jetzt lebenden Forschers, eines Mannes, ■ *) Vortrag, gehalten zu München, am 30. November im Verein für. jüdische Litteratur und Geschichte. der durch sein Werk: „lieber Ursprung und Entzifferung der Neumeu" das größte Aufsehen in Fachkreisen erregt hat, dieses Urtheil konnte und durfte nicht ignorirt werden. Ich wandte mich deshalb direct an Professor Fleischer, setzte ihm meine ans die Streitfrage sich beziehenden Anschauungen und Vermuthungen auseinander, provozirte seine Ansicht über meine Theorie und erbat mir eine Erklärung über seine kaum glaubhafte Behauptung, die Juden besäßen keine Spur mehr einer Originalmusik. Aus der mir in zuvorkommendster Weise ertheilten Antwort gebe ich in Folgendem nur jene Stellen wieder, welche in engster Beziehung auch zn unserem heutigen Bertragsthema stehen: „Was nun das Referat über meinen Vortrag augeht, so ist die „Allgemeine Zeitung des Judeuthums" wohl ganz falsch berichtet worden; denn ich habe dem h e u t i g e u Zeitalter k e i n e s w e g s jede Spur einer antiken jüdischen M u s i k abgesprochen, sondern im Gegentheil einige Spuren davon geschichtlich n a ch g e w i e s e u. Der Berichterstatter muß meinen Vortrag aber auch gar nicht verstanden haben. Allerdings meine ich, dass von Gesängen ans Davidischer Zeit gar nicht und von einer künstlerischen Mnsiknbnng wenig mehr in derjenigen Zeit die Rede sein kann, bis zu welcher ich solchen Spuren nachzugehen vermag, nämlich in der Zeit Christi oder des beginnenden Christenthums. Die Tempelmnsik — so waren meine Ausführungen — beschränkten sich zur Zeit Christi im Wesentlichen auf Recitation, und wie wir uns diese vorzustellen haben, zeigt uns die Entwicklung des liturgischen Recitativs in der christlichen Kirche. Diese Recitation war durch die Sprachgrammatik kunstvoll geregelt und wurde dann ebensowohl bei den Christen, wie bei den Juden durch ein Accentzeichensystem schriftlich fixirt. Aus den christlichen Accenten sind die mittelalterlichen Tonschriften der Neumen und aus diesen unsere heutigen Musiknotcn entstanden. Die hebräischen Accente sind also theils sprach grammatikalischer,theilsmusikalischer Natur, oder richtiger beides untrennbar zusammen, sie sind Zeichen der Tonfälle beim feierlichen Rezitiren. „Wenn sie nun Rezitations- oder Cantillations-Gruppen Nachweisen, denen das Gepräge eines vorchristlichen Zeitalters anhaftet, welche höchst wahrscheinlich im Tempel zu Jerusalem schon mögen gesungen worden sein, so entspricht das der obigen Auffassung sehr wohl, besonders auch darin, dass es nach Ihren Angaben nur die Rezitation und nicht die rein melodischen, koncentischen Gesänge betrifft. Mit dem hebräischen Recitativ stehen wir — das habe ich in den Neumen-Studien nachgewiesen und in meinem Vortrage betonte ich diesen Umstand stark — auf altgeschichtlichem Boden, alle andere Musik ist mindestens zweifelhaften Herkommens. In diesem Prinzip stimme ich Ihnen also vollkommen bei." Dies die Ausführungen Fleischers, welche mich wohl ermnthigen konnten, auf dem eingeschlagenen Wege rüstig fortzuschreiten. Nicht unwidersprochen möchte ich aber seine Behauptung lassen, als ob in der Zeit Christi von Gesängen aus Davidischer Zeit gar nicht und von einer künstlerischen Musikübung wenig mehr die Rede sein könne. Allerdings war das goldene Zeitalter, die Blüthezeit für die Entwicklung der Tempelmusik die Davidische und Salomonische Epoche. David und Salomo, jene genialen Herrscher. Dichter und Musiker, welche in ihren Poesien den verschiedensten Empfindungen so überaus lebhaften und treffenden Ausdruck verliehen, ihre Phantasie hat sie sicherlich auch Töne finden lassen, welche geeignet waren, diese oft gegensätzlichen Gemüthsstimmnngen musikalisch prägnant zu illnstriren.