Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 1 (1.1.1899)
- Date
- 1899-01-01
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Seite 13. Beilage: „ Gesterreichisch-nngarische Lantoren-Zeilung. Nr. 1. Von falschen Voraussetzungen ausgeheild, musste naturgemäß Prof. Breslauer zu falschen Schlussfolgerungen gelangen, zu Schlussfolgerungen, welche den thatsächlichen Verhältnißen nicht entsprechen, welche von bedauerlicher Pietätlosigkeit zeugen gegen eine Tradition, die Millionen von Glaubensgenossen mit Recht als heiliges von den Urvätern überliefertes Gut gilt. Wohl hat er den Nachweis zu führen versucht, dass die von i h m angeführten Beispiele ans der syuagogalen Liturgie jüdischen Ursprungs nicht sein können. Aus dieser, aber durchaus nicht einwandfreien Beweisführung den allgemeinen Schluss zu ziehen, dass wir den Gedanken aufgeben müssen, als besäßen wir noch Spuren einer spezifisch jüdischen Musik, eine solche, völlig nnerwiesene Behauptung aufzustellen, blieb dem Glaubensgenossen Professor Emil Breslauer, Chordirigent an der Reform-Synagoge zu Berlin, Vorbehalten. Nur im Kopfe eines radicalen Reformers können Ideen Boden fassen, welche mit der Geschichte unseres Volkes, mit dein Wesen unserer Liturgie in krassem Widerspruche sich befinden. Alles was jüdisch ist und klingt, was unserem Cultus von Alters her eigenthümlich war, das musste mit Stumpf und Stiel bis auf einige entstellte Nummern ausgerottet werden. Die hebräische Sprache, jenes Wundermittel, jenes unsichtbare, alle Inden des Erdenrundes einigende, umfassende Band, sie wurde in Acht und Bann gethan, der Cantor existirt nicht mehr im Hause der Reformer. Wozu auch? Hätten doch die einfach schlichten Tonweisen unserer Rezitationen, hätte doch die trotz ihrer erhabenen Einfachheit eindrucksvolle und ausdrucksvolle Art der alten Thora-Cantillation, unser ehrwürdiges Leinen, sie immer wieder daran erinnert, dass sie doch noch Inden sind. Es soll nicht geleugnet werden, dass unser Gottesdienst, wie er sich bis zu Anfang unseres Jahrhunderts entwickelt hatte, einer Reform dringend bedurfte, und Sie erinnern sich, wie ich in meinem ersten Vortrage den früheren Chasanim den Vorwurf nicht ersparen konnte, dass sie so manche innige, Herz und Gemüth erhebende Synagogenweise durch Ucberladen von allerhaird unpassenden Coloraturen und Schnörkeln oft bis zur Unkenntlichkeit verunstalteten, wie ich als Träger der relativ unverfälschten Tradition die Laien, die Baale-Tephillos bezeichnet^ welche das alte Cbasonus uns erhalten und überliefert haben. Die Zustände in den früheren Synagogen mit dem wirren Dnrcheinanderschreien, mit dem oft unwürdigen Benehmen der Betenden, sie erforderten gebieterisch eine Reform. Was heißt, oder was ist denn aber Reform? Doch wohl nichts Anderes als die V e r b e s s e r u n g eines Zustandes unter Beibehaltung des Kerns, des Wesens des zu reformirenden Gegenstandes. Blieben die Gründer, die Führer der Reform diesem Grundsätze treu? Nein! Sie haben das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, sie haben das Unwesentliche mit dem Wesentlichen hinweggeräumt. An die Stelle eines Gottesdienstes, der trotz seiner Auswüchse die Herzen der Betenden zur Andacht erhob, setzten sie die Carricatur eines jüdischen Gottesdienstes. Alles in ihm widerspricht dem jüdichen Geist, dem jüdischen Empfinden. Die musikgeschichtliche Entwicklung in unserer Liturgie wurde einfach ignorirt, wurde nicht zu Rathe gezogen bei der Einführung so mancher Reform. Ob diese Unterlassungssünde auf Unkenntnis oder auf unangebrachte Assimilationssucht zurückzuführen ist, will ich nicht untersuchen, verschwiegen soll und darf aber nicht werden, dass unsere reformirten Gottesdienste sammt nnd sonders an inneren Widersprüchen mehr oder weniger leiden. Darum rufe ich Ihnen auch heute zu: „Wollen wir die wahren Bedürfniße der Gegenwart verstehen, dann müssen wir die Vergangenheit kennen." Sowie ich Sie vor zwei Jahren bis znm grauesten Alterthum, bis zu den Anfängen musikalischer Uebungen geführt habe, so bitte ich Sie jetzt, mir zu folgen zu den nachweisbaren Anfängen, zur Entstehung der Synagoge und ihrer Liturgie. ..Ihr aber, Ihr heiligen Schatten, kommt und heiligt mir Lipp' und Sprache! Steht mir bei, dass ich von Eurem Fußtritt nur die Spur, von Euren Liedern, Euren Tönen nur den Schatten, nur den Nachhall gebe, treu enträthselnd Eures Herzens hocheiufältigen Sinn." (Fortsetzung folgt) Etwas für den Kore. Sollte Jemandem der Ausdruck Kore nicht bekannt sein, so will ich ihm gleich verrathen, dass ich eigentlich den Baal- Kore meiue, das heißt denjenigen, der gewöhnlich so genannt, nicht aber den, der in der That damit bezeichnet wird. Dass Baal-Habbajis den Herrn des Hauses und nicht das Haus, oder Baal-Haschor den Herrn des Ochsen und nicht den Ochsen bezeichnet, weiß Jeder. Beim Baal-Kore denkt man gewöhnlich nicht etwa an den — Vorsteher, welcher der Herr des Kore, des Vorlesers, ist, sondern an den Kore selbst, daher ist es viel gescheiter, ihn lieber gleich beim rechten Namen zu nennen. Also der Kore, der Vorleser aus der Thora, hat, um sein Amt würdig zu vertreten, vielerlei zu beachten. Eine korrekte, deutliche Aussprache versteht sich von selbst, ebenso die Beherrschung der verschiedenen Melodien, für Thora, die Haphtara, Esther, Klagelieder, die anderen Megillot, wo sie noch verleseil werden. Dazu gehören die besonderen Melodien für die Schlussverse der einzelnen Schöpfungstage, für manche Stellen der Schira, in den Zehngeboten u. dergl. Es sind Bräuche, die von allen gekannt und respektirt werden, jeder weiß auch ungefähr, warum die betreffenden Stellen besonders gekeunzeichuet werden. Ein Brauch jedoch ist so dunklen Ursprungs, dass selbst die gelehrtesten Männer ihn entweder gar nicht, oder doch sehr mangelhaft zu erklären wissen. Ich meine die Erhöhung der Stimme beim Verse 5. M. 26, 15. Man psiegt die sogenannte rTOlfl mit gedämpfter Stimme vorzutragen, und es wäre denkbar, dass man im Gegensatz dazu das Gebet um Segen mit erhöhter Stimme vorträgt. Aber da müsste man alle anderen, Segen verheißenden Stellen ebenso markiren. Warum gerade na'pwn? Weil dieser Ausdruck nur hier beim Segen gebraucht wird? Wohl schwerlich. Mir scheint vielmehr dieser sonderbare Brauch einen sehr sonderbaren Ursprung zn haben, und zwar älter, als mancher zugeben möchte. Im jerusalemischen Talmud, Naassr s^heni Ende, wird folgendes berichtet: Bei der Ablegung des Bekenntnißes, ib. 13—15 haben die Leute die Worte : „Ich habe weggeräumt das Heilige aus dem Hanse.ich habe gehört auf die Stimme des Ewigen, meines Gottes, habe gethan. ganz wie Du mir geboten," mit t e i i e r Stimme gesprochen, weil der Inhalt dieser Worte der Wahrheit nicht entsprach. Erst mit dem Worte NL'flVN fingen sie an l a u t zu spreche n. Ob nun dieser Vorgang schon beim Tempelbestand von der Synagoge übernommen wurde, oder ob erst der Bericht darüber in einer späteren Zeit die Veranlassung gab, wird sich schwer entscheiden lassen. Waidhofen a/d. Thaya. Rabbiner D r. K a h a n. Vereinsbote. Wien. Mittwoch den 28. Dezember a. c., fand die ordentliche Generalversammlung für das 32. Vereinsjahr des israel. Bethausvereines „Chcwra-Beth.-Hatefila" im IX. Bezirk statt. Auf der Tagesordnung stand: Rechenschaftsbericht, Neuwahl von drei Mitgliedern in den Vorstand, Neuwahl des Ausschusses, Anträge. Bericht folgt in nächster Nummer. — Am 18. Dezember hielt der Verein „Beth-Hamidrasch- Talmud-Thora" Malzgasse, eine Versammlung ab, welcher Herr Dr. Alfred Berger als Vertreter der Cultus-Gemcinde beiwohnte. Nach Vorlegung des Rechenschaftsberichtes wurde dem Obmann, Herrn Simon Buchwald, das Vertrauen votirt.