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Die Wahrheit · 1899-01-01 · Heft 1 (1.1.1899) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 1 (1.1.1899)
Date
1899-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 1. Die Mahrtzeit. Seite 9. rufes gewonnen. Wer Drumonts Schriften liest, oder ihn sprechen hört, erhält den Eindruck, dass er es mit einem Wahnsinnigen zu thun hat, den nur eine einzige, Alles verschlingende Leidenschaft beherrscht — der Mord! Nicht der Mord zn bestimnltem Zweck, oder aus einer besonderen Ursache oder für den Glauben, nein, der Mord um des Mordes willen, der. Mord, weil dieser brutal, aufsehenerregend, blutig ist. Eduard Drumont sieht sich iu seiner ureigensten Anschauung, wie er an der Spitze eines bis zum Wahnsinn entstammten Pöbels einherschreitet, „Frankreich für die Franzosen", brüllt, sein Schwert schwingt und kleine Judenkinder in die Gosse schleudert, damit sie von denen, die hinter ihm kommen, zertreten werden. Das mag sich fürs Erste übertrieben anhören und unmöglich erscheinen; in der That ist es keineswegs unmöglich und noch weniger eine übertriebene Phrase, etwa der Neigung entspringend, ein Spiel mit großen Worten zu treiben. Was Drumont, wenigstens bisher, in Frankreich selbst zu erreichen nicht im Stande war, das hat er durch wirksame Uebertraguug zu einem großen Theile in Algier schon erreicht. Aufmerksamen Lesern der unbefangenen Blätter werden die haarsträubenden Nachrichten nicht entgangen sein, welche regelmäßig ans Afrika eintreffen. Welchen Verlauf haben die Dinge dortgenommen? Jüdische Handwerker wurden an ihrem Erwerbe, jüdische Läden mit Boycott belegt, Jndenweiber in den Straßen von Algier insnltirt, der frühere christliche Bürgermeister, der mit den Juden sympathisirte, musste seine Stelle niederlegen und an seiner statt wählte man den Anführer der Jndenverfolgungen, ein Jude wurde in einer Versammlung, wo er das Wort ergreifen wollte, vom Pöbel derart misshandelt, dass er an den erlittenen Verletzungen starb, jüdische Läden wurden zerstört und geplündert, Juden, die sich gegen die Angriffe vertheidigten, eingekerkert, mit einem Wort, Anarchie, mit den Juden als Sündenbock für Alles und Jeden. Herr Drumont, in seiner halb wissenschaftlichen, halb fanatischen aber durchaus lächerlichen Art der Darstellung, will glauben machen, dass die antisemitische Bewegung kein Religionskrieg ist, sondern eine Schlacht zwischen Race und Race sei. Dass der Antisemitismus in Frankreich kein Glaubenskampf ist, soll vhneweiters zugegeben werden, da Frankreich als Nation seit den letzten 20 Jahren überhaupt keinen Glauben besitzt. Aberglauben mag in dem unglücklichen Laude verbreitet sein, aber seine Religion ist ein Ueberbleibsel der Vergangenheit, und wenn elftere sich jemals wieder zu einem wahren Glauben erheben soll,' dann muß sie vorerst die veralteten Formen von Bigotterie und Unduldsamkeit abstreifen. Dass — wie Drumont behaupten möchte — der Antisemitismus ein Kampf zwischen der jüdischen und französischen Race sei, muß auf das Entschiedenste verneint werden. Man sehe sich einen französischen Juden au und halte ihn gegen die Katholiken, in deren Gesellschaft, sei es im Theater oder im Caf«, er sich befindet. Wie blutwenig Unterschiede werden da zu bemerken sein! Dagegen nehme man andererseits einen Süd- Franzosen und einen Bretonen und vergleiche die beiden. Die Raceu sind ausgesprochen und absolut verschieden. Der Jude hat genau dasselbe Recht, sich Franzose zu neunen und als solchen anzusehen, wie der Baske, der Normane, der Bretone oder die zwanzig andern Racen, ans denen die französische Nation sich zusammensetzl. Doch wir schweifen vielleicht ein wenig von unserem Gegenstände ab. Unser Zweck ist hauptsächlich, darznthun, dass aller Grund vorhanden ist, für die Sicherheit der Juden jn Frankreich zu fürchten, nicht allein wegen der wilden Leidenschaften, nrelche gegen sie angernfen wurden, sondern auch wegen ihrer eigenen Lauheit und Unlust zu thätigem Eingreifen. Wir denken allerdings nicht daran, einen Schlachtplan zu entwerfen, nach ' dem die Juden in diesem Lande sowie unsere auswärtigen Brüder Vorgehen sollten; aber wir wollen unserer Meinung lauten.. Ausdruck, geben, dass jene, denen das Wohl der Juden am Herzen liegt, gut daran thäteu, einen solchen Plan zn fvrmuliren . und in Bereitschaft zu halten. Denn falls der Sturm in,Frankreich losbricht, wird er viel, viel schlimmer sein als seinerzeit in Rußland, denn ebenso wie dort wurde auch hier der Hass gegen . die Juden planmäßig in Verbindung gebracht mit dem Hass. , gegen die Reichen. Die französischen Inden sind aber reicher als die russischen, und, was noch mehr, die Inden waren auch in politischer Beziehung eine Macht im Lande, ein Verbrechen, das die Bevölkerung nie vergeben wird, wenn einmal die Leidenschaften . entfesselt sind. Der Grund — nicht Herrn Drumonts Gründe — sondern der wahre Grund der antijndischen Erhebung in diesem Lande, ist die Sackgasse, in welche die Militärpartei aerathen ist. Ernste Mißbräuche mit öffentlichen Fonds wurden getrieben. Irgendwer , war schuldig. Durch die an den Tag gekommenen Beweise erscheint es nun evident, dass die Schuldtragenden einen hohen Rang in der Armee bekleiden. Wie war es nun anznstellen, dass die öffentliche Aufmerksamkeit von ihrer Schuld abgeleukt wurde? Der Weg hiezu ergab sich allzu leicht. Das ihnen zur Last fallende Vergehen musste in den Hintergrund gedrängt werden durch ein größeres Verbrechen, und dieses Verbrechen musste durch eine Kette unwiderleglicher Beweise an einen unpopulären Menschen gebunden werden. Welches Verbrechen konnte es nun geben, dass in Frankreich einen noch größeren Aufruhr hervorbringen sollte, als der Mißbrauch mit Geldern, die dem Volke gehörten? Es gab blos eines: den Hochverrath! Und so ward das Bordereau geschrieben und dem Alfred Dreyfns an den Hals geheftet. Darauf ersahen Drumont mit» andere wüthende . Antisemiten ihren Vorth eil nnd „Nieder mit den Inden" wurde zum Parteiruf. Dreyfus hatte Hochverrath begangen und Dreyfns war ein Jude. Demzufolge waren alle französischen Inden Verräther an ihrem Vaterlande. Vier Jahre hindurch hat der Schrei vom Hochverrath. allerdings den Schrei gegen die Inden übertönt. Nun aber hat . die Angelegenheit Dreyfus eine entscheidende Wendung genommen. Sie haben ihren Zweck verfehlt, diese militärischen Führer, und jetzt kehren sich ihre Machenschaften langsam aber sicher gegen sie selbst. Was gilt es mm zu thun? Irgend etwas muß herausgefunden werden, das die öffentliche Aufmerksamkeit von den wirklich begangenen Verbrechen abzieht. Krieg mit England? Die Empfindungen der französischen Nation sind dagegen und die Führer der Armee fühlen sich nicht stark genug. Dieselben oder beinahe dieselben Empfindungen bestehen in Bezug auf, eiuen Krieg mit Deutschland. Der einzige Weg. welcher der Militärpartei noch offen bleibt, ist: den Pöbel gegen die Juden aufzuhetzen, in der Hoffnung, dass in dem Getümmel von Plünderung und Mord ihre eigenen Miffethaten vergessen wurden. Darin liegt der Grund für nufere Befürchtungen. Während der Caffationshof ruhig fortarbeitet, wie eine große landwirthschaftliche Maschine, indem er das Wahre vom Falschen scheidet und die werthlose Spreu der Lüge nnd des Verrathes nach allen Windrichtungen fortblüst; während die Beweise immer klarer und ' klarer werden; während in der öffentlichen Meinung der Verdacht . . aufzukeimen beginnt, dass der Hochverrath nicht blvs eine unter- .

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