Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1899
- Issue
- Heft 1 (1.1.1899)
- Date
- 1899-01-01
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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-- ^eite 8. Nr.- 1. Die Wahrheit. e . s; inander. Wie denkt sich z. B. Lazarus den Begriff „Gerechtig- //eit^, und wie denkt darüber — tr verzeihe mir die Zusammenteüung — ein Dr. Lueger? Welche Gerechtigkeit kann als K ategorischer Imperativ auftreten? Wie kann-behauptet werden, das Sittengesetz sei auton o m, habe keine Begründung anßer sich, sonder» sei sich selbst Grund? Wan f c ’ann die Sache drehen und wenden, wie man will, als Resultat Itz vmmt immer heraus: Die Autonomie des Sittengesetzes, hat 'einen Sinn, ist rin Unding. -Gewisse Philosophen, darunter - ruch E. v. Hartmann, haben es dennoch sich nicht nehmen |r Affen, an der Autonomie der Moral festzuhalten. Ich darf »urchaus nicht sittlich sein, weil es Gott -geboten — in diesem Falle £ )in ich unsittlich. Sittlich bin ich nur'dann, wenn ich an eine! c Moral glaube, die in selbsteigener Person ihre Befolgung; mir SS i mbedingt auferlegt, ich bin. nur dann sittlich/wenn ich an den f §!ategorischen Imperativ, an die 'Autonomie des Sittengesetzes | j flaube. Wenn aber die jüdische Ethik auf Gott und seine f t Befehle sich beruft, so ist sie eben — unmoralisch! l Um nun diesen »Makel" von der jüdischen Ethik zu nehmen, \ ucht Lazarus zu beweisen, dass die Rabbiner in merkwürdiger c Borahnung der Kantischen Philosophie dieAutonomie des Sitten- ( Gesetzes gelehrt hätten. So sehr nun die-Absicht zu loben ist, so :st doch die Beweisführung als mißlungen anzusehen — zur c Ehre der talmudischen Weisen. ~ Es gibt ein Wort, welches manchen Philosophen ein i Schreckgespenst zu sein scheint, und wenn sie daran denken, können £ U in ihrer Verwirrung die wunderlichsten Dinge zusammen-; schreiben, um jenes Gespenst zu bannen. Es ist das Wort; Lg oiSmus. Alles, was der Mensch aus Egoismus, aus Eigenc nutz thut, ist nach ihnen unmoralisch, verwerflich — und wenn , sie That an sich die Beste von der Welt wäre, wenn sie auch l >en größten Nutzen stiftete! Eine echt moralische That muß ,;anz selbstlos geschehen, ohne jede Nebenabsicht auf Belohnung,; sveder in dieser noch iu jener Welt. Aber ist denn der Egoismus wirklich ein so verderbliches Ding? Muß jeder ihn meiden, j jvenn er moralisch sein will? Wenn ich meinen LebenS- , Unterhalt suche, wenn ich die Achtung meiner Mitmenschen zu , gewinnen trachte, oder wenn ich gar Gottes Lohn im Jenseits i erhoffe — bin ich dann ein schlechter, unmoralischer Mensch?! (Nur der Unverstand kann das behaupten. Der Egoismus macht > ^unser ganzes Wesen aus, ohne ihn würde die Welt zur Einöde ^werden, wie schon der Talmud bemerkt. Verwerflich und unmojflckisch wird der Egoismus nur dann, wenn er auf den ^Egoismus des Nebenmenschen keine Rücksicht „nimmt. Daher kennzeichnet der berühmte Rechtslehrer Ehering das Sittliche als EgoismÄ^ w höherer Form als Egoismus der Gesellschaft. Spinoza sagt von den Propheten, sie seien auf den allgemeinen Nutzen . bedacht gewesen. Ja Lazarus selbst bezeichnet den Egoismus als aothweudig und nicht blos als nothwendiges Uebel. Die Aufgabe d^ser Sittenlehre sei nur, die Grenzen des Egoismus festzusttllen. fgSr giebt also zu, dass der Egoismus moralisch ist, wenn er sich igin den richtigen Grenzen halt, wenn er keinem Nebenmenschen , vrZchaden zufügt. Es ist daher durchaus nicht einzuseheu, wie eine lazute That von ihrem Werth verlieren soll, wenn der Thäter a^abei Gottes Lohn im Auge hat. Und in der That gehört der ^Glaube auf göttliche Belohnung und Bestrafung zu den jüdischen . -Glaubenssätzen, und im Achtzehn-Gebet beten wir dreimal täglich, 2,Gott möge guten Lohn denen geben, welche aus seinen Namen ., wahrhaft vertrauen, Ist also unser Glaube unsittlich oder unmoralisch? Mag dies E. v. Hartmann behaupten. Aber die Ethik des Judcnthums bedarf der Zustimmung solcher Philosophen nicht, und auf ihr lastet deswegen nicht der geringste Makel, da der gesunde Menschenverstand mit ihr im Bunde ist. Eine Ethik ist entweder durch Gott befohlen, oder sie hat überhaupt keine befehlende Kraft. Was aber Gott befiehlt, hat gewiss eine weise Ursache und vernünftigen Zweck — ob wir es verstehen oder nicht. Es ist ein reines Spielen mit Worten, die Autonomie der Sittlichkeit mit den Worten zu illustriren: Nicht weil es Gott geboten, ist es sittlich, sondern weil es sittlich ist, hat es Gott geboten. Als das Ziel der Sittlichkeit ist nach Lazarus mit Recht die Heiligkeit hingestellt. Aber die Heiligkeit ist nicht blos Bereinigung der Menschen. Unter den Heiligkeitsgesetzen, 3. Buch Mosis 11, 43—45 und 19, 25, 26, wird mit demselben Nachdruck die Menschenliebe, wie die Enthaltung von gewissen Thieren eingeschärft. Wer z. B. Krebse und Hummer isst, macht sich nach dem göttlichen Gesetz zum Abscheu, ist unheilig, unsittlich — während die edelsten Nichtjuden sich daran delectiren. Wären nun die Rabbinen so zu verstehen, wie sie Lazarus verstanden wissen will, so müssten sie die Nichtjuden, welche die jüdischen Speisegesetze nicht beobachten, für unsittlich halten, was aber bekanntlich nicht der Fall ist. Im Gegentheil soll nach dem Talmud der Nichtjude nur die sieben sogenannten Noach'idischen Gebote beobachten und ist der Seligkeit sicher. Gott habe Israel nur eine besondere Wohlthat erwiesen, indem er ihnen möglichst viel Gebote gab, damit sie desto mehr Anwartschaft auf Belohnung hätten. Also mit anderen Worten: Gott gebot nichts, was von vorneherein zur Sittlichkeit gehört, sondern das. was Gott gebot, gehört für denjenigen, an welchen das Gebot sich richtet, zur Sittlichkeit. Den Zweck und Nutzen mancher Gebote verstehen wir, mancher aber nicht. Jedenfalls sind sie alle gegeben, damit durch ihre Befolgung unser Wohl in dieser Welt oder im Jenseits gefördert werde. Für eine Autonomie des Sittengesetzes ist im Rabbinismus schlechterdings kein Platz, ebenso wenig wie im gesunden Menschenverstand. Bei der näheren Betrachtung der Stellen, welche anscheinend für die Autonomie sprechen, werden wir finden, dass sie entweder überhaupt etwas Anderes besagen, oder sogar geradezu das Gegentheil — wovon im nächsten Artikel. _ Die Situation in Frankreich. Bis vor ganz Kurzem gab es nur wenige französische Juden, welche die antisemitische Frage in Frankreich größerer Aufmerksamkeit wert hielten, als eines bloßen Achselzuckens. »Die französische Ration ist zu vernünftig" war die allgemeine Anschauung, und sogar, als durch die im Jahre 1894 gegen Alfred Dreyfus erhobene furchtbare Anklage die antijüdischen Instinkte zur Flamme angefacht und von Fanatikern wie Drumont oder gewissenlosen Menschen gleich Rochefort geschürt und lebendig erhalten wurden, dachten unsere Glaubensgenossen nicht entfernt daran, dass diese Bewegung sich jemals zu einer wirklichen Gefahr für die Ruhe und Ordnung ausbilden könnte. Nun aber ist dies anders geworden, und die Juden in Paris — gleichbedeutend mit den Juden in ganz Frankreich — verlieren ihre frühere Sicherheit immer mehr und mehr. Der Franzose der unteren Gesellschaftsschichten ist kein Denker, und das Wort vom »käuflichen Juden" hat, .obschon es in ihm keine deutliche Vorstellung erweckt, durch die Bemühungen des Herrn Drumonl und seiner Rotte die Pedentni g eines Schlacht-