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Die Wahrheit · 1899-01-01 · Heft 1 (1.1.1899) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1899
Issue
Heft 1 (1.1.1899)
Date
1899-01-01
Page
– (sequence 6)
Language
German
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jSciic_ 6. Die Wahrheit. dieses Bedürfnis tief empfunden, und es bildete sich ein Comite, bestehend aus den jüdischen Notabeln Galiziens, zur Verwirklichung der Idee, nach dem Muster des in Leipzig erstandenen Gemeindebundes, einen solchen in Galizien in's Leben treten zu lasten. Warum dieser Gedanke nicht zur That ward, gehört mit zur Constatirnng der Wahrheit, dass nicht immer und überall sich das ausführen lässt, was anderswo und andernorts sich ohne Schwierigkeit effektuiren ließ. Gehen wir nun auf einen zweiten Act über, den der Vorstand auszuführen in seinem Berichte in Aussicht stellt. Trotzt der erst vor einiger Zeit vorgenommenen Steuererhöhung und der Steigerung der Einnahmen der Eultusbeiträge von rund 190.000 auf rund 350.000 fl. denkt der Vorstand wieder an eine Steuerreform. Was es bedeuten soll, wenn von einer Steuerreform in Oesterreich die Rede ist, braucht nicht erst des Näheren dargethan zu werden. Reform der Steuer und neuerliche Anspannung der Steuerschraube sind identische Begriffe. Weil in Berlin die Beiträge für Cultuszwecke trotz der geringen Zahl von jüdischen Einwohnern reichlicher als in Wien fließen, deshalb sollen die Eultusbeiträge hier eine Erhöhung erfahren. Welche Logik! Als ob die Zahl der Einwohner und nicht das Gewicht ihrer Leistungsfähigkeit das allein ausschlaggebende bei Bemessung von Steuern überhaupt bilden würde! Auch muß dabei in Erwägung gezogen werden, ob die Ausgaben von der Art sind, dass sie in ihrer Größe unabänderlich und unrestringirbar sind. Eine kluge ökonomische Wirtschaft wird sich dies jedes Mal vor Augen halten, wenn sie an neue Auslagen zu gehen die Absicht hat, und jederzeit bestrebt sein, nach Maßgabe der Einnahmen auch die Ausgaben einzurichten. In Wirklichkeit gibt uns die Berliner Gemeinde in dieser Beziehung ein nach-, ahmeuswerthes Beispiel. Nicht nur dass sie in Folge dessen an eine Erhöhung der Beitragsleistung ihrer Mitglieder nicht zu denken braucht, hat sie ihre Steuerquote herabgesetzt und eine Reserve für allfällige Synagogenbauten in Aussicht genommen. Freilich darf nicht unerwogen bleiben, dass die Zahl ihrer beitragleistenden Mitglieder von 16.285 auf 21.389 gestiegen ist, ein Beweis der progressiv zunehmenden Steuerkraft ihrer Mitglieder, welcher Effekt auf den Umstand zurückzuführen ist, dass Berlin einen kernfesten Mittelstand besitzt der in Wien vollständig fehlt. Wenn überhaupt der hiesige Vorstand an eine Erhöhung seiner Einnahmen ernstlich denkt, so muß er dahin trachten, dass seitens der kompetenten . Behörden ihm die sogenannten Fondsbeiträge aus den Nachlassvermögen jüdischer Staatsbürger zu Zwecken der Erhaltung des Krankenhauses, der Versorgungsanstalten rc.. zugewieseu werden. Wenn auch ein günstiger Erfolg sich nicht mit. Bestimmtheit Voraussagen lässt, so ist es doch des Versuches werth, geeignete Schritte nach dieser Richtung zu unternehmen. Die Ethik des Judentums.*) Besprochen von Dr. I. K a h a n. Lazarus' Namen hat einen so Hellen Klang in der gebildeten Welt, seine Bedeutung als Gelehrter und Philosoph ist so fest begründet, dass ein neues Werk von ihm überall mit . Freuden begrüßt und mit Interesse gelesen wird. Ein Gegenstand, von Lazarus behandelt, wird keinen Gebildeten gleichgiltig lasten. Dass die Ethik des Judenthums, über die wohl mancher aus Unkenntnis die Nase gerümpft hat, einen solchen Bearbeiter gefunden, der mit der ganzen Größe seiner Persönlichkeit für *) „Die Ethik des Judenthums" von Gehtimrath Professor Dr. M. Lazarus. (Frankfurt a. M. 1898.) -Nr. 1. sie eintritt, diese Thatsache allein verdient Dank und Anerkennung vom ' gesummten Judenthum, welches in seiner Ethik so glänzend verherrlicht wird. Selbst der Rabbinis'mus, der so viel und so heftig geschmähte und verlästerte Rabbinismus, hat unter der Meisterhand Lazarus' eine solche Würdigung erfahren, wie ihn kaum der frömmste Jude sich besser vorstelleu mag. Man lese nur das Capitel über die Fortbildung des Gesetzes durch den Talmud (S. 289—310). In der Ausbeutung eines . biblischen Verbotes, aloder lotonu (13. Buch Moses 25, 14, 17), hat der Talmud eine so peinliche Gewissenhaftigkeit, eine so , hohe Gesinnung gezeigt, dass ihn hierin keine Gesetzgebung, keine noch so hohe Ethik erreicht, geschweige denn übertrifft. , Die Feinfühligkeit der jüdischen Volksseele konnte nicht besser illustrirt werden^ als durch folgenden Bericht, den Lazarus als Beispiel angeführt: Seit etwa 150 Jahren besteht innerhalb der jüdischen Gemeinde in Berlin ein Verein: ,M8oflan-^.ds1im"- Stütze der Leidtragenden; sein Zweck ist: bedürftige Familien, die durch den Tod eines ihrer Mitglieder — insbesondere auch, weil sie sich religionsgesetzlich in den Tranertagen jeder Arbeit enthalten — in Noch gerochen würden, zu unterstützen. Um das Ehrgefühl des Empfängers zu schonen, ist folgende Einrichtung getroffen: Der Vorstand des Vereines sendet in jedes Trauerhaus, gleichviel ob arm oder reich, zwei verschlossene Büchsen; in die eine Büchse Nr. 1 wird eine Summe gelegt, die dem Bedürftigen eventuell dargeboten werden soll; zn dieser Büchse erhält jeder Empfänger (unter Siegel) einen Schlüssel und er wird in einem Begleitschreiben ersucht, jedenfalls diese Büchse zu öffnen und zu entleeren. Je nach seiner Bedürftigkeit kann er den ganzen Inhalt der Büchse oder einen Theil derselben für sich behalten; — bedarf er aber der Unterstützung nicht, so ist er gebeten, den Betrag in die Büchse Nr. 2 zu werfen. Ebenso werden Wohlhabende ersucht, den Inhalt dieser Büchse aus ihren eigenen Mitteln zn vermehren, um den Zweck des Vereins damit erfüllen zu können. Diese Büchse Nr. 2 bleibt längere Zeit während ihrer Wanderung durch mancherlei Familien uneröffnet, so dass Niemand, nicht einmal der Vorstand des Vereines wissen kann, wer gegeben, wer genommen hat. Man muß bedenken, dass diese hochherzige und feinsinnige Einrichtung vor 150 Jahren getroffen wurde, also zu einer Zeit, wo die Juden ihre geistige Nahrung einzig und allein aus dem Talmud zogen, um zu erkennen, auf welche sittliche Höhe der Rabbinismus seine Bekenner zu stellen vermag. Dabei ist es ausdrückliche Vorschrift des Talmud,- bei der Wohlthätigkeit keinen Unterschied zwischen Juden und Nichtjuden zu machen. Wenn aber trotzdem im Talmud manche Aeußerung der Verbitterung und Lieblosigkeit sich findet, so muß die Zeit berücksichtigt werden, in der sie gefallen ist. »Die Deutschen und die Franzosen unseres Jahrhunderts sind hochstehende sittliche Nationen; wollte man aber die Ausbrüche des Zornes und des Rachedurstes bei jenen während der Freiheitskriege, bei diesen im Jahre 70 Prüfen, die Worte der Nothwehr des unglücklichen Ben Jochai erschienen zahm dagegen." Als besonderes ethisches Moment hebt Lazarus die regelmäßige Verlesung der Thora hervor, wodurch das Volk immer und immer an das göttliche Gesetz erinnert werde, während sonst bei keinem Volke für die Kenntnis des Gesetzes Sorge getragen wird. Uns scheint es, dass die Einverleibung der »Sprüche der Väter", des Compendiums der jüdischen Ethik/! in das Gebetbuch, von viel größerer Bedeutung war. In allen > Lagen des Lebens war der eine oder andere Spruch der sichere:

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