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Die Stimme · 1937-09-03 · Heft 674 (3.9.1937) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 674 (3.9.1937)
Date
1937-09-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Dil STIMM! Seit« 9 iWi«n, Freitag, 3. September 1Ö37. Nr. 674. Dem Fortschritt entgegen... - Marokkanische Juden am Markt. <mDot kulturelle Auifetiqg der marokkanischen Juden ißt. eine offenkundige, unlbelfctedt)bare Tatsache. Er offenbart eich sowohl in dem tiefgreifenden Wechsel, der sich im Äußern, in der Kleidung, wio auch $m Innern, in der Art zu denken und zu fühlen, vollzogen hat. Das Aufblühen zahlreicher wohltätiger Einrichtungen, diie überall dias materielle und geistige Elend der niederen Klassen zu verringern eich bestreben, der gewaltig ansteigende Schulbesuch, die wachsende Zahl der Kinder, die eine höhere Schulbildung genießen — alles die« eind deutliche Beweise dafür. Man sehe sich einmal den Ansturm auf die Schulen am Tage der Einschulung an: ein Menschengewimmel, welches eohreit, gestikuliert, wehklagt und bittet, verlangt einen Platz für da-s Rind in der Schule; mittellose Krüppel, alleinstehende Witwen haben eich ein paar Franken vom Munde abgespart, haben irgend welche Lumpen verkauft, um ihre Sprößlinge mit Schürze und Schulmappe versehen zu können, damit sie das Aussehen richtiger Schüler und dadurch mehr Obancen hätten, zugelasisen zu werden. Aber ach — nicht alle können aufgendmipaen werden, und es ißt schmerzlich, die Enttäuschung derer zu seihen, die mit ihren : Kindern umkehren müssen, weil die Schulklassen überfüllt und keine weiteren Plätze mehr verfügbar sind. Und es ist nicht etwa nur materielles Interesse; das die marokkanischen Juden antreibt, ihre,Kinder zur Schule zu schicken (obwohl auch dies durchaus berechtigt und natürlich ist), sondern auch ein gut Teil Lembegierde um des Lernens willen, Respekt vor den Kenntnissen an sich, der instinktive Drang nach geistiger Arbeit und die angeborene, atavistische Liebe zur Thora, zur Bibel und zum Wissen schlecht- Jiin in;allen seinen Formen. Man hört häufig bedürftige Eltern sagen: „Mir geht es schlecht, mein Sohn ist schon groß und Jude aus Udschda (Marokko). \;■ - ■' 1 lltil; 1 ■■■■.mm könnte mir helfen, aber ich will doch, daß er■! noch in der .Schule bleibe, daß er lerne, um einst ein Monn zu werden, der meine Wangen zum Erröten bringt“ — was bedeuten soll: „daß ich rot werde vor Stolz über sein Wissen und Können.“ ' Welch ein bewunderungswürdiger, kultureller Aufschwung! ruft man aus. Und doch gibt es. Menschen, die sich darob beunruhigen — was allerdings eine seltsame Auffassung von den Lebensinteressen eines Landes ist. Als' ob die Bekämpfung der Unwissenheit und des Aberglaubens, dior Triumph' des leuchtenden Heute, das Erwachen der Menschenwürde bei einer Bevölkerung, von der man glaubte, sie wäre durch jahrhundertelange Bedrückung keines Aufstiegs mehr fähig, die Emanzipierung einer ganzen Volksgruppe irgend jemandem oder in irgend etwas von Schaden sein könnte! Gewiß, es ist nicht zu leugnen, daß der hastige. Übergang von einer Zivilisation zur andern nicht ohne Reibungen und Störungen vor sich gehen kann. Auch vom jüdischen Standpunkte ans sind schwerwiegende Fehler zu beklagen. Bei diesem schwindelnden Anstieg, der bisweilen die Formen eines wahren Wettrennens aunimmt, werden Schätze der Tradition und manch reiches geistiges Erbteil mit Füßen getreten — ohne (von der Verwirrung einer entwurzelten Jugend zu reden, dem dramatischen Konflikt zwischen alten Eltern, die am Vergangenen festhalten, und auf Modernismus erpichten Söhnen, den Fieberanfällen bohrenden Zweiflertums die der ersten Berührung mit der Wissenschaft folgen, wie überhaupt diese undefinierbar unruhige Atmosphäre, . die jede Übergangs¬ und Verbindungs-Generation umgibt, welcher die schwere Aufgabe zufällt die Zukunft vorzubereiten und die sich dabei selbst isoliert fühlt, ohne Zusammenhang mit den einen wie den andern, ebenso unverstanden von denen, zu denen sie stürmisch hinstrebt, wie von denen, von denen sie eich bewußt und hochmütig loslöst. Und doch sind dies alles durchaus normale Erscheinungen, die niemand überraschen oder beunruhigen sollten; sie gehören natumotwendig zu den großen sozialen Umwälzungen, wie es uns Wissenschaft und Geschichte lehren. Überlassen wir es also den Philosophen, den Dichtem, den Folkloristen über das Verschwinden einer interessanten, eigenartigen Zivilisation und alter, bunt-orientalischer, poetischer Sitten zu wehklagen. Wenn man diese Menschen zusammengepfercht in ihren „Mellah“ (Ghettos) dahinvegetieren sieht, kann man sich nur freuen, wenn sie in einem Anlauf Jahrhunderte der Zivilisation überspringen — trotz allen Fehlern und Schäden, die diese überstürzte Entwicklung mit sich bringt, weil man, koste cs was es wolle, zu dem Resultat gelangen muß: Weniger Aranut, weniger Krankheit, weniger Elend. Den notwendigen Ausgleich wird die Zeit schaffen, in dem Maße in dem sich die normale weitere Entwicklung vollziehen wird. Man muß in diesen Dingen den nötigen Weitblick atiibringen. Was sind 20 oder 30 Jahre im Leben eines Volkes? Wir befinden uns in einer Periode des Werdens; alle Zusammenhanglosigkeiten, alle Übelstände, die wir feststellen, hindern nicht, daß die Früchte der Zukunft reifen. Ist die gegenwärtige jüdische Generation auch ein wenig amorph, so wird sie doch zumindest die Ehre haben, der künftigen Generation den Weg zu ebnen; und diese wird die Früchte ernten, die ihre Vorgänger säten, und die die Zeit reifen ließ; sie wird aufwachen im Lieht und in jener physischen und geistigen Kraft, die die Freiheit allem gibt, was imter ihrem Zeichen gedeiht. Im Bewußtsein ihrer Rechte wie ihrer Pflichten wird dann diese neue Generation eher nötige Opfer auf sich nehmen können und edelsten Strebens fällig sein. * Am deutlichsten spiegelt sich die Entwicklung des marokkanischen Judentums in dem Aufschwung wieder, den seine Wöbltätigkeits-Einrichtungen genommen haben. Hier ist. nur unbeschränktes Lob am Platze, denn in dieser Beziehung hat sich das marokkanische Judentum mit einem Schlage in d,;e Reihe aller zivilisierten Völker gestellt.. Vor allem zeichnet sich Casablanca durch die Anzahl und Mannigfaltigkeit seiner Institutionen aus: da sind die Schulen der „Alliance Israelite Universelle“, deren großartige neuzeitliche Einrichtungen der Opferwilligkeit der Gemeinde zu verdanken sind; da ist die „Schulhilfe“, die mit einem jährlichen Budget von zirka 400.000- Francs 2500 Kinder ernährt und kleidet; da ist die von der Gemeinde geschaffene Volksspeisung, die gegen die Bettelei ankämpft; da ist die Vereinigung ehemaliger Schüler der „Alliance Israelite“, die die geistige und materielle Hebung der Jugend anstrebt und das Werk der Schule fortsetzt, indem sie Kurse, Vorträge usw. organisiert; da ist die Gewerbeschule, die dank der. kühnen Initiative eines „Komitees für handwerkliche Ausbildung der marokkanischen Juden“ entstanden ist und die in den wenigen Jahren ihres Bestehens bereits große Erfolge zu verzeichnen hat; da sind . Zicei Generationen marokkanischer Juden. — Rechts: Rabbi Pinchas Cohen, Präsident der Jüdischen Gemeinde in Marakesch, der älteste Zionist im Lande. weitere Vereinigungen, meistenteils zionistische oder pro-palästinensische, deren Aktivität von der „Commission Executive de la Federation Sioniste de France“ (Section du Maroc) koordiniert wird, zum Beispiel „Maghen David“, „Oliaries Netter“ usw. * Frankreich als marokkanische Profcektoratsmacht unterstützt den Aufstieg des Judentums nach Kräften. Denn das marokkanische Judentum ist ein bedeutsames Element für Ruhe, Ordnung und Wohlstand im Lande und stellt den vorzüglichsten Mittler zwischen den muselmanischen Eingeborenen und den Europäern dar. Und indem das marokkanische Judentum an seiner eigenen Entwicklung arbeitet, nimmt es gleichzeitig' teil an jenem Werk der Solidarität aller Völker, das von den Besten der Menschheit unternommen worden ist, es trägt das Seine dazu bei, das Ideal der sozialen Vollkommenheit zu erreichen, dem heute die größten Köpfe und edelsten Herzen der Erde ihr besten Kräfte widmen. All die Einrichtungen, die in den einzelnem Städten Marokkos geschaffen werden, sind Fackeln, die sich entzünden, um die Geister zu erleuchten und sie in ihrem Aufstieg zu leiten. Der Zeiger an der Eutwioklungsuhr der Menschheit zeigt, daß die Stunde des marokkanischen Judentums schlägt... J. T. (Casablanca), Am dem Jxakiat JloeeU HmcUohoU im BatyCoMsekeH tedmüd Gewählt und berichtet von Sdialom Ben-Chor in Um der Gemeinschaft willen In den Tagen, da die Lehre noch von Javne ausging, entbrannte ein Lohrstreit zwischen Rabbi Joschuah und dem Rabban Gamliel: Beide hatten Tag lind Stunde der hochheiligen Feste berechnet und waren zu verschiedenerlei Ergebnis gekommen. Es war aber der Rabban Gamliel der Fürst des Gerichtes dieser Zeit und so befahl er Rabbi Joschuah, er sollte am Tage, da nach seiner Berechnung Sühnetag sei, mit Wan der stab und Geld vor ihn hintreten. Der Befehl lastete schwer auf Rabbi Joschuahs 'Seele und er saß in tiefer Trauer auf der Erde. So. traf ihn Rabbi A k i b a an, der zu ihm gekommen war, um ihm allerlei Tröstliches aus der Schrift zu sagen. Und Rabbi Akiba hub an zu sprechen und also war seine Rede: „Ich will dir aus der Thora Gottes beweisen, daß es recht und richtig ist, den Sühnetag mit der Gemeinschaft Israels zu begehen — selbst wenn sie sich in der Berechnung irrte. So steht geschrieben: ,Dies sind die Gezeiten des Herrn, heilige Ausrufungen, die Ihr amsrufen sollt bei eurer Zusammenkunft4 — gleichviel, ob zur rechten oder Unrechten Zeit.“ Und da er noch redete, gesellte sich Rabbi Dosa ben Arkino zu, und auch er tröstete Rabbi Joschuah, indem er sprach: „Wahrlich, wolltest du Rabban Gamliels Gerichtshof überprüfen, so müßtest du alle Gerichtshöfe Israels seit dem Tage Moschehs nachprüfen — und die Welt käme aus ihrer Ordnung.“ Da erhob sich Rabbi Joschuah, nahm Wanderstab und Geld zur Hand und zog nach Javne, um an dem Tage, da er vermeinte, es sei Sühnetag, vor Rabban Gamliel hin'zutreten. Der erhob sich, umarmte und küßte Rabbi Joschuah und rief: „Tritt ein im Frieden, mein Meister und Schüler, mein Meister an Gottesgelehrsam-, keit, mein Schüler, weil du meine Worte nicht verwarfest- und dich ihnen fügtest. Wohl dem Geschlecht, in dem Große den Kleinen — und wie viel mehr Kleine den Großen um der Gemeinschaft willen dienen.“ Der Jubelgesang Einst fragen die Schüler des Rabbi A b a li u ihren Meister, warum man am Neujahrsfest und am Sühnetag keinen Jubelgesang singe. Und Rabbi Abahn erwiderte ihnen: „Sehet, ihr gleichet den Boten des Dienstes, die da vor dem Heiligen — er sei gesegnet — traten und ihm dieselbe Frage vorlegten. Und er sprach zu den Boten des Dienstes: Wäre es denn füglich, während der König der Welt auf seinem Throne sitzt und das Buch des Lebens und des Todes auf seinen Knien aufgeschlagen liegt, um der Menschen Namen darin aufzuzeichnen — sein Volk Israel ihm lobsänge?!“ Das Verdienst der Väter Als seine Schüler Rabbi A b a h u fragen, warum man am Neujahrsfeste gerade in ein Widderhorn stoßen müsse, antwortete er ihnen: „Der Heilige — er sei gesegnet — spricht: Stoßet vor mir in des Widders Horn, damit Ich eingedenk bin eures Vaters Abraham, der mir seinen einzigen Sohn Jizphak darbringen wollte — und da es ihm mein Bote wehrte, ergriff er einen Widder, der sich in einer nahe Hecke festgerannt hatte, und metzte ihn statt seines Sohnes. Stoßet vor mir in des Widders Horn und ich will es euch anrechnen, als hättet ihr euch auf die Schlachtstatt binden lassen_gleich Jizchak — und wäret bereit gewesen, mir euer Liebstes zu opfern — gleich Abraham. Vom verborgenen Sinn der Schrift In der Legende um Hagar, die am Neujahrsfest aus der Thora Gottes verlesen wird, heißt es: Gen., XXI., 17. „Denn Gott hörte des Knaben Stimme, so wie er eben da war.“ Rabbi Jizcliak deutete den verborgenen Sinn dieser Stelle: Aus dem „so wie er eben da war“ mußt du entnehmen, daß der Heilige — er sei gesegnet — den Menschen nur nach seinen jeweiligen Verdiensten und Sünden richtet. Haclintitfoishelm Gew. Sdiolnadihilfe d. Wr. Kinder. Udo * Sport im Freien U 14-008 nur V. 8-9 Uhr abds. SpfldlBll In der Jugend wird der Charakter geformt: Richtige Erziehung, ein paBsendea Milieu können für das ganze spätere Leben Ihres Kindes von Bedeutung sein

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