Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 674 (3.9.1937)
- Date
- 1937-09-03
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Freitag. 3. September 1937. — Nr. C74. DIE STIMME Satt# : Die österreichischen Strommeisterschaften Ein Erfolg der jüdischen Schwimmer. Es gehört, zur Tradition des Schwimmklmbs Huk nah. daß seine Seihwimmer und Schwimmerinnen im Stromschwimmen Höchstleistungen vollbringen. Noch zur Zeit, als die Srrommcistfrse.haft im Donaukanal als „Quer durch Wien” ausgetragen wurden, waren Hedy W■erthoimer. Fritzi Löwy und Alfred iluth alljährlich die sicheren Sieger. Seit diese Meisterschaften in die Provinz verlegt wurden, wurde es für die Hakoahner wohl schwerer, weil sie oft uuter antisemitischer (.reger.Stimmung, zu leiden hatten, ihre Siege konnten .ihnen jedoch, wenn sie antraten, nur durch Disqualifikation genommen werden, wie 1932 in Krem s, wo sie überdies noch Opfer eines feigen Überfalls wurden. Noch im 3 orjahr konnten in Linz ein Jugendschwimmer und eine Jugendschwimmerin der Hakoah die beste Zeit aller Teilnehmer erreichen, und nicht anders war es bei einem kleineren Strombeweib in diesem Jahr, anläßlich deg Polizei- Sportfestes. aus welchem Knlka und Annemarie Pick als Sieger hervorgingen. So gingen die jüdischen Schwimmer auch zu den Strommeisterschaften 1937, die nach einigen Verschiebungen diesmal auf d< 7>i km langen Strecke Hohem—Klosterneubur; in Niederösterreich stattfanden, mit guten Aussichten. Bei derartigen Bewerben, wo es nicht nur auf das Können, sondern auf die Ausnützung der an jeder Stelle verschiedenen Strömung ankommt, spielt immer auch ein gewisses Gliicksmoment mit und macht den Ausgang. viel ungewisser, als dies sonst beim Schwimmen zu sein pflegt. Doch eines muß inan sagen: Wenn es auch Vorkommen kann, daß der Beste weit hinten bleibt, wenn er in totes Wasser gekommen ist, so kann doch immer nur ein sehr guter Schwimmer diese anstrengende Konkurrenz gewinnen. Man denke nur, was es heißt, bei Wasser von 13 Grad Celsius (11 Grad Reaumur) fast drei Viertelstunden zu kämpfen, und man wird dann verstehen, daß die Vereine, die eine große Anzahl vpn Schwimmern unter solchen Umständen mit Erfolgchancen zum Start bringen, schon damit eine hervorragende Leistung vollbringen. Und da stand die Hakoah. an der Spitze: von ihr traten die meisten Teilnehmer an (obwohl die beiden aussichtsreichsten Schwimmerinnen noch immer gesperrt sind und die vorjährige Jugendsiegerin Rene Mittler in die Tschechoslowakei übersiedeln mußte) und die Hakoah hatte vor allem mit Ausnahme einer erkrankten Sohwimmerin im Gegensatz m anderen Vereinen keine Absage. So sah man bei den Herren fünf Hakoahner, darunter drei Jugendschwimmer, und bei den Damen zwei Hakoahnerinnen, beide Jugend- .Schwimmerinnen, in Höflein dick mit Talg eingefettet, auf das Startkommando wartend, um in die durch Hochwasser stark angeschwollene und dadurch auch viel reißendere Donau zu steigen. Allgemein gab man bei den Damen Annemarie Pick die besten Aussichten, während Gerda Lichtner, die aus beruflichen Gründen in der letzten Zeit weniger trainieren konnte, nur als „Outsiderin“ in den Kampf ging. Bei den Herren lag der Sieg, da zwei favorisierte Ewasc-Leute nicht antraten, zwischen Hnatek (Ewasc) und Kulka. Bei den Herren wickelte sich der Kampf auch sozusagen programmgemäß ab. Kulka und Hnatek lösten sich gleich am Anfang von der übrigen Gruppe lo-s, wobei Hnatek, der hervorragend schwamm, von vornherein einen kleinen Vorsprung hatte. So blieb es etwa 4 bis 5 km lang, bis Kulka den ungünstigeren Weg, in der Kurve der Donau wählend, ein großes Stück verlor, das er nicht mehr einholen konnte. So wurde er — zwar in sehr guter Zeit, aber immerhin im ziemlichen Abstand — Zweiter. In einiger Entfernung hinter ihm gab es bis zum Ziel einen sehenswerten Kampf zwischen den beiden jungen Schwimmern der Hakoah, Julius B1 u t s t e i n und Kurt Steiner, den der erstere durch größere Geschicklichkeit.im letzten Augenblick knapp für sich entschied. Beide erreichten eine glänzende Zeit, und ljesonders die Leistung Steiners, der sich heuer im Sommer in Pörtschach im Trainingslager Zsigo Wertheimers sehr verbessert hat, ist anerkennenswert. Ihnen folgten die beiden Hakoahner Erich Feingold und Otto Fischer, so daß der zweite bis sechste Platz von Hakoahnern besetzt war, was auf die zahlreichen Besucher beim Ziel sichtlichen' Eindruck machte. Viel überraschender ging es bei den Schwimmerinnen zu. Auch hier konnte sich programmgemäß Annemarie Pick gleich zu Beginn an die Spitze setzen, während ebenfalls „programmgemäß“ Gerda Lichtner im Hintertreffen kämpfte. So ging e3 aber nur bis zur Mitte der Strecke. Hier kam Annemarie Pick, die zu früh gegen das rechte Ufer wendete, in totes Wasser und hatte dann, während sie von allen übrigen Schwimmerinnen überholt wurde, eine ungeheure Arbeit zu leisten, um wenigstens noch Tm Mitteltreffen zu enden. Dagegen kam Gerda Lichtner gerade in der Zeit mächtig auf, überholte eine Gegnerin nach-der andern und siegte schließlich in schönem Stil crawlend, weit überlegen vor dem übrigen Felde. Ebenso wie alle übrigen Hakoahner und Hakoahnerinnen, stieg sie, ohne das geringste Zeichen von Müdigkeit und Kälte, aus dem Wasser und wollte zuerst an ihrem Erfolg gar nicht glauben. Mit ihr (sie ist 17 Jahre alt) hat o i n o . j ii d i s c h e Schwimmerin den Ehrentitel einer österreichischen Staat sm ei sterin erworben, die seit frühester Jugend der Hakoah angehört und sich durch besondere Pflichterfüllung und besonders tadellose Gesinnung jederzeit ausgezeichnet hat. Ihre Fre.ude und iljr Erfolg wurde von der ganzen Hakoah geteilt. *! bRIEK-STUMB rv&n trin TT Von Ch. Fränkel Kinder, ihr habt gewiß gehört, daß dieses Jahr ein Schaltjahr sein wird. Wir werden einen Monat (Adar scheni) mehr, also dreizehn Monate haben. Warum ist es nun, daß wir im jüdischen Kalender manchmal zwölf und manchmal dreizehn Monate haben? Das will ich euch kurz erklären. Wieviel Tage hat ein Jahr? 365. Wieviel Tage hat ein Mondmonat? 29)4. Der jüdische Kalender besteht in der Regel aus zwölf Mondmonaten (abwechselnd je 30 und 29 Tage). Das ganze regelmäßige Jahr hat also 354 Tage und manchmal (wenn sieben Monate je 30 und fünf je 29 Tage haben), 355 Tage. Es bleiben also zum ganzen Jahr (wie es der allgemeine: Kalender hat), 10. beziehungsweise 11 Tage; übrig. Dafür ist der Jahresanfang (Rosch haschanah) veränderlich, manchmal früher und manchmal später. Um aber das auszugleichen, . wird in der Regel jedes dritte Jahr ein Schaltjahr, das ist mit noch einem Monat (Adar scheni), das ist ein Plus von 30 Tagen. Um das leichter zu erklären, nehmen wir ein Beispiel: Heuer ist Rosch haschanah am 6. September. Wenn nicht das Schaltjahr eingesetzt wäre und das Jahr nur zwölf Mondmonate hätte 354 Tage, so würde nächste Rosch haschanah 5699 am 25. August sein, und das Rosch haschanah 5700 am 14. August, 5701 am 3. August usw., so daß in ein paar Jahren Rosch haschanah im Frühling wäre! Darum schal ten wir einen Monat ein und verlängern das Jahr um 30 Tage. Sowie zum Beispiel das kommende Jahr 5688 hat (13 Monate, 8X30 und 5X29) 385 Tage, beginnt am 6. September 1937 und endet am 25. September 1938. Hauptfest- und Feiertage sind: Rosch haschanah, Jom Kippur, Sukkot mit Schemini azzeret und Simchat Tora, Pessach und Schawuot. Halbfeiertage sind: Chol-hamoed (von Sukkot und Pessach), Chanukkah, Purim, Lag-baomer und Chamischah assar. Die „Kinder-Stimme" hat Geburtstag // Vor einem Jahr erschien die erste Nummer der „Kinder-Stimme“. Damals war sie noch ganz klein — in dem einen Ja.hr ist sie ein bißchen gewachsen und hat verschiedene Kleidchen bekommen. Die Kinder, denen die „Kinder-Stimme“ bis jetzt Freude gemacht hat, müssen von heute an auf unser Geburtstagskind besonders achtgeben. Es ist noch so jung, daß man ihm helfen muß zu wachen, und das kann jeder von euch durch seine Mitarbeit — indem er seine Meinung, seine Gedanken zu unseren Inhalten mitteilt und durch seine Teilnahme — indem er das, was ihm gefällt, andern Kindern zeigt. So kann die „Kinder-Stimme“ ein ganz großes Kind werden. Die Jungfrau Israels Von Wilhelm v. Humboldt. Mit Stolz ich auf die Nachbarvölker blicke, Weil uns der Herr zu seinem ausencählet, Und Judas Flammenschwert gestählet, Zu bändigen der Heiden freche Tücke. Die Blume reiner Frömmigkeit ich pflücke Und uns kein Segen der Verheißung fehlet; Drum Davids heil’ger Harfe laut vermählet Zum Dank empor ich meine Stimme schicke. Wenn auch zerstört sind Zions Tempelmauern, Und wir, zerstreut in allen Ländern, trauern, Doch edler Stolz in unserem Busen glühet. Dem bis zur Weltzerstörung Zorngerichte, Doch in der völkerwägenden Geschichte, Hein, unvermischet unser Zwölfstamm blühet. Ein Wort an die Mütter Ein gutes Neues Jahr auch den Müttern unserer Kinder! Und eine Bitte: Viele Mütter, das erfahre ich immer wieder — lesen die „Kinder-Stimme“ gerne — und zeigen sie nicht ihren Kindern! Also bitte: Wenn euch selbst die „Kinder- Stimme“ gefällt, laßt eure Kinder an ihr teilhaben. Sicher werdet ihr gemeinsam noch mehr Anregung empfangen und auch;eben. Wer kamt das? Uber einen Span hüpfen. Ein Holzspan oder ein Zweiglein wird auf den Boden gelegt. Der Spieler muß eich bei den Zehen fassen und nun darttborsprimgen, darf aber beim Sprung die Zehen nicht loslaßisen! 'S Ein Jahr „Kinder-Stimme“ Den lieben kleinen und großen Mitarbeitern an der „Kinder-Stimme“ (alle konnten aus Raummangel nicht angeführt werden — bitte kränkt euch nicht, ihr kommt ein andermal dran) — widmet folgende Knittelverse Die Redaktion der „Kinder-Stimme“. Gar fein und sauber — wie mit dem Lineali Hat für uns gezeichnet die Gusti Finali. Die „Kinder-Stimme“ — ich verdank’ ihr Mein erstes „Gedrucktes“ — sagt Leo Anki er. Vom vielen Raiten schon schwarz wie em Neger Machen uns Kreuzworträtsel von S. Jä g er. * Vom Lagerleben — Sport — und Spiel Erzählt uns die Rosl W ag schal viel. * Helene G. mit Geschichten und Bildern, Möcht ausschließlich Helden und Tiere schildern. * i Erez Israel — V all y H eil er, Schreibt öfter als Wiener Kmder — und schneller. M: Ki anbei n lugt scharf nach Kamm und Gasdol, Damit ms kein NörgW wnd Kritiker groll. * Euch allen wünscht Scha/rmh towah, Voll Herzlichkeit, eur e Dodahl Rätselecke Auflösung des hebräischen Rätsels: Markt pMt> (Mehrzahl Schenkel pi$ ( D'pW) Hebräische Spruchweisheit |Von unsem Kindern in Wien Von Viktor Klemperer (aus den „Hebräischen Melodien“ von Dr. J. " Gibst du öffentlich Almosen, Schenkst du dornenvolle Rosen, Mehr als Hunger wird Beschämung- Einern edlen Sinn zur Lähmung. Ein Fürstenschloß zerfalle zu Ruinen, Es bleibt vom Adelglanz erschienen. Ein Düngerhaufen mag sich turmhoch heben, Ihn wird der Dunggeruch umschweben. Tauben kennen kein Erlahmen, Dürfen sich mit wundersamen Flügeln wechselweise regen: Hängt der linke, strebt der rechte Himmelwärts mit starken Schlägen. So erflehte Taubenschwingen Der Psalmist, emporzuzwingen Unaufhaltsam seinen Pfad! Hing der Fittich des Gedankens, Trug der Fittich r ein er Tat. Bei einer Kinder-Theatervorstellung, die ich einmal veranstaltete, wurde ich von einer Mutter telephonisch angerufen: „Liebe Dodah Lilli, ich kann meinen Jungen nichl abholen, könntest du ihn vielleicht selbsi zu mir begleiten?“ Ich versprach es und ließ mir den Weg, zu dem ziemlich entfernten Bezirk, erklären. Nachher fuhren wir, Heini und ich, per Tramway hin. Beim Verlassen des Wagens sagt der .sechsjährige und gescheite Heini zu mir: „Ich weiß da einen kürzeren Weg, den werd* ich dir zeigen.“ Da er ein sehr guter Beobachter ist,.überließ ich mich seiner Führung. Nach einer Weile merkte ich, daß er mich ganz falsch führte. „Was soll das heißen? Du führst mich ja ganz aus der Richtung deiner Gasse. So kommt man doch nicht hin!“ „Ja, weißt du“, antwortete mir tief befriedigt und strahlend der Junge, „ich haib’ diesen Umweg gemacht, damit du die Wienerstadt besser kennenlermst.“