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Die Stimme · 1937-09-03 · Heft 674 (3.9.1937) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 674 (3.9.1937)
Date
1937-09-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Wien, Freitag, 3. September 1937. — Nr. 674. STIMMI Sette 3 Jom ha-Din Eine zeitgemäße Rosch Haschanah' Betrachtung Von Rabb. Dr. Josef Babad (Klagenfurt). Der Tag des himmlischen Gerichtes, der alljährlich wioderkehrende Zeitpunkt göttlicher Rechtsprechung — — das ist nach altjüdischer Tradition unseres Neujahrs tages höchster Sinn und Bedeutung. Nur so ist das Bangen und die an diesen heiligen Tagen ins Transzendente gerichtete Spannung der jüdischen Volksseele zu verstehen. Wohl können auch jeder Tag und jede Stunde des Jahres die himmlische Entscheidung herbeiführen (Talmudtraktat Rosch Haschanah 16a), doch gilt als spezifischer Gerichtstag Über menschliches Geschick Rosch Haschanah. Denn viermal im Jahre, verkündet eine Mischna, stehe die Welt unter streng-göttlicher Jurisdiktion: Zu Pessaoh erfolge das rigorose Examen der Feld-, zu Schawuoth das der Baumfrüohte, zu Sukkoth das des Wassers und endlich zu Rosch Haschanah das des menschlichen Seins. In diese von höchster Gewissenhaftigkeit und Ethik getragene Weltanschauung jüdischen Geistes und jüdischen Gemüts führt uns die Liturgie des Neujahrs tag es insbesondere im „Un'sane tokef“, jenem anschaulichen Poem des göttlichen Gerichtstages über Menschen und Menschenschickeal, die der Weltenherr ,,kewakarath roeh edro“ wie der Hirt seine Herde prüft und mustert. Wir lassen unseren Lebensinhalt und Lobenswert durch die göttliche Gerechtigkeit untersuchen, wir unterziehen uns aus freien Stücken einer höheren, unerbittlich gerechten Kritik über unser jüdisches Sein. Unser gottgewolltes, jüdisohbedingtes Gewissen richtet über unser Tun. Es ist eine Selbetprlifung und eine Selbstkritik im höchsten und religiösesten Sinne. ' Haben wir unser jüdisches Schicksal gemäß den historischen Forderungen unseres Glaubens und unserer Herkunft erfüllt?, so lautet heute die Fragestellung. Denn jüdisches Einzelsohioksal war und ist nie — und besonders jetzt nicht — vom Vol-kseohicksal des Judentums zu trennen. Das vegetierende Leben eines Juden ohne jüdischen Lebensinhalt — — gilt es noch als jüdisches und menschenwürdiges Dasein? Auf diese Frage haben bereits die Geschehnisse der letzten Jahre ein kategorisches Nein erwidert. Aber hat diese Erkenntnis in den Herzen aller Juden endlich Platz gegriffen? Wie viele leben noch heute in dem wahnwitzigen Taumel einer egozentrischen, vom Schicksal des Volkes fernen Lebenseinstellung! Solche kritische Gedanken müssen jeden gewissenhaften und klar denkenden jüdischen Menschen am Jom ha-Din auf wühlen und zur Theschuw a, zur vollkommenen Rückkehr zum erwachenden Judentum gemahnen. Der große jüdische Gerichtstag al6 Jahresanfang ist dazu da, um besonders die Schwachen und Wankelmütigen, die nicht sattelfest ihr jüdisches Schicksal meistern können, die Beziehung zu Volk und Glauben ins Gedächtnis zu rufen, ihnen also einen Halt und ein Zusammenhalten am großen gemeinsamen Judens chioksal zu gewähren. Wer die Sprache dieser „Malchujoth, Sichronoth und iScbofroth“, dn’eso majestätisch laut dröhnenden Mahnworte nicht versteht oder nicht verstehen will, wer den „Tag dos jüdischen Gewissens“, den Jom ha-Din, ohne Selbstprüfimg vorübergehen läßt, von dem müssen die Pioniere jüdischer Zukunft, all die wertvollen, von wahrem Judentum gespeisten Teile unseres Volkes eindeutig und konsequent abrücken, ihn gleichsam aus der Gemeinschaft jüdischen Aufba.u- und Erneuerungswülens bannen. Er ist nur ein Ballast für den beschwingten Genius des Judentums. Das „Buch des Lebens“ und das „des Sterbons“ liegen, heute mehr denn je dem jüdischen Auge sichtbar, zur Alternative offen! Die Frist der Entscheidung ist äußerst begrenzt. „Die Rechtschaffenen werden Begleich ins Buch des Lebens geschrieben, die Bösowichte in das des Sterbens; den Indifferenten wird nur die kurze Frist der Bußetage zur Um- und Rückkehr gegeben.“ Das Schicksal von Judentum und Judenhoit ist heute einander bedingend und bindend. Der Wendepunkt in der Gestaltung unseres Geschicks ist ein Jom ha-Din. Nicht nur die Führer des jüdischen Volkes sind für ihien Entscheid verantwortlich, sondern DAS IST DAS ECHTE NEROL NATURREINES KOKOSNUSSFETT Die Erzeugung steht unter Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn Bezirksrabbiners S. Ehrenfeld zu Mattersburg. wir alle sindBürgen und Bürger jüdischer Zukunftsformung. Wir müssen Rechenschaft ablegen, ob jeder von uns in fleckenloser Reinheit aktiv an dem großen Werke mitarbeitet, das Normalisierung unseres volklichen und nicht zuletzt religiösen Lebens zum Ziele hat. Der Sohofärton, den wir dieser Tage hören, soll uns Freiheitsposaune werden, von der es in; der Heiligen Schrift heißt: „Und es wird der große Sohofar erschallen und es werden herbeikommen die Verlorenen im Lande Aschur und die Verstoßenen in Mizrajim und sich bücken vor dem Ewigen auf dem heiligen Berge in Jeruscholajim.“ Jerusalem und seine Burg Zion, die heißerstrebten Endziele jüdischen Erneuerungs willens, sind dem jüdischen Volke laut göttlicher Zusage Vorbehalten. „Denn es kommt der Tag, da rufen werden die Winzer auf dem Gebirge Ephraim: „Auf, laßt uns , ziehen nach Zion zu Gott, unserm Herrn!“ (Jeremia 31, 5.) Zurückgefunden im Schoße altjüdischer Gläubigkeit und Staatlichkeit „werden sie zieh’n und jubeln auf der Höhe Zions und herbeiströmen zu den Gütern göttlicher Gnade!“ Protest des Wand Leumi Neuerliche Verschärfung der Lage in Palästina Jerusalem, 1. September. (JTA.) Die gespannte Lage in Palästina hat sich in den letzten 24 Stunden weiter verschärft. Au® mehreren Teilen des Landes, insbesondere aus Tel-Aviv und Jerusalem, werden eine Reihe von Terrorakten gemeldet. Eine Delegation des Waad Leumi (Jüdischer Nationalrat) hat beim Distriktskommissar Keith Roach vorgesprochen und scharfen Protest gegen die jüngsten Terrorakte erhoben, bei denen drei Juden getötet und mehrere verletzt wurden. Der Distriktskommissar erklärte, die Regierung sei noch nicht in der Läge festzustellen, wer die Verantwortung für die Zwischenfälle trage. Der unmittelbare Anlaß sei ein Angriff auf arabische Arbeiter aus Um el Chald gewesen. Die Mitglieder der Delegation erwiderten, der Jlschuw habe zu der Palästinaverwaltung kein Vertrauen. Sie habe sich entweder nicht fähig oder nicht willens erwiesen, die Unruhen im Keime zu ersticken, da die Rädelsführer und Hetzagitatoren noch immer auf freiem Fuß belassen worden sind. Im Laufe des Dienstag, 31. August, wurden an allen Moscheen Jerusalems von Fauzi Bey el Kaukadyl, der Führer der arabischen Terrorgruppen, während der Unruhen 1936, Unterzeichnete Plakate angeschlagen, in denen die Araber Palästinas aufgefordert werden, den Guerillakrieg zu erneuern und sich gegen die Juden zu bewaffnen. In der Nacht zum 30. August wurden auf die südlichen Vororte von Tel-Aviv „Kirjat Awoda“ und „Agro-Bank“ 15 Schüsse abgegeben. —- An der Grenze von T e 1-A v i v upd Jaffa wurde ein Jude von Arabern überfallen und durch Messerstiche schwer verletzt — Bei dem Bombenanschlag in der Hacarmel-Straße in Tel-Aviv am Montag, der, wie sich nachträglich herausstellte, von Arabern verübt worden war, wurde der 65jährige jemenitisch* Jude Chaim Girassi schwer verletzt. Er wurde ins HadasSakrankenhaus gebracht. Auf die Polizeistation von Nablus wurden von bewaffneten Arabern mehrere Schüsse abgegeben. — In der Jerusalemer Vorstadt Sanhedria wurden zwei Araber getötet. Die Leiche eines dritten Arabers wurde am Fuße des Karmel in Haifa aufgefunden. Für die Polizei ist erhöhte Bereitschaft angeordnet worden. Panzerwagen und schwer bewaffnete Polizeiabteilungen patrouillieren durch die Straßen von Jerusalem und Tel-Aviv; größere Militärabteilungen sind in verschiedenen Stadtteilen zusammengezogen worden. Wegen der in den Grenzgebieten herrschenden starken Spannung wurden zur Unterstützung des transjordanischen Grenzkorps für die Bewachung der Grenze zwischen Transjordanien und Saudi-Arabien Luftstreitkräfte herangezogen. Von zuverlässiger Seite wird berichtet, daß die Araber der jüdischen Siedlungen benachbarten Dörfer Schützengräben ausheben und militärische Übungen abhalten. Der Waad Leumi hat einen Aufruf an den Jischuw, insbesondere an die jüdische Jugend, erlassen, Besonnenheit zu wahren und sich nicht provozieren zu lassen. Die hebräische Tagespresse warnt die Palästinaregierung und macht sie bereits jetzt für eine eventuelle Wiederholung der Unruhen verantwortlich. „Davar“ erklärt, solange die Organisatoren der Terrorakte nicht entwaffnet und unter Schloß und Riegel sind, werde es in Palästina keinen Frieden geben. „Haarez“ ruft den Jischuw zur Einigkeit auf. Militärische Konferenzen Jerusalem, 2. September. Das Wochenende war in mehreren Teilen Palästinas durch eine Verschärfung des arabischen Terrors gekennzeichnet. Die blutigen Terrorakte im Laufe des Sonntags und Montags, bei denen drei Juden getötet und mehrere Juden verletzt wurden, haben die Befürchtung geweckt, daß Palästina am Vorabend neuer Unruhen steht. Angesichts der äußerst ernsten Lage sind die militärischen Kommandanten der britischen Streitkräfte zu einer Besprechung zusammengetreten, um die Maßnahmen zu erörtern, die im Falle des Ausbruchs neuer Unruhen ergriffen werden sollen. Es verlautet, daß auch die Möglichkeit der Verhängung des Kriegsrechtes erörtert wurde. Der Konferenz wohnten der bisherige Oberkommandierende in Palästina, Generalleutnant Sir John Dill, und der vor wenigen Tagen erst im Lande eingetroffene neue Oberkommandierende, Generalmajor W a v e 11, bei. Außerdem wurden In ganz Palästina die Polizeiabteilungen verstärkt. Das Begräbnis Berkovskys Am 80. August fand in Tel-Aviv das B eg v ä b n i s des in einem Autobus auf der Fahrt zwischen Tel-Aviv und Jerusalem erschossenen jüdischen, Schneiders Abraham Berkovsky statt. Das Begräbnis, an dem weit über 6000 Personen teilnahmen, gestaltete sich zu einer jüdischen Manifestation,. Berkovsky hinterläßt eine Frau und sieben Kinder. Die bei einer Brunneninspektion in der Nähe von Karkur aus dem Hinterhalt erschossenen jüdischen Arbeiter konnten inzwischen agnosziert werden. Es handelt sich um den 32jährigen Daniel S t a n i e c k i und um den 30jährigen Iser Bankus, die beide aus Grodno in Polen stammen. Die Leiche von Bankus war von den Arabern in den Brunnen geworfen worden. Infolge der jüngsten Vorfälle in Jerusalem wurden die Polizeipatrouillen verstärkt. Verdächtige Personen werden angehalten und nach Waffen durchsucht. Im Laufe des Montag wurden mehrere Haussuchungen vorgenommen. „Davar“ verlangt die Bewaffnung der jüdischen Au tobu s-Ch au ffeure. Das Blatt betont, daß jene Optimisten, die geglaubt hatten, daß der arabische Terror aufgehört habe, im Irrtum waren; es sei dringend notwendig, die jüdischem Autobus-Chauffeure zu bewaffnen, um den Angriffen bewaffneter Araber auf den Landstraßen begegnen zu können. Der Oberkommvissär hat seine Urlaubsreise verschoben und bleibt in Jerusalem.

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