Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 671 (24.8.1937)
- Date
- 1937-08-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seit« 4 Oll ITIMMI Nr. 671. — Wien, Dienstag, 24. August 1987. Das Geheimdokument Weizmanns Protokoll über seine Unterredung mit Ormsby-Gore London, 19. August'. (JTA.) Die Londoner jüdische Wochenschrift „Jewish Chronicle“ veröffentlicht, wie schon kurz berichtet, ein ihr vom Vorsitzenden der Judenstaatspartei >1 e i r Großman übergebenes Dokument, welches in der englischen Öffentlichkeit sensationell gewirkt hat. Das Dokument stellt ein Memorandum des Präsidenten der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency Dr. Chaim Welzin a n n über seine Unterredung mit dem britischen Kolonienminister Ormsby- Gore dar. Groß man will durch Veröffentlichung dieses Dokumentes beweisen, daß Weizmann die Zionistische Organisation zum Teil bereits verpflichtet habe, den Palästina-Teilungsplan anzunehmen, ehe der XX. Zionistenkongreß noch getagt hat. Dem Memorandum zufolge habe Weizmann den Minister Ormsby-Gore über einzelne Abänderungen des Teilungsplanes befragt, insbesondere bezüglich der Subvention des jüdischen Staates an den arabischen Staat, der Einbeziehung der neuen Teile von Jerusalem in den jüdischen Staat, der Souveränität des Judenstaates, der Grenzziehung, des Hafens von Haifa usw. Aus den Antworten Onmsby-Göres, die Weizmann in dem Dokument aufzeichnet, wäre zu schließen, daß der Koloniemminister den Forderungen nach einzelnen Abänderungen des Planes durchaus nicht ablehnend gegenübergestanden hätte. Hauptsächlich aber in der Frage des Hafens von Haifa hätten sich Meinungsverschiedenheiten ergeben. Laut dem Dokument hätte Ormsby-Gore erklärt, daß sich die englische Regierung unter dem Druck der Verhältnisse entschlossen habe, den Hafen von Haifa, wo die Irak-Ölleitung mündet, von dem jüdischen Gebiet abzutrennen und lediglich das Stadtgebiet innerhalb der Grenzen des Judenstaates zu belassen. Weizmann habe gegen diesen Plan Einwendungen erhoben und erklärt, wenn der Hafen von Haifa vom geplanten Judenstaa-t äbgetrennt würde, so würde der ganze Plan der ernstesten Opposition seitens der Juden begegnen. Die Londoner Zeitungen, die die Veröffentlichung des „Jewish Chronicle“ wiedergeben, berichten ergänzend, daß Dr. Weizmann, der schon in Zürich weilt, auf telegraphische Anfrage erklärt habe, er habe wohl ein Memorandum über seine Unterredung mit Ormsby-Gore ausgearbeitet, welches aber geheim war. Er könne jetzt in Zürich nicht feststellen, ob die Veröffentlichung mit seinem Dokument identisch sei. Jedenfalls habe niemand das Recht gehabt, den Bericht zu veröffentlichen. Weiter heißt es in der Publikation: Im Verlaufe des Gespräches ist danach eine Reihe von Fragen behandelt worden, zu denen von jüdischer Seite eine Stellungnahme des Kolomenministers gewünscht wurde. So berührte Dr. Weizmann die Empfehlung der Kgl. Kommission, zwischen Tel-Aviv und Jaffa einen gemeinsamen jüdischen Hafen zu errichten, der unter britischer Kontrolle stehen soll. Minister Ormsby-Gore betonte, daß dies bloß eine Ansicht der Kommission sei. Es sei unsicher, ob diese Empfehlung aufrechterhalten werde. Die Frage der zeitweiligen Mandate über die vier ira jüdischen Staat gelegenen Städte sei nach Ansicht des Kolonienministers möglichst rasch zu liquidieren. Allerdings würde die Stadt Akko zweifellos zuletzt von England geräumt werden. Im Hinblick auf Haifa vertrete die britische Admiralität eine besondere Auffassung. Sie hätte in dieser Frage ihren Einfluß besonders geltend gemacht. Dr. Weizmann erwiderte darauf, daß er es für opportun halte, in diesem Falle mit der britischen Admiralität direkt zu verhandeln und durch einen direkten Vertrag die Angelegenheit zu ordnen. Dr. Weizmann brachte dann die Frage der Zolleinkünite und der an den arabischen Staat zu leistenden jährlichen Zahlungen zur Sprache. Er führte dabei aus, daß es für die Juden annehmbar erscheine, wenn dies durch einen direkten Vertrag zwischen Arabern und J u d e n entschieden werde und dio Angelegenheit nicht auf Grund einer einseitigen Empfehlung der britischen Regierung geregelt würde. Minister Ormsby-Gore .stirn m t. e dieser Ansicht z u. Weiter heißt es, daß auch die Frage der Internationalißierung von Jerusalem berührt worden ist. Dr. Weizmann machte darauf aufmerksam, daß die neuen jüdischen Viertel in Jerusalem unter die Gebietshoheit des jüdischen Staates fallen müßten. Der Minister meinte, daß es leicht möglich sein werde, diese Frage im Sinne der jüdischen Forderungen zu lösen, die er für g e r e c h t f e r t i g t halte. Dr. Weizmamm bemerkte, daß der Erfolg der Umsiedlung der arabischen Bevölkerung aus dem jüdischen in den arabischen Staat davon abhängig sei, ob die Regierung tatsächlich gewillt ist, diesen Vorschlag der Kgl. Kommission auszuführen. Er führte die Gründe an, weshalb er diesem Vorschlag eine so große Bedeutung beimesse. Der Negew für die Araber Minister Ormsby Gore schlug daraufhin die Einsetzung einer Kommission vor, die die Aufgabe haben soll, in Transjordanien oder im Negew Landstrecken ausfindig zu machen, die sich für eine Ansiedlung der Araber eignen, und die die näheren Bedingungen dieser Umsiedlungen festzulegen haben werde. Der Minister nannte hierbei den Namen von Sir John Ca m p b e 11, der in diesen Dingen reiche Erfahrung habe und hervorragenden Anteil an dem griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch genommen hat. Der Minister pflichtete der Meinung Dr. Weizmanns bei, daß die Frage der Ansiedlung im Hinblick darauf, daß man anstatt des Negew Galiläa den Juden gab, erhöhte Bedeutung gewinne. Dr. Weizmann warf dann die Frage des Ruthenberg-Kraftwerkes und der Konzession der Palestine Potash Company auf. Beide sind bekanntlich nicht nach den Vorschlägen der Kgl. Kommission der Hoheit des jüdischen Staates unterstellt. Der Kolonienminister führte aus, daß in den letzten zehn Tagen bereite Lord L y 11 o n, der Präsident der Palestine Potash Company, und Ingenieur. Ruthenberg ihm -in. dieser Angelegenheit hart zugesetzt hätten. Er müßte sich hierüber jedoch seine Entscheidungen Vorbehalten. Schließlich machte Minister Ormsby-Gore Dr. Weizmann weitere Andeutungen über die nächsten Absichten der Regierung in der Teilungsfrage. Zunächst werde er naoh Genf reisen, wo er hoffe, bereits Anfang Oktober das Mandat lo6 zu sein. Es würde daun eine internationale Grenzkommission eingesetzt werden. Ferner sei die Einsetzung einer F in anzk ommission in Verbindung mit der Kommission für die Umsiedlung in Aussicht genommen. Es würden danu auch die Vertragsverhandlungen zwischen Juden und Arabern beginnen. Die Erledigung des ganzen Problems würde ungefähr zwei Jahre in Anspruch nehmen, worauf provisorische Regierungen eingesetzt würden. Am Schluß des Gespräches wandte sieh der Minister an Dr. Weizmann mit der Frage, wie er persönlich über den Teilungsvorschlag denke. Doktor Weizmann antwortete, daß er persönlich für die Teilung Palästinas eintreten würde, falls die von ihm in dem Gespräche berührten Fragen günstig geregelt würden. Erklärung GroBmans Gegenüber dieser Erklärung Weizmanns macht Meir Großma.n in einer Gegenerklärung geltend, daß Weizmann gewußt haben müsse, daß sich das Dokument in seinen, Großmams, Händen befinde. „Als ich im Kongreß-Plenum sprach“, erklärt Großman weiter, „hatte ich dieses und andere Dokumente in der Hand, las einzelne Punkte aus ihnen vor, kommentierte sie und kam zu dem Schluß, daß Weizmann in einem bestimmten Maße die Zionistische Organisation gebunden habe, ohne hierzu, vor dem Kongreßbeschluß, auch nur eine Spur von Recht zu haben. Als Dr. Weizmann am Ende der Generaldebatte dio Schlußrede hielt, unterbrach ich ihn und sagte: „Ist es wahr oder nicht?“ Damals gab er dio Echtheit, der D o k um e ri t e zu. Seither sind zehn Tage vergangen. Er hätte mich, wenn er Zweifel an der Echtheit der Dokumente gehabt hätte, auffondera könne®, ihm die Dokumente zu zeigen, oder er hätte die Untersuchung sofort durchführen können, die er jetzt ankündigt. Aber es schien, daß er die Angelegenheit leicht nahm und den Enthüllungen keine Beachtung schenkte. Gmoßmian teilt mit, er habe die Dokumente in Zürich erhalten. Die Londoner Prease, die die Dokumentsenthüllung in großer Aufmachung behandelt., enthält sich im allgemeinen vorläufig der Kommentare. Lediglich „Evening •Standard“, der die Palästinapolitik der englischen Regierung seit längerer Zeit kritisiert, widmet der Angelegenheit einen Leitartikel, in welchem von der Regierung eine Erklärung verlangt wird, ob die Unterredung zwischen Ormsby- Gore und Dr. Weizmann tatsächlich in der veröffentlichten Form und unter Zustimmung der Regierung erfolgt ist; wenn ja, fordert „Evening Standard“ den Rücktritt des Kolonien m inister s.. Amtliche britische Erklärung Am Mittwoch, den 18. August, abends, verbreitete das Büro Reuter eine Erklärung „von zuständiger Stelle“, die ungefähr lautet: Zu dem vertraulichen Bericht einer am 19. Juli stattgefundenen Unterredung zwischen dem britischen Kolonienminister Ormsby-Gore und dem Zionistenführer Doktor Weizmann, der von dem „Jewish Chronicle“ publiziert wurde und Versprechungen Oransby-Gores enthält, denen zufolge der Palästina-Teilungsplan in wichtigen Einzelheiten abgeändert werden soll, wird in London an zuständiger Stelle erklärt, daß die britische Regierung sich zu keinerlei, in Einzelheiten gehende Abänderungen der Vorschläge, der Palästina-Kommission verpflichtet habe. Definitive Bestimmungen des künftigen Regimes in Palästina können jedenfalls erst nach der Völkerbundversammlung im September fastgelegt werden. Die vom Kolonienminister geführte britische Delegation wird im Wesentlichen die Annahme der Vorschläge der Palästina-Kommission verlangen. Die Zukunft Haifas, des Hafens, den Großbritannien mit. einem Kostenaufwand von über einer Million Pfund Sterling erbaut hat, und der eine besondere Bedeutung als Flottenstation im östlichen Mittelmeer besitzt, wird, ebenso wie andere Fragen, erst zu einem späteren Zeitpunkt entschieden werden. Hinsichtlich der kürzlichen französischen Note, welche Aufklärung über einige Punkte der britischen Palästina- Politik verlangte, erfährt Reuter, daß sich diese hauptsächlich auf den Teil des Memorandums bezogen haben, der feststellt, daß die Araber nach der Teilung in der Lage stein werden, gleichberechtigt mit der arabischen Bevölkerung der Nachbarländer hinsichtlich der Einheit und des künftigen Fortschrittes der Araber zusammenzuarbeiten. * * * Es wäre sehr notwendig, daß die Exekutive authentisch erklärt, ob das veröffentlichte Protokoll das echte ist oder nicht, und daß sie durch eingehende Untersuchung feststellt, wie das Schriftstück in die Hände der Opposition gelangt ist. Das fehlte noch, daß sich in der Zentrale jemand befindet, dem der Begriff des Amtsgeheimnisses fremd ist. Heute gerät ein Dokument in die Opposition, morgen kann es den Hakenkreuzlern in die Hände gespielt werden . . . Hat aber die Opposition richtig gehandelt, als sie das Protokoll nach dem Kongreß veröffentlichte? Daß Weizmann nach dein 8. Juli, dem Tag der Bekanntgabe des Peel- Berichtes, eich mit dem Minister in Verbindung gesetzt hat, ist Ausübung einer selbstverständlichen Pflicht, ist übrigens auch kein Geheimnis, denn alle jüdischen Blätter haben über die Tatsache der Aussprache berichtet. Und daß er bei dieser Gelegenheit mit dem Minister den Plan durchbesprochen hat, ist selbstverständlich. Über was denn sollte er mit ihm sprechen? Es kommt also darauf an, ob es Tatsache ist, daß Weizmann auf den Negew verzichtet hat . . . Die Exekutive muß Stellung nehmen. Die Veröffentlichung des Dokumentes aber ist ein sehr arger Fehler, denn sie erschwert alle kommenden Verhandlungen. Es hat bereits ein Londoner Blatt den Rücktritt des Ministers gefordert, der hinter dem Rücken des Kabinetts in Verhandlungen eintritt und die antisemitische Strömung erhält Material. Daß die Opposition auf dem Kongreß von dem Protokoll Gebrauch machte, ist noch immerhin verständlich. Daß sie aber nachher mit einer Publikation vorgeht, ist eine Überschreitung der Grenzen, die jeder Kritik gezogen sein müssen. Das Organ des britischen Kolonlalamtes über das J<udenproblem Der iudenstaal nicht ausreichend London, 20. August. (JTA.) Die Zeitschrift „Great B r i t a i n and t h e East“ befaßt sich mit der Debatte über die Teilungsfrage auf dem Zionistenkongreß in Zürich und stellt fest, daß die Zionisten vor einer schweren Wahl gestanden haben. Der von der Königlichen Kommission versprochene Staat sei eine winzige Sache, und bei aller Beredsamkeit Dr. Weizmanns sei es schwierig zu glauben, daß er vergrößert werden könnte. „Aber selbst wenn die Teilung vollzogen sein wird“, so schließt der Artikel, ,,w i r d das jüdische Problem bleiben, und das ist eine Frage, gegenüber welcher Engländer, als die Haupturheber des Gedankens der Errichtung eines Nationalheiins für die Juden, nicht gleichgültig bleiben sollten. Das jüdische Volk kann nicht vernichtet werden und sterben. Wo soll es siedeln und wo soll seine Ansiedlung vollendet werden? Muß der jüdische Staat in Palästina der einzige jüdische Staat sein? Gibt es kein Gebiet in dieser Welt weiter Räume, das jüdischer Fleiß und Opfermut fruchtbar machen könnten? Die westlichen Demokratien werden sich diesem Problem gegenübersehen, jetzt, da man die Grenzen erkennt, die Geographie und Geschichte dem Nationalheim in Palästina setzen. Aber Geographie und Geschichte können doch eine Lösung bieten und seihst eine Hoffnung für die jüdische Jugend, wenn nur die Menschen Vertrauen und Mut bewahren.“ Die Kenessio Gedauio Marienbad, 19. August. (JTA.) Die erste Plenarsitzung der III. Kenessio Geda/ulo begann am Mittwoch vormittags, wie bereits gemeldet, mit der Wahl des Präsidiums. Damm erstattete der Präsident der Agndah, Jakob R o s e n h e i m, den Tätigkeitsbericht, in welchem er sich in ausführlicher Weise mit den Fragen der Organisation, Finanzen und Propaganda befaßte. Zum Peel-Bericht und zur Teilungsfrage sagto Rosenheim, er glaube, daß der Teilungsplan von zionistischer Seite ausgegangen sei, da er zionistischer Denkungsart entspreche; dieselbe psychologische Einstellung herrsche auch im Colonial Office. 'Es sei ein Glück, daß weder die Zionistische Organisation noch das Colonial Office das jüdische, beziehungsweise das englische Volk repräsentieren. Die englische öffentliche Meinung werde sich ein Diktat des britischen Colonial Office nicht aufzwingen lassen. Die Frage sei nicht, ob die Zionistische Organisation oder das Kolonialamt dio Toilung wollen, sondern ob das jüdische und d a s a r a b i s c h e V o 1 k sie wollen. Wir protestieren, sagte der Redner unter dem Beifall dies Saales, gegen die .Vergewaltigung eines Volkes durch eime Partei. Bei meinem Verhandlungen mit den Mitgliedern der Mandatskommission habe ich volles Verständnis für diesen Standpunkt gefunden. Vorläufig hat nur eine Partei, nämlich der Zionistische Kongreß, gesprochen; die Agnidali wind eine Einheitsfront aller nichtzionistisohen Juden schaffen, um das Monopol der Zionisten zu brechen, dio dio ■Schwierigkeiten in Palästina als geeignete Gelegenheit ansallen, ihre Staatspläne zu verwirklichen. Agtidah-Biittdnis mit Jabotinsky Rosenheim ging danu auf die Frage eines Zusammengehens mit den Revisionisten und den von ihm und Jabotinsky gemeinsam gezeichneten Brief am Weizmann über, in welchem die Einberufung einer Roiunid- Table-Kouferenz gefordert wird, und sagte: Ob Jabotinsky odm guter Jude ist oder nicht, ist Nebensache; h i e r handelt e s s i c h dar u m, g em ti i n s am das Monopol einer Partei zu brechen, Was später sein wird,