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Die Stimme · 1937-08-10 · Heft 667 (10.8.1937) · page 3

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 667 (10.8.1937)
Date
1937-08-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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kWfon, Dienstag, 10. Autist 1087. — Nr. 667. Dü «TIMMI Salt« 3 alten Kulturvolk nicht. Man soll uns die Wahrheit sagen, wir haben es verdient. (In tiefer Erregung brach Weidmann an dieser Stelle seine Rede ab und bat um die Einfügung einer kurzen Pauee.) Nach der Pause erklärte Weltmann: Was wir am wenigsten verstehen, Ist die Verfügung der englischen Regierung, innerhalb acht Monaten 8000 Einwanderer ins Land zu käsen. Wir halten dies schon jetzt für einen Bruch des Mandats, und ich bin überzeugt, daß die öffentliche Meinung es genau so ablehnen wird, wie wir. Damit bin Ich mit meinen Bemerkungen zu Ende. Aus mir sprach der Schmerz eines Menschen, der zwanzig Jahre geschwiegen hat. Aber auch jetzt hoffe ich, daß trotz der schweren Enttäuschungen und bitteren Ungerechtigkeiten dieser Kongreß und die Juden der Welt nicht vergessen werden, daß die Administration in Palästina nicht identisch ist mit England. Es gibt noch ein anderes England, und dieses hat im Oberhaus und Unterhaus gesprochen. Was Lord Melchettim Oberhaus gesagt hat, haben wir von dem Sohne des verstorbenen Lord Melohett nicht anders erwartet, aber was der neue Lord Samuel gesagt hat, war auch nicht unerwartet. Vergessen wir nicht, daß die englische Regierung mitten in schweren Sorgen und Schwierigkeiten steht, und daß sie die einzige Macht war, die einen ernsten Versuch gemacht hat, einen Beitrag zut Lösung der Judenfrage zu bringen. In diesen verantwortungsvollen Minuten ein Wort an das arabische Volk: Wir wissen, daß der Mufti und Kaukadji nicht das ganze arabische Volk sind. Wir strecken den Arabern noch immer die Hand zur Verständigung entgegen, wenn die Araber unser Recht anerkennen, unser Heim in Erez Israel aufzubauen. Wie immer, sind wir auch jetzt bereit, zu verhandeln, aber wir, die verantwortlichen Männer und nicht Zwischenkäufer, welche sich in schwerer Zeit als Vermittler aufspielen. Wir brauchen nicht den Ratschlag von Samuel, daß wir den arabischen Nationalismus anerkennen sollen. Nun komme ich" zum allerwichtigsten Teil dessen, was ich zu sagen habe. Es ist im Bericht der Königlichen Kommission ein revolutionärer Vorschlag gemacht worden, der Vorschlag der Begründung eines Judenstaates auf einem Teil Erez Israels. Ich spreche nicht von dem Vorschlag, der im Blaubueh enthalten ist. Dieser Vorschlag ist unannehmbar. Ich spreche vom Prinzip und den Perspektiven, die ein solcher Vorschlag in Sich enthält. Ich glaube, daß es zwei Kriterien gibt, u?n den Wert eines solchen Prinzips zu bemessen: Ist dies eine Grundlage für den wirklichen Aufbau eines jüdischen Lebens? Und ich meine dies qualitativ und quantitativ. Sind wir imstande, auf Grund eines solchen Prinzips ein jüdisches Leben, wie wir es uns vorstellen, aufzubauen? Und der zweite Prüfstein ist: Liegt in diesem Vorschlag ein Beitrag zur Lösung der 'J U d e n f r & g e, die heute für uns und die ganze Welt eine ungeheure Gefahr bedeutet? Es ist die Pflicht des Kongresses, eine klare Antwort zu geben, ob eine derartige Lösung die zwei Fragen beantwortet. Man wartet auf diese Antwort in Warschau, in Bukarest, in New York und in Argentinien, und deshalb muß man sich zehnmal überlegen, welche Antwort man gibt. Jetzt ist die Aufgabe, die Antwort auf diese beiden Kriterien zu geben. Kann man diese Antwort geben oder kann man sie nicht geben? Ich glaube, ja, man kann sie geben. Nicht nur das, ich glaube, man muß! Die Wahl ist jetzt: eine jüdische Minorität in ganz Palästina oder eine kompakte Mehrheit in einem Teil. Ich sagte’ vor der Königlichen Kommission, daß sechs Millionen Menschen auf die Emigration warten. Da fragte mich ein Mitglied der Kommission: Können Sie denn die sechs Millionen nach Palästina bringen? Ich dividiere für unsere Generation diese Ziffer durch drei. Zwei Millionen Menschen, die das Leben vor sich haben und heute nicht das elementarste Recht besitzen, das Recht auf Arbeit, diese möchten wir retten. Ich sage meinen religiösen Freunden: Bedenket, vor wem und wovor ihr stehet. Es ist nicht die Frage einer Partei. Noch nie war in den 2000 Jahren die V e r a n t w o r t u n g so groß wie heute. Wir haben nicht genug Kraft, die Verantwortung au tragen, aber die Geschichte hat sie uns auferlegt und die Geschichte läßt nicht in ihre Karten blicken. Wir 1 ünnen nur das tun, was möglich ist. Wenn es diese Möglichkeit gibt, werde ich tr:* der vierzig oder fünfzig Jahre in der1 v : &äTi SÄÜÄIi >.v. :A?S&y wmmmm «PiPl i’v *' i. tf *!&>*■•«- hi ' ttP.-jß' Ussischkin spricht. Bewegung alles getan hat, was ein Mensch tun konnte, und alles hergegeben hat —, ja sagen, und ich hoffe, daß auch Sio es tun werden. Wir werden Sie bitten, in einem gewissen Stadium der Verhandlungen eine Resolution anzunehmen, die die Exekutive ermächtigt, Verhandlungen über ein Projekt zu führen,;das diese zwei Kriterien sichert. Dann wird die Exekutive zu Ihnen zurückkommen, sie Ihnen vorlegen, und Sie werden einen Entschluß fassen. leb wünsche Ihnen, daß wir alle die seelische und moralische Stärke aufbringen, einen Ausweg zu finden, vor allem aber, daß wir die Organisation, das einzige, was wir besitzen, in ihrer Gänze behalten. (Stürmischer Beifall.) Ussischkins „Nein“ Im folgenden geben wir die Rede, die der Führer der Neinsager auf dem Kongreß und Präsident des Kongresses, M. M. U s s i s c hk in, in der Sitzung am Mittwoch nachmittags gehalten hat, wieder. Nach Verlesung der Begrüßungsbotschaften des palästinensischen Oberrabibinats, des Waad Leumi, der Jerusalemer jüdischen Gemeinde, des Jüdischen Klubs im polnischen Sejm und jüdischer Gemeinden und Gemeindeverbänden in verschiedenen Teilen der Welt ergriff Ussischkin das Wort. Mit gespannter Aufmerksamkeit, begann Ussischkin, bin ich heute der Rede Doktor Weizmanns gefolgt; mit der gleichen Aufmerksamkeit folgte dieser Rede nicht allein der Kongreß, sondern auch die Zionisten und Juden in der ganzen Welt und gewiß auch unsere Gegner. Ich würde mich glücklich preisen, könnte ich all das, was Weizinann gesagt hat, unterschreiben und „ja“ dazu sagen; ich fühle mich jedoch, auch gegenüber meinem Volke, verpflichtet, zu Sägen, was ich muß, und nicht, was ich will. Weizmann hat uns die Geschichte unserer Martyriologie in den letzten zwanzig Jahren erzählt, aber nur einen Bruchteil dieser Martyriologie. Im Bewußtsein der großen Verantwortung, die auf seinen Schultern lastet, glaubte er, über Vieles mit Schweigen hinweggehen au müssen. So verschwieg er die ungeheuren Leiden, die uns die Palästina-Administration augefügt hat, die großen Hindernisse, die sie unserer Arbeit in den Weg gelegt hat. Weizmann war hiebei von den besten Absichten zum Besten seines Volkes geleitet, das Leben hat aber gezeigt, daß er, jetzt wie bei früheren Gelegenheiten, einen falschen Weg gegangen Ist. Heute hat Welzmann in der ihn kennzeichnenden vornehmen Art sein großes „Ich klage an“ gegen die Palästina-Administration gesprochen. DaB ist nicht genug. Wir müssen ©inen Schritt weiter gehen. Wir alle wissen: Unser Land ist nicht groß. Auch innerhalb seiner historischen Grenzen, die Transjordanien einschließen, werden nicht alle Juden in der Galuth Platz finden. Aber dieses kleine Land ist unser Land. Nie in unserer Geschichte, auch in den schwersten Zeiten nicht, haben wir unsere Hoffnung auf das Land aufgegeben; auch nicht in den Zeiten Abdul Hamids und P s c h e m a 1 Paschas. Ich lehne Welzmanns Taktik ab, der Welt zu sagen, daß wir klein und arm sind; wir haben genug Kräfte, die wir aktivioren können. Die siebzehn Millionen Juden in der Welt sind unsere Kräftereservoire. Ich bin unseres Sieges vollkommen sicher. Ungeachtet des Berichtes der Königlichen Kommission wird die Entscheidung über unsere Zukunft und unser Land nicht i n London oder Genf fallen. Vierzig Jahre nach Herzls Kongreß bietet uns eine Großmacht den Judenstaat, aber nicht den Judonstaut, den Herzl wollte, sondern nur die Phrase eines Juden staatos. Darauf müsset wir antworten: Das jüdische Volk will den Judenstaat nicht als Schild, sondern um ii sein Land zurüokkehren zu können! Das Volk wird niemals auch nur auf ein kleinstes Stück-seines Landes Verzicht leisten. Es will das Land in seinen historischen Grenzen haben, wie ihm das im Mandat versprochen worden war. Es ist unsere moralische Pflicht, das der ganzen Welt offen und ehrlich zu sagen: dem jüdischen Volk, der arabischen und der christlichen Welt. Wir werden auch nicht einen einzigen Araber aus dem Lande verdrängen. Wir fordern nur in unserem Land die Rechte einer Nation; die Araber werden volle Bürgerrechte genießen. Es ist weder ethisch noch moralisch, wenn ein Volk kolossale Territorien besitzt, das zweite aber nichts; daß ein Volk über Dutzende Millionen Dunam Boden verfügt, die es nicht kultiviert, das zweite Volk aber gar keinen Boden hat. Dennoch will man uns jetzt unser kleines Land nehmen. Das Prinzip des Judenstaates akzeptiere ich, von diesem Punkt angefangen aber scheiden sich unsere Wege. Im Namen einer sehr großen Zahl Delegierter erkläre Ich, daß wir auf die Forderung von Dr. Weizmann, der Exekutive Vollmacht zu geben, über das Teilungsprojekt zu verhandeln, mit einem „Nein“ antworten. Die Hand, die sich an den Strömen Babylons zum Schwur erhob, wird an den Ufern der Themse den Schwur nicht brechen. Nein, fürchten wir uns nicht! Wir wollen es den Engländern, den Arabern, der ganzen Welt sagen: Das ganze Land Israel gehört uns, von Dan bis Beerscheba, vom Mittelmeer bis zum Roten Meer. Das sind unsere Grenzen. Konjunkturen kommen und gehen, eine Rechtsforderung aber bleibt. Und unsere Forderung heißt: Erfüllet das Mandat! (Stürmischer Beifall.) Das Kongreßpräsidium Zürich, 5. August. In der Mittwoch-Sitzung wurde auch das Kongreß-Präsidium konstituiert. Außer dem Kongreßpräsidenten Ussischkin wurden 8 Vizepräsidenten gewählt, von denen zwei der Weltvereiinigung der Allgemeinen Zionisten (Gruppe A), je einer dem Weltverband (Gruppe B) und der Judenstaatspartei und vier dem Arbeiterflügel angehören. Vizepräsidenten des Kongresses sind: Dr. Stephen S. W i s e, Dr. Go 1 dmanu, Dr. Emil Schraorak, Dr. J. M aoliowe r, Berl Locker, Ing. S. K a p 1 a n s k y, Ing. Anselm Reiß und Joseph Sprinzak. Um die Arbeit des Kongresses an der Lösung der politischen Hauptfragen zu erleichtern, werden bloß vier Kommissionen eingesetzt: ein Bemanenzaussohuß, eine Orgauisations-, Finanz- und Kolonisationskommission. Als politische Kommission konstituiert sich bekanntlich der gesamte Kongreß, der mit 285 gegen 115 Stimmen beschloß, die Aussprache über die Teilungsfrage in nichtöffentlichen Sitzungen zu Pietät Schon Lessing hat seinem weißen Juden Nathan den Ausspruch in den Mund gelegt: „Schulden einkassieren ist kein Geschäft, das fördert.“ Seitdem hat sich da« Inkasso von Außenständen zu einer geradezu katastrophalen Angelegenheit, verschlimmert. Jeder Geschäftsmann weiß ein Lied davon zu eingen: Zuerst bemüht man «ich angestrengt tun seinen Kredit; sobald er aber seine Forderungen geltend macht, will ihn niemand kennen. Und das sind noch die günstigeren Fälle. Manchmal wird die entgegengesetzte Taktik eingescklagen, um dem Gläubiger das Eintreiben seines Geldes zu verleiden: Man sorgt dafür, daß ihn jeder kennt, indem man seinen Namen öffentlich anprangert. Zwar hat die Pressekammer erst vor kurzer Zeit Maßregeln gegen die tendenziös© Bloßstellung von Namen, sogar, dann, wenn deren. Träger in ein Gerichtsverfahren verwickelt sind, angekündigt; -wenn es sich aber um jüdische Namen handelt, dann läßt sich eine gewisse Presse durch kein Anstandsgefühl und durch keine Moralpredigten seitens der eigenen berufetändigen Instanzen, mögen sie diese in der Theorie noch so begeistert begrüßt haben, davon abhalten, gegen den Juden zu hetzen, mag sein „Verbrechen“ auch nur darin bestehen, daß er in einem Rechtsstaat sein Recht geltend zu machen sucht. In einem solchen Falle stellt eich auch bei solchen Zeitungsschreibern, die sonst nicht gerade literarische Bildung verraten, rasch die Gedankenassoziation mit — Shylock ein, vermutlich, weil sie schon den bloßen Versuch von Juden, auf der Einhaltung von ihnen gegenüber eingegangenen Verpflichtungen zu bestehen, als einen Schnitt ins eigene Fleisch empfinden. Diese Erfahrung machten jetzt zwei jüdische Schwestern, die, wie auch die antisemitischen Blätter zugeben, schon seit vielen Jahren ihren eigenen 8000 Schilling nachlaufen müssen, die ihnen zwei in der Hinterbrühl ansässige Christinnen schulden. Daß die Forderung zu Recht besteht, beweist schon die Tatsache, daß die Gläubigerinnen einen gerichtlichen Exekutionsbeschluß erwirkten. Übrigens wird das auch von niemandem bestritten. Die Tüchtigkeit der Antisemiten zeigt 6ioh ja gerade in der Geschicklichkeit, den Juden auch dann ins Unrecht zu setzen, wenn er Recht hat. In dieser Kunst entfaltet sich erst so richtig ihre journalistische Begabung, die auf anderen Gebieten meistens versagt So wurden die Namen 'der beiden jüdischen Gläubigerinnen in giftigster Weise durch den antisemitischen Blätterpark geschleift, weil sie sich erkühnten, von ihrem Exekution sr echt Gebrauch zu machen. Wie map weiß, schützt das Gesetz Unentbehrliche B edarfsgegenstände vor dem Zugriff der Gläubiger. Ein gültiger Exekutionsbeschluß kann von Haus aus nur auf solche Dinge erwirkt werden, deren Besitz vom Gericht als Luxus qualifiziert wird. Und dieses Schicksal ereilte die überaus prunkvoll ausstaffierte Gruft in der Hinterbrühl, in der die beiden saumseligen Schuldnerinnen der jüdischen Schwestern dereinst ihre letzte Ruhe zu finden, den kostspieligen Ehrgeiz haben. Den gewiß sehr guten Christen, die in den österreichischen Gerichten Exekutionsbewilligungen zu erteilen haben, schwebte dabei wohl das Christus-Wort vor: „Laßt die Toten die Toten begraben!“, ein grotesk deutliches Urteil, daß auch der Gründer der christlichen Religion das, was man hierzulande eine „schöne Leich“ nennt, als überflüssigen Luxus verwarf. Aber die Friedhofsbehörden •in der Hinterbrühl zeigten einen viel größeren christlichen Eifer: Sie vereitelten die Exekution und entfachten einen übertriebenen Entrüstungsstunm gegen die beiden Jüdinnen, die nicht die Pietät aufgebracht hatten, ihrer schon so lange Jahre zu Recht bestehenden Forderung ein „Ruho sanft!“ in die prunkvolle Grabstätte ihrer erfreulicher Weise noch am Leben befindlichen Schuldnerinnen nachzurufen •.. Immerhin können die jüdischen Gläubigerinnen heute noch von Glück reden, daß sie in so aufgeklärten Zeiten leben. Denn im Mittelalter passierte es Juden, die mit dem Eintreiben fälliger Schulden Emst machten, des öfteren, daß sie rasch vor der Durchführung der Pfändung — selbst begraben werden mußten, Heute können sie bloß nicht verhindern, daß auf ihre Kosten die Schuldner sich mit Pomp und Pracht begraben lassen, ohne dabei zu besonderer Eile verpflichtet zu sein. Sobald sich diese Erkenntnis allgemein herumgesprochen haben wird, muß zum Glück wenigstens die Friedhofskunst eine neue Blüte erreichen. Denn alle Schuldner, deren Luxusbedürfnis durch dio Wachsamkeit der Gläubiger in der Entfaltung auf allen anderen Gebieten gehindert wird, werden jetzt in der Errichtung kostbarer Mausoleen

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