Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1937-07-30 · Heft 664 (30.7.1937) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 664 (30.7.1937)
Date
1937-07-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3054338-3054420--6832-3062732
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Wien, Freitag, 80. Juli 1937. — Nr. «04. Seit« 7 |en Mitteln, findet die Möglichkeit dieses Zuflusses in der Immigration jener Juden, deren Emigration ans anderen Ländern für diese eine Erleichterung und Lösung der inneren Schwierigkeiten biete. Darum ist der Zionismus nach zwei Seiten hin ein Pazifikationsmittel ersten Ranges. Einer meiner Vorredner hat ein sehr gutes Wort, gesprochen: „Ehre bringt Brot.“ Das ist wahr: Ehre bringt schließlich Brot, und es ist leider eine traurige Tatsache der Vergangenheit, daß die Juden den Zusammenhang von Brot und Ehre vergessen haben. Sie haben geglaubt, daß man Brot ohne Ehre verdienen kann und daß Ehre schließlich ein Luxus ist, wenn man nicht mehr bei Brot, Bondern schon bei Kuchen hält. Die Unrichtigkeit dieser Anschauung zeigt sich in jenen Zeiten, wo die Verfolgungen wieder beginnen. Da sehen Sie, daß die gesellschaftlich Ehrlosen immer schwerer zu Brot kommen und daß die Ärmsten gleich am schwersten getroffen werden, denn eie halten gleich bei der Brotwehr. Wenn das, was nur ein ideales Wort junger und nicht unmittelbar praktisch tätiger Leute zu sein scheint, sich in Tat umsetzt, so ist es klar, daß es auf die Erwerbsverhältnisse der Juden eine merklich glückliche Wirkung haben muß. Wir meinen vorläufig nur einen gesicherten Abfluß unter Bedingungen, die von vornherein formuliert sind. Dieser Abfluß und die Abwendung eines neuen Zuflusses sind etwas, von dem alle profitieren müssen, auch die, welche sich dem Abfluß nicht ansohüeßen wollen. Der Aibfluß überschüssiger proletarischer Kräfte wird am stärksten zur Gründung eines neuen Staatswesen beitragen. Blüht es dann auf, wie wir erwarten und erwarten dürfen, dann werden allmählich diejenigen Schichten nachkomm en, welche dort schon das Behagen finden wollen, ihre Lebensatmosphäre bildet. Eß wird sich somit eine Bewegung entwickeln, die man mit der der kommunizierenden Gefäße vergleichen kann. Dieser Abfluß wird so lange stattfinden, So lange er notwendig ist für die Juden, aber auch für die Christen. Denn wenn der Punkt erreicht ist, wo man die Juden nicht mehr entbehren kann oder will, wo jedes Volk fühlt, mehr Juden könne es nicht abgeben, wird es dies auf dieselbe Weise erkennbar machen, wie das Gegenteil: an d'ie Stelle des Antisemitismus tritt eine loyale und endlich eine freundliche Behandlung der Juden. Daß der Boden, auf den wir unsere Massen führen wollen und können — denn sie folgen uns, es ist uns dies bekannt aus zahlreichen ehrlichen Kundgebungen — daß also der Boden ein Gedeihen ermöglicht, dafür sind Beweise genug vorhanden. Noch einige Daten und Ziffern, die sehr nützlich sind, besonders, wenn man von ,,Utopien“ spricht. Es sind nur gewöhnliche Taglöbner, die in Palästina derzeit, als Ackerbauer arbeiten. Es gibt ein Dorf in Palästina, welches einmal berühmt werden wird: das „akademisch gebildete“ Dorf Katra. Russische Studenten haben dieses Dorf gegründet und die Gemeinschaft gedeiht dort vortrefflich. Wie man die Reben von Bordeaux mit Erfolg auf den vorzüglichen Boden von Palästina gepflanzt hat, ist Ihnen bekannt. Und noch eines: Man hat in den letzten Tagen erzählt, daß infolge der nationalen Bewegung die Bodenpreise in einer gewissen Gegend von Palästina auf das Vierfache gestiegen sind. Das ist eine sehr nachdenklich stimmende Ziffer, denn sie zeigt den Zusammenhang nationalen Gedankens mit dem praktischen Leben. Man hat ln einer letzthin erschienenen Broschüre ein Wort gegen uns auszuspielen gesucht, welches lautet: „Von der Humanität, durch Nationalität, zur Bestialität.“ Wir sagen; Von der Bestialität durch unsere Nationalität zur Humanität. Denn, was die Zionisten wollen, das ist nicht die Herstellung eines monströsen Ghettos, keine Absonderung von den anderen: Waswirauf eigenem freienBod on versuche n, dasgeschiehtzum Wohle aller, So haben wir immer gesagt. Unser Weg geht durch die Nationalität zur Humanität und, an die Ärmsten der Armen denkend, wird unsere Bewegung allen zugute kommen. Die vom Ersten Kongreß In der am 27. d. M. veröffentlichten Liste der überlebenden Delogierten vom ersten Zionistenkongroß fehlt der Name des Medizinalrates Dr. Philipp Schwarz. Er hatte an don Beratungen als Delegierter teilgonommen und gehörte dann auch der ärztlichen Delegation an (Dr, Isidor Sehalit, Dr. Donroich), dio sich im griechisch-türkischen Krieg von 1898 dom türkischon Sanitätsdienst anschloß, Dr. Schwarz ist als ein eifriges Mitglied der Zionistischen Organisation, noch jetzt tätig. n ita»e M» $ * «neenä rronfTrwii jr_ i.« /r 'Ulf. 5» t&fcy&pZy •**&(*£** fi+ty+njß+fytf*+**•*&/* ton»*** P H***" &-)*) *4-$****&? Dieser faksimilierte Brief stammt aus dem Staatsarchiv Basel, Herzl dankt darin der Stadt Basel für die dem 1. Zionistenkongreß erwtesene Gastfreundschaft. Dieser Brief, der zur Korrespondenz Bereis mit den Schweizer Be* giemngsbehörden anläßlich der in der Schweiz abgehaltenen Kongresse (1.—6.) gehört, wurde beim Prozeß über die „Protokolle der “ ‘ von von dem Bechtsarwall Dr, Oskar Meyer, der den Brief ausfindig gemacht hattet als Beweis dem Schweizer Gericht vor gelegt. Die Photokopie des Briefes wurde von Doktor Meyer besorgt. —. Ms ein Kurlosuni ist es zu bezeichnen, daß diese Korrespondenz in Basel von den Behörden unter dem Faszikel „Kirehern aiktm“ eingeordnet war. Dezi Briefe aa, (feaeg Beaudez Herr Direktor Moritz Refohenfeld stellt uns au« seiner Sammlung vom Eerri- Briefen drei Kopien aus einem Briefwechsel Herzls mit Georg Brandes zur Verfügung. Es ist bekannt, daß Georg Brandes bis nach dem Weltkrieg ein Verfechter der bewußten und konsequenten Assimilation gewesen tot. Erst unter dem Eindruck der Balfour-Erklärang und der nach dem Kriege üppig aufschließenden antijüdisohen Bewegung hat er sich dem Zionismus genähert. Seine Gegnerschaft gegen die nationale jüdische Idee Ist dem zweiten der hier folgenden Briefe Herzls zu erkennen, I. Neue Freie Presse, Redaction: Wien, Kolowratring, Fichtegasee Nr. 11. 18. XI. 1896. Hochgieehrter Herr! Es würde mich sehr, sehr interessieren, Ihre Ansicht über meine Schrift „Der Judemstaat“ zu kennen, Ich schicke Ihnen das kleine Buch, das vor dreiviertel Jahren erschien. Wenn Sie sich für den Gegenstand tiefer interessieren, werde ich Ihnen noch Einiges mltthellen. loh habe seit dem Erscheinen der Schrift Reisen nach Konstantinopel u. London gemacht. Die Saohe ist möglich, wenn auch nicht ganz so, wie sie in dem Buch stellt. Ich woiss nicht, ob Sie meinen Namen kennen, Ich bin der Feuiilatonreidacteur der Neuen Freien Presse und war früher der Pariser (Jorrespondent dieses Blattes. Dort schrieb Ich ein Buch über das Palais Bourbon (Verl, Dunoker & Huwblot), Hochachtungsvoll Ihr ergebener Dr. Herzl. Neue Freie Presse« Redaction: Wien, Kolowratring, Flchtegaaee Nt. 11. 19« XII- 1896, Hochgeehrter Herr! Obwohl auch ich viele Briefe bekomme und beantworte, will ich Ihre freundliche Zuschrift doch gleich erledigen. Oe que j’öprouve, o’est un Rger d&appointement. Ich hätte geglaubt, dass die Idee meiner Staatsschrift Sie stärker zu Liebe oder Hass erregen würde, Es äst doch nichts Kleines: die Renaissance einer ebenso berühmten als verkommenen Nation. Ich hätte wenigstens vermuthet, dass die Schönheit der Unternehmung die Saiten der Harfe erbeben machen würde, die Sie zweifellos in sieh haben. Seit einem Jahr arbeite ich an d Werk. Ich kenne schon alle Argumente, die man einwendet. Nach den Argumenten, die säe varbringen, theile ich die Be- 1 urtheiler in Gruppen. Sie wären erstaunt, wenn ich Ihnen sagte, welcher Gruppe Sie »ich unwissentlich angeschlossen haben, Dio Anekdote vom jüdischen Gesandten habe ich schon wiederholt gehört. Gestatten Sie mir, Ihnen auoh eine zu erzählen, eine noch unedärte. Während meiner vorletzten Anwesenheit in Paris kam ein Professor („israelitischer Franzose“) zum Grossrabbiner, bei dem ich zwei Tage hintereinander ein Disputationsturnier abhielt. Der Professor führte mich fein ad absurdum. Er erzählte einen alten Witz. Deux juifg ee rencontrent en PaJestine, „Qu’est ce que du vaiis iei?“ •— „Ohe fewds tes longnettes. Et doi?“ —- „Mol, che fends aussi tas lorfnettes.“ (Zwei Juden treffen einander in alästina, „Was machst du hier?“ — „loh verkaufe Lorgnons. Und du?“ — „loh verkaufe auch Lorgnons.“) Die Zuhörer lachten ergötzt. Ich erwiderte: „Monsieur, avez vous Jamals vendu des lorgnett.es?“ („Miein. Herr, halben Sie jemals Lorgnons verkauft?“) „Non“, sagte er. („Nein.“) ,yEh bien, ni moi non plus. Nons seron? donc dejä deux qui n’auront jaimais vendu des lorgnettes.“ („Ich auoh nicht. Wir sind also zwei Juden, die eie Lorgnons verkauft haben.“) Ich hatte die Lacher nun für mich. Und nach mehreren Waffengängen erklärte mein Gegner: „Ah oui, votre 6tat seraät uno vaste acadömie.“ („Ach, euer Staat wird eine reine Akademie sein!“) Was ich damit sägen will? Dass wir uns Dinge in die unereohlossene Zukunft hineindenken können, die noch nicht da waren und dennoch keine Utopie sind. Wir leben in einem märehemvollen Jahrhundert. Von den technischen Wundem reden selbst die gemeinen Leute, und merkwürdigerweise geben nicht einmal die Feinen eich davon Rechenschaft, was aus den neuen Verkehrsmitteln alles folgt. Wir sind Über eine Wasserscheide der Geschichte gekommen. Ob wir Juden die staatbildende Kraft haben, ist nicht nach den Merkmalen der anderen Bergseite zu beurtheilen. Die Nation definiere ich so: Eine erkennbar zusammengehörige, historische Menschengruppe, die durch einen gemeinsamen Feind zuisammengehalten wird. Ich verlange keineswegs, dass alle Juden nach Palästina gehen (Argentinien kommt nicht mehr in Betracht). Es gehe, wer will und wer muss. Die werden genügen, um den neuen Staat zu schaffen, der um so viel besser sein wird, als die alten, wie ein neues Haue besser ist als ein altes, ■Sie wissen nicht, Herr Professor, dass diese neujüdisdhe Bewegung heute, nach einem kurzen Jahr, schon rund um die Erde verbreitet ist, und dass ich ihre An- * bänger ohne Selbsttäuschung auf Hunderttausende schätzen darf. Wohl noch eine Bewegung der Armen und Jungen, wohl noch missverstanden, verdächtigt, verleumdet — und zumeist verschwiegen —, aber doch wachsend wie ein junger Riese. Ich glaube keinen Augenblick, dass der Judenstaat so entstehen wird, wie ich es in der Ihnen vorgelegten Brochure (die in zehn Sprächen übersetzt ist) entworfen habe, Das Lebende entwickelt sich unabhängig von dem, der es pflanzte oder zeugte. Ich glaube aber, daß er entstehen wird — unter teilweisem Fortbestände der Diaspora, denn jetzt leben alle Völker in solcher Diaspora. Wann? Vielleicht jenseits der Grenze meines Lebens, das kein nutzloses gewesen sein wird. Für Dilettanten und Sammler von Seltsamkeiten muss aber die Bewegung schon als „curiose“ einiges Interesse haben, so denke ich mir heiter. Hochachtungsvoll Ihr ergebener Neue Freie Presse. Redaotion: Wien, Kolowratring, Fichtegasse Nr. IT. HL Th. Herzl. 13. I. 1897, Herrn Dr, G. Brandes. Es thäte mir recht leid, wenn Sie aus meinem letzten Brief etwas Unverbindliches herausgelesen hätten, Sie waren so freundlich, meine Brochure zu lesen, ja sogar mir darüber zu schreiben. So verrannt bin ich keineswegs, eine andere Auffassung als die meinige nicht gelten zu lassen. Du lieber Gott, wo käme ich da ihijn. Da Sie nun aber „nichts Verbindliches“ hinter meiner Verschweigung der Leute, die rieh ähnlich wie Sie äusserten, verrnuthen, muss ich Ihren Irrthum berichtigen. Es sind die anständigsten Leute: Fabrikanten, Grossgrundbesitzier, kurz wohlhabende Männer, die sich durch eigene Kraft aufgeschwungen haben. Ich stehe solchen Leuten durchaus nicht mit dem Ingrimm des Socialisten gegenüber, dann ich bin kein Social ist. Ich bin Ihnen, da Sie das Wort fenthalten, auch die Erklärung schuldig, warum ich „leicht enttäuscht“ war. Nicht meinetwegen, der ich in diesem Fall ein armer Mann wäre. Auch nicht wegen meines Lebenszweckes, das viel grösser ist als ich, und zu dem ich nur in dem Verhältnis eines etoinotragenden Sklaven zu einer Pyramide eteho, Enttäuscht war ich Ihretwegen oder vielmehr wegen der Vorstellung, die ich mir von Ihnen gemacht hatte, und zwar nach Angaben, die Sie gelten lassen müssen: nämlich nach Ihren Schriften, Ich hielt — und . halte — Sie für einen Liebhaber schöner Sachen, Darum habe

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.