Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 664 (30.7.1937)
- Date
- 1937-07-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3053752-3054338-3054420--6831-3062731- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite ö DIB IT1MMI Nr. 664. - Wien, Freitag, SO. Juli lOGfc SoRoiow und Herssl Von Moriz Reichenfeld Testamentsvoltetrecker Theodor Herzte Der 20. Kongreß wird fllr Nahuan Sokolow eine solenne Trauerfeier veranstalten. Die zionistische Bewegung trauert um Sokolow. dessen Güte und Weisheit uns gerade jetzt fehlen wird, dem aber sicher viel Leid dadurch erspart geblieben ist, daß er den Teilungspla.n nicht erlebte. War ec$ doch Sokolow — ein glühender Verehrer Englands —. der beim Karlsbader Kongreß im Jahre 1921 die tiefe Dankbarkeit verdolmetschte, die das jüdische Volk Englands für die Baifour-Deklaration und damit für die Wiedergutmachung eines zweitausendjährigen Unrechtes schulde. Am 20. Kongreß wird zum erstenmal die Patriarchengestalt Sokolows felilen. Schon am 1. Kongreß uahm er als Redakteur der i in Warschau erscheinenden Blätter „Haze-' phiratr und .Jsraelite“ teil. Herzl erkannte bald Sokolows Fähigkeiten. Es ist wenig bekannt, daß Herzl in einem Briefe an Dr. Poznanski Sokolow als einen voraussichtlich prominenten Führer bezeichnete. Sokolow war ein begeisterter Verehrer Herzls. Unvergessen ist die hebräische Rede, die er 1929 beim Züricher Kongreß anläßlich des 25. Todestages Herzls hielt. Damals wurde ich zweimal von Sokolow empfangen und wir besprachen die Überführung der Gebeine Herzls. Sokolow, dem die Sache sehr am Herzen lag, gab damals in der Sitzung am 8. August 1929 folgende Erklärung ab: „Der XIV. Kongreß hatte beschlossen, die Gebeine Theodor Herzls nach Erez Israel zu überführen. Der gegenwärtige Kongreß, auf dem eines der Leitmotive die Erinnerung an Herzl ist. wird mit Recht fragen, was nach dieser Richtung geschehen ist. Ich brauche nicht erst zu sagen, daß das mehr war als ein Kongreßbesohluß, daß es ein Gelübde war und dazu ein heiliges Gelübde. Es ist ein religiöses Gebot, den Wunsch eines Verblichenen in Erfüllung zu bringen. Er liegt uns allen am Herzen und ich glaube, daß ich in Ihrem Sinne spreche, wenn ich erkläre, daß das kein leeres Versprechen war, sondern daß wir diese Sache ausführen werden Man hat sich mit dieser Frage beschäftigt und ich kann mittel len, daß alle Schwierigkeiten aus dem Wege geräumt sind und daß diese Sache zur Ausführung kommen wird. Der Zeitpunkt läßt sich noch nicht genau bestimmen, er hängt mit der Lage in Erez Israel zusammen. Es wird uns überlassen bleiben, diesen Zeitpunkt zu bestimmen, aber der Kongreß soll zur Kenntnis nehmen, daß die Überführung zur Ausführung gelangt. Außer der Überführung der Gebeine Herzls nach Erez Israel soll auch am Grabe Herzls in Wien eine Gedenktafel angebracht werden. Mit Rücksicht darauf, daß sich im Laufe der letzten Jahre schon eine Tradition des Grabganges am Jahrzeittagc gebildet, hat, wollen wir diesen uns so lieben Platz nicht leer lassen, sondern dort eine Gedenktafel anbringen. Auch an dem Hause, in welchem Herzl in Edlach gestorben ist, soll eine Gedenktafel angebracht werden. Für die Ausfühder Einzelheiten habe ich mich mit einem intimen Freunde und Verwandten Herzls. der unter uns weilt, in Verbindung gesetzt. Herr Direktor Reicheafeld, und er hat mir die Zusicherung gegeben, daß alles bis auf das Datum der Überführung, das zu bestimmen bleibt, geregelt ist. Ich würde vorschlagen, daß der Kongreß dies zur Kenntnis nimmt und daß eine Kommission eingesetzt wird, deren Wahl der Kongreß dem zu wählenden Aktionskomitee überlassen soll und zu der Direktor Reichenfeld zugezogen wird.“ Das Komitee des Jahr63 1931 und ebenso der Kongreß dieses Jahres war aber bezüglich der Grabstätte uneinig, da Ussischkin und andere Delegierte für Jerusalem eintraten, die genauen Kenner der Herzischen Wünsche aber für den Karmel als einzige mögliche Stätte plädierten. In dieser Frage bekundete Sokolow seit 1931 bis zu seinem Tode 1936 eine konsequente und stets einheitliche Haltung. 1935 in Luzern wai er unermüdlich für die Karmel-Tradition tätig, er sprach darüber wiederholt in der politischen Kommission und auch im Aktionskomitee. Ich selbst, hatte dreimal Gelegenheit. die endliche Überführung der Gebeine Herzls zu urgieren, und zwar in der politischen Kommission, in der Arbeiterpartei und im Plenum des neu gewählten Aktionskomitees. Aber diese Frage wurde durch Int-Lren bniWT weiter verschleppt, und so blieb di*- bis heut*' unerledigt. n.mt“. wo wir vor der Etablierung de<- Juden Staates st.eh“n, i-f es hoch a.n der Zeit, endlieh die Überführung der Gebeine Herzls durohzuführen. Der erste feierliche Staatsakt und die in drucks vollste Demonstration für ein ganzes und ungeteiltes Erez Israel und zugleich gegen das Unrecht, das uns jetzt England zufügen will, muß die feierliche Beisetzung Herzls am Karmel sein. Es kann kein Zweifel darüber herrschen, daß Herzl am Karmel beerdigt werden wollte. Sokolow gab darüber am 20. Juni 1935 folgende schriftliche Erklärung a.b: „Während meines Aufenthaltes in Köln im Frühjahr 1906 bis Ende Dezember 1909 habe ich mit dem seligen Präsidenten David Wolffeohn nicht nur zionistisch eng zusammengearbeitet, sondern auch gesellschaftlich viel verkehrt und wir liaben während unserer Unterhaltungen oft unsere Erinnerungen an unseren unvergeßlichen Führer Dr. Theodor Herzl ausgetausoht. Hiermit möchte ich nur wiederholen, was ich bereits vor dem in Wien im Jahre 1925 stattgefundenen 14. Zionistenkongreß erklärt habe, nämlich, daß mir Wolffsohn unzählige Male gesagt hat, daß es der Wunsch Dr. Herzls war, auf dem Karmel bestattet zu werden.“ Sokolow weilte auch öfters in Wien und ich hatte Gelegenheit, im Hause Johann Kreme netz kys viele Stunden mit iilim zu verbringen. Er erörterte eingehend die Überführung der Gebeine Herzls, die ihm ein Herzensbedürfnis war. und entwickelte sein nächstes Programm. Er sprach über seine vielen Reisen nach fernem Ländern, die der Sammlung und Aufklärung in Diensten de« Zionismus und der Fonds galten. Ma.n kann sagen, Sokolow hatte keinen Feind. Andere Führer und leitende Personen in der zionistischen Bewegung finden häufig leidenschaftliche Gegner. Sokolow aber bildet hier eine seltene Ausnahme- Er war eine der repräsentativsten Erscheinungen im Zionismus, und darüber hinaus dee ganzen Judentums. Unvergeßlich ist die Audienz Sokolows im Ja5.'re 1928 bei dem damaligen östorrciohisohwvi Bundeskanzler Dr. Soipel. Die nachhaltige Wirkung dieses Gesprächs spiegelt sich deutlich in dem Briefe Dr. Seipels n,n Sokolow vom 18. Februar 1928 wieder. Er la.ut.et. „Sie haben mir bei Ihmn gestrigen Besuche wertvolle Aufklärungen über die Ziele des modernen Zionismus gegeben. Ihre Darlegungen haben um so größeren Eindruck auf mich gemacht,, als »oh schon -e.it langem mit großem Intemsse die1 zionistische Bewegung verfolge, (Ue, von einem bedeutenden Manne aus unserer Stadt durch neue Ideen und Orgsmißationsformen befruchtet, für eines der schwierigsten politisch-sozialen Probleme der Gegenwart eine vernünftige, a*lissichtsvolie Lösung vorbereitet. Ich heg'e hohe Wertschätzung filr den Idealismus, mit dem sich so viele Juden in allen Ländern, auch in Österreich, Opfer auferlegen, um dem zionistischen Kolonisationswerk die erforderlichen Mittel zur Verfügung zu stellen. Gerne will ich, wenn sich mir Gelegenheit hiezu bietet, die Ziele Ihrer Bewegung fördern.“ Wer Sokolow wirklich ehren will, muß den zionistischen Gedanken hinaus tragen in alle Welt und muß Herzls Andenken ehren, wie es Sokolow getan hat. Ich will hier nicht untersuchen, ob die Zionisten immer alles getan haben, um Herzls politisches Testament zu erfüllen. Schmerzerfüllt muß ich aber als Testamenteexekutor Herzls feststeilen, daß Herzls letzter Wunsch, am Karmel zur ewigen Ruhe bestattet zu werden, bis heute unerfüllt geblieben ißt. Ich rufe daher alle wahren Freunde Sokolows und alle Herzl-Verehrer dazu auf, es nicht zuzulassen, daß der 20. Kongreß die Frage der Überführung der Gebeine Herzls weiter verschleppt Wir alle wollen bald den Tag erleben, da das jüdische Volk den Schöpfer des „Judenstaat“ im Lande der Väter zur ewigen Ruhe bettet und damit nicht nur den letzten Wunsch des große« Führers erfüllt, sondern gleichzeitig machtvoll vor aller Welt eintritt für die Lösern; der Judenfrage im Sinne Herzls. Als er den „Judenstaat“ schrieb Eine unbekannte Rede Herzls Gehalten in Brünn am 28. April 1897 Ich will keine großangelegte Rede über i den Zionismus halten. Nur einige Seiten; dieser wirklich wunderbaren Bewegung will ich berühren. Es sind heute zweifellos j mehrere, vielleicht viele Gegner des Zionis-; mus anwesend. Und wenn diese bei unserem Gedankenaustausch erfahren, daß das, was wir wollen, nicht Kommersphrase oder utopistische Schilderung ist., so ist auch der Zweck unserer Vereinigung erreicht.. Denn der Zionismus ist ja vorläufig eine Bewegung der Aufklärung nach allen Seiten hin. Man glaubt ja gar nicht, wie viele Irrtümer, wie viele Schrecknisse die Judenfrage von allen Seiten, innen und außen, umgeben; und es gehört zu dem Unglück, daß man die unbefangenen Worte derer, die die Judenfrage gleichsam mit neuen Augen besehen, noch nicht verträgt. Es gibt so viele Juden, die erschrecken, wenn man das Wort Jude gebraucht. Die Zionisten nun haben es gewagt, über die Judenfrage freimütig und so zu reden, daß Christ und Jude endlich darüber diskutieren können. Da war es nun wunderlich, und wenn Sie wollen, vielleicht betrübend, was wir alles auf unserem Wege erlebt haben, der sich heute schon in eine lichtere Höhe zu erheben beginnt. Anfangs das verblüffte Erstaunen, das Gelächter, hierauf das verlegene oder böswillige Schweigen und endlich — wir haben es mit Genugtuung begrüßt — der erste offene Angriff. Es gibt viele Juden, die dann, wenn sie es durch eigene Kraft, zu einer angenehmen Stellung im Leben gebracht haben, die Weltgeschichte für abgeschlossen halten. Das ist die Weltgeschichte nicht. Auch wenn einzelne Personen sich durch geschickte Arbeit und durch Glück in eine gesicherte Position gebracht haben, ist damit weder für sie, noch für ihr Volk die Weltgeschichte abgeschlossen. Ich glaube, es ist etwas Rühmliches für diejenigen, an welche die Not oder der Kampf des Volkes nicht unmittelbar horantritt, wenn sie sich eine Erinnerung bewahrt haben an die Zeit der eigenen ersten Kämpfe, und wenn sie sich in diesem Augenblicke derer erinnern, denen es immer schwerer wird in den Zeiten, die man uns bereitet. Wenn ich Ihnen alles sagen wollte, was ElerzIcGrabgany im Jahre 1934 man geigen den Zionismus eingewendet hat, so würden viele unter Ihnen ihre Gedanken, ihr« Einsprüche wiederfinden. Charakteristisch war das eine: viele Einwürfe haben sich in dem heftigsten Gegensätzen bewegt. Die einen finden den Gedanken zu revolutionär, die anderen zu reaktionär. Die einen haben gesagt: „Er schleudert uns zu weit zurück, das ist für uns ein Verderben.“ Die anderen: „Er reißt uns zu sehr heraus, das ist für uns ein Verderben.“ Kurz, er war dom einen zu blond, dem anderen zu braun, dem einen zu groß, dem anderen zu klein, dem einen zu verworren, dem anderen zu nüchtern. Nun ist in mir allmählich die Ver-: mutung erwacht: Wenn dieser Plan zu so entgegengesetzten Anschauungen Anlaß geben kann, so liegt er in der Mitte und stellt etwas durchaus Vernünftiges vor. Und das suchen wir auch denn zu beweisen in dem Aufklärungsfeldzug, in welchem sich alle. Gutmütigen überzeugen lassen werden. Interessant ist es, wie das Staatengründerische an unserem Plan in denjenigen Läni dern aufgenommen worden ist, wo die lei bende Generation eine Staatengründung mitangesehen hat. Für mich ist das Beispiel Bulgariens typisch. Gerade auf der Balkanhalbinsel ist unser Programm am schnellsten verstanden worden. Am letzten Pesachfeste fand in Sofia eine Versammlung statt, in welcher sich Sefardim und Aschkenasim, die durch viele Jahrhunderte in Feindschaft gegenüber gestanden waren, einträchtig in der Synagoge zusammenfanden und für den Judenstaat eine friedliche, gesetzliche, der Regierung vollkommen bekannte und sympathische Demonstration unternommen haben. Es ist — in recht perfider Weise — gesagt und angedeutet worden, der Zionismus enthalte unpatriotiscihe Beimengungen. Das ist einfach nicht war. Der Zionismus hat nie gesagt und wird nie sagen, daß ein Jude seinen staatsbürgerlichen Pflichten irgendwie zuwiderhandeln, oder daß er auf seine Rechte verzichten soll. Es ist vielmehr ein staatserhaltendes Element im Zionismus, indem er gewisse Gegensätze, die sich absolut nicht verkleistern lassen, durch eine friedliche Lösung aus der Welt schafft. Es ist selbstverständlich, daß jetzt, wo der Zionismus eine größere Gestalt anzunehmen beginnt, die Leute zu reden anfangen, die zuerst lachten, dann zu schweigen versuchten. Sie haben damit ihr eigenes Ansehen gefährdet, und was sie versuchten, gereicht dem Gefühle der Zusammengehörigkeit, das ja die Juden trotz allen Meinungsverschiedenheiten empfinden sollten, nicht gerade zur Ehre. Sie wissen, daß in den Kämpfen, wlec-he die Zionisten zu führen haben, derzeit ein theologischer Stroit im Vordergrund steht. Da möchte ich Sie schon jetzt auf einen interessanten Brief aufmerksam machen, welcher von dem Vater des gegenwärtigen Londoner Chief-Rabbi Adler herrührt, welch letzterer sich zuerst auf der Kanzel gegen den Zionismus aussprach. Der Brief ist ein unschätzbares Dokument für den Zionismus. Es ist darin alles zugegeben, was wir sagen. Gerade jetzt haben wir keine Veranlassung, den Zionismus als undurchführbar aufzugeben. Denn est ist im Orient eine Lage eingetreten, welche auf Liquidierung und Ordnung der Verhältnisse hindrängt. Diese Ordnung zu einer befriedigenden für alle Teile, für Christen, Mohammedaner und Juden, zu machen, ist Sache des Zionismus. Denn eine Verwaltung wie die türkische, die sich infolge tiefeijigewurzeltor Übelstände nicht mehr zu hellen weiß und nun Zufluß braucht an Kräften, an Vorkohrs- und ando