Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 658 (9.7.1937)
- Date
- 1937-07-09
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DIE STIMME Wien, Freitag, 9. Juli 1937. — Nr. 658. Jeden Sonntag mit „FRANCOPOL» nach PolenCzemltz D-Zug, Platzkarte, Sammelpaß Pflftnfflnnl“ Wien, Hl., Sohwarzenbera- „nUlllUpUl | platz 7. — Tel. U 16-4-90 Beachten Sie unsere besonders billigen Reisen nach Paris und an die Riviera. Erklärung der britischen Regierung London, S. Juli. (Privat.) Die Erklärung der britischen Regierung zum Bericht der Palästinakommission wird gleichzeitig mit dem Kommissionsbericht veröffentlicht. Er besagt: Die britische Regierung stimmt mit den Schlußfolgerungen der Kommission überein. Da die nationalen Aspirationen der Araber und der Juden einander nicht so weit angeglichen werden konnten, daß ein einziges staatliches Gemeinwesen ermöglicht wäre, stimmt die britische Regierung der Kommission zu, die die Auflösung des Palästinamandats und die Teilung des Landes als den besten Ausweg aus der Sackgasse darstellt. Die britische Regierung wird daher die notwendigen Schritte unternehmen, um aus den internationalen Vertragsverpflichtuugen die Freiheit zur Durchführung der Teilung zu erlangen. Bis zur Verwirklichung des Plans begibt sich die britische Regierung nicht ihrer Verantwortlichkeit für Frieden und Ordnung in Palästina. Sollten wieder Unruhen ausbrechen, so wird der Hohe Kommissar die Macht über das ganze Land dem Oberstkommandierenden der militärischen Kräfte übertragen. (Androhung des Kriegsrechtes.) Zeitweilig, für die nächste Zukunft, wird die Regierung Bodenverkäufe. die den Teilungsplan beeinträchtigen könnten, verbieten. In den acht Monaten, vom August 1937 bis März 1938, soll die jüdische Einwanderung die Ziffer 8000 nicht überschreiten. Nach der Teilung wird die britische Regierung die Anträge des jüdischen und des arabischen Staates, eine Vertretung im Völkerbund zu erhalten, unterstützen. Zwischen den Regierungen der beiden neuen Staaten werden Verträge abgeschlossen werden, die strenge Garantien für den Schutz der Minderheiten enthalten. Ein neues Mandat wird errichtet, das die heiligen Stätten von Jerusalem und Bethlehem verwalten und den freien Zutritt zu diesen Orten für die die ganze Welt sichern wird. Die Städte Haifa, Akko. Safed und Tiberias, die einen Teil des künftigen Judenstaates bilden, schließen eine beträchtliche arabische Bevölkerung ein. Sie werden daher zeitweilig unter britischem Mandat verbleiben. Für dessen Dauer wird die arabische Bevölkerung dieser Städte nicht dazu verhalten werden können, die jüdische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Der jüdische Staat wird den Namen „E r e z Israel" führen. Der Korridor, der den Hafen des arabischen Staates, Jaffa, mit seinem Hinterland verbinden wird, bleibt unter ständigem britischem Mandat. Er schließt den Landstrich zwischen der Autostraße Jerusalem—Jaffa, das Eisenbahngleis Jerusalem—Jaffa und die arabischen Städte Ludd und Ramleh ein. Die Stadt Jaffa wird dem arabischen Staat gehören, als Enklave im jüdischen Gebiet. Die englische Regierung behält sich fernor ein Stück des „N e g e w“, des südlichen Wüstengebiets, vor, und zwar jenes Dreieck, das an den Golf von Akaba am Roten Meer, grenzt. Das übrige Palästina wird, mit Transjordanien zusammen, den arabischen Staat bilden. Bis zum 1. Jänner 1940, an dem öle Schaffung der beiden neuen Staaten vollzogen sein soll, verbleibt ganz Palästina unter zentraler britischer Verwaltung. Für die Übergangszeit wird die beratende Körperschaft bei der Regierung (Advisory Council) durch Einschluß von Vertretern der Juden und Araber erweitert. Sollten die Araber oder die Juden die Teilnahme ablehnen, so werden die abgelehnten Sitze der anderen Partei zugewiesen. Die Kommission schlägt vor, daß England mit den beiden neuen Staaten Freundschaffsverträge abschiießen solle, die die Norm des Verkehrs zwischen dem Empire und den Staaten bilden werden Das Unterhaus und der Kommissionsberuht Der Londoner „Jewiah Chroniole“ veröffentlicht eine Zuschrift eine« englischen Zionisten über die Teilungapläne, in welcher eine sofortige Beratung der zionistischen Führer verlangt wird, um unverzüglich Maßnahmen zu einem gemeinsamen Abwehrkampf und "einer einheitlichen Politik auf dem Zionistenkongreß festzulegen. In dem Briefe macht der Verfasser die folgenden Mitteilungen: Der zu erwartende Teilungsvorschlag der Königlichen Kommission hat bei den führenden Politikern aller Parteien ernsteste Besorgnis hervorgerufen, so daß das Unterhaus die Gelegenheit nicht wird Vorbeigehen lassen, in die Diskussion einzutreten, bevor das Land sich auf ein radikales Abweichen von der seit dem Kriege durch jede englische Regierung geförderten Politik einläßt. Colonel J. C. Wedgwood, der sich durch seine mutige und konsequente Haltung die Dankbarkeit aller Freunde Palästinas erworben hat, bat bei allen Parteien des Hauses Verbündete gefunden. Unter denen, die aus ihrer Opposition gegen den Teilungsplan kein Hehl machen, ist auch Winston Churchill. Indem die Königliche Kommission eine Teilung des Landes empfiehlt, erklärt der Schreiber des Briefes, hat sie ihre Befugnisse überschritten. E<s dürfe keine Rückkehr mehr zu den Methoden einer Verwaltung in Palästina geben, die letzten Endes zu diesem schändlichen Vonschlag geführt haben. Die Politik der Palästinaverwaltung habe Bankrott gemacht. Wenn noch irgend welche Zweifel daran bestanden haben, so seien sie durch den soeben veröffentlichten Jahresbericht der englischen Regierung an den Völkerbundrat beseitigt worden. Eine irreführende und boshaftere Erklärung als die. die der Bericht über den Ursprung und die Entwicklung der Unruhen im Jahre 1936 abgegeben hat, ist schwer vorstellbar. An einigen Stellen ist der Bericht nichts anderes als ein u n v e r h ü 11ter Angriff gegen die jüdische Bevölkerung Palästinas. Verdrehungen und Auslassungen einzelner Tatsachen enthüllen ein V o r u r t e i 1, das nicht einmal den Schatten eines Zweifels daran j läßt, daß die Verwaltung Palästinas den fun-1 damentalen Zielen des Mandates aaisgej sprochen feindlich gegenübersteht. Proteste gegen die Teilung | Jerusalem, 5. Juli. (JTA.) Auf einer in j Tel-Aviv abgehaltenen Konferenz des Verj bandes ehemaliger jüdischer Offi-j ziere wurde eine Entschließung gefaßt, die i jeder Form einer Teilung des jüdischen Landes schärfsten Kampf ansagt. Der Haschomer Haza-ir hat im „Dawar“ ein Manifest erlassen, in dem die zioni- Restaurant Rillet Bestrenommierte Küche Reichhaltige Menüs ä S 1'90 u. 2'60 II., Hammerpurgstallgasse 3 (nächst Salztorbrücke) stische Bewegung lind die jüdische Arbeiterschaft aufgefordert werden, gegen die Teilung zu kämpfen, die die Aussichten weiterer konstruktiver Kolonisation einsehränken würde. Durch die Teilung würde a/uch eine Scheidewand zwischen dem jüdischen und dem arabischen Volk aufgerichtet und jede echte Zusammenarbeit unmöglich gemacht werden. In dem festen Glauben an die Interessengemeinschaft beider Völker wendet sich Haschomer Hazair gegen das jetzige politische Regime und den Teilungsplan sowohl unter dem Gesichtspunkt zionistischer Kolonisation als auch demjenigen jüdisch-arabischer Zusammenarbeit. Resolution der Ärztegesellschaft „Max Nordau“ Di$ Notwendigkeit der Ablehnung des Teilungsplanes wind unter biologischen Gesichtspunkten in einer Entschließung, die in einer von der Ärztegesellsohaft „Max Nordau“ in Tel-Aviv einberufenen Versammlung gefaßt wurde, betont. Jede Verstümmelung des historischen Gebietes des Judenstaates und seine Begrenzung auf den engen subtropischen Küstem- (listrikt muß zu physischer und geistiger Verschlechterung der Nation führen, heißt es in der einstimmig angenommenen Entschließung. Der Hauptredner, Dr. B e n j a m i n i, führte aus, daß ein Verfall des jüdischen y.olkee m erwarten sei, wenn man ihm den Gebirgsteil des Landes nehme. Auch die geplante Abtrennung Jerusalems von dem jüdischen Staatskörper sei nicht nur eine nationale, sondern auch eine biologische Angelegenheit. Es sei dies nichts anderes als die Einengung der Juden auf das Gebiet eines Miniatur- Uganda mit subtropischem Klima., das zwar Jerusalem geographisch näher wäre als das wirkliche Uganda, aber medizinisch von Ihm ebenso weit entfernt wie jenes; denn in den Bergen, nicht in den Ebenen, habe das jüdische Volk sein historisches Gepräge erhalten. Jerusalem und das Bergland von Galiläa, und Judäa hätten in alter Zeit das jüdische Volk geformt. Der dynamische Charakter der Juden sei ebenso das Ergebnis ihres Lebens in den Bergen von Moaib und Judäa, wie der Charakter des italienischen Volkes ein Produkt der Mittelmeerküste und der des britischen Volkes ein Produkt Englands. Von anderen Rednern wurde auch auf die bedeutenden Investitionen hingewiesen, die von Juden in den Gebieten gemacht wurden, die ihnen nach dem Teilungeplau verlorengehen sollten. Übersetzung unter Kontrolle Jerusalem, 5. Juli. Der Kommissionsbericht war, wie berichtet, bereits früher bei der Palästinaregierung eingetroffen, wurde von den höheren Regierungsbeamten durchgeeehem und den mit der Übersetzung ins Arabische und Hebräische betrauten Beamten übergeben. Den ÜberniNTERBRGlII. .... . .. .. Pension PORTIN, HaaptitmSe 41, Telephon 117 Pension BRChlegO, RauptstraBe 114, Tel. 7 ErBtttUnlge Häuser, beste Küche, mäßige Preise setzern wurden eigene Räume im Palace* Hotel zur Verfügung gestellt, wo a-uch die Königlich© Kommission ihre Sitzungen abgehalten hat. Militärpatrouillen und starke Abteilungen britischer Polizei bewachen die Zimmer. Die Beamten müssen, wenn sie die Übersetzungsräume verlassen, sich einer gründlichen Revision unterziehen. Vor Beginn der Arbeit mußten sie eidlich versichern, daß sie von dem Inhalt des Dokumentes vor der Veröffentlichung nichts mitteilen werden. Dieser Eid wurde auch den mit dem Druck in der Staatsdraokered beschäftigten Setzern abgenommen. Der Pressechef der Paläsfcinaregiening hat die Vertreter aller Zeitungen zu einer Besprechung über die Form der Veröffentlichung dieses Berichtes eingeladen. Jede Zeitung erhält eine ihrer Auflagehöhe entsprechende Zahl von Exemplaren. Diese werden der Gesamtauflage der Blätter b e i g e 1 e g t, doch bleiiben die Pakete mit den Ausgaben des Berichtes verschlossen, bis der Druck der Zeitung beendet ist. Durch diesen Vorgang soll jede Kommentierung bei deT Veröffentlichung verhütet worden. BLAU-WEISS - Zünder (Keren-Kajemeth- Zünder) erhältlich bei: Viktor Adlersberg, Trafik- und Haushaltartikel, Wien, VI., Millergasse 44, Tel. B 23-002. Jüdische Sozialpolitik Berufsausbildung und Umschichtung Wie bereits berichtet, hat vor kurzem in der K u 11 u s g e m e i nd e ©ine Vorkonferenz zwecks Vorbereitung einer Enquete über Berufsausbildung und Umschichtung stattgefunden. Dem soeben von der Kultusgemeinde herausgegebenen Protokoll dieser Konferenz entnehmen wir das mit großem Interesse aufgenommene Referat des Herrn Dr. Nahmm Blauer, das wir auszugsweise wiedergeben. Schon in der im Dezember 1933 von der Kultußgemeiude einberufenen Enquete wurden Probleme der Beriifsumischichtung eingehend behandelt und die Notwendigkeit einer Einflußnahme der Kultusgemeinde auf die Frage der beruflichen Erziehung der Jugend sowie der Berufsumschiohtung von allen Seiten betont. Sowohl vorher als in der Folge hat denn auch die Kultusgemeinde im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten alle Versuche gemacht, um diesen so wichtigen Zweig der produktiven Fürsorge, besser gesagt, der notwendigen sozialpolitischen Maßnahmen, auszubauen und neu zu gestalten. Auch in diesem Zusammenhänge möge daran erinnert werden, daß die Wiener Kultiisgemeinde seit einer Reihe von Jahren faktisch jüdische Sozialpolitik betreibt, indem wichtige Gebiete des jüdisebsozialem und wirtschaftlichen Lebens durch positive Maßnahmen beeinflußt werden. So wurde die jüdische Wanderfürsorge neu eiingefiihrt und in umfassender Weise ausgeetaltet, die Kreditfrage durch Schaffung einer Gcmiiuth -Chosed-Kasse für zinsenfreie Darlehen und Beisteuerung von Mitteln für die Kreditkasse in der Praterstraße gefördert, der Arbeitsnachweis reorganisiert und. eine Berufsberatung eingeführt. Damit ist eine Tätigkeit in den Bereich der Kultusgemeinde einbezogen worden, welche eine Umgestaltung des jüdischen Lebens auf mancherlei Gebieten zum Ziele hat lind somit die Kultusgemeinde zur Trägerin einer jüdischen Sozialpolitik macht. In ganz besonderem Maße gilt dies für die Frage der Berufsausbildung und -Umschichtung, zumal es sieh hiebei um ein fast unlösbares Problem handelt, daß nicht nur bei Juden, sondern auch im ganzen Staatsgebiete mit fühlbarer 'Schwere auftritt. Wegen der Eigenart des jüdisch-wirtschaftlichen Lebens ist es jedoch verständlich, daß das Problem hier eine unvergleichlich schärfere Form annim/mt. Der Druck der Arbeitslosigkeit — in Österreich wurden kn April 1. J. zirka 260.000 unterstützte Arbeitslose, in Wien an 110.000 gezählt — der in der ganzen Welt spürbar ist und die ungeheuren Erschwerungen, die sich für die schulentlassene Jugend bei der Berufswahl ergeben, bewirken es, daß eine Reihe von neuen Vorschlägen, wie BerufsvoracHulung (das Werksjahr) und ähnlicho Maßnahmen propagiert wurden. In fast allen Ländern mit einer bedeutenderen jüdischen Siedlung kann im Verlaufe der letzten 120 Jahre die Tatsache konstatiert werden, daß insofern eine Änderung in der beruflichen Schichtung der. Juden eingetreten ist, als eine merkbare Differenzierung erfolgte und der Anteil der Juden an Handwerk, Gewerbe und freien Berufen bedeutend angenommen hat. Mancherorts ist auch die Betätigung in der Landwirtschaft zu beobachten, die früher fast gar nicht zu konstatieren war. Diese Wandlung in der beruflichen Struktur der Juden entsprach der Möglichkeit, dank der Entwicklung im Laufe des 19. Jahrhunderts und bis zum Weltkriege, in neue Berufsarten einzudringen. Die Tendenzen der Produktivierung und Normalisierung des jüdischen Lebens haben durchaus Erfolge aufzuweisen, wenn man die Entwicklung in der vorerwähnten Spanne Zeit beobachtet. Man darf aber hiebei unter einem nicht vom Standpunkt ausgehen, daß die Beschäftigung im Handel au den unproduktiven Betätigungen gehört. Die räumliche Vertreibung der Juden bringt es mit sich, daß hauptsächlich sogenannte städtische Berufe vom Juden ausgeübt werden und, sofern weder Konkurrenzneid noch rechtliche Beschränkung vorherrschen, ist die ökonomische Lage zumeist durchaus so, daß sie nicht immer eine Änderung der beruflichen Schichten angezeigt' erscheinen läßt. Schwierig gestaltet sich die Situation, wenn hemmende, ja ausgesprochen judenfeindliche Tendenzen auf tauchen, welche neben den gegebenen allgemeinen wirtschaftlichen Verhältnissen eine Umstellung der Juden im Berufe anifzwingen. Die allgemeine Entwicklung zum Staatßsozialismus odeT Staatskapitalismus, die in einer Reihe von Staaten nunmehr klar zum Vorschein kommt, bringt vor allem dort, wo größere Judenmaßsen wohnen, eine zunehmende Verdrängung der Juden aus bisher innegehabten Berufsz wedgen mit sich. Die Erscheinung einer Deklassierung und Pauperisie- PENSION ECKSTEIN neu renoviert rung weiter jüdischer Kreise ist denn auch die jetzt wahrnehmbare Folge eines unaufhaltsamen Prozesses. Dies gilt ebenso für gewerbliche Berufe und für Handel wie für die vers ch ied enartigsten geistigen Berufe. Gerade hier ergibt sich ein Ausgangspunkt für eine Reihe von Sozialpolitik -ni, die glauben, daß die vor sieh gehende Verarmung und Verdrängung ein Abschwenken von den geistigen Berufen erforderlich machen und daß in der Hauptsache die Zuwendung zu verschiedenen manuellen Betätigungen einen gewissen Ausweg aus der Situation darstelle, Wir möchten vorweg die Grundtatsache fcsthalten, daß ein Großteil der beruflichen Umstellung auch in der Zeit nach dem Weltkriege hei der Huchscharah für Palästina ihren Ausgangspunkt nahm und daß auch nöoh jetzt quantitativ diie/se Tätigkeit die