Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 657 (6.7.1937)
- Date
- 1937-07-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Oll STIMM! Wien, Dienstag, 8. Juli 1937, — Nr. 657. Politische Konstruktion Der Krieg, den Hitler gegen die katholische Kirche führt, hat. auch die „Reichßpoßt“ zu der beweglichen Klage veranlaßt, „in welch satanischer Weise Einzelfälle verallgemeinert werden“. Wenn es aber gegen die Juden geht, dann findet das katholische Wiener Blatt an verallgemeinernden Werturteilen nichts auszusetzen, sondern gibt ihnen gern und in breitester Ausführung Raum. So jüngst in einer Besprechung eines im Wiener Manz-Verlag neu erschienenen Buches von Dr. Arnold Winkler: „Die Entstehung des Kommunistischen Manifestes“. Die Besprechung stammt von einem Baron Felsen. Er verliert in seinem langatmigen Ausführungen nicht ein einziges Wort über die äußere Lage und innere Gefühlswelt der /Arbeiter zur Erscheinungezeit des Kommunistischen Manifests, dafür stellt er sich als einen „politisch geschulten Kenner des jüdischen Denkens“ vor. Als solcher hat er „eich immer wieder die Frage vorgelegt, wie gerade das Judentum, das ja als einziges Volk der Erde seine vollendete Unfähigkeit zu politischer Konstruktion in seiner eigenen Geschichte seit Jahrtausenden immer wieder unter Beweis gestellt hat, in der Person Marx’ und seiner vielen jüdischen Nachfolger und Ihterpreten auf einmal doch noch eine konstruktive politische Idee aus sich heraus geboren haben sollte. Winkler zeigt nun, daß der geistige Vater gerade der konstruktiven Ideen bei Marx gar nicht dieser selbst, sondern der gleichzeitige Schöpfer der Gesellschaftswissenschaft Lorenz Stein, ein Kind Schleswig-Holsteins, gewesen ist. Das ist aufschlußreich genug.“ Na also! Da hätten wir Juden endlich den schönsten Alibibeweis, wenn wieder einmal jemand Judentum und Kommunismus zu identifizieren versuchen sollte — natürlich nicht, um unsere konstruktive Begabung, sondern im Gegenteil, um die zersetzende Tendenz des Judentums zu beweisen. Wir werden uns in Hinkunft solchen Verleumdern gegenüber auf den Baron Felsen berufen können, der die überzeugende Wirkung seiner Darlegung der geistigen Inferiorität des Juden gegenüber dem Arier noch besonders durch den Hinweis auf die Tatsache steigert, daß der nordische Ahnherr des Kommunismus aus Schleswig-Holstein von Kaiser Franz Josef geadelt worden ist, während Karl Marx bekanntlich nicht einmal einen Orden bekommen hat. Folgerichtig zieht Baron Felsen aus dem von ihm besprochenen Buche die Erkenntnis, „wie sich Ahasver rasch auf die Schulter des fest im Boden seines Volkstums wurzelnden deutschen Sehers schwang, ihm die Erkenntnisse wegeskamotisrte und nun sein „geistreiches“ Spiel damit begann. Der Weg beginnt immer mit der überspitzten Formulierung von lebensfremden Dogmen. Er endet immer im Chaos. Das ist so seit der Zerstörung Jerusalems bis auf den heutigen Tag.“ Da muß etwas Wahres dran sein, denn zerknirscht bemerken wir eine beachtenswerte Übereinstimmung in der Ablehnung des jüdischen Hanges zur „überspitzten Formulierung von lebensfremden Dogmen“ zwischen der katholischen „Reichspost“ und der neuheidnischen „Siegrune“, dem Organ' der „Deutechglä,ubigen“, die jüngst auch die Bergpredigt Christi als „eine Sammlung widernatürlicher Lebensregeln“ hinstellte, deren Sinn es gewesen sei, die Menschen zu entwurzeln. Wie man daraus ersieht, ist es für Katholiken nicht ganz ungefährlich, den angeblichen Ahasver-Trieb der Juden bis in die Zeiten des Unterganges des jüdischen Staatswesens zurückzuverfolgen. Seine Verfolgung noch tiefer in die Vergangenheit wagt auch Baron Felsen nicht, in der wohlbegründeten Angst, daß er sonst doch noch Spuren politischer Konstruktionsbegabung der Juden in ihrer eigenen Geschichte hätte entdecken können. Ohne solche Fähigkeit ist ja die zweimalige Gründung des jüdischen Staates, zuerst untor Josua, dann unter Esra — ein beispielloser Fall in der Weltgeschichte —, doch nicht zu erklären. Schließlich hätte ein gewissenhafter Erforscher des jüdisch-politischen Denkens auch an Herzls „Judenstaat“ nicht vorübergehen können, ohno deutliche Symptome politischer Konstruktion feststellen zu müssen. Aber auch die zwei Jahrtausende jüdischer ('•Vr.chiclitfj von der Zerstörung Jerusalems biß Herzls Auftreten zeigen keineswegs die von dem „politisch geschulten Kenner des jüdischen Denkens“ in der „Reichspost“ behauptete „vollendete Unfähigkeit der Juden zu politischer Konstruktion, weil das Judentum sonst schon längst spurlos von der Erdoberfläche verschwunden wäre. Der mittelalterliche Rahal mit seiner bewunderungswürdigen Organisation des Schulwesens, der Armenfürsorge und Krankenpflege war sozusagen eine Urzelle politischer Planmäßigkeit und Schöpferkraft. Aus dieser Urzelle, die schon auf jahrhundertealte Traditionen zurüokblicken konnte, bevor die modernen Staaten Unterrichts- und Wohlfahrtswesen als organisatorisches Neuland zu betreuen begannen, gingen einzelne überragende staatsraännische Begabungen hervor, wie im Mittelalter Abarbanel, der jüdische Finanzminißter des antisemitischen spanischen Königspaares, in der Neuzeit D i s r a e 1 i, der Schöpfer des britischen Imperiums. Im Deutschland Bismarcks waren es Juden, die sämtlichen Parteien der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken den geistigen Unterbau ihre« Programmes lieferten: Bei den Konservativen der getaufte Jude Stahl, bei der deutschen Volkspartei der Jude L a s k e r. Bismarck selbst wünschte sich Ferdinand L a s s a 1 le als Gutsnaohbarn, iim der politischen Anregungen willen, die er von diesem Juden erhielt. Von all dem weiß Baron Felsen, der Gewährsmann der „Reichspost“, nichts, denn seine „politisch geschulte Kenntnis des jüdischen Denkens“ beruht auf der systematisch gepflegten — Unkenntnis des jüdischen Gedankengutes, dessen Vorhandensein seine politische Schule ad absurdum führt, jene Schule, deren politische Konstruktion die jüdische Minderwertigkeit ist. VölkerbundUgen fordern: Schutz für alle Minderheiten Aus Preßburg, 2. Juli, wird uns gemeldet: In einer unter dem Vorsitz der Holländerin Frau Baker van Bosse abgehaltenen Sitzung der Minderheitenkommission des Kongresses der internationalen Völkerbundligen wurde eine Resolution angenommen, in der die Einführung eines allgemeinen Minderheitenschutzes gefordert wird. Die Staaten, die bisher keine rechtlichen Verbindlichkeiten gegenüber ihren Minderheiten haben, sollen verpflichtet werden, ihre Minderheiten genau so zu behandeln wie die Staaten, denen durch die Friedensverträge derartige Verpflichtungen auferlegt wurden. Die Staaten mit Minderheitenverpflichtungen sind: die Tschechoslowakei, Polen, Österreich, Ungarn, Rumänien und Bulgarien. Die baltischen Staaten haben freiwillig Minderheitenverpflichtungen auf sich genommen. In der Debatte vertrat der ungarische Abgeordnete S z ü 11 ö die von den deutschen Nationalsozialisten aufgestellte These, daß der Minderheitenschutz den Minderheits-Völkern als Gruppen zuteil wird. Die auf dem Friedenskongreß zu Versailles gefaßten Beschlüsse sichern im Gegensatz hiezu das individuelle Recht des einer Minderheitangehörenden. Der Antrag Szüllö wurde fast einmütig abgelehnt Es wurde auch beschlossen, daß die Erhebungen über die Durchführung des Minderheitenschutzes bezüglich aller Staaten und keineswegs bloß bezüglich der durch den internationalen Minderheitenschutz gebundenen Staaten vorgenommen werden sollen. Nach dem Wahlkampf Wir stehen nach einem Wahlkampf, der überflüssig und schädlich war. Was wir voraussagten, ist eingetroffen. Die Mandatsverteilung ist die gleiche geblieben und viel Geld wurde vertan, das besser wohltätigen oder nationalen Zwecken hätte ziugeführt werden sollen. Was wir aber nicht voraussehen konnten, war der bedauerliche, von Mitgliedern des Binjan Haarez inszenierte Wahlscihwindel, der durch keinerlei Dementis und rüde Beschimpfungen des Nationalen Blocks aus der Welt geschafft werden kann. Die gefälschten Sohekeljuxten sind vorhanden. Niemand kann sie wegeskamotieren oder zerreißen, wie das mit zahlreichen Reklamationen, die, von Mitgliedern des Zionistischen Landesverbandes eingebracht wurden, geschehen ist. Das „Arbeitende Palästina“ hat eine heilsame Lektion erhalten. Diese Liste zog aus, um das Wachstum und die Bedeutung de«s „Binjan Haarez“ im österreichischen Judentum zu beweisen — und hat kläglich Schiffbruch erlitten. Die überwiegende Majorität der Wähler hat klar zum Ausdruck gebracht, daß eie mit der Ideologie des „Arbeitenden Palästina“ nichts gemein hat, sondern au jenen Prinzipien steht, die der Nationale Block vertreten hat. Aber noch eine zweite Gruppe, vielmehr ein Konglomerat aus drei Gruppen (Radikale, Vereinigung Allgemeiner Zionisten, Gruppe A und der Adolf-Stand-Klub), die Weltvereinigung Allgemeiner Zionisten hat einen gehörigen Echoe erlitten. Es nützte nichts, daß Herr Dr. Nahum Goldmann, der nie daran gedacht hat, ein in Österreich erzieltes Mandat anzunehmen, die Listenfüihrung übernahm. Nut auf den Krücken der Wahikoppelung mit dem „Arbeitenden Palästina“ wird Herr Dr. Plasohkes KongTeßdelegierter werden können. Und es nützte nichts, daß die Person des Präsidenten Weizmann in einer uns als abgeschmackt erscheinenden Art und Weise in den Wahlkampf gezogen wurde. Die versammelte „Weltveroinigung“ war nicht imstande, ohne die Schützenhilfe des Binjan Haarez, die Wahlzahl zu erreichen. Die „Weltvereinigung“ (Gruppe A) bedeutet nichts im zionistischen Lager in Österreich. Auch das ist eine Lehre dieses Wahlkampfes. Der Zionistische Larwlosverband für Österreich hingegen hat seine organisatorische Stärke aufs neue bewiesen, trotz verschiedener Mängel, die an den Tag kamen. Noch immer gibt es nämlich zahlreiche Allgemeine Zionisten, die glauben, es genüge, den Schekel zu erwerben, es sei aber nicht notwendig, zur Wahl zu gehen. Trotz dieser Indolenz vieler Allgemeinen Zionisten hat dor „Nationale Block“ vier Mandate und darüber hinaus ungefähr 600 Reststimmen erzielt. Das Wahlresultat wäre noch besser gewesen, wäre von gegnerischer Seite nicht das falsche Gerücht ausgestreut worden, es sei in letzter Minute die Einheitsliste zustandegekommen und es sei daher nicht notwendig, zur Wahl zu gehen! Dieser unerquickliche Wahlkampf wird aber, wie wir hoffen, die Folge haben, daß niemand mehr es wird wagen dürfen, den Zionistischen Landesverband ungestraft herauszufordern; denn wir haben die Schlagkraft unserer Organisation unter Beweis gestellt und werden sie weiter venstärken. Der widerliche Wahlsohwindel hat in weiten Kreisen die von uns lang vertretene Meinung gefestigt, daß das Schekelwahlrecht in seiner heutigen Form nicht weiter bestehen kann. Das ist ein Ergebnis, daß heute bei anständigen Menschen in Wien unbestritten ist. Beim Kongreß müßte sich eine gemeinsame Front aller ehrlichen Zionisten bilden, um eine gründliche Reform des Soheikelwahlreohtefi durchzusetzen. Der Wahlschwindel in Wien hat dem Prestige der Zionistischen Weltorganisation Abbruch getan. Es wird eine der vornehmsten Aufgaben des Kongresses sein, in Zukunft derartige Vorfälle unmöglich zu machen. Nochmals die gefälschten Schekalim Der Stadtkibbuz Haasgasse verla.ngt von unserem verantwortlichen Redakteur die Veröffentlichung, daß dieser Stadtkibbuz mit den Sohekelfälsohungen nichts m tun habe. Wir bestätigen das gerne, jedoch mit dem Beifügen, daß die von der Liste „Nationaler Block“ gerügten Fälschungen, soweit sie Namen von Chaluzim betreffen, die Stadtkwuztah Wien, H., Handelskai, angohen, die ideologisch, faktisch und organisatorisch dem „Arbeitenden Palästina“ angehört. Misrachi-Weltkonferenz in Zürich statt in Wien Jerusalem, 1. Juli. (JTA.) Die Miisraohi-Weltzentrale teilt mit, daß die Weltkonferenz des Misraohi nicht, wie ursprünglich beabsichtigt, in Wien, sondern in Zürich stattfinden wird. Die Konferenz findet in der Zeit vom 19. bis 25. Aw statt. Der Weltrat der Poale Zion-Hitachduth ist für den 28. .Juli nach Zürich einiborufen worden. Qeblrgsferlenheim der „Brüderlichkeit" WUfaMksiiA» für Kinder u. ■ FW cIeCIOaU€r jugendliche Annaberg, N.-Ü. 1100 Meter Höhe, Herrliche Gegend, *tten9 rituell SV— la Referenzen Auskünfte: Wien, II., Malzgasse 14/3 Pere Lambert Der Bürgermeister von 0 r a n, der bekannte P6re Lambert, ein ehemaliger katholischer Geistlicher, ist von einem Museumsdirektor Fernando durch zwei Revolverschüsse, schwer verletzt worden. Lambert, ein Deutscher aus dem Elsaß, ist der Führer der antisemitischen „Lateinischen Union“, die er in direkte Verbindung mit dem reichsdeutschen Antisemitenzentrum in Erfurt gebracht hat. Er wurde wegen seines Radikalismus exkommuniziert. Rabbiner Faingold in Tobolsk erschossen? Die „Reichspost“ meldet, daß in Tobolsk der russische Ortsgeistliche, sowie Rabbiner Faingold wegen Hochverrat und Spionage zugunsten der Imperialisten verurteilt und sofort erschossen worden sind. Die Austro-Palästinensische Handelskammer Auf der vierten ordentlichen Generalversammlung der Handelskammer, die kürzlich in Tel-Aviv unter dem Vorsitz des österreichischen Generalkonsuls Doktor Jorda stattgefunden hat, gab der Präsident der Kammer, Dir. D. Z. Pinkas, eine Übersicht über die Entwicklung der Handelsbeziehungen zwischen Österreich und Palästina, Aus den Statistiken ergibt sich, daß der Import aus Österreich einen größeren Rückgang anfweist, während der Export nach Österreich gestiegen ist. Die Kammer ist bemüht, diesen Rückgang des Importes, der nicht zuletzt durch die verstärkte Konkurrenz deutscher Waren verursacht wurde, durch die P r o p a g i erung österreichischer Waren und durch den Hinweis auf Waren, welche in Palästina benötigt werden, entgegen-' zuarbeiten. Auf dem Gebiete des Fremdenverkehrs hat die Kammer durch Zusammenarbeit mit den Reisebüros gute Arbeit geleistet. Aus deim Fremdenverkehre aus Palästina nach Österreich fließen der österreichisch erwirtschaft namhafte Beträge zu. Auch für die Ausgestaltung deß Exportes nach Österreich war die Kammer tätig. So ist es gelungen, den Export von Citrusfrüchten nach Österreich wesentlich zu steigern. Der Absatz von Crapefrücfite n könnte allerdings noch beträchtlich gesteigert werden, falls der Einfuhrzoll für diesen Artikel abgeschafft und die Frachtsätze gesenkt würden, zumal da Italien Crapefrüehte nicht auf den österreichischen Markt bringt. Die Generalversammlung beschloß, den neuen Vorstand zu beauftragen, geeignete Schritte zu unternehmen, um handelspolitische Begünstigungen für die Einfuhr von Crapefrüohten nach Österreich zu erlangen. Josef Bendrak zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt Warschau, 2. Juli (ITA). Der 56jährige jüdische Fleisch hauergehilfe Josef Bendrak, der am 19. Juni in Czenstochau den polnischen Eisenbahnbediensteten Stefan Baran getötet hatte, ist vom Kreisgericht von Czenstochau zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden. Bekanntlich war es im Zusammenhang mit dom Mord an Baran zu den schweren antijüdischen Ausschreitungen in Czenstochau gekommen, die in einen regelrechten Pogrom ausarteten. Bei der Einvernahme erklärte Bendrak, er bekenne sich nicht schuldig; er habe lediglich in Notwehr gehandelt. Durch die Schüsse halbe er Baran, der ihn mit Steinen bewarf, nur einsohüchtern wollen. Sämtliche Zeugen, von denen nur zwei Juden waren, sagten günstig für Bendrak aus. Einer der polnischen Zeugen ging sogar so weit, zu erklären, daß Bendrak „d e r ehrenhafteste Mann der Welt“ sei. Auch die Polizei stellte Bendrak ein gutes Leumundzeugnis aus. Der nationaldemokratische Anwalt, der erschienen war, tun die von Barans Frau eingebrachte Zivilklage zu vertreten, wurde vom Gericht, mit dem Bescheid abgewiesen, daß es sich1