Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 656 (1.7.1937)
- Date
- 1937-07-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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mmmam m m mmm mm Seite 6 Dü ITIMMI Nr. 656. r- Wien, Donnerstag, 1. Juli 1$37. Taddä us Zaderecki: „Der T almud im Feuer der J ahrhunclerte“ Im Verlag der Yietoria-Druekerei iu Wien ist soeben von Frau Dr. Minna Safier ins Deutsche übersetzt Taddäus Zadereckis Buch ,.Der Talmud im Feuer der Jahrhunderte“ erschienen. Wir werden auf das Werk, das in mancher Hinsicht geradezu als Antwort auf die in der „Erfüllung" erschienenen Vorträge der Missiorosredner des Paulus-Werks gelten kann, noch zu sprechen kommen. Mit Genehmigung des Verlages drucken wir hier einen Abschnitt aus dem Kapitel „Die Charakteristik des Talmuds" ab. Auch der hochgebildete Pole gerät, wenn die Rede auf den Talmud kommt, in eine heikle Situation. Er weiß nicht, was er über das Buch denken soll, da er die widersprechendsten Anschauungen zu hören bekommt. Auf der einen Seite hört und liest er die jüdischen Urteile, die den Talmud verteidigen und ihn meist als die Quelle höchster Weisheit hinstellen, als den Hort! Wird der Talmud ohne Vorbereitung und ohne die nötige Gewissenhaftigkeit gelesen, so scheint sich die alte Regel zu bestätigen, daß die Wahrheit in der Mitte liegt. In Wirklichkeit findet man in seinen Büchern erhabene und weise Gedanken, lehren von allgemein menschlichem Wert, ethische Grundsätze und herrliche, in Schönheit strahlende Legenden; daneben aber auch seltsame, abergläubische, banale, manchmal abstoßende, manchmal in ihrer Kleinlichkeit langweilige Stellen, die verärgern, verblüffen oder in Erregung setzen. Stellen wir uns eine ungeheuer große Zeitung vor. Sie bringt alles mögliche; politische Nachrichten über Debatten der gesetzgebenden Körperschaften, wissenschaftliche Abhandlungen, Feuilleton, Gerichtssaalbericihte, Chronik der Tagesereignisse, persönliche Angelegenheiten, Anekdoten — höchster ethischer Prinzipien, als ewiges. kurz das ganze Bild der Gegenwart, viel- Verk, als unersohöpfliehen Schatz an "Wis-. fac-h illustriert mit Erinnerungen aus versen, Erhabenheit und Schönheit. Dieses be-, gangenen Zeiten. Eine solche Zeitung des jüdischen Altertums ist eben auch der Talgeisterte Urteil kann er nur schwer mit den Stimmen der gehässigen Talmudgegner in Einklang bringen, denn hier werden ihm die Bücher in verändertem Lichte, als Mischung von Bosheit und Dummheit-, als ein teuflisch aufgebauter Kodex für Betrüger, der seine Spitze gegen die nicht-jüdische Welt richtet, dargestellt; als eine durch unsinnige Kommentare ermöglichte Fälschung der Bibel, als systematische Schule von Ausflüchten und Betrügereien, als Behältnis allen moralischen Schmutzes, wildesten Aberglaubens und tiefster Finsternis — kurz als großen Misthaufen, in welchem hie und da einige winzige Gedankenperlen verstreut sind, einige schöne Maximen und Aphorismen, die zur Schaustellung für die Welt und zur Irreführung der Menschen bestimmt sind. Dabei pflegt dieser Typus der Informationen über den Talmud zu beweisen oder im besten Falle zwischen den Zeilen die Vermutung durchschimmern zu lassen, daß die Bücher des Talmuds ein geschlossener und absolut bindender Rechtskodex seien, daß jeder Satz für sich ein unerschütterliches, das jüdische Leben regelndes religiöses Gebot darstelle; daß jeder Ausspruch irgend eines der Rabbiner des Talmuds die Bedeutung eines Katechismus besitze, nur daß im Falle widersprechender Lehren der Jude freie Wahl hat. Diese polar entgegengesetzten Meinungen sind dazu angetan, in den Köpfen Verwirrung anzuriohten. Es existiert tatsächlich in der ganzen Weltliteratur kein Beispiel dafür, daß man über ein Werk so verschieden urteilte, es besteht daher keine Möglichkeit, diese Erscheinung wenigstens aus der Analogie zu verstehen. Selbst wenn es gelingt, den Leser durch Gegenargumente davon zu überzeugen, daß man am Talmud viele Fälschungen begangen hat, wird es ihm schwer fallen, zu glauben, daß alles, was man über den Talmud Abfälliges berichtet, falsch sed, zumal da er in dieser Literatur hie und da doch einem authentischen, freilich boshaft kommentierten Zitat begegnet. Woher stammt diese Divergenz der Urteile? Wo liegt die Wahrheit? Um 5 Uhr! Keiner fehlt I Jeder stimmt für die Liste nationaler Block! Wahlzeit bis 10 Uhr! mud. Scheinbar herrscht darin keine Ordnung, keine Regel, keine Komposition. Da ein aktuelles politisches Ereignis, dort ein Protokoll über den legislativen Rat des S&nhedrdn; da eine Legende oder ein Spruch, dort ein philosophischer Traktat; da etwas aus der Geschichte, dort etwas aus der Astronomie; ein juristisch interessanter Fall und ein Bericht über die Beratungen des Tribunals mit Interpretationen des Gesetzes, eine Berichterstattung über die Religiousdebatte des Theologenkreises, praktische Ratschläge, eine Reihe Aphorismen und eine heitere Anekdote, eine aktuelle kleine Chronik, eine Ärzteecke, eine Frauenecke, eine metaphysische Ecke usw. Alles greift ineinander, eins jagt das andere, eine kluge und rein fachliche Sache steht in unmittelbarer Nachbarschaft mit einer mehr oder minder gelungenen literarischen Schöpfung, immer das Aktuelle bei dem längst Verklungenen, das Interessante bei dem Langweiligen, da6 Wichtigste bei dem Gleichgültigen. Und doch sieht man bei näherer Betrachtung in diesem Chaos eine Komposition, man erkennt die alles ordnende Hand, ganz ebenso wie das Auge des Fachmannes in einer gut redigierten Zeitung im Chaos die Geschicklichkeit der Auswahl und Zusammensetzung der Dinge erkennt. Wie die Zeitung das Bild des Tages, so gibt der Talmud das Bild des vollen jüdischen Lebens zur Zeit seiner Entstehung. Der verständige Leser einer Zeitung wird nicht alles, was er darin findet, als wesentlich für die Gesellschaftsordnung, die Gesetzgebung, die Sittlichkeit und das Leben eines Landes betrachten. Er weiß: etwas anderes sind die Parlamenteberatungen und etwas anderes die Beschlüsse; er weiß, daß nicht alles, was die Teilnehmer eines Konzils sagen, auch schon zur Glaubenswahrheit und Religionspflicht wird; daß die Theorie von der Praxis verschieden ist; daß das eine wichtig und prinzipiell, das andere zweifelhaft, das dri'tto durchaus gleichgültig ist und daß wieder ein anderes schließlich abgelehnt, ja verdammt wird. Aber die Pflicht der Zeitung ist es, alles mitzuteilen, damit sich der Leser ein Gesamtbild das Ganzen machen könne. Beim Talmud aber verfahren seine Gegner in der Weise, daß sie gewisse, aus dem Ganzen tendenziös herausgegriffene Sätze nebeneinanderstellen und willkürlich kommentieren und dann die durch diese Methode geschaffene Fiktion als das Bild der Ethik der religiösen jüdischen Bücher, als den Spiegel der in ihren Lehrern erzogenen „jüdischen Seele“ vorführen. Es erübrigt sich zu bemerken, daß durch diese Methode überhaupt alles „bewiesen“ werden kann, was jemand sich auszudenken und a priori vorauszusetzen gewillt ist. Auf diese Weise läßt sich sogar an der Hand entsprechend ausgewählter Zitate aus dem Talmud oder aus einem beliebigen anderen Buch beweisen, daß die Welt niemals existiert habe. Aus solchen Artefakten folgt ja noch nicht, daß diese die authentische Lehre des Talmuds darstellen, wenn auch die entsprechenden Zitate in ihrem Wortlaut nicht gefälscht sein sollten. Daß nicht jeder Satz zur Norm des religiösen jüdischen Gesetzes wurde, beweist die Mi&chna Edujjoth I, 4t „Warum werden die Worte — schreibt sie — Bitteis und Schamais angeführt, da doch die Majorität sie verworfen hat? Um die künftigen Geschlechter zu lehren, dnß der Mensch nicht auf seinem Willen bestehen sott. Denn die Väter der Welt haben ja nicht einmal mf ihren Worten bestanden? In Edujjoth heißt es daher in demselben Kapitel; „Immer richtet sich das Verfahren nach der Meinung der Majorität.“ Aber nicht ausschließlich dieser didaktisch-erzieherische Zweck war der Grund dafür, daß im Talmud neben den anerkannten auch die verworfenen Sätze festgehalten wurden. Es bestand dafür auch ein praktischer Grund: Darüber erwähnt Mischna Edujjoth I. 6.: „R. Juda sagt:, Warum gedenkt man der Emzelmeinung unnütz gegenüber der Meinung einer anders entscheidenden Majorität? Damit, wenn jemand sagt: Das habe ich als Tradition empfangen, man ihm erwidern kann, du hast die abgewiesene Meinung vernommen? Dabei war es nicht die Absicht des Talmuds, in rechtlich-religiösen Dingen zu erstarren. Er gab wohl den großen allgemeinen Rahmen, wies aber auch auf die Einzelheiten in den verschiedenen Meinungen hin, da er damit rechnete, daß angesichts des fließenden Lebens auch die Gesetze nicht versteinern dürfen, und daß auch die Norm für eine Berufung vorhanden sein muß. Mischna Edujjoth I. 5, schreibt: „Weshalb wird die Ansicht eines einzelnen gegen die Mehrheit angeführt, wo doch die Halakha nur nach der Mehrheit entschieden wird? — Damit, wenn einem Gericht die Ansicht des einzelnen einleuchtet, es sich darauf stützen könne. Ein Gericht kann nämlich nur dann die Bestimmung eines anderen Gerichtes mf heben, wenn es jenes an Weisheit und Zahl übertrifft. Ubertrifft es jenes nur an Weisheit und nicht an Zahl oder nur an Zahl und nicht an Weisheit, so kann es dessen Beschlüsse nicht mf heben; nur wenn cs jenes an Weisheit und Zahl übertrifft? Die Mischna erzählt weiter, daß. R. Akabia sterbend seinem Sohn riet, von seiner Meinung abzulassen und sich den Majoritätsbeschlüssen zu fügen. Er begründete seine Forderungen folgendermaßen: „Mein Sohn — sagte er — nimm du die vier Satzungen zurück, die ich lehrte? Da fragte dieser: „Warum hast du es dem nicht selbst getan?“ Antwortete er ihm: „Ich habe sie aus dem Munde der Majorität gehört, die sie wieder aus dem Munde der Majorität gehört hatte. Ich blieb fest in dem, was ich gehört hatte, wie sie selbst geblieben in dem, was sie gehört hatten. Aber du hast es nur aus dem Munde eines einzelnen Mannes gehört, nach dem Ausspruch der Majorität ist es aber richtig, die Worte eines einzelnen aufzugeben und die der Majorität anzunehmen? Da sprach er zu ihm: „Vater, empfiehl mich deinen Genossen/“ Da sagte er: „Das tue ich nicht? Fragte jener: „Hast du denn an mir etwas Anstößiges gefunden?“ Antwortete &r: „Nein, aber deine Werke werden dich nähern (empfehlen) und deine Werke tuerden dich entfernen? Was jeder Wähler wissen mußt Wahltag: Donnerstag, den 1. Jul! 1937, von 5 Uhr nachmittags bis 10 Uhr abends. Als Wahldokumente gelten ausschließlich eines der folgenden Dokumente: Geburtsschein, Heimatschein, Trauungsschein, Reisepaß, Gewerbeschein, Netz¬ oder Streckenkarte der Straßenbahn oder eine sonstige amtliche Legitimation. Meldezettel allein genügt nicht, die Mitnahme der Schekelquittung ist nicht notwendig, der Schekel allein ist kein Wahldokument. Wahllokale: Jeder wählt persönlich in dem Bezirke, in welchem er die auf die Kongreßwahl sich beziehenden Zuschriften erhält. — Wahllokale und Agitationslokale werden in der „Stimme“ verlautbart. Wahlzeit: Von 17 bis 22 Uhr. Wählen Sie nicht zu spät!! Sie ermöglichen dadurch die rechtzeitige Erfassung säumiger Wähler. Stimmzettel: Schneiden Sie aus diesem Blatt den Stimmzettel aus! Es ist der Stimmzettel der Liste: „Nationaler Block“ (Zionistischer Landesverband für Österreich — Verband der Judenstaatszionisten Österreichs) Listenfü'hrer: Dr. Oskar Grünbaum Ing. Robert Stricker. Ändern und streichen Sie nichts! Sonst ist der Stimmzettel ungültig. Beachten Sie alle diese Weisungen! Denn nur dann sichern Sie Ihr Wahlrecht! Die Hauptagitationsleitimg der Liste „Nationaler Block“. iiiiiiiiiiiiiliiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiimiimiiii Weltgeschichte des jüdischen Volkes in drei Bänden Im Jüdischen Verlag in Berlin beginnt die „Weltgeschichte des Jüdischen Volkes“ von Dubnow in drei Bänden zu erscheinen. Der kürzlich erschienene erste Band entspricht den Bänden I—HI der zehnbändigen Ausgabe. Schon aus dem ersten Band, der in Verbindung mit dem Verfasser von Dr. A. Steanberg bearbeitet wurde, ist zu erkennen, daß hier eine ausgezeichnete Arbeit geleistet wurde. Vergleicht man den erschienenen Band mit den ersten drei Bänden der großen Ausgabe, so fällt vor allem die geschickte Gliederung auf. Ein Buch, ein Kapitel und ein Paragraph entspricht immer einem Band, einem Buch beziehungsweise einem Kapitel der großen Ausgabe. So hat der Leser die Möglichkeit, der einen tieferen Einblick in eine bestimmte Periode oder Episode nehmen will, ohne langes Suchen die einschlägigen Partien in der großen „Weltgeschichte“ zu finden. Dabei hat es der Bearbeiter verstanden, keine wichtige Einzelheit auszulassen. Daraus folgt, daß der Talmud gar keine Willkür zuläßt und nur, was iim Talmud formell beschlossen wurde, Gesetz ist; andere Satzungen haben den Charakter individueller Meinungen. Der mit dem ersten Band so verheißungsvoll begonnene Anfang erweckt den Wunsch, daß die beiden restlichen Bände rasch folgen mögen. Die dreibändige Dubnow-Ausgabe wird sicher die größte Verbreitung finden. Wahlvorsdilag der Liste ,/Nationaler Blöd«" (Zionistischer Landesverband für Österreich - Verband der Judenstaatszionisten Österreichs) 1. Dr. Oskar Grünbaum, Rechtsanwalt, I., Walfischgasse 10. 2. Ing. Robert Stricker, Oberbaurat i. P., I., Schottenbastei 16. 3. Sabine Paßweg, IX., Pramergasse 31. i. Dr. Nachmann Frey, Arzt, II., Ausstellungstraße 45. 5. Fritz Richter, Beamter, I., Rotenturmstraße 29. 6. Elias Grünschlag, Kaufmann, Graz, Redtenbachorgasse 7. 7. Dr. Henni Lichtenstein-Rappaport, HL, Lambrechtgaew 9» 8. Dr. Richard Pokorny, Rechtsanwalt, I., Liliengasse 1. 9. Theodor Grubner, Privatangestellter, IX., Wasagasse 7. 10. Dr. Phöbus Tuttnauer, Arzt, I., Dorotheergasse 6. 11. Kommerzialrat Franz Benedek, Kaufmann, Fohnsdorf. 12. Dr. Abraham Groß, Rechtsanwalt, VI., Capistrangasse 4. 13. Isidor Lebensobn, Beamter, II., 14lienbrunngasse 13. 14. Josef Pränkel, XIX., Grinzinger Allee .7/33,