Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1937-06-25 · Heft 654 (25.6.1937) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 654 (25.6.1937)
Date
1937-06-25
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3054338-3054410--6763-3062653
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

4 DU «TIMMI Nr. 684. - Wien, Freitag, 85. Jto! m 0er Jüdische Arbeitsnachweis Der Berufskampf des Juden Am 17. Juni fand im Sitzungssaal* der Kiultue-gemeinde die Generalversammlung des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis unter dem Vorsitz des Obmannes Gieza K1 i n g e r und in Anwesenheit der Vertreter des Kultusvorstandes, des Amtsdirektons sowie des Vorstandes der Fürsorgezentrale statt. Der Leiter des Arbeitsnachweises Dr. A S c hm e r 1 e r führte in seinem mit großen - Interesse aufgenommenen Tätigkeitsbericht aus: Die außerordentlichen Zeitverhältnisse stellten außerordentliche Anforderungen an den Arbeitsnachweis, denn von Jahr zu Jahr spitzt sich das Problem der jüdischen Lebensrechte zu und unser Lebensraum wird immer kleiner und enger. Es hat den An schein, daß unsere Rechte und Lebensrechte miteinander nicht in Einklang stehen. Wohl sind unsere Rechte in der Verfassung konstitutionell, aber unsere Lebensrechte nicht in den Ständednstitutionen institutionell sichergestellt. Wir leben in einem fraglichen ,,intentionellen‘ Zustand, der uns täglich und stündlich zermürbt, weil wir nicht wissen, welche Intentionen uns gegenüber in der Frage des Einbaues in die Volkswirtschaft bestehen. TJmer Lebensmm wird immer kleiner: vom Boden sind vnr abgedrängt, vom öffentlichen Dienst ausgeschaltet, aus wirtschaftlichen Positionen verdrängt, in Bändel und Gewerbe nicht nur dem Untersagungsgesetz, sondern auch dem freien Ermessen der Verwaltung und der Zünfte als Schwächere und Wehrlose unterworfen ■und bei dem Anstreben von Arbeitsstellen so behandelt — wie wir behandelt werden. Es ist daher begreiflich, daß die Zahl der jüdischen Erwerbs- und Arbeitslosen immer steigt und daß man anges-ichts dieser Daueir¬ und Maßsenerscheinung nicht mehr von einer Proletarfeierung, sondern von einer Deklassierung und Pauperisierung der jüdischen Menschen sprechen muß, wobei nicht nur die Extensität, sondern auch die Intensität dieses Prozesses — die Schicksalsfcragödie der jüdischen Jetztzeit ausmacht. Vor geschlossenen Türen Die Schwere des Schicksals bekommen zu spüren: zunächst die jüdischen Intellektuellen ohne Verdien« tmöglichk eit, die Schwere des Existenzkampfes die jüdischen Kaufleute ohne Erwerb und die Schwere des Unterganges zumeist die jüdischen Arbeitslosen. Wer vermag in Worten die Verzweiflung der Eltern, die Tränen der Kinder, die Klagen der jüdischen Arbeitslosen im Bereiche der Sorgen um Arbeit und Brot zu schildern? Dabei ist das Erschütterndste die Wahrnehmung, daß das Krisentief für uns trotz Ansteigens der Ausfuhr und der Besserung auf dem Gebiete der Industrie nicht überwunden ist, denn unsere Arbeitslosen geben noch immer nicht durch die Tore der Arbeitsstätten, sondern sie stehen vor den Türen der Arbeifceämter und warten. Und die Tragik der jüdischen Arbeitslosen besteht darin, daß sie dis Juden weder bei jüdischen nach bei tnchtjüdischen Unternehmern Beschäftigung finden. Diese spezifisch jüdische Krisenschwere, deren Schneiden erbaranungs- und schonungslos aufeinander klaffen, schmerzt ungemein. Die jüdischen Unternehmer, die sich dem jüdischen Arbeitslosen gegenüber, der auf sie angewiesen ist, passiv verhalten, verkennen die wirtschaftliche Bedeutung der Einordnung der jüdischen Menschen in den Arbeitsprozeß. Dadurch, daß auch die jüdischen Unternehmer ihn in ihren Unternehmungen! nicht mitarbeiten lassen, tragen auch sie zu seiner Entwürdigung, Entrechtung und Vernichtung bei. Die jüdischen Unternehmer übersehen aber auch; nebmeT welche Rückwirkungen die freiwillige „Arisierung“ ihrer Betriebe auf sie selbst haben könnte. Es ist soweit gekommmen, daß jüdische Unternehmer, diie keine Juden in ihren Betrieben beschäftigen, sich an den jüdischen Arbeitsnachweis wegen Unterbringung ihrer Angehörigen bei jüdischen Unternehmern wenden und daß wir für lange Jahre keinen Nachwuchs an qualifizierten Kräften auch in den wenigen, den Juden noch zugänglichen Branchen haben. Wir müssen daher vom jüdischen Untexin erster Reihe verlangen, daß er neben den nicht jüdischen auch jüdische Arbeitskräfte beschäftigt. Denn ohne das primäre Verständnis des jüdischen Arbeitgebers für das brennende Problem .der jüdischen Arbeitslosigkeit können wir auch zu keiner Verständigung mit der Umwelt kommen. Trotz der Fülle der Schwierigkeiten, die sich allenthalben fühlbar machten, haben wir aus dem Blickfeld den schwierigen und komplizierten Komplex der jüdischen Arbeitslosigkeit nicht verdrängen lassen. BlftLlK.KLUB. WIEN. 1. JASOM1RGOTTSTRASSE fl Mittwoch, den 30. Juni, 8‘15 Uhr abends, — am dritten Todestage unseres nationalen Dichters Ch. N. Bialik — veranstaltet der Bialikklub im großen Featsaal des Hotel Continental, II. Taborstraße 4 eine m BIALIK-ANDACHTSFEIER m Die Andachtsreden halten: Oberrabblncr Dr. <J. Taglicht (deutsch) und Präsident d. B. K. Dr. D. Rothblum (hebräisch). Onerkantor G. Margnlle« verrichtet das Andachtsgebet. Hilde Dnlltzkafa und J. Segal-Rosenbach tragen Bialiklieder vor. (Am Klavier Fräulein Riegler und Oideou Mai). Rezitation. (Kleiner Regiebeitrag.) Das Problem der Umschichtung Unter Hinweis auf die durchgreifende Reorganisierung des Arbeitsnachweises und der Berufsberatung, die auf die Sonderlage der Juden eingestellt sind um im Laufe der Zeit die jüdischen Arbeitslosen sukzessive in den Wirts c-haftepTOzeß wieder einzugliedern, erörterte der Berichterstatter die im Vordergrund des jüdischen Interesses stehende Frage der Berufsumschichtung und hob folgende Grundsätze hervor: Erstens: Im Umschichtüngskomplex muß eine Teilung und Abgrenzung des Gegenstandes vorgenommen werden, es muß zwischen der für die Auswanderung ins Ausland und der für das Inland bestimmten Umschichtung unterschieden werden. Nur äußerlich liegen beide auf derselben Linie, aber in Wirklichkeit sind die Voraussetzungen, Bindungen und Aussichten für jede anders gelagert. Denn fürs Inland entscheidet in erster Reihe die gesetzliche Einordnungsmöglichkeit und für das Ausland vorwiegend der A r b e i t s m a r k t. Im Inland sind die sozialpolitischen Maßnahmen (Krankenversicherung, festgesetzte Lehrzeit, Lehrz'eugnispflicht usw.) von Bedeutung, wähnend es für das Ausland keine besonderen Bindungen gibt usw. Die Mittel und Wege für die Umschichtung müssen daher in beiden Fällen v e r s c h ie d e n a r t i g behandelt werden. Zweitens: Die Umschichtung verlangt die Beantwortung zweier Grundfragen, und zwar ob und wie umgeschich'tet werden soll. Die erste Frage, o b uingeschichtet werden soll, kann nur im Sinne der re ch t s p o 1 itisch e n Gegebenheiten bean twortet werden, denn bei der rationnellen und planmäßigen Umschichtung kann es nicht allein auf die Überprüfung in neue, bestimmte produktivie Berufe ankommen, wenn nicht grundsätzlich die Möglichkeit besteht, die Arbeitskräfte auf alle Berufe zu verteilen. Sonst könnte wieder eine Überfüllung in den neuen produktiven Berufen eintreten, was zwangsläufig dann zu ebner TJmscMchtmg der Umgeschichteten, beziehungsweise zu einer Rückumschichtung führen müßte. Die zweite Frage, wie urageschichtet wenden soll, müssen die jüdischen Unternehmer in der Richtung beantworten, ob sie willens sind, den Lehrlingsanwärtem Lehrstellen in ihren Betrieben zur Verfügung zu stellen und den Arbeitnehmern Arbeitsmöglichkeiten zu geben. Drittens: Derzeit ist nicht die Umschichtung Voraussetzung für die Einordnung in dm Arbeitsprozeß, sondern die Einordmmgsmögliehheit ist die Voraussetzung für die Umschichtung. Im Mittelpunkt unseres Interesses befindet sich die Berufsberatung, deren Ziel es ist, die jüdischen Jugendlichen unter Bedachtnahrae auf ihre Neigung, Eignung und die gegebenen Arbeitsverhältnisse hinsichtlich ihrer beruflichen Verwendbarkeit zu beraten und sie in die richtige Bahn zu Lenken, sowie für die Förderung der Berufsauslese zu sorgen. Diese von der Berufsberaterin Frau Dr, Johanna Einer geführte Berufsberatung erfreut sich trotz der beträchtlichen Schwierigkeiten, mit denen sie noch zu kämpfen hat, großen Zuspruchs nicht nur der jüdischen Jugendlichen, sondern auch der Erwachsenen. Arbeitsvermittlung im Jahre 1936 Nachstehende Zahlen geben Aufschluß über die Tätigkeit des Arbeitsnachweises im Jahre 1936: Cliickuuiuch aus Erez Ghalm) Wir gratulieren innigat unserem lieben Vater Herrn Chiin« DörfUr In Wien zum 60. Geburtstag und senden Ihm nnd der 1. Matter die herzlichsten Grüße. Die Kinder Michel u. Klara, Samuel u. Dora DOrfler. Die Enkelkinder Raehel u. Erl Nach Berufen geordnet, ergeben die Vermittlungen folgendes: I. Erwachsene: männl. welbl. zu*. 1. Kaufmännische Berufe 164 244 408 2. Handwerkliche und Industrieberufe . . * 99 114 213 3. Erziehung, Pflege, ÜRll&hä'lt i } i e 22 312 334 285 670 955 II. Jugendliche: 1. Kaufmännische Berufe 119 62 181 2. Handwerkliche Berufe 39 29 68 158 91 249 Stellenbewerber: männl. weibl. zus. Erwachsene . . . . 1239 1291 2530 Jugendliche . . . . 267 257 524 1506 1548 3054 davon Haushalt . . , 209 Ve r m i 111 ung e n : Erwachsene . . . , . 285 670 955 Jugendliche . . . . 158 91 249 443 761 1204 davon Haushalt . . . 165 Dazu ist zu bemerken: Ein Teil der vermittelten Arbeiter und Angestellten findet nur saisonmäßige, beziehungsweise vorübergehende Beschäftigung, die Arbeitsmöglichkeit ist beim jüdischen Unternehmer, der nicht krisenfest, sondern kriseniempflndlich ist, oft nicht dauernd. Aber die Arbeiter wissen auch in diesen Fällen den Wert der temporären fluktuierenden Arbeit zu schätzen, denn sie erlangen dadurch die Möglichkeit, ihre Wohnstätten zu erwärmen, ihre Kleidungsstücke auszulösen, dem Mietzinsrückstand zu berichtigen und, was wichtiger ist, die noch auisstehemde, für die E r langung des Befähigungsnachweises notwendige Mindestverwendung s z e it durch Arbeit zu ergänzen sowie in den einzelnen Berufszweigen sich einzuarbeiten. Die Ha'USihaltarb'eit wird trotz aller Be. mulmigen noch immer vielfach perhorresziert. Denn das junge jüdische Mädchen findet im Handel und Gewerbe auffallend eher Beschäftigung als der männliche Angestellte. Beunruhigend wirkt die weitgehende und disproportionierte Bevorzugung der weiblichen Arbeitskräfte gegenüber deh männlichen, so daß heute von einer Verweiblichungder jüdischen Arbeitsfront gesprochen werden kann. Nach Änderung der Statuten und Genehmigung des Kassenberichtes wurde dem afl> tretenden Vorstand das Absolutorium erteilt, die Neuwahlen durchgeführt und dem Präsidium und dem Vorstand der Kultusgemeinde für die verständnisvolle und weitgehende Förderung der Dank ausgesprochen. zu dem am Samstag, den 3. Juli 1937, V, 9 Uhr abends lm Pracht« garten des Etablissement „Ottakringer BrSn" stattfindenden WIR LADEN SIE EIN GARTENFEST Es wirken mH u. a.: Leo Reuss-Brandhofer, Hugo Knepler. Das Fest findet bei Jeder Witterung statt Entreo 8 2.— Zion. Bezirkssektion „Breitensee1* Martin Unger Doktor in der Bundeskulturrat Hof rat Professor Frankfurter schreibt uns: Die Nummer von Freitag, den 18. d., veröffentlichte, der JTA entnommene Mitteilung „d e r jüdische Begründer der Donaudampfschiffahrtsgesellschaft wird nicht genann t“ veranlaßt mich, als den Verfasser des 1917 erschienenen Buches „Josef Unger — das Elternhaus — die Jugendjahre“ (Wien, Braumüller), der einzigen Quelle zur Kenntnis Martin Unters und seiner Beziehung zur Donaudampfschiffahrtsgesellschaft, zu folgender Berichtigung: 1. Martin Unger war weder der noch einer der Begründer der Dona/udampfscihiffahrtsgesellschaft, er war vielmehr einer ihrer bedeutenderen Aktionäre, der, wie der Protektor der Gesellschaft Graf Pal ff y bezeugt, sich um sie durch Verfrachtungen ungarischer Produkte verdient gemacht hat. Auch wenn er der Begründer gewesen wäre, wäre kein Anlaß ihn zu nennen gewesen, weil die jetzige Feier nicht eine Jahrundertfcier des Bestandes der Donaudampfscbiffahrtsgesellschaft, sondern lediglich der ersten FaihTt von Wien nach Linz ist. Fahrten von Wien nach Pest haben schon früher, zuerst 1824, stattgefunden. Für alles Nähere sei auf mein oben genanntes Buch-verwiesen. 2. Martin Unters Testament, das in meinem Buch vollinhaltlich abgedruckt ist, enthält kein Verbot an seinen Sohn sich taufen zu lassen. Auch für die Verhältnisse im Hause Martin Ungens sei auf mein Buch verwiesen. 3. Martin Unger war wieder einer der Erbauer (richtiger Gründer) des Tempels in der Seitenstettengasse, auch nicht großzügiger Philanthrop. In meinem Buch wird lediglich mitge« teilt, daß er 1823 bis 1827 zahlendes Mitglied der Chewra Kadischa war und daß unter den Wählbaren, an die am 20. Mai 1848 die Aufforderung zur Wahl zweier Vertreter der hiesigen israelitischen Einwohner erging, auch Martin Unger (als mit Regu-enungsbewilligung selbständig ansässiger Einwohner Wiens) genannt wind. Am 19, September 1850 starb er im 76. Lebensjahr nach mehrjähriger Krankheit an Rückenmarklähimung als armer, völlig vermögensloser Mann. Frankfurter. Klub „Erez Israel" veranstaltet am 26. Juni im Cafe Konstantinhügel ein mit Akademie, Tanz und diversen anderen Belustigungen „The Sw inging Serenaders" Entree: Schilling 1*50 Eine taktlose Demonstration Gewisse Kreise der Jugendlichen können es »Ich nicht versagen, jodo unpassende Gelegenheit zu Demonstrationen taktloser und peinlicher Art wahmmehmen. Als derartige Kundgebungen sich beim jüdischen Sportfest ereigneten, schwiegen wir noch dazu, weil wir hofften, daß interne Ermahnungen an dio Demonstranten eine Wiederholung derartiger Vorfälle verhindern wind. Nach Schluß der Volkespiele im Offenbaohsaal kam es aber wieder zu solchen unliebsamen Dingen. Wir weisen nachdrücklich darauf hin, daß parteipolitische Äußerungen bei Venui,stalluii'.icii. zu denen'die Juden ohne Unterschied ihrer Parteizugehörigkeit geladen sind, der Sache, um die es gebt, nur Schaden zufügen. Es ist dabei ganz gleichgültig, für oder gegen welche Partei demonstriert wird. Bei Sportspielen und bei Veranstaltungen der Art, wie sie der Keren Kajomolh mit Leopold Jossner ins Leben gerufen hat, muß die Parteipolitik strengstens verbannt sein. Auf unsere privaten Vorotellungen wurde uns versichert, daß nur ganz wenige von den Laienspielern sich zu diesen Taktlosigkeiten hätten hinreißen lassen. Wir wollen das gern glauben und wir nehmen auch gern zur Kenntnis, daß die Veranstalter der Spiele nachdrücklich für das Unterbleiben jedweder neuen Demonstration sorgen werden.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.