Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 653 (22.6.1937)
- Date
- 1937-06-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 353. — Wien, Dienstag, 22. Juni 1937. DIB STIMM! Sötte 3 Dr. Jakob Ehrlich wwrde neuerlich zum Rat der Stadt Wien ernannt. Die jüdische Öffentlichkeit wird die neuerliche Ernennung dieses bewährten Kämpfers für die jüdischen Rechte mit Genugtuung auf nehmen. Der Zionistische Landesverband gratuliert seinem Mitglied Dr. Jakob Erlich herzlichst zu seiner neuerlichen Ernennung. Die Tätigkeit der WIZO in Palästina Jerusalem, 17. Juni. (JTA.) Aus dem Tätigkeitsbericht der WIZO, der soeben in Jerusalem erschienen ißt, geht hervor, daß von dem Verband über 100 soziale und pädagogische Einrichtungen in Palästina unterhalten werden, darunter 17 Säuglingsheime, 6 Säuglings-Tagespflegestellen, 8 Kindergärten, 55 Sohülerklubs, 4 Spielplätze, 1 Erholungsstätte auf dem Karmel, 4 Tageserholungsstätten in verschiedenen Kolonien, 2 Mädchenfarmen und 1 Bekleidungssteile. Die WIZO nimmt ferner in vier Städten die Verteilung von Milch und Butter vor und führt in fünf Kolonien Schülerspeisungen durch. Sie bietet 400 Knaben und Mädchen Erziehungsmöglichkeit und ärztliche Versorgung. Das Budget beträgt 18.000 Pfund. Freie Amerika-Einwanderung für Polens Juden gefordert New York, 17. Juni. (JTA.) Die Jahrestagung des Verbandes der polnischen Juden Amerikas hat beschlossen, an die Regierung der Vereinigten Staaten den Appell zu richten, die Tore Amerikas für die Einwanderung verfolgter Juden aus Polen zu öffnen. An .dio polnische Botschaft soll eine Denkschrift über die Judenverfolgungen in Pölen gesandt werden. In einer Resolution spricht sich die Tagung für verstärkte Fortführung des antideutschen Boykotts aus. Manöver bei Hebron Jerusalem, 18. Juni. (JTA.) Unter dem Kommando General John Dills fanden in der Gegend von Hebron große Manöver statt, bei denen Panzeraut06, Tanks, Flugzeuge und technische Truppen (Radio, Telegraph) eingesetzt wurden. Tagung des Weltmisrachi in Wien Die 14. Konferenz des Mierachi-Weltverbandes wird am 27. Juli in Wien eröffnet werden. Warenhaus Wertheim - „arisch" Berlin, 17. Juni. (JTA.) Der bekannte Warenhauskonzera Wertheim, dessen Inhaber bereits seit vielen Jahren getauft1 sind, wird am 1. Juli in arische Hände übergehen. Die jetzigen Besitzer, Georg Wertheim und seine Frau, behalten 15 Prozent der Aktien als stille Teilhaber. Die übrigen 85 Prozent der Aktien sind von einer privaten Kapitalistengruppo übernommen worden. Es heißt, daß die Finanzoperation zum großen Teil mit Sperrmark, also zugunsten, ausländischer Besitzer, vorgenommen worden sei. Am Grab Theodor Herzl$ Es war ein trüber, windiger Tag, nicht vergleichbar jenem 7. Juli 1904, von dessen sengenden Sonnenhitze uns berichtet wird. In das Rascheln des sturmgepeitschten Laubes der Friedhoftsbäume mengte sich das dumpfe Geräusch der Schritte im Kies: mehrere Stunden lang zogen mehr als zehntausend Männer und Frauen, Burschen und Mädchen am Grabmal des toten Führers vorüber, der, nach den schönen Worten der Dichterin, einst auf seines Herzens Papyros den Wiederaufbauplan des Hebräerlandes entfaltet hatte. Es liegt eine symbolstarke Magie darin, daß alljährlich immer wieder jüdische Menschen, jüdische Kinder, sich dem Zug des Gedenkens einreihen, die zum erstenmal das Wunderbare, Große erleben, wie ein ganzes Volk, Nochnicht-Volk, Wieder-Volk seiner Eigenexistenz sich bewußt wird, indem es das Andenken an an jene Köriigsgestalt feiert, die uns längst zum Begriff für jüdische Größe, Tatkraft, Willensfestigkeit geworden ist. Da ziehen aber auch jene mit, die noch den Menschen Herzl gesehen, erlebt, die vielleicht sogar noch zu seinen Lebzeiten an seinem, an unserem Werk mitgearbeitet — und die nun seine letzte Ruhestätte grüßen, als läge hier ein Stück von ihnen selbst begraben. So war auch dieses Mal eine unzerreißbare Kette der Generationen, durch Liebe zusammengeschmiedet, die das Grabmonument mit Hingebung umwand. Vom frühen Morgen bis in die Mittagszeit strömten Massen zum Döblinger Friedhof und formierten sich vor dem Tor zu Gruppen. Die blauweißen Fahnen wurden entrollt und in straffer Ordnung begaben sich die Feiernden zum Grabe, wo Vertreter der verschiedenen Gruppen die Ehrenwacht hielten. . An der Spitze des Zuges sab man den Präsidenten der Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Desider Friedmann, den Vizepräsidenten der Kubltusgemeinde, Oberbaurat Ing. Robert Stricker,, den Präsidenten des Zionistischen Landesverbandes für Österreich, Dr. Oskar Grünbaum, Rat der Stadt Wien Dr. Jakob Ehrlich, den Amtsdirektor der Kultusgemeinde, Dr. Josef Löwenherz, Kultusvorsteher Dr. Frey, Dr. K1 a b e r, Dr. Rosenberg, Doktor Körner, Dr. Plaschkes, Medizinalrat Dr. Schallt, von der WIZo: Präsidentin Sophie Löwenherz, Sabine Pa ß w e g, Frau Baurat Weiß, vom Ring der Alten Herren verbände den Präsidenten Doktor H a r n i k, den Vizepräsidenten Dr. Phöbus Tuttnauer, vom Verein jüdischer Ingenieure Ing. Ehrlich, ferner Direktor Apter, Dr. A. Groß, Dr. Leon Preis, Sam S a m u e 1 i, Dr. Chaim Tartakower, Rabbiner Schlomoh Friedmann, Professor Jessner, Dr. D. Rothblum und viele andere Persönlichkeiten. Die Tete bildeten die akademischen Verbindungen, dann kamen die WIZO, die Mitglieder des Zionistischen Landeskomitees, die Mandatare der Kultusgemeinde, die Präsidien der Fonds, die Mitglieder der Delegierten- Konferenz, die Deputierten au6 dem Ausland und aus der Provinz. Recht zahlreich waren die Sektionen vertreten, die sich nach Bezirken geordnet zum Grabe Herzls begaben. Nach ihnen kamen die anderen zionistischen Gruppen, dann Hakoah, Makkabi, Histadrut-h Iwrith, Vereinigung jüdischer Ärzte, Verband jüdischer Ingenieure und Techniker für den Aufbau Palästinas, und sonstige Vereinigungen, Körperschaften und Verbände. Die große Beteiligung, die auch durch den Regen nicht gehemmt werden konnte, legte Zeugnis vom starken Wachstum der zionistischen Bewegung im letzten Jahre ab. Mit besonderer Genugtuung stellen wir das überaus starke Anwachsen der Jugendverbände fest, von denen dio Allgemeinen Zionistischen Jugendverbände Hecihaluz Haklal Zioni und Brith Zion unter Leitung von Rotter, WittJcr, Schindler und Großmann dem Zug das Gepräge gaben. Die Jugendlichen boten einen besonders erfreulichen und erhebenden Anblick. Dank der vorbildlichen Organisation durch den Zionistischen Landesverband für Österreich wurde der feierliche Zug, trotz der großen Massen, in kurzer Zeit formiert und knapp nach 10 Uhr begann in würdevoller Weise der Aufmarsch. Der Grabgang, vom Zionistischen Landesverband für Österreich veranstaltet und organisiert, verlief in mustergültiger Disziplin. Die Organisierung des Grabganges lag in den Händen des Herrn Dr. F. P i c k h o 1 z. Ihm zur Seite stand Herr Benno Weiser. Die Leitung der Eihrenwaoho am Grabe Herzls hatte Kultusvorsteher Dr. Nachmann Frey über. Der Ordnerdienst wurde, wie in den vergangenen Jahren, auch heuer von den Mitgliedern des jüdischen Sport- und Schützenvereines „Haganah“ unter der Leitung der Herren Topf und Ing. Fürst versehen, die ihre Aufgabe in bewährter Weise ausführten. Auf den Gesichtern der Vorüberziehenden lag feierlicher Ernst. Waren die jungen Menschen, die am Grabe des Erweokers gemessenen Schrittes vorübermarschierten, nicht die Vorhut einer großen Friedensarmee, die den Friedensfürst grüßte? War es nicht bereits ein Stück Erez Israel noch inmitten der Galuth, ein Traum, eine Vorahnung der Verwirklichung des künftigen Großen, das einziger, ewiger, unteilbarer Judenstaat heißt, deT die Gebeine Herzls bergen wird, wie auch Josefs Sterbliches in Kanaan ruht? Den Vätern war er Kämpfer Mensch, im Wollen groß. Die Söhne sah'n noch, wie sein Irdisches sich verlor. Den Enkeln ist er Gleichnis schon, sie staunen bloß, Daß solch ein Werkzeug, das der Schöpfer sich erkor, Zerbrechlich, ausgesetzt gemeinem Menschenlos — Aus Volkes taubem Fels sprang jäh ein Strahl hervor! Dr. A. W. Exzesse in Czenstochau Warschau, 20. Juni. Zu schweren antisemitischen Ausschreitungen ist es am Samstagabend in Czenstochau gekommen, wo viele jüdische Geschäfte geplündert, jüdische Holzhandlungen in Brand gesetzt und jüdische Passanten verprügelt wurden. Die Unruhen sollen ihre Ursache darin gehabt haben, daß ein jüdischer Arbeiter angeblich einen Nichtjuden im Bierrausch schwer verletzt hat. Ausschreitungen In Naszielsk Warschau, 20. Juni. (JTA.) Im Städtchen Naszielsk, Warschauer Wojwodschaft, ist es zu schweren antijüdischen Ausschreitungen gekommen. Huligans überfielen jüdische Passanten und schlugen die Fenster jüdischer Geschäftsläden ein. Ein jüdischer Greis wurde schwer verletzt. Erhebliche Verletzungen erlitten ferner die jüdische Witwe Kupferstein und ein jüdischer Photograph. Polnische Regierung lehntArierparagraph ab Warschau, 18. Juni. Wio die JTA. bereits gemeldet hat, haben der Ärztoverband und die Vereinigung der Restaurateure bei der polnischen Vereinsbehörde ein© Statutenänderung im Sinne der Einführung des Arierparagraphen (Mjgebraoht. Die Verwaltungsbehörden haben den Antrag abschlägig be schieden. Jüdischer Wirtschaftsschutz in Polen Warschau, 20. Juni. (JTA.) Auf der in Warschau unter dem Vorsitze von Ingenieur M. Seidenmann abgehaltenen Generalversammlung des jüdischen WirtBchaftskomitees berichtete Generalsekretär Red. W o 1 k o w i c z über die beachtenswerten Ergebnisse der Arbeit des Komitees auf dem Gebiet der Arbeitsbeschaffung für jüdißcho manuelle und geistige Arbeiter und der Bekämpfung des Boykotts jüdischer Arbeit durch manche jüdischen Unternehmungen. Es ist gelungen, die Vorurteile zu beseitigen, die vielfach der Einstellung jüdischer Arbeitskräfte hindernd im Wege standen. Auch in der Winterbilfeaktion des Allgemeinen polnischen Winterhilfskomitees nahm das jüdische Wirtschaftskomitee in hervorragendem Maße Anteil. Um eine Zersplitterung der Arbeit zu vermeiden, wurde in Warschau ein Verbindungskomitee eingesetzt, dem dio Vertreter aller großen jüdischen Wohlfahrtsverbändo angehörten. Red. Wolkowicz behandelte sodann eingehend die Tätigkeit der Frauenkommission beim jüdischen Wirtschaftskomiteo und wies darauf hin, daß, dank den Bemühungen der Kommission, die geplante Schule für Hauswirtschaft und Kinderp f l e g o voraussichtlich noch in diesem Sommer eröffnet werden wird. Der Bericht wurde durch den Vorsitzenden Dr. Rosmarin ergänzt. Er betonte, daß das Wirtschaftskomitee sich als eine lebenswichtige Einrichtung erwiesen habe, die gerade unter den heutigen Verhältnissen unbedingt geschaffen werden müßte, w'enn sie nicht schon bestünde. In Hinblick auf den Defensivcharakter der jüdischen Wirtschaftspolitik habe das Komitee, um das sich alle jüdischen Wirtschaftsorganisationen und Gesellsehaftsschiehten gruppieren, sehr bedeutsame Aufgaben zu erfüllen. Arbeitende Menschen wissen,- daß zu erfolgreicher Arbeit bester KrUftezuatand, ruhige Nerven, gute Stimmung notwendig sind. Zur Kräftigung des Körpers, zur Behebung von MnttigkeitsgefUhl gibt es ein zuverlässiges Mittel: DIANA- Franzbranntwein mit Menthol. Bestes Einreibemittel, hervorragend zur Mund-, Zahn- und Rachenpflego und zu mannigfachen anderen Zwecken. In |edem besseren fieschält erhältlich. Verlangen üile ansdrfleklich „Diana“ und nehmen Sie nur „Diana“. Minderwertige Nachahmungen sind energisch zurdckzuwelsen. Das sind die Folgen Tel-Aviv, 17. Juni.-Bei der Landeskonferenz der Allgemeinen Zionisten der Gruppe A (Welfcvereinigung) wurde von mehreren Rednern dagegen Beschwerde geführt, daß die Zionistische Exekutive keine Mittel aus ihrem Budget für dio Ansiedlung vpn Arbeitern zur Verfügung stellt, die dem Allgemein-zionistischen Arbeiterveriband angehören. Wundern sieh die A-Zionisten darüber? Sie sind doch selbst daran schuld. Die üistadruth ist ihnen Tabu. Beim Kongreß ist ihnen edles recht was die Arbeiterpartei will. Jetzt kommt das Lamento. Dämmert es endlich den A-Zionisten auf, wie recht der Weltverband der Allgemeinen Zionisten mit seinen Beschwerden hat? Man muß daran zweifeln. Die A-Zionisten werden wieder in die Laube gehen und die allgemein-zionistischen Arbeiter werden weiter das Machsehen haben. Daher: Keine Stimme der Weltvereinigung der Allgemeinen Zionisten! Jede Stimme dem Nationalen Block! Listenführer Dr. Oskar Grtinbaum! Krach in der Gruppe A in Palästina Jerusalem, 17. Juni. Die Konferenz der Vereinigung Allgemeiner Zionisten für Palästina schloß nach einer Nachtsitzung, die erst heute nach Sonnenaufgang ihr Ende nahm. Angesichts der Meinungsdifferenzen zwischen den verschiedenen innerhalb der Vereinigung vertretenen Gruppen in bezug auf die Aufstellung der Kongreßwahlliste sowie auf die Wahl der palästinensischen Exekutive der Vereinigung, ist die Behandlung dieser beiden Fragen einem Sonderkomitee übertragen worden. Dez Bestand üMecesMoUces ist bedroht. Rapid sinkt die Zahl der Juden in Wien. Auf 406 Sterbefälle in den Monaten März und April dieses Jahres sind nur 146 Geburten gekommen. Heuer sind noch rund tausend jüdische Kinder in der ersten Volksscfmlklasso, in drei Jahren werden es nur mehr knapp 700 sein. Darum müssen wir mit größter Sorgfalt die Kinder, die noch da sind, pflegen. Groß ist das Elend unter der Wiener Judenschaft, tausende von Kindern armer Eltern fflli=SIHi sind schlecht genährt und dringend erholungsbedürftig. Die Kultusgemeinde nimmt sich ihrer an; sie hat im Vorjahr rund 4000 Kindern Ferienerholung gewährt. Aber dieses Werk erfordert große Mittel, die nur durch die Hilfe aller, die noch geben können, aufzubringen sind. Es kann kein Jude, keine Jüdin mit ruhigem Gewissen für die eigene Erholung Geld ausgeben, ohne vorher der Kinder gedacht zu haben. Spenden für die Aktion „Kinder aufs Landu nimmt die Fürsorgezentrale der Kultusgemeinde (Fostschehkonto B 29.659) enU gegen.