Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 653 (22.6.1937)
- Date
- 1937-06-22
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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£•!!• 4 Oll 8TIMMI Nr, 653. — Wien, Dienstag, 22. Juni 1937. Der Existenzkampf der jüdischen Ärzte In Wien werden gegenwärtig zum ersten Male Wahlen in die Standesvertrefcung österreichischer Ärzte vorbereitet. Die jüdischen Ärzte verlangen eine entsprechende Repräsentanz in dieser wichtigsten ärztlichen Zwangsorganisation. Im Zusammenhang damit ist es au schweren Auseinandersetzungen zwischen den „nationalbetonten“ Kreisen der Ärzteschaft, die eine jüdische Repräsentanz nicht zulassen wollen, und den fortschrittlich gesinnten Ärzten gekommen, so daß eine Spaltung droht. Die jüdischen Ärzte sind entschlossen, mit aller Entschiedenheit auf Erfüllung ihrer berechtigten Forderungen zu beharren, um so mehr, als die Wirtschaftsorganifeation deT Ärzte üiber lebenswichtige Interessen auch der jüdischen Ärzteschaft ziu entscheiden hat. Z|im Besuch Neuraths in London: Interpellation gegen Rassenverfolgung London, 20. Juni. (JTA.) Der bevorstehende Besuch des deutschen Außenministers Neurath in London bildet den Gegenstand einer Interpellation, die der Labour- Abgeordnete F1 e t c h e r im Unterhause Vorbringen wird. Er wird Eden unter anderem fragen, ob er dem deutschen Außenminister klarmachen werde, daß die britische öffentliche Meinung zwar stets freundschaftliche und gute Beziehunhungen zu anderen Nationen begrüßt, aber alle rassischen, religiösen und politischen Verfolgungen, sowie die Verletzung der internationalen Rechte immer ablehnt. LAOEM CIE Ein zu dera ara Samstag, den 3. Juli 1937, 7,0 Uhr abends lm Prachtgarten des Etablissement „Ottakringer Brfiu‘* stattfindenden GARTEHFEST Es -wirken mit u. a.: Leo Reuss-KramlhoSor, Hugo Beginn Vi9 Uhr Zion. BezirksaekUon Knepler. Das Fest findet bet Jeder Witterung statt „Breitensee“ \latUsspiete den indischen Jugend Diese Institution des Keren Kajemetk Lejisrael stellt eine freie Vereinigung von Laienspielern dar, die durch Aufführung von Chorwerken, dramatischen Spielen Und szenischen Bildern der Idee des jüdischen Volkes dienen wollen. Die jüdischen Volksspieler wollen nicht mit unzulänglichen Mitteln das große Theater kopieren und in Wettbewerbt mit den Berufstbeatern treten, vielmehr als Ergänzung des Theaters eine eigene Volkskunst entwickeln und im Rahmen der gegebenen Möglichkeiten durch Frische, Hingebung und Gläubigkeit Wirkungen erzielen. Die jüdischen Volksspieler wollen in gültiger Form schöpferische Parolen des kämpferischen Lebens der jüdischen Masse übermitteln, den Existens willen des jüdischen Volkes verkörpern, Kampf, Aufbau und Sieg dramatisch darstellen. Die jüdischen Volksspiele wollen zur Ausgestaltung der jüdischen Festkultur beitragen, neue Dichter, Komponisten, Darsteller zu produktiv-jüdischer Kunstgestaltung veranlassen und das aufblühende jüdische Kunstschaffen fördern. Die Institution „Volksspiele der jüdischen Jugend“ soll in allen jüdischen Gemeinden der Welt, in den Ländern der Galuth ebenso wie in Palästina Nachahmung finden, es sollen überall Spielscharen wirken und den erlösenden Tatgedanken in die jüdische Masse tragen. # Heute, Dienstag, debütieren die Volksspieler mit dem „Palästinakalender“ von Malkah Locker (Deutsch von M. Kienbein. Die Aufführung findet im Offenbach-Saal (Treitlstraße 8) statt und beginnt um %8 Uhr. Die Regie führt Professor Leopold J e ß n e r, dessen Initiative das Zustandekommen der Volksspiele zu danken ist. Die Veranstaltung beginnt mit einer Begrüßungsansprache des Präsidenten des Rings der zionistischen Alten Herren, Dr. H a r n i k, worauf Margarete Bach aus der Bibel rezitiert. Nach einer Pause beginnt mit einem von Alfred Werner geschriebenen Prolog das Spiel. Die musikalischen Teile sind von Wilhelm Graetzor komponiert, die musikalische Leitung des Spiels besorgt Siegfried Hacker. Klub „Erez Israel" veranstaltet am 26. Juni im Cafe Konsfantinhügel ein mit Akademie, Tanz und diversen anderen Belustigungen „The Swinging Serenaders" Entree: Schilling 1*50 Antisemitenpartei in der Tschechoslowakei Prag, 18. Juni. (JTA.) In Prag werden Flugblätter verteilt, die zum Beitritt und zur konstituierenden Versammlung einer neuen politischen Partei unter dem Namen „Nationale radikale Partei“ einladen. Die Partei, die „das Wirtschaftsleben, das bürgerliche Selbstbewußtsein und die allgemeine Moral auf Grund von Rassengesetzen“ heben will, will einen „kompromißlosen, fanatischen Kampf gegen die Weltherrschaft des jüdischen Imperialismus, gegen den Liberalismus und gegen den marxistischen Bolschewismus“ führen. Als Gründer der Partei zeichnen auf dem Flugblatt drei im politischen Leben bisher vollkommen unbekannte Personen: Ing. Wenzel Koula, ein pensionierter Major namens Emil Sourek und als Geschäftsleiter Hugo Tuskäny. Der Fünfjahrplan für Biro-Bidschan Moskau, 17. Juni. (JTA.) Das Präsidium der Regierungskommißsion für die Ansiedlung von Juden auf dem flachen Land (Komzet) hat beschlossen, während der nächsten fünf Jahre 100.000 Juden, das heißt 25.000 jüdische Familien, in Biro-Bidschan anausiedeln. Im Eisenfoahngebiet des Rayons sollen Handwerker-Kooperativen gegründet werden, die in eigenen Gemüse- und Milchfarmen ihre Selbstversorgung erhalten werden. In den Zonen der Kollektivfarmen werden Handwerker-Kooperativen die notwendigen landwirtschaftlichen Geräte für die Farmer herstellen. Das Präsidium beschloß ferner, eine Reparaturfabrik für die neue Eisenbahn im Rayon zu bauen und die neuen Autostraßen für die Entwicklung der jüdischen Siedlungen weitgehend auszunutzen. Spezielle Bauarbeiter-Kooperativen werden organisiert, und Arbeiter der Bauindustrie nach Biro-Bidschan gebracht werden, um für die Unterbringung von 5000 jüdischen Handwerkerfamilien in den nächsten fünf Jahren zu sorgen. Direkter Wagen Wien—Bad Luhacovice und retour. Beginnend mit 20. Juni wird bis 15. August auf der Strecke Wien-Nordbahnhof—Bad Luhacovice ein direkter Wagen 3. Klasse mit täglicher Abfahrt von Wien- Nordbahnhof, Schnellzug, 7.20 Uhr früh, an Bad Luhacovice 12.08 Uhr (über Lundenburg— Ungarisch-Hradisch—Kunovice) geführt. Zurück geht dieser Wagen ab Bad Luhacovice um 16.15 Uhr, Ankunft Wien-Nordbahnhof, Schnellzug, 22.50 Uhr. Auskünfte usw. im tschechoslowakischen Reieehureafli Cedok, I., Kärntnerstraße 32, KURZE NACHRICHTEN Neuwahl der jüdischen Gemeinde- Repräsentanz von Jerusalem. Aus J erusalem wird gemeldet: Die Leitung des Waad Hakehilla von Jerusalem hat mit Vertretern des Waad Leumi eine Besprechung abgehalten, bei der beschlossen wurde, die fällige Neuwahl der jüdischen Gemeinderepräsentanz von Jerusalem ein Jahr zu verschieben, tveil die gegenwärtigen politischen Verhältnisse die Durchführung von Wahlen nicht angezeigt erscheinen lassen. Neue strenge Urteile gegen illegale Einwanderer. Aus Jerusalem wird gemeldet: Vor dem Richter in Safed hatten sich 13 Juden und 10 Araber wegen illegaler Einwanderung nach Palästina zu verantworten. Sämtliche Angeklagten wurden zu zwei Monaten Gefängnis und nachfolgender Deportation verurteilt. Palästinensisches Oberrabbinat gegen religiöse Reform. Aus Tel-Aviv wird gemeldet: Der Rat des palästinensischen Oberrabbinates hat in Tel-Aviv eine Sitzung abgehalten, an der auch die Oberrabbiner von Tel-Aviv, Jaffa und Petach-Tikwa teilnahmen. Es wurde beschlossen, an alle Gemeinden den Aufruf zu richten, gewisse Änderungen reformistischen Charakters in den Synagogen, wie sie in einigen neuen Kolonien eingeführt worden sind, zu bekämpfen. 10.000 Angestellte in Palästina. Aus Tel- Aviv wird gemeldet: Auf der in Tel-Aviv abgehaltenen Landeskonferenz des Angestellverbandes haben 51 Delegierte aus dem ganzen Lande teilgenommen. Aus den Berichten ging hervor, daß es zur Zeit über 10.000 jüdische Angestellte in Palästina gibt. Von ihnen sind 60 Prozent in der Hiistadruth organisiert. Im Mittelpunkt der Beratungen stand die Bekämpfung des Einbeitslosigkeit und die Stärkung des Einflusses des Verbandes in den Privatunternebmungen. 200 jüdische Studenten aus Polen nach Jerusalem. Aus Warschau wird gemeldet: In diesem Jahre werden sich 200 jüdische Studenten aus Polen zum Studium an die Hebräische Universität in Jerusalem begeben. Die Einwanderungsgenehmigungen für diese Studenten werden außerhalb der für Polen festgesetzten Quoto erteilt. Schutzzoll flir Bier ln Palästina. Aus J erusalem wird gemeldet: In Anbetracht der Klagen, die von der jungen Brauindustrie Palästinas seit einiger Zeit über die drückende Konkurrenz des zollfrei eingeführten syrischen Bieres erhoben wurden, hat die Paläßtinaregierung beschlossen, vom 1. Juli 1937 ab einen Einfuhrzoll von zehn Mill pro Liter für syrisches Bier zu erheben. Tragödie einer jüdischen Emigrantin. Aus Prd.g meldet die JTA.: Die vor vier Jahren aus Deutschland nach Prag emigrierte 56jährige Gefliigelhändlerm Horowitz, der von der Behörde bei der Ausübung ihres Gewerbes Schwierigkeiten bereitet wurden, geriet in eine derartige Notlage, daß sie sich in einem Anfall von Schwermut mit einem Rasiermesser den Hals bis zum Kehlkopf auf schnitt. Ihr Mann fand sie blutüberströmt in hoffnungslosem Zustande auf. Frau Uorowitz ist Mutter von vier, davon zwei minderjährigen Kindern. An ihrem Aufkommen idrd gezweifen. Neuwahl der jüdischen Gemeindevertretung von Posen. Aus Warschau wird gemeldet: Bei den Wahlen in die Jüdische Gemeinde von Posen wurden zwei Vertreter der Poale Zion, zwei des vereinigten Blocks der Zionisten und Kaufleute und je ein Vertreter des Misrachi, des Bundes der deutschen Juden und der Handwerker gewählt. Budapest: 900 Austritte lm Jahre 1936. Aus Budapest wird gemeldet: ln einer vor kurzem abgehaltenen gemeinsamen Sitzimg der Fachausschüsse für Religionsunterricht, Zeremonial- und Wirtschaftswesen bei der Fester Israelitischen Gemeinde wurde die Mitteilung gemacht, daß im Jahre 1936 900 Austritte aus der Jüdischen Gemeinde erfolgt sind. Die Sitzung befaßte sich eingehend mit den zu ergreifenden Mitteln, um der Äustrittsbeioegung entgegenzuicirken. Zehn Gebote in Deutschland gestrichen. Aus Berlin wird gemeldet: In einer Berliner Rektorenkonferenz wurden folgende Richtlinien für den Religionsunterricht aufgestellt: 1. In der Grundschule darf keine Geschichte aus dem Alten Testament durchgenommen werden. 2. Das Judentum darf nur in den beiden oberen Schuljahren historisch behandelt werden. 3. Die zehn Gebote sind das mosaische Gesetz, daher ist es nicht notwendig, sie zu lernen. Eine schöne Sommernacht Die zionistische Bezirkssektion Breitensee veranstaltet Samstag, den 8. Juli 1987, %9 Uhr abends im Etablissement „Ottakringer Bräu“, XIIIr, Hietzinger Hauptstraße (nächst Hietzinger Platz) ein großes Gartenfest unter Mitwirkung prominenter Kunstkräfte. Entree S 2.—. Die Veranstaltung findet bei jeder Witterung statt. Kunstphotos aus dem neuen Palästina Die am 21. d. M. eröffnete Ausstellung künstlerischer Plhotoe a.us dem neuen Palästina von J. Gal-Ezer (Jerusalem) und Z. Klug (Tel-Aviv) in der Galerie W ü r t h 1 e, I., Weihburggasse 9, ist bis zum 28. d. täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Eintritt 50 Groschen. Zionistische Jugendgruppen erhalten im Büro des Keren Hajessod, I., Marc-Aurel-Straße Nr. 5, Anweisungen für freien Eintritt zu gruppenweiser Besichtigung der Ausstellung. GEBIRGSFERIENHEIM-SOMMERLAGER „WALD BAU ER“ (1100 Meter Seehöhe) des Jüd. Wohlt.-Vereines „Brüderlichkeit“ bei Annaberg (N.-Österr.) Mariazeller-Gehlet Streng Xoscher - Pension mit 5 Mahlzeiten 8 4.— und für Kinder mit Armutszeugnis und Ser Befund größere Ermäßigungen Vorzügliche Verpflegung (Leitung Frau Frieda Grünwald) Naohbilfe und Hebräischkurse! Turnen, schwimmen, wandern! Anmeldungen täglich 9—12 und 4—0 Uhr Wien, II., Malzgasse 14, Tür 3 Ein wiederentdedeter Brief Theodor Herzls Zu der unter obigem Titel in der „Stimme“ vom 1. Juni gebrachten Notiz möchte ich auf-; klärend einiges bemerken. Der bewußte Brief Herzls vom 17. Dezember 1897, womit dieser sich entschuldigte, der Einladung des „Volk sv er ein Zion — Olmütz“ nicht folgen zu können, betrifft faktisch —• entgegen dem Vermerk des Vereinsobmannes Wilhelm Spitzer auf der Briefalllonge — nicht den „I. Österreichischen Zionistentag“, der ja erst im März 1901 stattfand, aber auch nicht, wie Dr. Tauber vermutet, die Gründungs ver^ Sammlung des „Zion“. Dieser war unter tätiger Mitwirkung unserer, in ihren Anfängen auf den Sommer 1896 zurückreic/henden „Zionistischen Ferialverbindung Geullah“ ein Jahr darauf planmäßig vorbereitet worden, worauf schließlich am 15. Dezember 1897 die Konstituierung seines ersten Ausschusses, erfolgte. Die Veranstaltung vom 18. Dezember, zu der wir Herz] eingeladen batten, war ein anläßlich Chanukkah von „Zion“ und „Geullah“ gemeinsam arrangierter „Geselligkeitsabend“. Statt Herz] sprang damals als Fest- und Tendenzredner cand. jur. Berthold Feiwel aus Brünn, schon damals Dichter und später Redakteur der „Welt4, Mitdirektor der Jüdischen Kolonialbauk usf., ein. Ansonst bestand das Programm des Abends, das ich pietätvoll verwahrt halte, aus manch kurioser, auf „Attraktion“ berechneter Nummer, wie einem humoristischen Vortrag, Couplets und einem „Geheimnisvollen Automaten“. Herzl hatte wohl eine feine Nase, daß er seine Autorität nicht durch Teilnahme an jenem Erstlingsversuch des jungen Vereines gefährden wollte... Mein älterer Freund Wilhelm Spitzer übrigens, seines Zeichens Bürger und Milchhändler, war erst später, nachdem zwei andere Obmänner des „Zion“ dem Ansturm der Assimilanten gewichen waren, als dritter seiner Würde in die Bresche getreten und hat dann jahrelang in allen Kämpfen, für die Kolonialbank, gegen den Kahal usw., durchgehalten. Ehre seinem Andenken! Dr. E. M. Zweig —- Jerusalem. tmmmiiriniiiiimiiiinmnmiiimnmmmtiimimiitiiiimimtiiiimiiiiitiiiimiimiiiitiimiüiimiiiiu) Es steht geschrieben $ Man bindet uns die Hände und macht uns zum Vorwurf, daß wir sie nicht gebrauchen. (Moses Mendelsohn) * Einerlei Ehre genieße, wer fremd herkam, mit den Bürgern. Denn wir alle fühlen ja die Armut, die uns umherwirft, und kein Land der Welt gibt bleibenden Boden den Menschen. (Pseudo Phokydides um 100 v. Chr.)' * Wer wenig gibt, aber vom Herzen, tut mehr als jener, der viel gibt, weil er sich dam genötigt sieht, (Sefer Ghassidiim, 12. Jahrh.) * Gehöre zu den Verfolgten und nicht zu den Verfolgern. (Talmud, Baba kamma 93 a) * Ist sieben Jahre Hungersnot, die Türe des Handwerks erreicht sie nicht. (Talmud, Santedrin 29 a)