Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 652 (18.6.1937)
- Date
- 1937-06-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Oll STIMM! Nr. 652. — (Wien, Freitag, 18. Juni 19W. Das Wunder Herzl Stark und innig ist in diesen Tagen da« Gedenken an Herzl. Den Zionisten [Wiens wird wieder die Ehre, im Namen des ganzen Volkes dem Großen Dank zu engen für sein Work, für sein Wort, für seine Tat. Wenn sie an seinem Grabmal vorbeiziehen, denken sie und mit ihnen die Organisation, die er geschafftem hat, an die Tage, in denen er den „Judenstaat“ schrieb, dem dann der Kongreß gefolgt tot, der erste Kongreß deT Zio nisten, der vor der ganzen Welt verkün riete, daß das jüdische Volk so leben wil wie jedes andere Volk, daß es sich nicht aufgeben will, und daß es der Feindschaft und dem Übelwollen seinen Lebenswillen entgegensetzt. Wir sind ein Volk, ein Volk — hat Herzl gesagt, und dieses Volk hat durch ihn sein Recht auf freie Entwicklung proklamiert. Ddieses Volk ist noch nicht zur Einigkeit gelangt. Allzntiiof sind die Spuren tausendjähriger Rechtlosigkeit in sein Herz geschnitten die Bitternisse der Wüstenwamderung in sein Gemüt eingedrungen. Herzl rief ein Volk zur Tat. Es sollte sein Schicksal in die eigenem Hände neh men, die Lähmung des Exils durch Staatsgeftihl, durch geschichtsbildendes Streben überwinden, die Emanzipation, die beim Individuum'., steh engeblieben war, für die Nation fordern und Sir Recht und Geltung erkämpfen. „Die Juden, die wollen, werden ihren Staat haben“, und Staat, das ist für uns etwas anderes, tieferes, ethischeres als für die andern Völ ker, denen der Staat eine mystische Ge walt ist, die den einzelnen bindet. Uns ist der Staat die Befreiung aus der Armut der seelischen Enge, aus der geistigen Fremde des Exils, die Rückkehr zum eigenständigem Leben, das sich uns aber nur dm eigenen Land öffnen kann, in dem Land unserer Entstehung, in dem Land, nach dem alle unsere Träume und Gebete gehen, in dem Land, das immer mit uns verbunden geblieben ist, das wir, wie Nordau gesagt hat, nicht erst z/u entdecken brauchen, um es zu lieben. Herzig Wort hat wie Regen in der Wüste gewirkt. Es gibt [Wunder in der Welt. Es ist ein Wunder, wenn die Blume Müht imd die Rose duftet. Es ist ein Wunder, wenn sich im Frühling die Erde erneut. Es war ein Wunder, wie dieses alte Volk die Starn hob, als die starke Rede dieses blassen Mannes mit dem Königsangesicht zu ihm drang. Und es war ein Wunder, was dieses Volk vollbracht hat. Nichts als Wort und Wille hatte Herzl, keine Macht, keine staatliche Gewalt — aber er hatte doch mehr als dieses alles: das Vertrauen der Jugend, ihren Dank und ihren Glauben. Der Dichter Herzl pochte an die Herzen, als er sein Büchlein vom „Judemataat“ hinaussan'dte, der Politiker Herzl sah gewiß die Überfülle der Probleme und Schwierigkeiten, die sich auftaten, als die Forderung laut wurde nach einem Land, das der Türkei politisch gehörte und für drei Religionen das Zentrum ihrer Phantasie war, der Denker Herzl verstand, was es bedeutete, die jüdischen Volkssplitter in zwanzig Staaten, in allen vier Enden der [Welt für die Idee der nationalen Wiedergeburt zu entflammen, alle Schlacken der Galuth aus ihrem Denken und Fühlen zu entfernen, ihnen ein völlig neue« Bild der Zukunft vor die Augen zu stellen, — aber der Jude Herzl schuf das Ziel, sah über alle Komplikationen hinweg. Er glaubte, und das jüdische Volk dankte ihm mit gläubigem Vertrauen. Es war ein unerhörtes Unterfangen, in diesem von Skepsis und Mißtrauen und Haß erfüllten Europa öffentlich das jüdische Recht zu verlangen und damit allein die wuchtigste Anklage der Nation zu formulieren, die allen Völkern ihr bestes gegeben hatte und dafür mit Schimpf und Verfolgung belohnt wurde. Es war noch kühner, dieses in sich zerfallene, kaum noch atmende Volk mit dem Gedanken der Freiheit zu erfüllen, ihm dio Idee der nationalen und kulturellen Selbständigkeit edmzupflanzen, deren Bekenntnis zu Selbstvertrauen führte; in die Öde des Exils trug Herzl Schönheit, Trost und Hoffnung. Und es ist ein Wunder, wa>s dann geschehen ist, was das jüdische Volk geschaffen hat, das aus den Kolonien zum Mutterland fitaabt* EMgar% sde. die Geschichte mr «eres Volkes, fet dieses Unternehmen, das wir selbst begonnen haben und führen, ohne Staat, ohne Heer, ohne politischen Machtapparat. So rein wie das Wasser der Bergquelle ist dieses Werk, das wir für uns treiben und das der Menschheit dienen wird. Die Idee ist, dier Zionismus beweist es, dynamogen, sie ist stärker als alles andere, sie überwindet den Haß. Vor vierzig Jahren hat Herzl zu uns gesprochen, hat er den Kongreß aufgerichtet. Heute ist die Sprache unseres Volkes, die Sprache vom Sinai wieder lebendig geworden, klingt im jüdischen Land im Alltag und in Liedern; heute geht die jüdische Jugend mit. Pflug und Schaufel über jüdisches Land; heute ballen sich in den jüdischen Städten neue geistige Kraftzentren zusammen; der aus Wüßte und Sumpf, Äcker und Fluren und Gärten gezaubert hat. Herzl hat auf den Felsen geschlagen und der hat Wasser gegeben. Herzl bat das Wim der getan, und wie dieses Volk sich die Grundlagen seiner Zukunft gezimmert hat, das gibt uns die feste Überzeugung, daß wir auch diese neuen Tage alten Übels überstehen werden. Wir haben die Grundlagen zu sichern und zu festigen Das ist die Pflicht, die wir Üben, eine Pflicht, die schönstes Recht und Schmuck unseres Daseins geworden ist. Unser Volk ist nicht mehr müde in seiner Seele es hat wieder zu sorgen und zu kämpfen für den nächsten Tag. Es hat den Willen zum Kampf für die Zukunft seiner Kinder. Und diese« Wunder zieht wie die Feuersäule vor un» und vor allen Zio heute lebt, der jüdische Trotz, der stärkste I nisten, wenn sie auf dem Döblinger Fried Widerpart der Not. der Galuth, der Trotz, I hof a/m Grabe Herzl« Vorbeigehen. Aüdtiwz bei Uevzl Von David Rothblum Im Jahre 1899 gab es in der zwei Jahre vorher gegründeten „Bar-Koobba“ schwere Diskussionen. Die Mitglieder dieser akademischen Vereinigung rekrutierten sich aus Galizien und der Bukowina, waren nicht schlagend und trugen keine Farben. Ziel und Zweck der Vereinigung waren aus schließlich Verbreitung und Vertiefung deT zionistischen Idee und Förderung des hebräischen Kulturgedankens. Die Gründer der Bar-Kochba waren zmm Teil junge Theologen, Zöglinge der jungen Wiener israelitischen theologischen Lehranstalt. Die weltlichen Studenten in dieser Vereinigung strebten aber von Zeit zu Zeit eine Reform der Vereinsziele im Sinne der bestehenden schlagenden jüdisch-akademischen Verbindungen an, deren Burschenschafter sich damals durch Tapferkeit und Feohtkiunst mit Ruhm bedeckt haben. Diese Reformatoren, die auch in späteren Jahren unentwegt auf ihr Ziel losgingen, stießen stets auf den härtesten Widerstand der Gründer. Sehr häufig waren die Vereinsabende von heftigen ideologischen Diskussionen erfüllt, die sich zeitweise auf hohem geistigem Niveau bewegten. So war es auch im Sommer 1899. Der Höhepunkt der Schlacht wurde in einer Versammlung am. Schluß des Sommersemesters erreicht. Das Redefeuer war nicht zu löschen. Die Herzen gingen hoch und die Köpfe wurden heiß. Es kam zur Abstimmung, die ein knappes Resultat zugunsten der Konservativen eigab. Als wir das Vereinslokal verließen, war e® bereite blaß im Osten. Vier, die stets zusammenbieltep, darunter auch ich, beschlossen einen Spaziergang in den Prater. In der Hauptallee begann einer von den Vieren zu weinen. Er wandelt schon lange nicht unter uns, und ich habe ihm ein bescheidenes Denkmal in „De profundis“ errichtet. Er war sonst nicht weich. Aber die neue Strömung in der Bar-Koohiba, die seinem Herzen zuwider war, tat ihm weh. Ich tröstete und wies auf den eben errungenen Sieg der gerechten Sache hin. Plötzlich blieb er stehen und sprach: „Diese Diskussionen erdrücken und vernichten uns wie das Exü seihet. Wir bereiten hier die Herzen vor. Wer aber soll die Erde in Palästina vorbereiten? E« ist das Ganze sinnlos, ein Spiel! Ein Volk in Not, und wir diskutieren über Mensuren und Farben!“ Wir schritten dem Lusthaue zu. Im Osten glomm es hell und heiler. Da sagte einer von den Vieren: Kehren wir dem Exil den Rücken und fahren wir nach Erez Ierael. „Wann?“ Fragten die anderen fast gleichzeitig. ,ySogleich! Morgen!“ Der Gedanke wirkte zündend und beflügelte unsere Schritte. Kein Zweifel, das war der Weisheit letzter Schluß. Wir bescbloeeen auszuwandern. Selbstverständlich sollte Theodor Herzl von unserem Vorhaben Kenntnis erlangen. Er sollte raten, Winke geben. Er sollte die zionistische Betätigung vielleicht sogar den Beruf eines jeden von uns im Heiligen Lande bestimmen. Auf mich fiel das Los, die Deputation zu führen. Denn ich hatte schon damals das Glück, von Herzl gekannt zu sein. Wenige Tage darauf befanden wir uns zu Dritt (einer blieb krankheitshalber fern) in einem kleinen Kabinett des ersten Stockwerkes im Hause Türkenstraße 9. Wir waren um die Mittagszeit bestellt. Herzl saß an seinem großen Schreibtisch, das Hoffenster zur Linken. Rechts führte eine Tapetentür in das Redaktionszimmer der „Welt“. Kaum daß ich Zeit hatte die Kollegen vorziustellen, kam ein Mann aus dem Redaktions- Zimmer und sagte, leise über den Tisch sich bückend, einige Worte zu Herzl. Der Meister machte eine abwehrende Bewegung, so daß sich der Mann, vom Tische erhebend, wieder gerade aufrichtete. Dann sprach Herzl zu ihm nach einigen Augenblicken des Nachdenkens, die in meiner Erinnerung noch heute haftenden Worte: „Antworten Sie ihm kurz, kalt und scharf!“ Natürlich weiß ich bis zum heutigen Tage nicht, um was es sich gehandelt hat. Die gesprochenen Worte waren aber so prägnant und befehlend, daß wir junge Studenten sie häufig im Andenken an die Audienz bei Herzl wiederholt haben. Der Mann entfernte sich schweigend. Ich trug nun klopfenden Herzens unseren Entschluß vor. Herzl hörte ruhig zu. Seine großen, schwarzen, bald glänzenden, bald matten Augen waren in Güte und Liebe auf uns gerichtet. Sein Gesicht war ernst. Man sah ihm an, daß er auf unsere Wünsche gespannt war, wie der Vater auf die seiner Kinder. Als ich fertig war, sagte detf Meister: „Wollen Sie nicht zuerst nach Montpellier?“ „Montpellier?“ fragte ich erstaunt. „Ja, dort gibt es nämlich eine hervor ragende Hochschule für Bodenkultur, Das wäre eine richtige Vorbereitung füT Palä stina!“ „Für Montpellier haben wir aber zu wenig Mittel“, wandte ich schüchtern ein. „Das wäre auch für uns ein zu langer Weg. Wir wollen möglichst bald ins Heilige Land.“ „Dann werden Sie aber vom Heiligen Lande ebenso wenig haben wie das Heilige Land von Ihnen. Gesinnungstüchtigkeit allein ist für Palästina zu wenig. Es muß sich Berufet/ttchtigkedt dazu gesellen. Wir brauchen dort vor allem gelernte und begeisterte Bauern. Nur Begeisterung ist allenfalls zu wenig. Der palästinensische Staat soll von berufstüohtigen Männern errichtet werden. Bereiten Sie Bich zunächst für Palästina vor.“ Wir wagten nichts einzuwendeo. Es war uns allen klar, daß der Meister recht batte. Und wir kamen uns in der selbst herbeigeführten Situation etwae kindisch vor. Herzl Noch 3 Tage können Sie sich fQr die Reise Zürich*—Paris—Riviera anmelden I Anmeldeschluß, Montag, 2U Juni. Reisedauer 1. bis 15. August, Preis Wien Wien S 298. Anmeldungen täglich von 12 bis 1 Uhr, /., Mwrc-Aurel-Straße 5, Zeh U 22-2-11, md Montag, von ZI bis 22 Uhr im Caf4 KomtmtinhügeU merkte dies und begann gütig auf uns ein* Zureden, daß wir keinen übereilten Schritt machen mögen. Palästina soll das Ziel eines jeden Juden werden. Eines jeden Juden, in dem sich GeslnnungsMlohtigikeit und Berufstüchtigkeit in gleichem Maße vereinigen. Die Audienz bei Herzl liegt fast vier Jahrzehnte zurück. Sie währte kaum eine halbe Stunde, hat aber auf uns einen unvergeßlichen Eindruck gemacht. Denn in ihm hatte nicht nur die zionistische Welt einen Führer, sondern die jüdische Jugend einen Hort. Das war uns auch bei der damaligen Audienz zum Bewußtsein gekommen. GR08SFLEI9CHHAUEREI IIEGM. KORNMEHL ZENTRALE, IX., BERGGASSE NUMMER 19 TELEPHQNNUMMBtt'A 17-3-99 und A 16-9-84 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen f. n&S-Flefsdi unter Aufsieht des Ehrwflrdlgen Rabbi nets der Israelitischen Kultusgemeinde Wien Autosustellung kostenlos IX., Berggasse 15, XVIII„Währingerstraße 71 KURZE NACHRICHTEN Arbeitsbedingungen im Tel-Aviver Hafen. Aus T e 1 - A v i v wird gemeldet: Zwischen der Leitung des Tel-Aviver Hafens und den im Hafen beschäftigten Arbeitern ist ein Abkommen geschlossen worden, daß die Verbesserung der Arbeitsbedingungen zum Ziele hat. Palästina-Kaution verfällt bei Ehe* Schließung. Das Appellationsgericht in Jerusalem hat in einem Urteil vom 15. d. entschieden, daß eine als Touristin ins Land gekommene Frau, die nach Ehe* Schließung mit einem Palästinenser im Lande verblieb, keinen Anspruch auf Rückerstattung der von ihr bei der Einreise hinterlegten Kautionssumme von 60 Pfund erheben kann. Die Entschädigung für die Opfer der Unruhen. Aus Jerusalem wird gemeldet: Im Zusammenhang mit dem Gesetz, das Entschädigung für Personen vonsteht, deren. Amgehörige während der Unruhen im vorigen Jahre ums Leben gekommen sind, werden diese Personen, sofern eie im AuSlan.de leben, aufgefordert, an in Palästina installierte Advokaten oder an den Waad Leumi Vollmachten zu schicken, damit bei der Regierung die Entschädigungsansprüche geltend gemacht werden können. Steuerermäßigung für Zitrusböden. Aus Jerusalem wird gemeldet: Die Regierung kündigt an, daß rmr ein Viertel der für das Jahr bis zum 31. März 1938 für ZUrusböden zu erhebenden Bodemteuer eingetrieben wird. Dies kommt einer Ermäßigung der Steuer um 75% für dieses Jahr gleich. Das Budget von Jaffa. Aus Jerusalem wird gemeldet: Die Regierung hat dos Budget der Stadtverwaltung von Jaffa für das Finanzjahr 1937/38 in der Höhe von 102.0p0 Pfund bestätigt. Es Ist allerdings kaum zu erwarten, daß die Einnahmen der Stadtverwaltung 65.000 Pfund übersteigen werden. Palästina auf der Internationalen Filmausstellung in Venedig. Die Agentur Stefarti meldet: An der Internationalen Filmausstetiung in Venedig werden voraussichtlich die Vereinigten Staaten, England, Deutschland, Österreich, Ungarn, Japan, Belgien, Indien, Ägypten, Palästina und die Tschechoslowakei teil* nehmen. ORT auf der Pariser Weltausstellung. Aus Paris wird gemeldet: Der Generalcommlssär der Pariser Weltausstellung lat auf Empfehlung des Ministers für Tandel und Industrie, Paul Bastid, der dem parlamentarischen Komitee für ORT in Frankreich angehört, dem Verband ORT eine eigene Abteilung in dem „Internationalen Pavillon“ zur Verfügung gestellt. Die Ausstellung des ORT gibt einen Überblick über die Leistungen der ÖRT-Anstalten in den verschiedenen ändern. Erzeugnisse der Fachschulen bieten im Verein mit einem reichen Material an Bildern und Diagrammen einen Einblick in die konstruktive Hilfsarbeit, die ORT mit Hilfe seiner Anstalten aur dem Gebiete der landwirtschaftlichen und industriellen Ausbildung leistet. Hilda Dulltzkaja, die beliebte Jüdische Sängerin, wohnt Jetzt IV., MUhlgasse 9, Telephon* A 37-808,