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Die Stimme · 1937-06-15 · Heft 651 (15.6.1937) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 651 (15.6.1937)
Date
1937-06-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seit« 4 Dü STIMM« Nt. 661. — Wien, Dienstag, 16. Juni 1987. Eine Viertelstunde Jude Das nationalsozialistische Deutschland schließt Verträge, wenn es sich schwach fühlt und bricht sie, wenn e-3 sich stark weiß. Dieses Rezept ist im nationalsozialistischen Parteiprogramm verankert. Dort heißt, es in lapidarer Kürze: „Recht ist, was dem Volke nützt.“ Die Verrottung des Geistes, die sich in diesem Satze offenbart, droht die Zeiten Dßchingiskhans zurückzurufen und die Welt in Brand zu setzen. Mit den Juden fing es an. Umsonst wandten sich einsichtige Männer aller Nationen an ihre Regierungen, besonders in den ersten Tagen des Mordens und Folterns, und am 1. April 1933, dem Tage des Boykotts. Wohl ging ein Aufschrei durch die gesittete Welt, er verebbte aber gar bald und eine halbe Million Juden blieb auf der Walstatt. Wohl intervenierte Mussolini wegen des Boykotts bei Hitler. Der Boykott wurde offiziell abgeblasen — um seither nie geahnte Orgien zu feiern. Und Mussolini ist heute der politische Freund Hitler-Deutschlands... Die Juden Deutschlands sind zu Boden getrampelt und der Nationalsozialismus rüstet zu \ neuen Taten. Als er schwach war und zumin-! dest die Neutralität des Papstes brauchte, da wurde das Konkordat geschlossen. Jetzt aber hat Deutschland seine Wehrhoheit, bat mäch tig aufgerüstet und Hitlers Agenten wühlen in allen Erdteilen — jetzt wird aus dem Konkordat der berühmte Fetzen Papier. Entsetzt erkennt die Kirche, was nordische Vertragstreue heißt. In Schauprozessen nach Moskauer Muster soll die katholische Kirche verächtlich gemacht werden. Pfarrer und Nonnen werden „zu ihrem Schutze verwahrt“ und in den Kerker gesteckt, Kirchenblätter werden verboten und katholische Druckereien ohne einen Pfennig Entschädigung „enteignet“. Die katholische Welt und mit ihr alle gesitteten Menschen schreien vor Empörung auf und die katholischen Kleriker, die da glaubten, der Nationalsozialismus werde sich mit den ihm zum Fraß bingeworfenen Juden begnügen, schweigen betreten. Andere Katholiken, wie kürzlich Herr Kunschak in Wien, klagen in beweglichen Worten — und nur allzu begründet — über die Verfolgungen der Christen in Deutschland. Herr Kunschak sprach nur von den verfolgten Christen, bei deren Gedenken ihm — wie er sagte — da3 Herz blute. Von den von demselben Feind verfolgten Juden sagte er nichts und das spricht Bände ... Gewichtige Stimmen aus dem christlichen Lager zeugen aber doch nach anfänglichen Schwankungen dafür, daß dort dem Prinzip des laisser faire laisser passer oder gar den Kompromißversuchen, wie sie Bischof Hudal versuchte, ein Ende gemacht wird, und daß der Nationalsozialismus als Weltfeind Nummer eins erkannt ist, der die Fundamente von Recht und Sitte, auf denen diese Welt gegründet ist, bedroht. Und so hat in diesen Tagen der emeritierte Generalsekretär des Bundes der christlichen Kirchen Amerikas, Dr. Charles S. MacFarland, in einem offenen Brief an Hitler den Nationalsozialismus gebrandmarkt und warme Worte für die verfolgten Juden gefunden. Wird diese Einsicht noch vorwalten, wenn das Christentum über den Nationalsozialismus triumphiert haben wird? Werden sich die Christen dann noch daran erinnern, wie weh ihnen das tat, wenn wegen der Verfehlungen einzelner Personen alle Geistlichen als Kinderschänder und perverse Lüstlinge und die Kirchen und Klöster als Brutstätten des Lasters verleumdet wurden? Werden sie sich dann auch daran erinnern, wie derselbe mörderische Feind das jüdische Volk besudelte und verfolgte, das die sittliche Basis für die ganze Weit geschaffen hat? Werden sie sich zukünftig hüten, für die Verfehlungen einzelner Juden das ganze jüdische Volk verantwortlich machen? Die Christen aller Konfessionen werden vom Nationalsozialismus am Leben bedroht. Sie befinden sich in der Rolle jenes ungarischen Bischofs, über den Theodor Herzl in einem Aufsatz („Leroy-Beaulieu über den Antisemitismus“) schrieb: „Der ungarische Schriftsteller Agai erzählt in seinem Feuilleton die folgende hübsche Geschichte: Einmal war er in Ostende mit einem ungarischen Bischof beisammen. Der Montag, 21. Juni — letzter Anmeldetag für die Reise neck Zürich-Paris—Riviera welche der Klub „Erez Israel" in der Zeit vom 1. bis 15. August veranstaltet. Preis Wien bis Wien S 298.—, Verlängerung an der Riviera pro Woche S 60.—. Anmeldungen täglich von 12 bis 1 Uhr, /., Marc-Aurel-Straße 5, Tel. U 22-2-11, und jeden Montag von 21 bis 22 Uhr im Caf4 Konstantinhilgel. Kirchenfürst hatte unter seinem langen Reck Stiefel an. Langer Rock und Stiefel sind aber die Merkmale, woran die Ostender Gassenjugend die polnischen Juden erkennt. So liefen denn die Buben hinter dem Bischof drein, hänselten ihn und bewarfen ihn mit Steinen, wie sie es den nach Ostende verirrten polnischen Juden zu tun pflegen. Der geistliche Herr geriet völlig außer sich und trachtete nur, einen Wachmann zu finden, der ihn vor dem unerklärlichen Mutwillen der Buben schützen sollte. Den Wachmann fragte er, was denn die Jungen hätten. Der lächelte gutmütig: „So machen sie es nun einmal mit den Juden.“ — „Was, Jude? Ich bin ein Bisohof!“ Und er schlug den Rock zurück, daß der verblüffte Polizist das große goldene Kreuz erblickte. Als aber der Bischof noch ganz erregt von dem Abenteuer mit seinem Landsmann Agai zusammentraf und es ihm erzählte, sagte dieser: „Sehen Sie nun, bischöfliche Gnaden, wie das schmeckt, ein Jude zu sein? Sie haben es nur eine Viertelstunde gekostet — wir machen das seit achtzehnhundert Jahren durch Die Kirche ist mächtig. Wir glauben, daß der Angriff des Nationalsozialismus an ihr zerschellen wird. Werden sich die Christen und vor allem die christlichen Kleriker immer an die eigene böee Viertelstunde erinnern, da eie es schmerzhaft am eigenen Leib und in dei eigenen Seele empfanden, was es bedeutet, als „Jude“ behandelt zu werden, dann sollte es einem um die geistige Genesung dieser Welt nicht bange sein. Wir wollen hoffen, daß diese Welt geistig genesen wird, sobald sie ihre Schuld erkennt, Nicht die Lichtseiten eines Zeitalters, überragende Leistungen auf den Gebieten von Wissen sobaft, Technik und Kultur geben an eich ein gutes Werturteil über die sittliche Verfassung der Menschheit, sondern nur der Nachweis, daß diesem Zeitalter auch Gewissenszwang, Verfolgung der Schwachen, Inquisition und Pogrom fremd waren. Die außer Rand und Band geratene Welt kann erst dann genesen, wenn die nun schon zweitausend Jahre währende Judenverfolgung der Vergangenheit an gehört. Erst dann hat diese trübe Welt die Chance, zu jener Ordnung emporzufinden, die unsere Propheten des das Endziel alles menschlichen Tuns verkündet haben: Gerechtigkeit gegenüber allem, was Menschenantlitz trägt, und ewiger Volk er frieden. lüdistUc AcbeiJUdMAeu> Im BetH Hachaluzoth In der King-George-Straße, einer der alten Straßen Tel-Avivs mit den unmodernen Läden, fallen einem zwei Schaufenster mit geschmackvollen modernen Dingen auf: korbgeflochtene Möbel in dem einen, und handgewebte Stoffe, Decken und Kissen in dem andern. Die Schaufenster gehören zum Beth hachaluzoth und die ausgestellten Arbeiten wurden von Mädchen gemacht, die sich auf Anregung und unter Leitung des Beth Hachaluzoth zu Kooperativen zusammenschlossen, hier eine gründliche Fachausbildung erhielten und, da sie ein Minimum an Miete zahlen und ihre guten und geschmackvollen Arbeiten guten Absatz finden, jetzt schon ihr Auskommen haben. Fast der ganze untere Teil des Hauses wird von solchen Kooperativen eingenommen. In der Korbflechterei arbeiten zur Zeit 15 Mädchen. Einige kamen im Sommer 1936, kurz nach der Eröffnung des Hauses, als Flüchtlinge aus Jaffa, aus den ärmsten Verhältnissen und ohne jede Fachschulung oder sonstige Vorbildung. Ein gelernter Korbflechter leitet den Betrieb, aber die Mädchen beteiligen eich schon jetzt auch an der Buchführung und am Verkauf und werden zu selbständiger, verantwortlicher Arbeit erzogen. Sech6 Mädchen arbeiten Ln der Handweberei. Es ist die am selbständigsten Arbeitende von den Kooperativen. Einkauf, Entwürfe, Weberei, Verkauf und Buchführung, alles machen die Mädchen allein und auf eigene Verantwortung. Sie wohnen zusammen in einer Kwuzah, nabe von Tel-Aviv und bilden so die geschlossenste Form einer Mädchenkooperative. Eine Schneiderinnenkooperative liefert Kleidung und Wäsche an Private nach Maß oder an Geschäfte, eine Plätterei erhält außer von Privatleuten auch Arbeit von der Hadassab und der WIZO. Die Aufsicht über die Werkstätten liegt in den Händen von Frau Dr. Mereminsky. Zehn Mädchen führen einen Reetaurantbetrieb und geben täglich zirka 500 Mittag- und Abendmahlzeiten für 27, beziehungsweise 17 Mils aus, eine Einrichtung, die vielen Unbemittelten zugute kommt. Eine große, modern eingerichtete Küche und ein schöner, heller Speisesaal steht dieser Kooperative zur Verfügung. Sorge Für die „Neuen" Alle, die hier arbeiten, haben mit Hilfe des Beth Hachaluzoth ihren Weg schon gefunden, sie sind „gesettled“. Die eigentliche, ständige und schwierige Arbeit erstreckt sich auf die Mädchen, die neu ine Land kommen, aus Polen, auB den Balkanländern, aus Deutschland, die manchmal schon eine Irrfahrt durch mehrere Länder hinter sich haben und, mittellos und ohne Hilfe, sich nicht einordnen können. Sie werden dem Beth Hachaluzoth von einer der Einwandererorganisationen oder von privater Seite zugewieeen. Für nur ,45 Piaster im Monat können sie hier wohnen. Die Zimmer, im oberen Stock des Hauses, sind'hell und luftig, jedes hat einen Zugang zu einer breiten, mit Blumenkästen geschmückten Veranda. In einer gemeinsamen Küche können sie sich ihr Frühstück oder sonst eine kleine Mahlzeit selbst bereiten, ein Lese- und Unterhaltungszimmer steht ihnen zur Verfügung. Abende haben sie die Möglichkeit hebräisch zu lernen. Sie finden hier Anschluß an Schicksalsgenossinnen, und in der Leiterin des Hauses, Frau Lily Zadek, haben sie eine erfahrene und miitterliohe Beraterin und Helferin in allen ihren Angelegenheiten, vor allem beim Suchen nach Arbeit. Oft ißt die Einordnung sehr schwierig und dauert Monate. Die Mädchen haben keine Ausbildung oder können die, die sie haben, hier nicht verwerten. Für viele ist der Mangel an hebräischen Sprachkenntnissen ein Hindernis, Ln einen Beruf zn kommen. Daß Beth Hachaluzoth, in Zusammenarbeit mit andern Organisationen, bewahrt sie davor, de., mühseligen und an niederdrückenden Enttäuschungen reichen Weg zu gehen, den sie alleinstehend und unerfahren, gehen müßten. Manchen wird ein Platz in einer Kwuzah verschafft, einige bekommen Lehrstellen im Hause oder außerhalb, andere werden im Haushalt untergebracht. Die freundliche Atmosphäre und Umgebung des Hauses — es steht mitten im Grünen —, und das Bewußtsein, nicht allein zu sein, erleichtert allen, auch den „schwierigsten Fällen“, die schwere Anfangszeit. K. H. Die jüdischen HiinsttecsfUeU sind diese Woche bis Samstag geschlossen. Samstag wird noch einmal Kobrins „Zurück zum Volk“, mit Leo Reuß, gegeben. Sonntag findet die Aufführung einer Komödie „Der Moralprediger“ mit verschiedenen Kabaretteililagen statt. Montag, den 21. Juni, Leo-Reuß-Abend in deutscher, jiddischer und hebräischer Sprache. Cj&ukKat Hagofim Am 6. Juni veranstaltete, wie unseren Lesern bekannt ist, cleT Makkabi Turn- und Sportverband Kreis Österreich ein Sportfest unter dem Titel „Tag der jüdischen Jugend“, dessen Verlauf Zeugnis von den beachtenswerten Erfolgen der sportlichen Leistungen der jüdischen Jugend gab. Die erzielten Resultate wurden in den Sportrubriken aller Blätter entsprechend gewürdigt.. Nachträglich meldet sich auch das Vereinsorgan der Union österreichischer Juden, „Die Wahrheit“ zu Wort, selbstverständlich nicht zum Zwecke der sachlichen Besprechung des Sportfestes, sondern um den Veranstaltern eins aufs Zeug zu flicken. „Die Wahrheit“ führt Klage darüber, daß man bei Durchsicht dee Sportprogramms jedwede religiöse Zeremonie vermißte und knüpft daran die Bemerkung, daß eine analoge christliche Veranstaltung kaum ohne gottesdienstliche Handlung denkbar wäre. Der Verfasser des Artikels, der unter dem Pseudonym „Hortator“ zeichnet, scheint nicht gerade ein besonderer Kenner der rituellen Einrichtungen des Judentums zu sein, denn sonst müsse er wissen, daß die Abhaltung von Feldmessen oder sonstigen gottesdienstlichen Handlungen bei Leibesübungen im Freien bei uns Juden weder üblich, noch geboten ist. Der Hinweis auf christliche Veranstaltungen ist vielmehr eine Anempfehlung von „Ohukkat Hagojim“, die in unserem Schrifttum dahin umschrieben werden, „daß du ihnen (das ist den Angehörigen niohtjüdiscbeT Glaubenebekenntnisse) nicht naohgehst, ihnen nicht ähnlich zu sein suchst.“ Daß die „Union“ dem Makkabi „Ohukkat Hagojim“ anempfiehlt, kann allerdings nicht Wunder nehmen, wenn in der gleichen Nummer der „Wahrheit“ Mitgliedern und Freunden der „Union christlicher Juden“ als Treffpunkt für die Sommermonate eine Pratergaststätte empfohlen wird, die man vergeblich in dem vom Verein zur Förderung ritueller Speisehäuser herausgegebenen Verzeichnis oder unter jenen Gasthäusern suchen wird, die unter ritueller Aufsicht stehen. Bei allem Respekt vor dem religionstreuen Judentum halten wir Ermahnungen, die von einer Seite, kommen, für die die Religion nur Aushängeschild ist, für vollkommen deplaciert. Ee muß einmal den unionistischen Nörglern klar und deutlich gesagt werden, daß sie die letzten sind, die die Legitimation haben, anderen in religiöser Hinsicht Ausstellungen zu machen. Das hebräische Buch Schimon Ginzburg: Ahawath Hoschea Dr. Schimon Ginzburg, Dichter und Journalist, der jetzt in Erez- Israel lebt, hat im vorigen Jahr ein Werk unter obigem Namen, im „Owir-Veriag“ erscheinen lassen. Es behandelt die Liebe des Propheten Hosea zu seiner Frau Gomer. Diese Liebe ist zugleich ein Symbol des Verhältnisses zwischen jüdischem Volk und Gott< auf eine Periode der Treue gegen Gott folgt eine des Sich-Abwendens. Der Prophet liebt seine Frau, ßie in ihrer Art auch ihn. Aber die Treue gegen den einzigen Gott, die der Prophet bewahrt, da er sich als ein Werkzeug Gottes fühlt, stellt sich zwischen den: Propheten und seine Frau, die ihren Mann ganz haben will. Schließlich nach vielem Irren kehrt sie reuig zu ihrem Manne zurück, sie ist sich bewußt, was ßie ihrem Manne hätte sein können; eie erkrankt schwer und ihre letzten Augenblicke sind von dem Glück überstrahlt, daß sie zu 'ihrem Maune heimgefunden hat. In das persönliche Verhältnis des Propheten zu Gomer ißt als Hintergrund die politische Lage des Reiches Ephraim, das wegen seines heidnischen Lebens und als Spielball zweior Großmächte (Assyrien und Ägypten) zugrunde geht, deutlich gezeichnet. Die Dichtung ist zart, unaufdringlich, daß Werk eines wahren Dichters. Die Sprache ist biblisch, edel und klar. Dr. Chaim Tartakower. Verlobung Der Sohn des ehemaligen Sekretärs dee Zionistischen Landesverbandes Dr. Glücklich, Herr Juda Glücklich, Leiter des Cit-Büros in Tel-Aviv, hat sich mit Fräulein Sehava Baß, Beamtin der Palästina-Regierung, verlobt. ^lAMiviAVl I Helfet dem Keren Kajemeth in den Sommerfrischen und Kurorten - irlOIllSUSnI durch Veranstaltung von GARTENFESTE UND AKADEMIEN

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