Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 649 (8.6.1937)
- Date
- 1937-06-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Soll« 4 Oll STIMM! Nr. 649. Wien, Dienstag, 8. Juni 1967. Um die nationale Existenz — für das Menschheitsideal Eine historische Betrachtung wärtige an fci jüdische Pressefehde als eine kurzlebige politische Tageswelle äbebben wird. Mussolini ist jeder Vernebelung und jeder nachtwandlerischen Romantik in der Politik abhold. Denn er will hart auf dem Boden der Realitäten stehen und daher sucht er auch immer wieder goldene Brücken zur angelsächsischen Welt zu schlagen. Somit dürfte eines Tages der Antisemitismus „von oben“ erledigt werden. Doch für uns bedeuten die Vorgänge in Italien ein Memento. Sie sollen es aber auch für England sein. Die Juden Palästinas erfüllten stets getreulich ihre Pflichten ihrem englischen Partner gegenüber. England jedoch liefert die jüdischen Interessen, die es in Erez Israel zu wahren verpflichtet ist, den Augenblickserfolgen seiner schwankenden Schaukelpolitik aus. Nun bereitet die englisch-jüdisch© Kooperation, die das in sie gelegte jüdische Vertrauen wiederholt erschüttert, auch noch einem Teil des jüdischen Volkes ernstliche Schwierigkeiten. Das muß England doppelt verpflichten. Das muß die englische Ehre doppelt belasten, falls es seine Methode der tastenden Versuche und der zaudernden Unschlüssigkeit auf unsere Kosten fortsetzen will. * Vor allem aber geht das uns an. Immer fester schließt sich der Ring um unseren Lebensraum. Noch niemals zuvor war ein einigender, unbezwingbarer Wille zur Ver- London, 3. Juni. Im Unterhaus kamen heute die jüngsten Ausschreitungen in Polen zur Sprache. Abg. Wedgwood fragte den Außenminister, ob er davon Kenntnis habe, daß die Verfolgungen der Juden in Polen immer stärker werden, und ob die britische Regierung ihren Einfluß bei der polnischen Regierung dahin geltend mache, daß diese den Ausschreitungen Einhalt gebiete und der antisemitischen Propaganda Deutschlands in Polen entgegenwirke. Außenminister Eden antwortete, es sei ihm bekannt, daß es in den letzten Monaten in Polen mehrfach zu antijüdischen Demonstrationen gekommen 6ei, und daß die polnische Regierung die notwendigen Maßnahmen ergriffen habe. Er habe keinen Grund zu der Annahme, daß die Ereignisse auf einen ausländischen Einfluß zurück - zuführen seien. Abg. Geoff rey Mander fragte len Außenminister, ob den verfolgten Juden in Polen nicht die Möglichkeit der Einwanderung nach Palästina gegeben weiden könnte. Hierauf erfolgte keine Antwort. Die Aussdireitungen von Brest-Litowsk Warschau, 3. Juni. (JTA.) Die „Ziielony Sztandar“ (Grüne Fahne), das Zentralorgau der Polnischen Bauernpartei, stellt anläßlich der Ausschreitungen von Brest-Litowsk fest, daß die Partei Judenpogrome als „Zeichen der Barbarei“ stets verurteilt habe. Das Blatt teilt ferner mit, daß in dem Städtchen Wielun bei Kalisz nationaldemokratische teidigung unseres Rechtes auf Existenz, Freiheit und Zukunft so notwendig wie jetzt. Doch an Stelle des lebendigen zionistischen Gewissens sind leblose Parteischemen getreten. Verknöcherte Machtapparate, die ihre sie einst belebende ideale Seele ausgehaucht haben und nunmehr eigenlebig geworden sind, lendenlahme SchwungJosigkeit oder übersteigerte Ansprüche auf Führung und Geltung, die weder Maß noch die Tugend der opferwilligen Unterordnung kennen, verdrängen Verantwortung und die alten Ideale. Es verfolgt uns eine schaurige Vision. Im verdurstenden eingeschlossenen Jeruschala.jim dezimiert ein gräßlicher Bruderkampf die Verteidiger und vernichtet jegliche Hoffnung. Jeder General will Rettung bringen, jeder bat das einzig wahre Heil des Volkes auf seine Fahne geschrieben — und jeder von ihnen beschleunigt clen Untergang. Siegesfroh und geduldig wartet draußen Titus. Und bei ihm weilt Josephus, Namen, Rang und serviles Dasein dem Feinde verdankend und setzt sich schon die wohlgeschliffenen Sätze zurecht, mit denen er die Schilderung der Zerstörung einleiten wird. Verbannen wir aus unserer Mitte däe Gespenster des Ghtirban! Der Jubdläimie- Kongreß muß der Kongreß des großen zionistischen Glaubens und der erlösenden zionistischen Tat werden. Empor das zionistische Gewiesen! Agitatoren, die im Auftrag der Verein igungchristlicherKaufleute unter den Bauern Aufrufe zur „Polonisierung der Städte“ verteilt hatten, von den Bauern vertrieben wurden, als s-ie versuchten, Unruhen hervorzurufen. Der Stadtrat von Bialyslok hat einen Antrag der jüdischen Stadtverordneten!, gegen den Pogrom von Brest-Litowsk zu protestieren, a b g e 1 e h n t, dagegen den Antrag der Nationaldemokraten angenommen, das Andenken des in Brest getöteten Polizisten Kedziora zu ehren. Der Arier-Paragraph Warschau,3. Juni, (JTA.) Zu dem Internationalen Krankenpflegerk o ngr e ß, der am 1. Juli in London stattfindet, war aus Polen eine Abordnung angemeldet gewesen, der auch jüdischo Krankenschwestern angehörten. Nunmehr sind die Vertreterinnen des Warschauer jüdischen Schwestern verbandes vom Verband der Krankenschwestern Polens verständigt worden, daß der jüdische Verband aus dem Gesamtverband ausgeschlossen worden sei, da dieser den Arierparagraph eingeführt habe. Der jüdische Schwesternverband wandte sich darauf an das Internationale Büro der Sohwesternveremigungeii in London mit dem Ersuchen, eine besondere jüdische Abordnung aus Polen entsenden zu dürfen. In der Antwort wurde dieses Ersuchen als gerechtfertigt erklärt. Die Abordnung der jüdischen Krankenschwestern wird daher an dem Internationalen Krankenpflagerkongreß in London teilnehmen. Von Dr. Leo Über das Judentum, dessen Bestand als weltumfassende Idee und reale Wirklichkeit wurden in den tausenden Jahren seiner Existenz unzählbare, Bibliotheken füllende Werke geschrieben. Das Rätsel dieses Volkes konnte dennoch nicht entziffert, geschweige denn gelöst werden. Die heutige Geschichte dieser innerhalb der verschiedenen Staaten lebenden ewigen Minderheit, die eine ungleichmäßige Behandlung gegenüber den Angehörigen der betreffenden Mehrheiten erfährt, sowie die Vergangenheit des Judentums bilden eine' unversiegbare Quelle für Gedanken, Gefühle und Anregungen jedes denkenden Menschen. Die jüdische Vergangenheit vor der Tempelzerstörung durch Titus, die eine nie dagewesene Prophetie ins Leben gerufen hat, sowie der geschichtliche Werdegang nachher, läßt sich mit den Schicksalen anderer Völker nicht vergleichen. Sie ist in einem gewissen Sinne einzigartig. Dies schon deshalb, weil es in den Kämpfen um die nationale Existenz der Kampf um eine Idee geht, die durch dieses Volk verkörpert wird. Diese Auffassung kann insbesondere durch die geschichtliche Betrachtung aus der Zeit der römischen Weltherrschaft illustriert werden. Eine besondere Erscheinung unter den römischen Kaisern bildet Hadrian, der auf seinen Münzen für seine Regierung das Wort „Goldenes Zeitalter“ prägen ließ. Das römische Reich stand unter ihm auf größter Höhe, er war ein Fried enskaLser, der in erster Linie die Ruhe und Ordnung im Reiche angestrebt und erhalten hat. Wissenschaft, Recht und Künste blühten unter seiner Herrschaft im Reiche, das die ganze zivilisierte Weit umfaßte. Rastlos durchstreifte er zu Fuß und zu Pferd, fast nB'e im Wagen, sein unermeßliches Land und die unzähligen Provinzen, der erste Reisende, der Verständnis für die Romantik der Fahrten in die Fremde empfunden hat. Überall verbesserte er die Verwaltung, baute neue Festungen, beschenkte reichlich die Bevölkerung, die sich nicht genug tun konnte an göttlichen Ehrungen für ihn. Doch nannte ihn sein Geschichtsschreiber aus dem 4. Jahrhundert n. Chr. (Aurelius Victor Epitome) trotz seines Universalgenies und seiner großen griechischen Bildung einen heuchlerischen Menschen, deT seine wahren Triebe, Neid, Bosheit, Ausgelassenheit und dreiste Schaustellung seines eigenen Ichs mit Schlauheit zugedeckt hat. Halb Grieche, halb Römer, vereinigte dieser vielfältige Kosmopolit in sich zwei Kulturen, die griechische Philosophie und die römische Herrschsucht. Die Juden haben Hadrian von seiner wahren römischen Natur zu spüren bekommen. Seine eiserne Faust in der Gestalt der Legate und Heeresführer vergoß Ströme jüdischen Blutes. Hadrians kosmopolitische Einstellung hat übersehen, daß die Umwandlung einer heiligen Stadt in eine römische Festung mit heidnischen Tempeln, Bädern und Säulen und der Versuch, den kapitoli- ZIONISTISCHES VOKABULAR (Fortsetzung.) Palcar Palästina-Correspond enz, Nachrichtendienst der zion. Palästina-Exekutive Pardes Orangengarten Pegischah Treffen, Zusammenkunft Pica Abk. von „Palestine Jewfah Colonisation“, Gesellschaft zur Verwaltung der Besitzungen des Barons Rothschild in Palästina P. L. D. C. Abk. von „Palestine Land Development Company“, Bodenkaufsgesollschaft, die Parzellierung und Weiterverkauf von Grundstücken vornimmt Plugah Arbeitergruppe Poale Zion zionistische Arbeiterpartei Poale Misrachi religiöse Arbeiterpartei Poel, weibl. Poeleth, Mehrz. Poalim Poaloth Arbeiter Reehow die Straße Schalom „Friede“, Begrüßung Schechunah Gasso Scihoohnnath Owdlra Vorstädtische Arbeitersiedlung; Schekel Mitglieds Steuer der zion. Organisation Scholiach Abgesandter Schmknah Waohe Loewensohn nischcn Jupiter in Jerusalem, das nun „AelLa Capitolina“ heißen sollte, an Stelle des unsichtbaren Gottes einzusetzen, das religiöse und nationale Gefühl des Volke« aufs tiefste verletzen mußte. Die Juden, die schon zur Zeit seines Vorgängers, Trajan, Aufstände in Afrika (Cyrene) und in Cypern im Jahre 116 unter Lukuas und Artemion gegen die römische Gewaltherrschaft organisierten und wie der römische Geschichtsschreiber Dio berichtet, humderttansende Griechen und Römer vernichtet hatten, kümmerten sich nicht tun die übermenschliche Stärke der Römerheere. Der Messiaisglaube beseelte die Juden, die eine ganze Dynastie der Herrscher von Adiaben© in Mesopotamien zu ihren Proselyten machen, eine unabhängige Republik im Parterreicho bei Nehardea unter der Herrschaft zweier jüdischer Brüder Chasinaii und Ghamilai gründen konnten. Die Tapferkeit der durch die Zerstörung des Tempels und die blutige Unterdrückung seitens der römischen Statthalter aufs äußerste gereizten Judäer war tollkühn. Die Grausamkeit eines Lusius Quietus in Mesopotamien, der hunderttausende Juden getötet und gefoltert hat, schreckte das zutiefst verletzte Volk nicht ab, im Vergleich zur unermeßlichen Macht der Weltbeherrscher wahnsinnige Überfälle und Aufstände zu organisieren, um die Gewalt der kosmopolitischen hellenisi orten Heiden zu brechen. Hadrians Name ist mit dem Namen Bar Kochbas, des Kämpfers um die Freiheit des unterdrückten Volkes, verknüpft. Dieser Kampf zur Zeit Hadrians beweist, daß die Juden gleichzeitig national eingestellt und um die Welterneuerung auf Grund ihrer Idee mit Erfolg kämpfen konnten. Es war ein Kampf des römisch-hellenischen und jüdisch-monotheistischen Kulturkreises, der sich in der Form eines Nationalkampfes abgespielt hat. Heute wird den Juden von ihren Feinden vorgeworfen, daß sie Kosmopoliten im üblen Sinne sind, das heißt, daß sie die nationalen Eigenarten anderer Völker durch ihr Wirken als ewige, über diie Staatengrenzen miteinander verbundene Minderheit zu stören suchen. Diese irrige und feindselige Behauptung kann durch diesen Ausschnitt ans der geschichtlichen Vergangenheit widerlegt werden. Anderseits müssen wir ets aber als Glück und einzigen Ausweg aus der gegenwärtigen unhaltbaren Situation betrachten, daß ein Großteil des jüdischen Volkes bestrebt ist, für das „Volk ohne Raum“,- wie es Josef Kastein nennt, einen eigenen •Kulturraum zu schaffen. Wenn wir unsere Kräfte im' eigenen Schaffensraume vereinigen werden, statt sie für andere Völker zu zersplittern, werden wir gleichzeitig dem „Kosmopolitismus im höheren Sinne“ dienen. Durch den. Kampf um unsere nationale Eigenart fördern wir zugleich auf produktive Weise die Entwicklung des Weltgedankens, der die wertvollen Ideen der Einzelglieder der Völkerfamilie umfaßt. Schomer Der Wächter Schomer Hazair „Der junge Wächter“, zionistische Jugendbewegung Schomron Samaria, Mittelpalästina Sefardim Aus Südeuropa und dem Orient stammende Juden Wich ah Gespräch, Besprechung Wmf Zweigstelle Solei jüngste Altersstufe in zion. Jugend* bänden Takziv Budget; Zuschuß des Keren Hatjessod an die Siedlungen Tarbuth Kultur; Organisation der Verbreitung der hebräischen Sprache Techclet Lawan „Blau-Weiß“, zionistische <] ugendorganisution Tociifcakna hebräisches Volkslied, Text von Bialik Tel — Hügel Tel Chaj Siedlung in Nordpalästina, bekannt aus den Unruhen dos Jahres 1921 Tikwah „Hoffnung“, jüdische Völkshymne Tmiwa „Frucht“, Genossenschaft zum Vertrieb landwirtschaftlicher Erzeugnisse Torah we Awodah „Lehre und Arbeit“, Parole der religiösen Arbeiterschaft Tozereth Haarcz — „Produkte des Landes“; zionistische Losung zur Verbreitung palästinensischer Produkte (Fortsetzung folgt.) Das neue rumänische Arbeitsgesetz Bukarest, 4. Juni (JTA.). In einer Presse- Konferenz erklärte der rumänische Handels¬ und Industrieminister P o p zu dem Gesetzentwurf betreffend Romianißierung von Handel und Industrie in Rumänien u. a.: Die nationalen Minderheiten e i nj schließlich der Juden brauchen das neue Gesetz nicht ziu fürchten; es bezweckt1 nichts anderes, als den Schutz der Interesj sen der nationalen rumänischen Arbeiter. Unmittelbar nach der Feier des 7. Jahrestages der Restauration am 8. Juni wird der Gesetzentwurf dem König vorgelegt und hierauf veröffentlicht werden. Die Minderheiten dürfen nicht oino chinesische Mauer gegen das rumänische Element errichten. Es sei für das rumänische Staatsvolk untragbar, daß die nationalen Minderheiten in Rumänien die Vorherrschaft in Handel und Industrie innehaben; es wolle einen freien Weg, auf welchem sich das rumänische Element zur dominierenden Stellung entwiik-j kein kann. Das könne erreicht werden, indem in Zukunft der Anteil der Minderheiten am wirtschaftlichen Loben des Landes entsprechend ihrem prozentuellen Anteil an der allgemeinen Bevöikerungszähl festgesetzt wird. Der Minister trat der Behauptung entgegen, daß die Juden nicht zum Staatsdienst, zu den Gerichten und zur Armee zugelassen werden, und erhärte, daß auch auf dieeeo Gebieten in Zukunft der Grundsatz des prozentuellen Anteils restlos beobachtet werden wird. Die Zentralausschüsse der deutschen und der ungarischen Minderheit in Rumänien haben beschlossen, beim Völkerbund gegen das geplante Gesetz Protest zu erheben. Der Zentralrat der rumänischen Juden hat keinen derartigen Beschluß gefaßt und dies damit begründet, daß die Juden in Rumänien sich nicht als nationale Minderheit, sondern als rumänische Staatsbürger jüdischen Glaubens betrachten. Wie verlautet, wird jedoch der Präsident des Zentralrates Dr. Wilhelm Fildermann an den König und an den Ministerpräsidenten ein Protesttelegramm richten. * * * Der Zentralrat der rumänischen Juden steht unter assimilatorischer Führung und hat demgemäß bisher in allen jüdischen Angelegenheiten versagt. Es ist ein sehr folgenschwerer Entschluß, wenn er das Beispiel der Deutschen und der Ungarn verwirft und auf den Minderheitenschutz verzichtet! Bei den Rumänen gewinnt man nichts, bei den anderen verliert man jede Sympathie. In jedes jüdische Haus „Die Stimme" Die polnischen Pogrome vor dem Unterhaus