Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 643 (14.5.1937)
- Date
- 1937-05-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/3053752-3054338-3054399--6675-3062554- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
äSTr. 843. — Wien, Freitag, 11. Mal 1037. DIE STIMME Seite X Dr. Samuel Rappapori:!A& einet m einem Chanukkaih-Abend j „Und Ich verlobe dich mir auf ewig, und Heine und Börne durch da« Ghetto ich verlobe dich mir durch Recht und Ge- Frankfurts gingen und die durch die munter flackernden Licbtlein hell erleuchteten Fenster der Judenhäuser gaben, machte Börne, wie Heine erzählt, die Bemerkung: „pies ist der achtzehnte Oktober der Juden; iur daß dieser makkabäische achtzehnte Oktober mehr als zwei Jahrtausend alt ist und noch immer gefeiert wird, statt daß der Leipziger achtzehnte Oktober nicht das fünfzehnte Jafir erreicht hat und bereits in Vergessenheit geraten.“ Wie würde erst Börne verwundert gewesen sein, ginge er am Rtisttage des Sohawuofcfestes durch die Gasse .eines ostjüdischen Städtchens und sähe dag lebhafte Treiben im Rüsten zu einem Fegte der Erinnerung an ein vor mehr als 8000 Jahren vor sich gegangenes nationales Geschehen, das Hochzeitsfest Israels mit «einem Gott, anläßlich der Offenbarung am Sinai und des Empfange« der Thora, wobei gleichzeitig Schawuot als Fest des einstigen Weizenschnitteg unserer Ahnen, auf ihrer eigenen Spholle, gefeiert wird. Er würde gesehen I haben, wie unser Volk gerne graue Vergangenheit in die Gegenwart hinüberzuzaubern Versteht und willensstark seine unlösbare Verbundenheit mit Thora und Erez Israel für alle Ewigkeit stets wiederholend feierlich bekundet. Die Beziehung zwischen Gott als Gatte Und Israel als die ihm für alle Zeiten angetraute Gattin ist ein Lieblingsgedanke unserer P r o p h e te n. Ünd wenn die Gattin mitunter ihren Kann vorübergehend verläßt und Er darob zürnt und sie straft, kehren sie doch zueinander, in Liebe vereint, wieder zurück, so, zum Beispiel Jesada 54, 5, 8, 62, 5: Jereimia 2, 2, 3; Hosea 2, 18 usw. Die zarte und leidenschaftliche Minne des H o h eli e d e s deuten unsere. Weis.ep symbolisch als heiliges Liebeswerben zwischen Gott und Israel- Die später© Literatur, und ganz besondern die Kabbala, hat diesen Gedanken weiter ausgebaut und vertieft. Ein alter Piut m Schawuo.t schildert diesen Trauungsakt, wie Tf^enn Gott die fünf Bücher Mosis auf die fünf Fingerder rechten Hand seiner Braut Israel als T^äWMsriqge gewickelt hätte (M$ch$or Vitry $. 311). Einer unserer hervorragendsten hebräischen Dichter troubadpur« R. Israel Naghara , (Iß. Jahrhundert) verfaßte sogar im üblichen rituellen Stile je. einen zwischen dem Ehepaare Gott und Lr&©l gösehlosjsenen Verlobung«- und Ehevertrag, in welche^ unter anderem der Gatte-Gott siph verpflichtet, seine Gattin Isaraed »u abifen, jhf in Treue zu dienen, sie zur hejligen IJnöon?u aiachen, sie geistig und materiell zii ernähren, standesgemäß zu kieiden, mit kostbarem Geschmeide. zu sehgiüok.en und ihr ein Heim in Eye? Israel, dessen Grenzen bis nach Damaskus reichen, zii errichten nsw.; die Braut Israel dagegen verpflichtest sich ihrerseits unter anderem, ihrem Gatten in liehe und Treue anzugehö? ren, nach seinem Wunsche zu leben, d.' den Wegen der Thora zu wandeln und ihre Gebote zu erfüllen usw. Zur Erhöhung der Freude am Hochzeitsfeste spielen Engel und Seraphim die Rolle der Budcfaanim, während Sphärenharmonie die Musik macht. Es gibt aupih andere, digapm ähnliche Verträge, die im sephardieohen Ritus für Sehawupt aufgenommen sind (so z. B. Ausgabe Belgrad 1850) und um Sohawupt in der Synagoge gelesen werden, wobei um sich wie bei einer gewöhnlichen Hochzeit gegenseitig „Masel tofw“ zunrft. Im übrigen erneuert ja jeder fronime Jude an jedem Morgen symhpRsph jenes denkwürdige Verlöbnis zw^chen Gott und Israel, wenn er den Riemen das Tefpihilin um den Mittelfinger wie einen Trauring wiüMR und dabei dde Pro? phetenworte (gqftea 2, 2W22) rezitiert: rechtigkeit, mit Huld und Liebe; und ich verlobe dich mir durch Treue, daß du den Ewigen erkennest.“ Nach den stillen und freudelosen Sephiratagen leuchtet heute sonniger Frohmut in der jüdischen Gasse. Morgen ist Schawuot. Man merkt es schön am frühen Morgen im Zimmer, wenn man die heute vom Schulriori gebracht, nachdem diese Sitte schon in der jüdischen Gasse Eingang gefunden hatte. Da« ganze mittelalterliche jüdische .Schrifttum kennt diesen Brauch überhaupt nicht und wird er nirgends sonst erwähnt. Zwar spricht der Sohar (Emor 96 B, 97 A) bei Besprechung des Schawuot von einem Baume, doch ist dieser hier., von symbolisch mystischem Charakter und soll nach der Bemerkung des R. Ghaim Vital (Glosse Beh konz. Realbüro Ing. M, Mühlbauer KayJ und Verfaul von Reqiiiaten, Hypptfafan U Ih und Hl- $41** &>u- und 3wüch«nKr«dHe Glfihaud«v«rwgltung * Büro« franz-JosefJ-Kal 11 |el, R-25-0-44 Wohnung» \K VwgvUrah’. 144, Tfl. R-414-88 r— >.* besuche befreite Ghederjugend an grünep Kalmuspflanzen piepen hört. Auf den Straßen sieht man Erwachsene und Chederjungen, beladen mit am Marktplatze vgn den Bauern erstandenen, jungen Bäumen, Ästen, Kalmusbündeln und Blumen, die auch auf kleinen Handwägelchen geführt werden. Das duftende, saftig frische Grün und die Blumen sind zu Ehren des Schawuotfesfces für die Synagoge und das Heim bestimmt. Der Kalmus wird auf den Fußboden gestreut, mit den Bäumen, Ästen ünd Blumen schmückt man das Gotteshaus und das Heim., Natürlich wird, falls, wie in diesem Jahre*, der Rüsttag auf einen Sabbath fällt, dies Ge-' schäft schön am Freitag besorgt. Am Hochzeitstag der Nation soll das Haus hochzeitlich geschmückt sein. In manchen Gemein-' den werden am Schawuot in der Synagoge wohlriechende Kräuter und Blumen an die Betenden vorteilt. (Sohluh: Hilchot Schawuot.) Daa Streuen wohlriechender Kräuter in der Synagoge am Schawuot ist alter jüdischer. Brauch. Eine alte Aggada (Targum Scheni ER. Midrasch Aba Gorjop editdv Bulbpr S. 26, Glosse 101) eiß zu erzählen, daß Haman unter den Anklagen, die er vor Ahaswerosch gegpn die Juden erhob, auch angeführt habe, daß die Juden am Schawuot eine Art Äpfel, beziehungsweise Schilf (Kalmus?) in ihren Synagogen auf den Boden streuen, diese dann auflesen und ihren Feinden fluchen. Einst streute man die wohlriechenden Kräuter bloß in der Synagoge (Mahril: Hilchot Schawuot. Isserlis su Sehulchan Äruch, Orach Ghajim § 494); etwa seitdem Iß, Jahrhundert begann man die Kräuter auph im Hause zu-streuen (Juspa Huhn: Jospif C Nr. 851), Wie erwähnt, werden am Sphawuot Synagoge und Hehn mit jungen Bäumen und Ästen geschmückt. Dieser Brauch wird von vabbinischer Seite (Muggen Abraham zu Sch. A* O* Oba» a. 0l) damit begründet; es heißt nämkob Ön Talmud (Roaoh Haschanah 16 A), daß am Sebawupt kn Himmel über die Baumfrüchte gerichtet wird; man solle nun Bäume vor sieh sowohl im Heim wie in der Synagoge haben, daß man .ihrer-beim Gebete gedenke, damit sie mit Frucht gesegnet werden, wurde a Rost* d. a. O.) eine gewisse Engelskategorie bedeuten. Die Herkunft dieses, Brauches ist heidnischen Ursprunges und wurzelt im alten heidnischen Kultus des . heiligen Baumes als vegetative Kraftquelle, beziehungsweise als Sitz einer Gottheit. Mit der Verbreitung des Christentums ist im Laufe der Zeit die frühere Bedeutung desheiligen- Baumes in Vergessenheit geraten und dieser wurde zum beliebten „Maienbaum“,__ mit dem die. christliche Bevölkerung zu Pfingsten ihre: Kirche: und ihr Heim schmückt. (Religion in Geschichte und Gegenwart, Bd. H, .Spalte' 504j und Wuttke: Der deutsche Aberglaube der Gegenwart, Nr. 89, 90 tu 147). Aus der nichtjüdiisdhen Umgebung' kam, wie schon gesagt, dieser Brauch in die jüdische Gasse. Der weitblickende Wilnaer Gaon liat - die nichtjüdische Herkunft. dieses Brauches erkannt und ihn mißbilligt (Maasseh Raw, Bl. 14 B n. Chajej Adam Nr.131). Die edngebürgerte Sitte er;iep. siöh' jedoch stärker aJb das Verbot. Der im dumpfen und engen Ghetto in Not lebende, imöh der freien Natur und duftendem Wald sich sehnende Jude, mochte auf das frische und saftige Grün des Scbawuotbaumas nicht leicht verrichtein, zumal er dafür eine Begiründung im Talmud gefunden hatte. Zu den Spezialitäten den Schawuot-Festes gehören audi die mit der Schere aus Papier geschnittenen Rosetten, kn Volke „Reisalech“ genannt. Der Rfattag des Schawaipt- Festes wird schon durch diese an den Fenstersch eiben hängenden oder abgelebten Scherenschnitte weithin angekündigt. Sie werden vorzüglich von der männlichen Jugend oft mit großer Geschicklichkeit und küntHerisches Verständnis verratendem Sinn aus einem weißen und mitunter später buntbemaltem oder farbigem Papierbogen mit der jgohepe verfertigt. Eine splehe am Schawuot In Wilna an die Fenst&mcheibe geklebte Rosette soll zur Entdeckung des Talentes des später so berühmt gewordenen Bildhauers Marek Antokolskl geführt haben. Diese Ro- SSftbn stMien allerlei bkärre Figuren dar, sowie Blumen, Tiere, Vögel,, den Zodiakos, die Bunidestafel, sowie die1 hebräische Beaeiöhmmg des Föstes „Ohag ’ ’ Haschawuot“ und dergleichen,, Auch fiir die Bezeichnung dey Qstwand, des sogenannten Miß rach üu Hwe, und für die Sukkah worden Kpwtten angefertigt, besonders aber für ScJhawuoL Diese „Reisalech“ bilden ein spezielles Genre echter jüdischer Volkskunst, und verdienen mehr Aufmerksamkeit der berufenen Fachkreise als dies bisrnm geschehen ist, zumal dieser wie so manch anderer jüdischer Brauch durch die Strömungen der neuen Zeit au® der jüdischen Gasse gänzlich zu verschwinden beginnt. Erst in den letzten Jahren begannen zwei um die ostjüdische Folklore verdiente jüdische Frauen, die vor nicht langer Zeit verstorbene Regina Lilienthal in Warschau und Frau Dr. Gisa Fränkel in Lemberg, solche Rosetten au sammeln und. au veröffentlichen. Es wäre au wünschen, daß letztere ihre glücklich begonnene Arbeit fprtsetze, um, was noch au finden ist, vor Vernichtung und Vergessenheit zu retten. Synagoge und Heim sind schon für den großen Tag instand gesetzt. Nun soll auch die Braut-Israel für den morgigen Tag hochzeitlich geschmückt werden. Nach einer vom Sehar (Einleitung 8 A u. Emor 98 A) überlieferten Sitte ist es üblich, diesen Abend beim Thorastudium wachend zu verbringen, um am Morgen, geschmückt mit dem Diadem der Thora vor dem Bräutigam-Gott zum Hoohzeitefeste zu erscheinen. Das für diese Nacht bestimmte Pensum, das sogenannte „Tikkun Lei! Schawuot“, enthält außer bestimmten Geibeten ausgewählte Partien aus der. Bibel, Talmud, Sohar sowie die von Maianoniides bestimmten 613 Gebote. Gelernt wird im Bethause in der Regel von wenigstens zehn Personen gemeinsam. Die Lernenden werden von Spendern mit Getränken, Gebäck und Früchten versehen. Nach dem Bericht des R. Salomon Alkabec (Dichter djes „Leeha Dodi“) soll in einer solchen Nacht von einer um R. Josef Garo (Verfasser des Schulohan Annah) versammelten Gruppe, zu der auch Alkabec gehörte, während des Thoralernens die himmlische Stimme des sogenannten Maggid (eine Art Spiritus familiaris des Oaro) gehört worden sein, die die Anwesenden segnete (Schluh a. a. Q,). Über Empfehlung des Schluh (gi a. 0.) $PjU in dieser Nacht keine andere Sprache als nur die hebräische gesprochen werden. ■ Die Jugend vermag jedoch nicht immer den ganzen Abend den nötigen Emst zu bewahren, und so kommt es mitunter vor, daß sie profane Gespräche führt, ja sogar profane Lieder singt; eis kam sogar vor, daß sie durch Spiele die Zeit sich zu verkürzen suchte, was strenge gerügt wird. (Che.mdati Hajamim III, 57 A)- Das Wachen am Sohawuot-Aiböad ist keiap fepaditionelle Pflicht, spndern eine fromme Handlung; de«r wegen wird darauf Mngewies.on, daß derjenige, dem dies schwer fällt, es Unterlasse und Sieh lieber zur Ruhe 'begebe, damit er am Morgen in gehöriger gemtigpr und körperlicher Verfassung in der Synagoge erscheinen könne. Bei TagesaAbi’uch wird nach Art der frornmep jüdischen Braut ein rituelles Tauchbad genommen. Noch beendetem feierlichen Gottesdienst, bei welchem mit besonders gehobener Stimme aus der Thora die Offenbarung aus Sinai verlesen wird, vergnügt inan sieh im Hause an den speziellen für Schawupt heTgerichteten „gnaichigßn“'' und süßen, mit Honig bereiteten Spei|en sowie Gebäck, entsprechend den Worten (Hohe? lied 4, i): „Honig # Weh sind unter deiner Zunge.“ Schawuoit kennt nicht wie Pessach ein. Verbot des Gesäuerten, ebensowenig die Pflicht des Sukkotfestes, nur in der Sukka zu essen. Mit Recht heißt es im Volkismunde: „Schaiwuot ißt der angenehmste Üämt.Q'W: PftäU därf essen, wo man wjll und was man will.“ ««I