Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 643 (14.5.1937)
- Date
- 1937-05-14
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Wien, Freitag, 14. Mai 1937. - Nr. 648. % VUkobsbütty zu (fast Die berühmte, alt ehrwürdige Kebilla. von Nikolsburg war das Ziel der Gesellschaftsreise, welche die „Stimme“ gemeinsam mit dem Zionistischen Landesverband veranstaltete. Nach etwa, andertbalbstündiger Fahrt auf guter Straße durch die sanfthügelige weinreiche Nordhalfte Niederösterreichs langte die Autokolonne im Zentrum des Judenviertels, .vor der Altschulsynagoge an. Schon an der Staatsgrenze wurde die Reisegesellschaft von Herrn Felix Teltscher begrüßt. Mit. Worten der Bibel wurden die Wiener Gäste von Rabbiner Dr. Willmann willkommen geheißen, worauf der ebenso liebenswürdige wie kenntnisreiche Professor Doktor Engel aus Brünn den achtzig Reiseteilnehmem das Wichtigste über das alte Gotteshaus berichtete, das wohl zu den repräsentativsten und schönsten Synagogen gehört. 1550 wurde das Bethaus am Fuße des Sobloßberge8 erbaut, 1689 kam ein Raum als Frauensynagoge hinzu, 1719 brannte das Gebäude ab, wurde aber zwei Jahre später wieder aufgebaut. Daher das liebliche Spätbarock des Interieurs, dessen beschwingte Helligkeit nach dem ernsten, grauen Anblick der Außenfassade überrascht. Vorn der prächtige Aron kodesch, von reicher Barockzier umgeben, in der Mitte des Raumes, zwischen vier Marmorsäulen, das Aimemor, durch kunstvolle schmiedeeiserne Gitter von den Bankreihen getrennt; von der Synagogendecke — vier hellblau bemalte, mit Sprüchen und origineller Stuckornamentik versehene Kreiskuppeln — hängen schöne Bronze- Inster herab, charakteristisch für die mährisch-jüdische Gelbgießerkunst. Ganz anders die Stimmung im kleinen, unscheinbaren, vom Hauch der Jahrhunderte umwehten Beth Hamidrasch mit dem Kabbalahstübchen, das doch Jahrhunderte lang zu den berühmtesten Stätten jüdischer Wissenschaft gehörte und sowohl viele Gelehrte angelookt als auch ausgebildet hat. In den Wandschreinen sind uralte hebräische Druckwerke aufgestapelt; es ist bezeichnend für die streng orthodoxe Geistesrichtung der Nikolsburger Schule, daß eie nur wenig philosophische Werke (zum Beispiel nur ein einziges Kusari-Exemplar) besitzt. Unweit vom Beth Hamidrasoh befindet sich der Hauptstolz der Gemeinde: das jüdische Zentralmuseum von Mähren-Schlesien, das vor Jahresfrist eröffnet wurde. Diese Institution; die in erster Linie Herrn Doktor Richard Teltscher ihr Entstehen verdankt, um die sich unter anderem Oberrabbiner D r. Feuehtwang s. A., ein gebürtiger Nikolsburger, große Verdienste als Förderer der Idee erworben hat, und deren Kurator Staatsrat Dr. Friedmann ist, enthält eine Fülle von Sehenswürdigkeiten. Eine original mährische Sabbathstube'ist aufgestellt, zahlreiche Vitrinen beherbergen wunderschöne Kultgeräte (besondere hübsche Bessomimbüchsen), die, obwohl naturgemäß durch den zeitgenössischen christlichen Stil beeinflußt, den wachen Kunstsinn unserer Altvorderen zeigen. Bemerkenswert ist die Tatsache, daß das Museum ein prächtiges Paroches auübewahrt, das seinerzeit der Vater Josef von Sonnenfels’, ein Nikolsburger, der Gemeinde geschenkt hatte. Urkunden aus sechs Jahrhunderten — als erster Jude in Nikolsburg wird urkundlich Efram im Jahre 1369 erwähnt — geben Kunde von dem wechselvollen Schicksal der Gemeinde, die sowohl im Mittelalter als auch zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges viel durchzumachen gehabt, die in ihrer Blütezeit an die achttausend Mitglieder zählte, während sie heute auf fünfhundert zusammengeschmolzen ist. Unter den Bildern berühmter mährischer Juden bemerkt man den Revolutionsmärtyrer Spitzer, den Oberrabbinor Dr. Feuchtw a n g, den Schöpfer der Psychoanalyse» Sigmund Freud, dessen Lebensdokumenten eine Nische gewidmet ist Rühmenswert ist die Gestaltung der Räume, der Übersichtlichkeit der Schauobjekte, wodurch sich diese« Museum einer Kleinstadt vorteilhaft abhebt von unserem an Objekten doch weit reicheren Wiener Gemeindemuseum; daher wies Doktor Griinbaum in seiner an die Gastgeber gerichteten Ansprache mit Recht auf die Vorbildlichkeit des Zentralmuseums hin. Nach dem Mittagmahl wurde das große, schöne Barockschloß des Fürsten Dietrichs t e i ri besichtigt, das wundervolle Gobelins und eine herrliche Bibliothek enthält, ln diesem Schloß hat sich Napoleon aufgetoalfc«i| hier wurde auch der Vorfriede von 1866 mit Bismarck geschlossen, der die Hegemonie Österreichs beseitigte und der Anfang vom Ende der Donaumonarchie war. Ein längerer Weg führte zum großen alten Friedhof, der gleichsam die stummberedte Ergänzung zu dem am Vormittag Geschauten bot. Oberkantor H e 11 m a n n gab hiebei einen ausgezeichneten Führer ab. „... Diese Steine reden“, heißt es in einem Aufsatz des Nikolsburger Rabbiners Dr. Willmann, „sie geben Kunde von der ruhmreichen Vergangenheit des mährischen Judentums, sie erzählen von den entsetzlichen Leiden und Martern verflossener Jahrhunderte, den Judenverfolgungen und Austreibungen, aber a/uch von der innigen, beispiellosen Frömmigkeit und hohen Sittlichkeit unserer Vorfahren, von ihrem Opfer- und Entsngimgsmufc, ihrer glühenden Liebe und Treue zu ihrem Gotte, von profunder Gelehrsamkeit und großer Wohltätigkeitsliebe.“ Man sieht die Grabsteine bedeutender und berühmter Nikolsburger, Geonim und Dajjanim, so von Schmclke Horowitz und Modele Benot, aber auch die von mittelalterlichen Märtyrern, die, wie Eljakim, für Judentum und Juden heit in den Tod gingen. Es war ein ergreifender Anschauungsunterricht: von dieser riesigen Ruhestätte geht ein Trost der Ewigkeit Israels aus, das seine Substanz in der kleinen Kehille bewahrt, wie in der modernen Großstadt: als das Volk Gottes! Dr. A. Werner. Für intelligente, sehr hübsche und häusliche Jüdin mit schönem Heim und Einkommen wird besserer Jude in guter Position und Nachfrage, über 50 Jahre alt. zwecks Ehe gesucht. Unter M. H. an die Administration des Blattes. Ufessen tHUttet ist eine WUnezU*? Zu dieser indiskreten Frage veranlaßt uns ein aufgeregter Zernerguß des „Wiener Montagblatt“ über das Programm der bevorstehenden Wiener Festwochendarbietungen. Diese sowohl in künstlerischer Beziehung wie auch hinsichtlich des gesteigerten Fremdenverkehrs segensreiche Einrichtung geht bekanntlich auf den jüdischen Musik- und Theaterkritiker Davkl Bach zurück. Doch an diesem Vater nimmt das katholische „Montagblatt“ keinen Anstoß. Seine Sorge gilt dem bangen Problem, ob das Lied „MeV Muatterl war a Weanarin“ überzeugend, klingen kann, wenn es von einer Frau Sarah Gold stein zum Vortrag gebracht wird. Zwar ist nirgends ersichtlich, daß die Künstlerin gerade dieses Lied singen will, das Festwochenprogramm kündigt nur ganz allgemein einen von ihr geplanten Volksliederabend an, aber schon das bloße Auf scheinen eines jüdischen Namens im Vortragsprogramm hat die Rasseninstinkte des katholischen Blattes aufgewühlt, ln rein künstlerischer Beziehung hatte es keinen Grund zur Sorge. t>enn selbst wenn man ihm das Zugeständnis machen wollte, daß Juden nur jüdische Schöpfungen überzeugend vortragen können, bliebe Frau Goldstein noch eine reiche Auswahl von Volksliedern zur Verfügung, ohne daß sie, wie das „Montagblatt“ befürchtet, zu G-hettoliedern greifen müßte. Denn es ist nun einmal Tatsache, daß gerade die populärsten Wiener Volkslieder, von Juden stammen. Das „Fiakerlied“ von Pick, ,J)u guater Himmelvoda“ von Krakauer, „l möcht noch amal in Grinzing sein“ von Bcnat&M, „Fein, fein schmeckt uns der Wein“ und „Küssen ist keine SüncT“ von Eisler sind nur ein paar Beispiele, die beliebig vermehrt werden körmen. Es wäre sehr erfreulich, wenn das „Wiener Montagblatt“ seine künstlerischen Rassenansichten praktisch in der Form durchsetzen könnte, daß alle diese und alle sonstigen Schöpfungen von Juden, zumindest bei der Ravag nur von jüdischen Sängern gebracht würden — von wegen der größeren Überzeugungskraft. Das „Wiener Montagblatt“ hat wohl lange suchen müssen, bis es ein Wiener Couplet arischer Herkunft fand, um es als Trumpf gegen Frau Sarah Goldstern ausspielen zu können. Sonst wäre es sicherlich wicht so unvorsichtig gewesen, gerade ein Lied zu zitieren, dessen Text sofort zum Mißtrauen gegen die Träger der überbetonten Bodenständigkeit herausfordert. Wir kennen ja ihre Namen; Czermak, Holoubek, Howorka... Es sind lauter Namen, bei deren Klang man weniger an das Lied „Mei’ Muatterl war a Weanerin“ erinnert wird als an ein anderes, einmal in Wien sehr -populär gewesenes Couplet mit dem Refrain: „Bruacßer, schau, wie angenehm: Jeder zweite is an Böhm!“ und an das jetzt noch beliebte: ,fServus Pfeslna!H Es ist überaus erheiternd, wenn gerade solche Leute provokante Fragen nach der Wienerischen Mutter — als Ersatz für die arische Großmutter, die von der päpstlichen Enzyklika verpönt wird — riskieren, obwohl sic gerade auf diesem Gebiet sehr leicht, möglicherweise auch von einer Frau Sarah Goldstein zu schlagen sind. h. sp. Das „Wiener Montagblatt“ kann sich mit diesem. Namen nicht befreunden und bezeichnet es als unerfindlich, was die Veranstalter der Wiener Festwochen zu dieser Besetzung bewogen hat. Daß dabei am Ende künstlerische Gründe maßgebend gewesen sein könnten, kommt dem famosen Kunstrefereuien dieses Blattes gar nicht ln den Sinn... rjo r—ip?' nws-irW? h*o» ■!’• //«r^OT*QW3n,t ’Hgfcfflna'rit S nri» n$h mp. ffhWj H'/v td’ iöj> nsnni * ~ ' »WB** i ’M 'AV"'. >r^-•?„*£g| ‘-vya irxim pxn^jplf? »’Vj *3“iDr I unjN p-W® v ,'2,t* -n JjjSF- * - -wrma Aus dem Buche der Nikolsburger Chewrah Kadischah: Juden reißen nach einem Begräbnis Gras aus, um es über sich nach rückwärts zu werfen und dabei den Psalmvers 72, 16 zu sprechen: „Sie mögen aus der Stadt hervorblühen wie das Kraut der Erde!” Innenansicht der Nikols bürger Altneusynagoge