Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 641 (5.5.1937)
- Date
- 1937-05-05
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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rmm iWten, Mittwoch', 5. Mal 1937. — Nt. 611. Dil «TIMMI Salt« 3 Bruno Heilig: WIR VERSCHWINDEN NICHT Zu der Aktion des Pattluswerks Vepgangene Woche sprach als erster in der Vortragsreihe über di© Judenfrage, die das Pauluswerk veranstaltet, Univer- «itätsprofessor Dr. Dietrich von Hildebrand. Es sei ihm von vornherein das Zeugnis ausgestellt, daß sein Vortrag, so wenig wir uns mit seinem missionarischen Inhalt einverstanden erklären können, und so entschieden wir namentlich seine For mulierungen über den Zionismus ablehnen müssen, von außerordentlicher geistiger und sittlicher Höhe war. Es war ein ehrlicher und mutiger Vortrag. Ehrlich in seinen Ausführungen über das Judentum, auch in der klaren Herausarbeitung des missionarischen Zweckes, und mutig gegen den Antisemitismus, auch gegen seine österreichische Spiel art, die der Vortragende moralisch auf eine Linie stellte mit dem Rassenantisemitismus. Jede Art von Antisemitismus sei ein schweres Vergehen gegen die Menschheit, gegen den Geist, gegen Gott, und wie immer der Antisemitismus sich selbst zu begründen versucht, in seinen Auswirkungen muß er doch menschheitszersetzend sein. Mit Dr. von Hildebrand kann man sich auseinandersetzen. In den Schlußfolgerungen stehen wir auf einem Standpunkt, der dem seinen geradezu entgegengesetzt ist. Aber er diskutiert auf geistiger Ebene und hier treffen wir uns. Wenn die drei Reden, die wir noch zu erwarten haben, von der gleichen Qualität sein werden (und die Namen der Vortragenden versprechen, daß es so sein wird), eo wird diese Vortragsreihe vorn Gesichtspunkt der Klärung des Judenproblems ein Gewinn sein. Wir haben keine Angst vor der Mission Stätigkeit, aie macht uns nicht nervös. Es wäre schlecht bestellt um das Judentum, wenn es zu sich selbst eo wenig Vertrauen hätte, daß es in Missionsreden eine Gefahr für sich erblickte. Missionsarbeit wird seit zweitausend Jahren geleistet und wir sind noch immer da, wir sind heute intensiver da als je. Am allerwenigsten hätten wir Zionisten Ursache, der Aktion des Pauluswerkes gegenüber nervös zu werden. Indirekt hat Dr. Hildebrand selbst uns das Zeugnis ausgestellt, daß unsere Idee und unsere Aktion das verläßlichste Instrument der Konservierung des Judentums ist — und wir können liinzufügen: auch seiner Erneuerung, die ja die einzig verläßliche Methode der Konservierung ist. : Dieser Punkt des Vortrags Dr. Hildebrands ist es auch, mit dem wir uns besonders anseinandereetzen wollen. Der Redner hatte zunächst dargelegt, daß Israel mit seiner religiösen Schöpfung die Grundlagen der abendländischen Kultur gelegt habe und daß es in diesem Sinn als klassischer Vertreter der gesamten Menschheit, als das Menschheitsvolk schlechthin, anzusprechen sei. Die jüdische Geschichte sei nicht die Geschichte eines Volkes, sie stelle das Mensch heitsschicksal schlechthin dar. Israel ist aber sozusagen von dieser Rollo nicht rechtzeitig abgetreten, es hat nicht erkannt, daß diese Rolle nach dem Auftreten Jeschus von Nazareth auf die christliche Kirche übergegangen ist Man hörte dann die bekannte Formulierung, daß das schwere Schicksal der Juden durch die Ablehnung der Messianität Jeschus bedingt sei und daß dieses schwere Schicksal indirekt Zeugnis für dio Messianität und Göttlichkeit Jeschus ablege. Nach der scharfen Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus, die schon angedeutet wurde, stellte Professor von Hildebrand die Frage, wie man das Menschheitevolk, das durch die Entgegennahme der Offenbarung das christliche Abendland Jahrhunderte vor dessen Entstehung begründet habe, heute innerhalb dieses christlichen Abendlandes (das kein geographischer, sondern ein geistiger Begriff sei) zu betrachten und zu werten habe. In diesem Zusammenhang sprach er vom Zionismus. Er meinto, die Sehnsucht des Volkes Israel nach Rettung durch Errichtung eines nationalen Staates sei begreiflich, begreiflich sei auch die Sehnsucht nach einer menschlichen Heimat. Es müsse auch der Heroismus anerkannt werden, den die Juden in der Realisierung dieses Strebens gezeigt hätten. Doch auch dieser Weg des Judentums sei, wie sein ganzes Vorhalten seit Jeschu, eine Verleugnung seines Charakters als Menschhoitsvolk. Der Zionismus strebe dem Ziel zu, daß die Juden wie irgend ein Volk ein nationales Leben führen, und leugne die innere Zugehörigkeit zum christlichen Abendland, er verschiebe dio Judenfrage auf dio völkische Ebene. Die Loslöaung vom christlichen Abendland sei geistiger Selbstmord der Juden und Verzicht g/uf die Ausenvähltheit. So Dr. von Hildebrand. Es war interessant und charakteristisch, daß diese seine Absage an den Zionismus von den in ziemlich großer Zahl anwesenden jüdischen Assirnilanten mit begeistertem Applaus aufgenommen wurde. Man spürte aus diesem Applaus ihre Freude darüber, daß sie wieder einmal einen Zeugen gegen den Zionism u s von der andern Seite entdeckt haben. Es kam den Leuten gar nicht zum Bewußtsein, daß sie, die im Judentum nur eine religiöse Gemeinschaft sehen wollen, ihre Argumente doch am allerwenigsten von einer Seite nehmen dürften, die gerade vom religiösen Gesichtspunkt das Aufgehen des Judentums in der Umgebung propagiert. Sie bekamen übrigens vom Redner sofort einen kalten Guß. Er sagte nämlich über die Assimilation, daß sie Unmögliches versuche, indem sie ein Hineinwachsen in eine Kultur von außen, von der Peripherie, ohne die Akzeptierung der geistigen Basis dieser Kultur betreibe. Man könne eine Kultur nicht wie ein Kleid anziehen, denn dann laufe man Gefahr, sich gerade abgesunkenes Kulturgut anzueignen, statt des Wesenhaften dieser Kultur. Durch kulturelle Angleichung sei das Judenproblem nicht zu lösen. Dr. von Hildebrand sagte den Ass im ilanten klar, daß sic unkonsequent sind — und wir können hinzufügen: unaufrichtig ... Wir unsererseits wollen uns mit der Zitierung der Argumente Hildebrands gegen die Assimilation durchaus nicht auf den katholischen Gelehrten tiprufen. Unsere Auseinandersetzung mit der Assimilation ist eine innere jüdische Angelegenheit und wir tragen sie auf der Ebene einer jüdischen Angelegenheit aus. Es hat auch kein einziger der anwesenden Zionisten irgend wie auf das reagiert, was Hildebrand gegen die Assimilation sagte. Der Vorgang wurde nur erzählt, weil er so außerordentlich charakteristisch ist für das Verhalten der Assimilation — aber auch für das Reagieren der Umwelt auf die Assimilation und ihre Methoden und für die tausendfältig bewie eene Tatsache, daß diese Umwelt von der unikonsequenten und .unaufrichtigen Assimii lation nichts wissen will. * Aber zurück zu der Argumentation Doktor Hildebrands gegen den Zionismus. Es fällt uns nicht ein, uns vom Fortschritt der Menschheit abzuschließen. Das Abendland ist kein geographischer, er ist ein geistiger Begriff, das hat Hildebrand selbst gesagt Wir tragen das Abendland zurück nach dem Osten. Wir sind nicht der Ansicht, daß unsere Rolle im Aufbau des Abendlandes, das heißt des kulturellen und sittlichen Fortschritts der Menschheit, vor zweitausend Jahren abgeschlossen wurde. Wir meinen, daß wir unter den Völkern auch weiter Überhaupt nur das, was geglaubt wird. Der Glaube und der Glauben, das sind die einzigen Kräfte, die die Welt bewegen. Darum gibt es keine Disputation, dio zum Ziel führen kann. Man könnte der Theorie der Paulus-Theologen übrigens noch eins entgegenhalten: Wenn wir schon ein indirekter Beweis für ihren Glauben sein sollen, warum wollen sie, daß dieser indirekte Beweis aufhöre? Ich möchte in angeborener und anerzogener Achtung vor dem Glauben — nicht vor diesem oder jenem Glauben, sondern vor der göttlichen Kraft, die durch dieses Wort ausgedrückt wird — den Rednern des Pauluswerks sogar noch sagen, daß ich als Jude auch die Beweisführung für das Christentum und namentlich eine Beweisführung auf so indirektem Weg und unter Berufung auf die Brutalitäten des Antisemitismus als peinlich empfinde. * Wir sehen den weiteren angekündigten Vorträgen mit Interesse entgegen. Erfolg werden sie allerdings — im missionarischen Sinn — nicht haben. Dafür bürgt alles, was sich seit zweitausend Jahren ereignet hat, dafür bürgt heute noch besonders der Zionismus. Eben darum wird er vom Pauluswerk so scharf abgelehnt. Und was die Frage anlangt, ob wir durch den Zionismus dem Abendland, das heißt dem geistigen und sittlichen Fortschritt entsagen, ob wir sozusagen Asiaten werden wollen, wäre nicht nur auf das hinzuweisen, was in Palästina von uns bisher an Kulturgütern, an echt abendländischer Arbeit geschaffen worden ist, wir können Professor von Hildebrand und seinen Freunden vom Pauluswerk die Gesetze entgegenhalten, die Theo- Pfingsten in Italien vom 15. bis 24. Mai 1937 Abbazia, kompl., mit Fahrt, Bäder u. Taxe S 120’—, S 135*— Laurana, kompl.S 115-— Portorose, kompl. . . S 120 — Vorzügliche Hotels, Wiener Küche. Sofortige Anmeldungen an. Büro für Gesellschaftsfahrten, IV., Wiedner Hauptstraße 6, A 31-0-32. Verlangen Sie kostenlos das reichhaltige Sommer- Urlaubs-Programm. dor Ilerzl dem Zionismus in seiner Gcburtsstundc gegeben hat, und die beweisen, daß wir im Zionismus neue Menscliheitsvolk-Aufgaben auf uns genommen haben. Theodor Herzl hat gesagt, daß wir nichts erreicht haben, wenn wir für Palästina nur eine neue gesellschaftliche Ordnung schaffen, es müsse eine bessere gesellschaftliche Ordnung sein; der letzte Satz seines Buches „Judenstaat“ aber gibt ein neues, eindringliche« Bekenntnis zur Idee des Menschheitsvolks, in folgender Formulierung: „Und was wir dort (in Palästina) für unser eigenes Gedeihe n versuchen, wirkt m a c h t v o 11 und b eglückend hinaus z u m Wo h 1 e aller Mensche n.“ Wir sind aufgestanden zur Erfüllung neuer Menschheitsaufgaben. Das Arbeitsgebiet der Ortsgruppe unsere Aufgabe zu erfüllen und unsere Rolle zu spielen haben. Wir meinen, daß wir diese Rolle auf eigenem Boden, in der eigenen gesellschaftlichen Organisation am besten erfüllen können. Wir meinen, daß wir nicht zu verschwinden haben. Wir haben die Aufgabe zu leben, so zu leben, wie wir vor mehr als dreitausend Jahren unser Leben angefange.li haben: Für uns und — als Menschheitsvolk — f ü r a 11 e. Für alle können wir nur dann leben, wenn wir zunächst überhaupt, also für uns, leben. Wer nicht lebt, kann auch nicht für andere leben. Wir meinen, daß jede Nation, jede geistige Gemeinschaft ihre wichtige und unentbehrliche Aufgabe im Schöpfungsplan hat; jede Nation und jede g e i s t i g e Gemeinschaft, wir ebenso wie die anderen. Wir fühlen uns nicht als in direkter Beweis für die Richtigkeit des Christentum«. Auf diesem Gebiet können wir der katholisch-theologischen Argumentation überhaupt nicht folgen. Sie wird völlig unverständlich, wenn sie verbunden ist mit einer so totalen Ablehnung des Antisemitismus, wie sie in dem Vortrag Doktor von Hildebrands zum Ausdruck gekommen ist, einer Ablehnung, die zweifellos nicht nur soine cigcno Meinung, sondern die offizielle Auffassung des Pauluswerks zum Ausdruck gebracht hat. Wir loiden und es wird uns das Leid von Menschen zugefügt, die sich damit, was «io uns anbuti, an Gott und Menschheit vergehen. Wio kann man für das Christentum als Beweis in Anspruch nehmen, was gegen Gott vollbracht wird? Ich verstehe nicht, warum noch immer Argumente für einen Glauben gesucht worden. Der Glauben ist erhaben über jedem Argument und über jedem Beweis. Der Glauben ist dlio realste der Realitäten. Auch Gott ist nicht nachweisbar. Er ist, weil die Menschen an ihn glauben. Die heidnischen Götter sind nicht gewesen, weil die Menschen nicht an sie geglaubt, sondern sich nur vor ihnen gefürchtet haben. Es i s 11 Die Zionistische Ortsgruppe in Graz gab anläßlich ihrer kürzlich stattgefundenen Generalversammlung einen Re chenschaftsberioht heraus, der sich mit dem Aufigaibenkreis einer Ortsgruppe auscinandersetzt. Wir bringen unseren Lesern die prinzipiellen Ausführungen die in der Einleitungzum Rechenschaftsbericht enthalten sind, weil wir dieselben für die Ortsgruppen und Bezirkssektioneu für bedeutsam halten. „Arbeit für die Erneuerung des jüdischen Menschen, der jüdischen Gemeinschaft, Ar beit für den Aufbau Erez Israels, das «ind die Ziele jeder zionistischen Tätigkeit. Die Intensität und Qualität dieser Arbeit ist bedingt vom Willen derjenigen, die es auf sich genommen haben, die zionistische Sache zu ihrer eigenen Sache zu machen, sie ist aber auch bedingt von der Einstellung der Umwelt. In einer so kleinen jüdischen Gemeinde wie Graz, die ihrem Leben kaum eine spezielle Note geben kann, ist diese Arbeit mehr denn irgendwo der Gefahr der Verflachung, der Beschränkung auf vercdnstcchniscihen Fragen anisgesetzt. Seit 39 Jahren besteht die Zionistische Ortsgruppe Graz. Was haben die Grazer Zionisten geleistet? Nach jahrelangem Kampfe gelang es, dio Mehrheit in der Gemeinde zu erreichen und die Kultusgemeinde unter zionistischer Führung zu bringen. Dieser Erfolg wäre ein rein äußerlicher geblieben, wenn es nicht gelungen wäre, auch das Leben in der Gemeinde selbst neu zu formen. Nicht in allem und nicht überall ist dieser Versuch geglückt; aber jeder vorurteilslose Beobachter wird zu geben, daß sich der Geist der Grazer Juden unter dem zionistischen Einfluß gewandelt hat. Es gibt keine jüdische Organisation mehr, die nicht irgendwie positiv zur jüdischen Emeuerungabewegung eingestellt wäre. Es gibt in dieser Stadt keine jüdischen Menschen mehr — von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen — denen das Bekenntnis zum jüdischen Volk, das Eintreten für die jüdische Ehre, nicht Selbstverständlichkeit geworden wäre. Wir Zionisten fordern aiber mehr, wir verlangen absolute und bedingungslose Einstellung jedes aufrechten Juden für‘unsere Idee, wir 'fordern übendas Lippenbekenntnis hinaus dio jüdische Tat. Die wichtigste Aufgabe der Ortsgruppe als der lokalen zionistischen Organisation muß es daher sein, jeden einzelnen so an die Gemeinschaft zu binden, daß ihm die Überbrückung des Gegensatzes, der zwischen zionistischem Wollen und Leben in der Gallith besteht, erleichtert wird. Je mehr unsere Mitglieder vom jüdischen Leben, von der jüdischen Geschichte, von Erez Israel wissen, je mehr sie sich mit allen diesen Fragen ‘beschäftigen, um so selbstverständlicher wird ihre Bindung an die Gemeinschaft sein. Diese Gesichtspunkte waren es, von denen sich die Ortsgruppe in ihrer Arbeit auch in der abgelaufenen Berichtsperiode leiten ließ. Nicht äußere Vereinsmeierei, nicht äußerlich prunkvolle, in Wirklichkeit aber hohle Veranstaltungen sind das maßgebende für unsere Tätigkeit, sondern die tägliche Kleinarbeit, das Erfüllen jüdischer Aufgaben durch Zionisten, wo und wanp immer. Wir glauben, in diesem Zusammenhang darauf verweisen zu können, daß die Führung der Agenden der Kiultiisgemeinde' durch unsere Gesinnungsgenossen, allenvoran. Präsidenten Dr. Sonnenwald und Vizepräs. Schwarz, eine in jeder Beziehung vorbildliche war. Mit besonderer Befriedigung haben wir festgestellt, daß auch sonst fast in allen jüdischen Körperschaften und Institutionen Menschen unserer Gesinnung führend tätig sind: Das positive Bekenntnis zum Judentum führt zu positiver Arbeit für das Judentum. Wir haben uns fernegehalten von den leidigen Fragen der Tagespolitik, die unserer Einflußsphäre entzogen sind und haben vielmehr getrachtet, bestehende Gegensätze zu üiberb rücken.“ Wer das Recht des Fremdlings beugt, hat gleichsam das Recht Gottes gebeugt. (Talmud, Ghagiga 5 a) Macht der Mensch vom seinem Gefde einen pflichtgemäßen Gebrauch, so wird cs fiir ihn zeugen; wenn nicht, so wird es gegen ihn zeugen und ihn anklagen. (Talmud, Kohelet rabba zu 1,. 13) Wenn du ein Gewerbe siehst, das tief darniederliegt, so befasse dich damit und hebe es. (Talmud Midrasch Jehudcin mischpatim) Tu Deine Pflicht! Erwirb und verbreite den Schekel! Melde Dich zur Mitarbeit bei der nächsten Bezirkssektion! 4 : /