Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 641 (5.5.1937)
- Date
- 1937-05-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Oll STIMM! Mord an der Jugend Der Müllergehilfe Fleck, der den Mord an der armen Ingrid Wiengreen organisiert hat, ist. Nationalsozialist. Er war SS-Mann und hat an zahlreichen Bombenanschlägen in Steiermark teilgenommen. Angesichte der entsetzlichen Roheit, mit der die Tat in der Neunkirchner Allee durchgeführt wurde, hätte mau auf diese Vergangenheit des Rädelführens schließen können, doch hat er selbst, dafür gesorgt, daß seine politische Ausbildung und Verwendung nichtunbekannt. bleibt. Er hat sich seiner Taten gerühmt und scheint nach seinen Erzählungen ein hervorragend tüchtiger Betätiger des neuen Geistes gewesen zu sein, der die Schäden der Welt heilen will. Mit Bomben und Terror. Fleck ist. zu dieser Praxis herangezogen worden, als diese Bewegung eich auch Österreichs bemächtigen wollte und eine Aktion einleitete, deren Höhepunkte durch die Bombe gegen den Juwelier Futterweit in Wien, durch den Überfall auf die Ravag und durch die Ermordung des Bundeskanzlers Dollfuß markiert wurden. Diese Hakenkreuzmethodik, die sich außerdem noch durch ein Dutzend Fememorde sinngemäß ergänzte, wird heute in den vielen öffentlichen Erörterungen gerne vergessen. Man hat so den Eindruck, daß es viele Stellen gibt, die eg als lästig empfinden, daran zu erinnern, wag im Hochsommer 1934 in Österreich geschehen ist. Aber die Erziehung zur Gewaltanwendung, zur heroischen Weltanschauung, die der Nationalsozialismus programmatisch bekennt, ist nicht ohne tiefere Spuren geblieben. Ein Beweis dafür ist der Müllergehilfe Fleck in Neunkirchen, ein anderer der große Sieg der deutschen Flugzeuge über die Zivilbevölkerung der offenen Baskenstadt Guernica. Die Leute dort waren unbewaffnet und feierten ein Volksfest. Sie zählten vor dem Fliegerangriff 6000, nachher 1000 Personen. Graut nicht denen, die sich in verantwortlicher Stellung mit dem Problem der Jugenderziehung. der ethischen Durchbildunoder nächsten Generation zu befassen haben, vor diesem System und seiner Barbarei, die nicht nur unsere Tage vergiftet, sondern weit in die Zukunft hineingreift? Das Hakenkreuz bedeutet eine seelische Entartung, die sich, wie Systeme überhaupt, nicht durch Kordons und durch Strafsanktionen eindämmen läßt. Was von der polnischen studierenden Jugend gegen jüdische Hörer verübt wird, was sich in Rumänien abspielt, wo die Ermordung des im Krankenbett liegenden Stelesc-o jetzt das Kriegsgericht beschäftigt hat, dag führt auf das deutsche Vorbild zurück. Und der Müllergehilfe Fleck ist genau so ein Opfer der neudeutschen Ansteckung wie die jungen Leute des Mosley, die kürzlich bei einem Aufmarsch im Londoner Eastend brennende Fackeln gegen offene Fenster schleuderten. Man rede nicht immer von dor irregeführten Jugend, sondern kümmere sich mehr um die Irreführer, denen e>s nicht genügt, daß sie die Ehre des deutschen Volkes schänden, das Deutsche Reich um Kredit und politisches Vertrauen gebracht haben, sondern die die ganze abendländische Kultur verseuchen und degradieren. Man hat sie gewähren lassen aus Angst vor ihrem Waffenklirren, vor ihrem protzigen Getue, vor ihren Drohungen und Erpressungen — und wie weit ißt man damit gekommen? Daß heute alle Völker ihr sauer erworbenes und erarbeitetes Geld in die Waffen stecken müssen, daß die Psychose der Rüstungen, der Giftgasbomben und der Gasmasken alle Anstrengungen, wieder zu einer normalen Wirtschaft zu gelangen, lähmen. Und am Anfang dieses Zustandes steht das feige Verhalten der Kulturwelt in der Frage der deutschen Juden. Daß im Dritten Reich ein Teil der Bevölkerung nur wegen seiner Abkunft und seines religiösen Bekenntnisses unter ein Sonderrecht gestellt werden konnte, das man mit Recht nicht mehr in entfernte Verbindung bringen kann, daß die deutsche Jugend geschult wurde, die Juden zu mißhandeln, zu foltern, zu demütigen, daß es geduldet wurde, zu zeigen, wie eine kompakte Majorität mit und ohne Hilfe des Gesetzes, mit dem organisierten Staatsapparat, mit List und Trug eine Minderheit zertrampelt, — daß dies alles als innere Angelegenheit respektiert würfle, dns bat seine Wirkungen geäußert. Das Verhältnis des F'^gers zum Staat beruht auf einem ungeschriebenen, aber JOSEF LEITMANN VORM. PAUL PLANER A. G., WIEN, II., PRATERSTR. 17 TELEPHON R 47-6-10 Elektromaterial / Radio-Apparate / Beleuchtungskörper / Dauerbrandöfen / Gas-Apparate Sprechmaschinen / Elektro-Kosmetik / Elektro-Apparate / Glühbirnen in allen Stärken stets lagernd Befugte Radio-Reparaturwerkstätte ★ Günstige Tauschgelegenheiten m Bequemes Teilzahlungssystem selbstverständlichen Vertrag. Dieser Vertrag ist vom Dritten Reich zerbrochen worden. Und dann kam die Reihe aller anderen Vertragsaufhebungen. Aber das Tolerieren der Judengesetzgebung hat dann die Folge gehabt, daß dasselbe Vorgehen auch auf die katholische Kirche angewendet werden konnte, die nun ebenfalls rechtlos und wehrlos gemacht, ebenfalls diskriminiert und herabgesetzt wird. Die katholischen Kreise Österreichs, die die Parole „Der Jud’“ geschaffen und verbreitet haben, lesen die Anklage, daß die katholischen Geistlichen a prioni Devisenschieber und Sexualverbrecher sind. Die Jugend der ganzen Welt ist in einer kaum übersehbaren moralischen Gefahr, für sie ist hento Mord, Totschlag, Überfall auf Schwache, die Ausübung des „Rechtes, da« der Nation nützt“. Von dem Angriff auf die Juden ists ausgegangen, und heute sind alle Völker in einen Notstand geraten, der es nicht zulassen kann, daß ft ich die Regierungen weiter als Nichteinmi.se,hungsaußschuß konstituiert haben. M Ä LZ - Ü.AF E IG EN KAFFEE!!! Wirtschaftsboykott in Ungarn Budapest, 1. Mai. (Prlv.) Nach einer Meldung aus Szegedin wurde in einer Stuidentenversamimlung beschlossen, eine Aktion einzuledten, die clamaiuf himausgeht, daß Geschäfte, Unternehmungen und Kleingeweirbebetniebe von „Christen von Geburt“ zair Orientierung der christlichem Kunden miiit einem weißem Kreuz versehen werden. Äußerungen des Rektors Erdelyi Der Rektor der Szegedin er Universität Dr. LaicIMatiß Erdelyi äaißerte sich gegenüber einem Vertreter des „Az Est“ folgendermaßen: „Es handelt sich gewiß um eine Aufwallung, die nicht allzu gefährlich aalst allen wird. Diesen Weg haben schon manche Redner und Beschlüsse betretem. Auch wenn der Plam Wirklichkeit wird, bedeutet er für die übrigem Kaufleute und Gewerbetreibenden keine Gefahr, denn die Notwendigkeit wird das Publikum bewegem, wenn es konkurrenzfähige Ware haben will, auch die Geschäfte der Kaufleute jüdischer Konfession aufz u s u c h e n. Es wiird viele geben, die, wenn sie bessere und entsprechendere Waren wollen, in Geschäften von Kauf 1 entern jüdischer Konfession kaufen werden. Es ist meiner Ansicht, nach ein direktes Interesse der Kaufleute, daß auf diese Weise der Neid und die Unzufriedenheit, die sich gegenüber den jüdischen Kaufleuten im Zusammenhang mit ihren Geschäftserfolgan bekunden, als Folge einer solchen Aktion aufhören. Diejenigen, die gegen das Judentum agitieren, fuhr der Rektor fort, sollen nicht vergessen, wie viel das Ungartu m. narneatlich im Wirtschaftsleben den jüdischem Bankiers verdau kt, die in der glücklichen Epoche nach dem Ausgleich Wekerle sofort zu Hilfe eilten. Ich halte es für eine Unmöglichkeit, daß man ihnen aaif einmal gewaltsam die Führung auf allen Gebieten entreißt. Gewaltsame Maßnahmen können meiner Meinung nach ohnedies nicht durchgeführt werden. Wie der Ministerpräsident in seiner Szegedin er Rede sagte, bedeuten nur die ga 1 izisch e n Juden ekle Gefahr, aber das E,infttrömen derselben hat sich in der letzten Zeit stark gemildert, so daß auch dies keine ernste Gefahr mehr ist. Unter den Juden finden sich viele Werte. Ich wünsche, daß die große Versöhnung stattfinde und ihr das Zusammenwirken folge, denn das wäre für uns alle Avünschemswert.“ Zu dieser Äußerung des Rektors wäre zu bemerken, daß nebst den jüdischen Bankiers die jüdischen Kaaifleute, Gelehrten, Arbeiter die Blüte der ungarischem Wirtschaft herbeigeführt haben, wie sie vor dem Krieg bestanden hat. Der Aufbau nach dem Kriege wurde durch den antisemitischen Kurs der Ebredö verhindert, die die wertvolle Mitarbeit der Juden durch ihnen blutigen Terror ausschalten wollten. Gömbös, der ursprünglich für diese Methoden war, bat seine Fehler eingesehen, und dies hat Ungarn mehr geholfen, als es die Raßsenschützler zugeben. Wenn sie jetzt wieder mit finanzieller Unterstützung aus Deutschland und mit Hilfe von Massenbr osclmren, die in Hamburg und Erfurt .gedruckt werden, die Politik von Hejjas wieder aufnelnnen, so bedeutet das die Gefahr des Zusammenbruches der ungarischen Wirtschaft. Und was die GaÜziainer aniangt, die Am geschäftlichen Leben Ungarns niemals eine Rolle gespielt halben, so möge der Rektor in die Gegend des Uszoker Passes nach Dukla, Lawoczno, Keresmezö gehen und die Massengräber der Galizlanar besichtigen, die dort für Ungarn gefallen sind. ACHTUNG! ENDLICH! ACHTUNG! Inmitten der allgemeinen Preissteigerung ist die in Betrieb gesetzte Wurst- und Selchwarenfabrik doch in der Lage, der jüdischen Bevölkerung alle Sorten la streng orth. Seldiwaren zu bedeutend reduzierten Preisen zu liefern! En gros I En detail! Einmaliger Versuch genügt! Unter Aufsicht des Ehrw. Rabbinates der „Adas-Jisroel” (Schiffschul) Fleischhauerei II., Im Werd 1 Verkaufslokale: Gabriel Fischer, II., Große Sperlgasse 1, II., Große SchiFfgasse 20 1. Mai in Warschau Schüsse und Bomben gegen Juden Warschau, 3. Mai. (JTA.) Der 1. Mai ißt in Warschau und in ganz Polen verhältnismäßig ruhig verlaufen. Einzig im jüdischen Sektor kam es infolge antisemitischer Angriffe zu bhitigen Zwischenfällen, wobei ein jüdische« Kind g etö t e t und .sechs Juden .schwer verletzt wurden. Als der Zug des „Bund“ an der Ecke Mila-Novolipje vorbei marschiert war, gaben plötzlich einige u n i f o r in i o r t c p o 1 n isclie jugendliche N a t i o n a 1 i- (■: t e m Schüsse in dor Richtung der Manifestierenden ab und verschwanden. Gleich danach wurde in den Zug der Demonstranten eine Bombe geworfen. Durch die Schüsse wurde der fünfjährige Abraham Schenker, den seine Mutter auf dem Arme trug, ge t ö t e t. Schwere Sobußverlotaungen erlitten der 51jährige Abraham Englischer, die sechsjährige Eva Wagmann, der 48jälirige Hirsch Drarnaleiwwki, der achtjährige Gerschon Perlmutter, der 17jährige Loisor Nissenbaum und Feige Jurom. Letztero wurde sterbend ins Spital eingoliofort. Die Bombe richtete keinerlei Schaden an. In später Abendstunde wurden in das Gebäude, in dem sieh Redaktion und Druckerei der jüdischen Tageszeitung „Nasz Przegland“ befinden, drei Bomben geschleudert, PENSION ECKSTEIN -Sinn) neu renovier! welche explodierten und da« Stiegcuhaniß vollkommen demolierimi. Auch wurden alle Feinster eingedrückt Die Polizei nahm einen der Attentäter fest, den zwei andoren gelang c.s zu flüchten. Der Verhaftete, bei dem ein geladener Revolver gefunden wurde, ist ein Mitglied der ainDcinitiftcheii „Nanr- Partci und Medlzinhörer kn ersten Semester. Nr. 641. — Wien, Mittwoch, 5. Mai 1937. Für den wahren Frieden Das Aktionskomitee hat eine Resolution betreffend die Einführung eines Wirtschaftsrates in Palästina beschlossen. Diese Resolution wurde nicht zum erstenmal gefaßt. Auch der letzte Kongreß hat das schon getan. Der letzte Kongreß hat auch zum soundsovielten Male die Einrichtung eines Konwollamtes beschlossen und es kam ein Gentlemanagreement über die Regelung der Arbeitsbeziehungen zustande. Zwei Jahre lang wurde die Sache verschleppt. Jetzt hat das Aktionskomitee endlich gegen die Stimmen der Misrachisten, der Judenstaatler und der Allgemeinen Zionisten des Weltverbandes die versuchsweise Einführung von Arbeitsämtern beschlossen. Das ist eine arge Augenauswischerei, da die Histadruth überall mindestens 80 Prozent der Sitze erhalten wird und Schutzbestimmungen für die Minderheiten abgelehnt wurden. Herr Jizchak Grünbaum und seine Freunde von der Weltverelnigung haben diesen famosen Beschluß mit ihren Stimmen ermöglicht und damit für die Verewigung des Unrechtes an den Arbeitern, die nicht der Histadruth angehören, gesorgt. Herr Glickson, ein führendes Mitglied der Gruppe A der Allgemeinen Zionisten, hat kürzlich in Rechoboth ein Klagelied darüber angestimmt, wie arg es mit den Arbeitsbeziehungen bestellt ist. Er hat umsonst geweint, seine Freunde sind wieder in die Laube gegangen. Man muß wirklich fragen: Wie lange noch werden sich die Allgemeinen Zionisten zum besten halten lassen? Wollen sie weiter beim Kongreß wie Hampelmänner die Hände heben, wenn es die Einpeitscher der Histadruth verlangen und wollen sie dann nachher wieder resigniert feststellen, daß man sie düpiert hat? Jedermann muß endlich einsehen, wie begründet die Beschwerden des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten sind. Die Klagen unserer allgemein-zionistischen Chaluzim beweisen es täglich. Wie lange noch werden Allgemeine Zionisten eine Politik betreiben, die sich gegen ihre eigenen Interessen und die ihrer Kinder richtet? Die Kongreßwahl wird dafür ein Prüfstein sein. Wer nicht will, daß die schrankenlose Macht einer Partei in Erez Israel verewigt wird, wer da will, daß gleiches Recht für alle Zionisten, für Chaluzim und Mittelständler herrscht, der erwerbe und verbreite den Schekel und stelle sich in den Dienst der Wahlarbeit. Die Zeit drängt. Wer für den wahren Frieden in Erez Israel eintreten will, gehört zu uns. Der Schekel ist jetzt unsere Waffe. ScUekd! Die Muttertagsfeier der WIZO Wie alljährlich veranstaltet die WIZO auch heuer eine Muttortagsfeier zugunsten des Palästinafonds. Es spricht Dr. Scheuer-Goldes, Mitglieder der Galuth-Exekutivo der WIZO über das Thema: „Unsere Kinder wandern.“ Weiteres Programm: Streichquartelt von Julius C h a j o s unter Leitung Dir. Spielniann; Rezitation: Frau Olga Fuchs, Gedichte von Else Lasker-Schiiler aus Ernst Lissauers Drama „Das Weib dos Jophta“ und aus „Das Hoho Lied“; Gesang: Frau Eialko W ink- I e r. Jüdische Lieder. Die Feier findet am 8. Mai, '/.9 Uhr abends Im Offenbachsaal (Treitlstraße 3) statt. Ein deutscherMai- Aufruf Dor Reichsflthrer der Deutschen Arbeitsfront Loy hat zum 1. Mai einen Aufruf an die deutsche Arbeiterschaft gerichtet. Darin wirft er den katholischen Kirchen« tollen vor, daß sio diio Wegbereiter des Bolschewismus sind. Dann wird gegen die Juden gehetzt, und zwar wird dort das Folgende behauptet: „Der Jude ist dazu aus er wählt, dio Völker zu vernichten. Die Spanienkämpfe, d io U n t o r j ü c h u u g R u ßlande sin d oi n W o r k d e r J u d e n. In Rußland wird ein Volk von 1.70 Millionen Arbeiter von j ii d i s cih o n V a m p yr e n auf teuflische Art a u s g e s o g on.<k Als Beweis dieser Behauptung worden Zitate aus der „S c h w o 1 z e r Met a 11a r b e i t e r - Z o i I u n g“ amgoführt. Das wagen die Rasseigenoftson der Flieger von Guernica au hehaiiipton.