Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 631 (26.3.1937)
- Date
- 1937-03-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Freitag, 28 März 1987. — Nr. 631. Oll STIMMI Saite 3 TREFF s. Ssder-Abenden am 26t und 2 7# März unter Leitung de« bekennten Oberkantore B, Zlmmarapltx Im izo-Restaurant W. SPRITZER (I., Hammer-PurgitalNGai»« (1 Minute vom Dlsnebed) Zur Verebrefohung gelangen eretklatelge Oater-Sperlall« täten. Auaschank von original PalBatlna-Welnen xu *eHtgemäBen Preisen.Tischbeetellungen erbeten unter A 45-5-42 „die vite T-cayeuf* Aus dem Jiddischen Von Sdtolem Alejchem Vater, ich frage dich jetzt vier Kaschjos (Fragen). Die erste Frage: Ma nischtäno halailo hase mikol haleüos — •wodurch zeichnet sich dieser Abend vor allen anderen Abenden aus? An allen Abenden des Jahres essen wir nach Belieben, sei es koscheren Braten oder trefe Wurst, sei es Fisohe mit Kren oder Krebse; in dieser Nacht jedoch ißt alles Peeach und Mazzoth. Mama warnte uns, daß wir ja nicht Chomez ins Haus brächten. Chomez mögen wir in Gottes Namen in Irgend einer Delikatessenhandlung essen, nur nicht zu Hause. Hier sei bereits alles für Pessach hergerichtet Alles ist rein gescheuert es glänzt und funkelt in jedem Winkel; die Kochgeschirre sind neu eingekauft die Möbel gesäubert die Türen gewaschen, die Fenster geputzt. Von der Küche her dringt ein Duft von reichgepfefferten Fischen, von Gansfett und all den sonderbaren Speisen, die am Pesach üblich sind, und uns wurden plötzlich die Mützen aufgesetzt wir umringen den Tisch und haben vor uns die Gebetbücher, in die wir verständnislos hineinblicken; wir sitzen da wie ein Puppenheer und schauen auf die Bücher wie der Hahn in Bne odom*)?... Was ist das für eine Komödie? Wie nennt man denn dieses Spiel?-—* Dies, Vater, war die erste Frage. Die zweite Frage: Weshalb schickte Mama die Gouvernante für volle acht Tage aus dem Hause? Warum schämen wir uns dessen, daß wir einst be- CAFE BUCHSBAUM II., Kleine Pfarrgasse 21, Telephon A 43*5-19 Erstklassiger Kaffee — Allerbeste Getränke PlDB ‘Ttf *Tv£Ü Modernst renoviertes Lokal — Angenehmer Aufenthalt — In- und ausländische Zeitungen — Aufmerksamste Bedienung — Normale Preise freit wurden aus der Knechtschaft daß wir aus Sklaven, aus Zigeunern ein freies Volk geworden? Sohämen wir uns der Lehre Mosas, in der geschrieben steht: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst...“ „Wenn dein Feind hungrig ist, laß ihn satt essen an deinem Brote und wenn er durstig ist, reiche ihm deinen Trunk?“ Oder schämen wir uns unseres einstigen Tempels, der, wie verlautet, ein Tempel war für alle Völker? . . . Oder haben wir uns etwa unserer Könige zu schämen, unserer Könige, die nicht bloß große Kriege führten, sondern auch geistreiche Bücher geschrieben und herrliche Lieder gesungen haben sollen? . . . Sollen wir uns unserer Propheten sohämen, die im Volke Wahrheit, Sitten und Gerechtigkeit verbreitet den Armen vor Bedrückung geschützt habein, die Witwen vor Gewalt und die Waisen vor Unreoht?... Der Propheten, die sich nicht gescheut haben, den Größten und Mächtigsten die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, selbst wenn es ein König war? . . . Oder sollten wir uns dessen schämen, daß unsere Vorfahren, wie erzählt wird, sich in Stücke schneiden, martern und foltern, erträuken und verbrennen ließen, zusehen und schweigen mußten, wenn man ihre Kinder ab? schlachtete, freiwillig ins Feuer sprangen mit dem Siegesrufe: „Höre Israeli“ — Sollten wir uns dessen zu schämen haben? — — — Das ist die zweite Frage. Nun, Vater, die dritte Frage. Warum hast du uns. iu allen möglichen Sprachen unterrichten lassen, in alten und neuen — mit Ausnahme einer, der eigeuan, hebräischen Sprache — der Sprache, in welcher die Thora geschrieben, in der die Propheten geredet, der Sprache, die eine große, schöne und reiche Literatur haben soll? *) „Schauen wie ein Hahn in Bne! odöin“ (Anspielung' auf den Hahn beim Kapores- Bchlagen) bedeutet das verständnislose Dreinsehen. Warum kennen wir §o gut die Geschichte aller Völker, der alten und der neuen — mit Ausnahme der eines einzigen Volkes, unseres eigenen jüdischen Volkes? Warum sind wir so heimisch in der Geographie aller Länder — mit Aufnahme eines Landes, des Landes Israel? Warum wissen wir so gonau jede Einzelheit und noch so geringfügige Kleinigkeit aus dem Leben des Astiages und Arpad, des Kambyses, Darius und Iwan Kalita und haben keine Ahnung von der Tätigkeit eines Esra, eines Juda Makkabi? Weshalb wiseen wir so genau, wer Puschkin war und Lermontow, Gogol, Gorki und Tolstoi, und haben keine Ahnung von Jehuda Halevy, Löwensohn, Lewanda, Gordon und Abramowitz? Warum weiß auoh das kleinste von uns Kindern, was für Feiertag „Weihnachten“ ist und von unserem „Chanukkah“ hat keines auch nur die geringste Idee?- Dies war also die dritte Frage. Und endlich die vierte: Weshalb ist Iwan Iwanowicz dir so lieb und Eeb Jankel bei uns im Hause von allen so gering geachtet? Weshalb läutet Iwan Iwanowicz laut an bei der vorderen Tür, während Reb Jankel verschämt und leise durch die Hintertür hereinzukommen pflegt? Weshalb entsteht bei einem Besuche Iwan Iwanowicz’ eine solche lebhafte Bewegung bei uns, ein Hin- und Herrücken der Sessel? Warum eilt ihm alles zum Empfang entgegen; und warum weiß man kaum, wo ihm Platz anzubieten, während Reb Jankel verschämt beim Eingang stehen bleibt, sichtlich besorgt, nicht als überflüssiger, ungebetener Gast zu erscheinen. Weshalb amüsiert es uns so sehr, wenn Iwan Iwanowicz einen Juden, darstellt, der sich vor einem Gewehr fürchtet und ängstlich ruft: „Oi weh, me schießtl“ Weshalb lachen wir uns krank bei seinen „geistreichen“ Witzen, während Reb Jankel fürchtet, den Mund zu öffnen und zuerst die Gesichter prüft* ob man ihn auch gerne anhört? Weshalb darf es Iwan Iwanowicz wagen, direkt auf meine Schwester Mathilde zuzugehen, ihr die Wangen zu streicheln und ihr nach Belieben die Cour zu schneiden, und als Reb Jankel es sich einmal1 einfallen -ließ; Mathilde zu loben und ein feines Mädchen zu nennen? Und wenn der russische Lehrer zur Stunde kommt, weshalb begegnen wir ihm mit dem größten Respekt und gehorchen ihm auf den Wink, während wir, wenn der jüdische „Rebbe“ einmal in der Woche zur hebräischen Stunde kommt, eine wahre „Hetz“ treiben, seinen Hut hinter einem Bett verstecken oder seine Galoschen auf den Dachboden tragen?... Weshalb abonnieren wir alljährlich antisemitische Zeitungen um eiben Monat früher, als das Abonnement zu Ende ist, damit wir es ja nicht, behüte Gott, verspäten, und warum warst du so empört, als dich jemand vor kurzem fragte, weshalb du nicht eiine jüdische Zeitung bestellst?... ■ Weshalb hört man bei uns so oft und so viel von anderen Literaturen, Werken und Schriftstellern sprechen, bei deren Ehrung du so gern und bereitwilligst mitwirkst., und als jüngst ein jüdischer Schriftsteller dich aufsuchte, weshalb empfingst du ihn bei der Tür mit den Worten: „Ein Almosen kann ich Ihnen geben, aber Ihr Werk brauche ich nicht?“... Warum sind so oft in den Zeitungen deine Spenden für nichtjüdische Zweoke zu lesen und warum hast du noch niemals etwas für jüdische Zwecke gespendet...? Weshalb macht Mama so eifrig alle Bälle und Wohltätigkeitsakadomien mit, und «wenn es sich um eine Veranstaltung zugunsten der Talmüd-Thora-Schule handelt, warum klagt sie da über die Unerträglichkeit des jüdischen Schnorrertums?... Weshalb hast du mich denn just „Alkibiades“ benannt und nicht „Akiba“, wie mein Großvater eigentlich hieß, dessen Namen ich tragen soll? Inwiefern ist Alkibiades ruhmreicher für uns als unser großer Gelehrter Rabbi Akiba?... Weshalb tanzt denn meine Schwester Klara so gern an allen Silvesterabenden, trotzdem ich selber gehört habe, wie man sie „Jüdin“ nennt?... Weshalb mengen sieh denn Motel, der Schneider, und Berl, der Tischler, und Chaim, der Schuster, überall hinein, wohin sie nicht gehören und kämpfen für die Reohte anderer, während die anderen sich dies schön verbitten und allezeit bereit sind, sie mit Stockhieben auf den rechten Weg zu weisen?... Weshalb? Warum? Wofür?... Das sind meine vier Fragen. Willst du sie mir beantworten? Wenn nicht, so werde ich mir selbst eine Antwort suohen... miB&r**: '■ illläiJBPCB Jung-Wizo »Mirjam« Bericht und Aufruf. Im Verband des Bundes zionistischer Mädchen „Jung-WIZO“, der aus dem Zusammenschluß einzelner Mädchen-Gemeinschaften verschiedener Länder hervorging, bildet die Jung-WIZO „Mirjam“ Wien eine Mädchen-Organisation, die seit nahezu zwölf Jahren im Dienste der Idee des Zionismusum die weibliche jüdische Jugend Wiens kämpft. Es gelang der Vereinigung in dieser Zeit, zahllose -Mädchen aus assimilierten Kreisen dean Zionismus zuzuführen und sie im Sinn und Geist des Judentums zu bewußten Jüdinnen zu erziehen. Gleich den anderen zionistischen . Jugendsünden arbeitet die Jung- WIZO „Mirjam“ für den Jüdischen National fonds. Ebenso wird auch Fürsorgetätigkeit, Blindendienst, Chaluz - Ausrüstung und anderes mehr durchgeführt. Charakteristisch aber für diese Organisation ist der Umstand, diaß es sioh hier um eine ausschließliche Mädchen Organisation handelt. Von dem. Standpunkt ausgehend, daß eine gemischte Erziehung nicht Immer die Gewähr für volle Entfaltung der weiblichen Eigenart gibt, wird hier unter strengster Wahrung jeder einzelnen Individualität Erziehungsarbeit geleistet, die sich nicht nur auf das g e i s t i g e, sondern auch auf das psychische und gesellschaftliche Moment erstreckt. Die kulturelle und gemeinsehaftsbildende Arbeit wickelt sich in Gruppen ab, die nach Alters- und Berufsgesichtspunkten sowie nach dem Bildungsniveau gegliedert sind. Es steht jedoch jedem Mädchen frei, sich ihre Gruppe selbst zu wählen. Hebräisch-, Englisch- und Französisch-Kurse, Lichtbildervorträge sind den Mädchen aller Gruppen frei zugänglich.. Festveranstaltungen, Fünf-Uhr- Tees,’ Wanderungen, Treffahrten werden ebenfalls gemeinsam unternommen. In den einzelnen Gruppen finden neben den Geschichfcs- und zionistischen Seminaren Vorträge außenstehender Persönlichkeiten, Eigenreferate allgemeinen und künstlerischen Inhalts statt, die aber , immer..in, Beziehung /. >zu der spezifisch, w^itcheh’ Note gebracht werden und. so eine BAD lAJHAtOVICil C. s. tf. Hervorragende Heilquellen. Natürliche Vohlensäurebädar. Moobäder. Bewährte Wasserheilanstalt Modems! susgastaitetas Inha'atorium. Saison: April—Oktober Auskünfte: Kostenlos MUDr. Frankl, Wien, I., Schellinggasse 5, täglich 6—6 und Cedok, Reisebüro, Wien, I., Kärntnerstraße 32 Atmosphäre schaffen, die die Strenge des Konkurrenzkampfes im Studium, Berufs- und Privatleben der einzelnen, mildern hilft und innerhalb der Vereinigung ganz ausschaltet. Nicht verschwiegen sed, daß die Gründerin der „Mirjam“, Frau Marie P o 11 a k, eine Frau ist, die seit Jahrzehnten in Wort lind Schrift für die jüdische Frau und insbesondere für das jüdische Mädchen eintritt. Ihr zu Ehren und zum Nutzen aller Bundesschweis-tern baut die „Mirjam“ in Kiria.t Bialdk bei Haifa ein Mädchenheim, das ein Obdach für die Chaluzoth werden und ihnen die Möglichkeit zu praktischer Betätigung in Haus- und Gartenwirtschaft bieten soliL Dean auch in Erez Israel lebt heute schon eine große Anzahl von Mädchen, die in der „Mirjam“ von Grund auf beruflich umgeschult wurden, hebräisch sprechen und jüdisch denken lernten. Die Jung-WIZO „Mirjam“ ist eine überparteiliche Vereinigung und repräsentiert in ihrer Geschlossenheit den Nachwuchs der WIZO. Ihr unermüdliches Bestreben ist darauf gerichtet, Mädchen, die ihr noch fernstehen, zu erfassen. Es ist dies nicht nur eine Frage der Zeit und des Opferwillens ihrer Führerinnen, sondern auoh der Einsicht von Eltern jüdischer Töchter. Und sie selbst, die Töchter, mögen in unseren Reihen mitarbeiten an dem Aufbau Palästinas und an ihrer eigenen Erneuerung. Ines Brawer. JÜDISCHER KALENDER 26. März bis 1. April 1937. 14. bis 20. Nissan 5697 Freitag t26.i Sabbath-Elngang 6^ Erew Passah lamsta t (27.) Sabbath-Ausgang 72ü 1. Tag Pessadi Sonntag (28.) ....... 2. „ „ Montag (29.).3. „ „ Dienstag (30.);.4. „ „ Mlttwodi (31.).5. „ „ Donnerstag (1.).6. „ „ BÜCHER zu JEDEM FEST Jüdische Geschenkwerlce in reidister Auswahl zu kulantesten Bedingungen durch Dr. MEIR PRÄGER Inhaber der BUeHHANDLUN^JRjLDWIT WIEN, l.( WOLLZEILE <5 Telephon R 25-4-53 Heue Liede* (vustevz Iscaei Joel Walbe — den Namen kennt man bei uns noch nicht, aber man wird ihn sehr schnell kennenlernen. Sein Träger ist. der Komponist wundervoller Erez' Israel-Lieder, die man letzten Samstag auf einer Veranstaltung der WIZO-Hachscharah im WIZO-Heim am Schottenring hören konnte. Walbe war viele Jahre lang Ohaluz in Erez Israel. Vor siebzehn' Jahren ging er ins- Land. Auf schwersten Poeten nahm er teil am Aufbau des jüdischen Landes; Chaluz ■ in -jeder. Faser seiner Seele ist" auch der Komponist' Joel Walbe geblieben. Das Land, die Landschaft, der Himmel Erez Israels, die Arbeit in Erez Israel, das sind seine-Thetoem - - *; Die.. Texte nimmt, Walbe. aus de#-^Werken der hebräischen . Dichter: eine •.unerschöpfliche Quelle auch für den produktivsten Komponisten. . ... ■ . . .; Die Lieder Walbes. wurden von Fräü Bilde Bulitzk aja und Oberkantor Gerfeoh’:Maiv gulies meisterhaft, mit vollkommener,Einfühlung in die Themen vorgetragen. Die Klavierbegleitung besorgte Gideon May, deutsche Übersetzungen der hebräischen Texte trug Frau Berger vor. Jüdisches Publikum füllte den Saal bis auf das letzte Plätzchen.-! Es war ein stürmischer Erfolg. Matt war erstaunt und erfreut, wie intensiv sich Wiener Juden in die Atmosphäre Erez Israels einzuleben vermögen und welche Begeisterung ein solcher künstlerischer Tozereth Haarez-Abend auszulösen imstande ist. ür Knaben . . 1 Modefasson . Leichter Haarfilz S 7*50 u. 1**- S 8-80,9-80 u.12 SW-, 19*- u.23" Spezialist für schwarze Velourshttte Import von Borsalino-H üten, AnticaCasa II., Taborsfraße Nr. 39 XIV., Söchshauserstralie Nr. 30 XVII., Kalvarienberugasse Nr. 34 Dee Talmud im Teuee dee jaUtUitivdede Der Pole Taddäus Zaderecki. hat unter diesem Titel ein Buch verfaßt, das die wechselvollen Schicksale des Talmuds in anschaulicher Weise schildert, die Disputationen und Talmud-Verbrennungen darstellt und in fundierten, auf zahllose Zitate gestützten Ausführungen gegen die Fälschungen und Verdrehungen der Judengegner Stellung nimmt. Zaderecki verliert sich aber nicht in unfruchtbarer Apologetik, sondern gibt ein vorbildlich realistisches, objektives Bild der Dinge. Es ist ein anregendes Buch, das sich fast wie ein Roman liest, gleichzeitig aber auoh dem Laien wesentliche Kenntnisse des Talmuds, dieses viehimstrittenen und wenig gelesenen Werkes vermittelt. Die Lektüre des Buches, das in der deutschen Übersetzung von Frau Dr. pbil. et med. Minna Safler erscheint, ist unerläßlich für jeden, der sich über die Grundfragen des wieder so aktuell gewordenen Judenproblems informieren will#