Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 631 (26.3.1937)
- Date
- 1937-03-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Wien, Freitag, 96. Märe 1987. — Nr. 681. Ml ITIMMI Seit# m für die Maranen Spaniens und Portugals verbunden. Bei der Beobachtung des mindesten jüdischen Brauches drohte ihnen der Tod auf dem Scheiterhaufen. Trotzdem haben bekanntlich die Maranen mit großer Zähigkeit an den jüdischen Bräuchen festgehalten. Ganz besonders stand bei ihnen das Pessachfest hoch im Ansehen. Denn dieses Fest, das einst ihren Vorfahren die Befreiung aus der Sklaverei gebracht hat, hat auch ihnen Mut und Hoffnung auf ihre Befreiung eingeflößt. Daher waren die Maranen bestrebt, trotz der schweren Gefahren das Pessachfest zu feiern. Freilich mußten sie verschiedene Mittel anwenden, um keinen Verdacht zu erregen. So pflegte ein Marane das ganze Jahr Mazzoth zu essen, angeblich aus diätetischen Gründen, in Wirklichkeit, um am Pessach ungehindert Mazzoth essen zu können. Viele pflegten am Pessach bloß Reis zu genießen, und als dies auf Zufällen begann, wandten sich die Maranen in großer Verzweiflung an einen Rabbiner in Afrika mit der Bitte, ihnen einen Ausweg zu zeigen, um einerseits nicht aufzufallen, anderseits aber die Gebote nicht zu übertreten. In unterirdischen Gewölben mußten sie den Seder abhalten. Von einem solchen Fall weiß uns ein Gelehrter, der Sohn eines spanischen Exilanten, zu erzählen. Ein Marane erhielt von seinem sterbenden Vater den Auftrag, zum Judentum zurückzükehren. Er versuchte nun den Auftrag seines Vaters aiiszufübreo. Er verließ daher seinen Wohnort und kam auf der Wanderung am 14. Nissan in Toledo an. Er blieb auf dem Marktplatz stehen und bemerkte, daß eine Magd einige Male auf dem Markte erschien, um verschiedene Kräuter einzukaufen. Staunend betrachtete dies der Marane, er erinnerte sich nämlich an die Überlieferung seines Elternhauses, daß die Juden am Rüsttag zum Pessach verschiedene Kräuter kaufen. Heimlich folgte er der Magd bis in die Wohnung ihres Herrn, der im öffentlichen Leben eine große Rolle spielte. Seinem Wunsche, vor den Herrn gelassen zu wer den, wurde entsprochen. Der Gast teilte dem Hausherrn seine maranische Abstammung mit und bat ihn, mit ihm zusammen das Pessachfest feiern zu dürfen. Denn aus dem Umstand, daß das Mädchen verschiedene Kräuter'gekauft habe, sei zu entnehmen, daß auch er Marane sei. Nach anfänglichem Leugnen mußte der Hausherr seine jüdische Abstammung eingestehea. Er behielt den Gast bei sich, der mit ihm das Pessachfest „nach allen Vorschriften“ feierte. Beim Abschied übergab er dem Gast das einzige Exemplar des bei ihm auf bewahrten Bibelkommentars des R. Beobaja, wodurch dieser in der Welt bekannt wurde. Trotz aller leiden, die das jüdische Volk gerade in der Zeit des Pessachfestes zu ertragen hatte, feierte es immer mit Liebe und Freude das Fest der Befreiung. Es schöpfte aus der Vergangenheit Kraft für die Gegenwart und Hoffnung für die Zukunft. Denn der ganze Sederabend ist auch von einem gewaltigen Optimismus beherrscht: Von den einleitenden Worten: „Heuer sind wir hier, kommendes Jahr in Erez Israel; heuer sind wir Knechte, kommendes Jahr Freie“, bis auf den Schluß: „Kommendes Jahr in Jerusalem“ weht überall der Geist der Hoffnung und Lehenebejahung. CJamiiiiiiiiiiiiiiiiimiiimrTmiinmiiiiiiiiiinnnmmniiiimnimiiiiintnnnniiinintnnnnmnninTii Die Israels Die nachstehende Erzählung unternimmt ee, unter Zugrundelegung jüngster archäologischer Forschungen den Auszug Israels aus Ägypten so darzustellen, wie er sich im Geschichtsbild des Mitlebenden abspielte; das zwiefache Wunder der VoLkswerdung und Errettung aus Feindesland -- möge es ein Spiegelbild und Trost sein für die schwere Jetztzeit unseres Volkes! Berühmte Bibelübersetzungen Über dieses Thema sprach lm Klubsaal der Hakoah am 15. März 1987 zum Abschluß der vom Verein für jüdische Geschichte und Literatur in Wien veranstalteten Vorträge Dr. Josef Lö w y. Der Vortragende führte der Reihe nach die Septuaginta, Targumim, Vulgata, Peschitta, die arabische Übersetzung von Saadyah sowie die jüdisch-deutschen aus dem Mittelalter an, besprach ihre Entstehung und ihren literarischen Wert und auch ihre Bedeutung für die Kulturgeschichte ihrer Zeit. Ebenso wurden die deutschen Übersetzungen, namentlich diejenige von Luther und Mendelssohn sowie die neueren des vorigen Jahrhunderts eingehend behandelt. Besondere Aufmerksamkeit verwendete der Vortragende auf die Besprechung und Entwicklung der englischen Bibelübersetzungen und wies namentlich auf die epochale Bedeutung des vom Chiefrabbi von London Dr. J. H. Hertz herausgegebenen Pentateuch hin, dessen Kommentar auch den in der Heiligen Schrift weniger bewanderten Lesern ein sicherer Führer ist. Diese Übersetzung sei eine wissenschaftliche Großtat, welche nicht nur da« englteohstrechende Judentum zu besonderem Dank an a?n Ohefrabbiner verpflichtet: eB wäre auob für die deutschsprechenden Juden wünschenswert, durch eine deutsche Übersetzung der Segnungen diese« einzigartigen Werkes teilhaftig zu werden. h, h. Er hatte mit den Geschlechteälteisten gesprochen, mit den Häuptern der Kinder Rüben, Simeon und Levi. Korah hatte er in ihrem Hause aufgeeuoht, Nepbeg, Misael, Elzaphan und Sithri Seine Rede war rasch und fahrig. Immer mußte sein Bruder Aaron erklären, und obzwar ihm Mosche stets ins Wort fiel, verstanden eie erst, was er wollte, wenn der andere in gleichsam entschuldigender Rede all das klarstellte, was Mosche zornig hervorstieß. Er kam aus der Wüste. In der Wüste spricht Gott. Er brachte Gottes Befehl und bekräftigte seine Sendung durch drei ungewöhnliche Zaubereien. Sie fürchteten sich heimlich vor ihm. Denn er hatte die Hand in die Falten seines Gewandes gesteckt und sie grauweiß vom Aussatz hervorgezogen. Sie wurde wieder rein, als er sie nochmals hinter dem Tuche seines Kleides barg. Aber es war nun unsicher: ob er nicht doch vielleicht ein Unreiner war, mit Gottes Krankheit geschlagen? Die Ältesten in Per Sopt halten die Köpfe geschüttelt. Er wollte nach Memphis gehen und im „Großen Haus der nördlichen Zehn“ mit Pharao selber sprechen und ihm Gottes Wort verkündigen: daß er, Mosche, das Volk dier Hebräer hinausführen müsse in die Wüste, um dort dem Herrn das Opfer des Bundes darzubringen. Das sei Gebot. Und in heller Flamme, in einem Dornbusch, der unverzehrt weiterbrannte, habe sich der Allmächtige Mosche offenbart. Zeit verging, keine Nachricht kam, sie hatten beinahe all dies vergessen, als ein Geranne durch das ganze Land Gesohem lief. Die Fronvögte hatten neue Weisung; weder Schilf noch Stroh wurde für die Ziegel ausgegeben. Sie sollten es sieh selber beschaffen, und dennoch durfte in ihrer Tagesleistung nichts gemindert sein. Da standen die Schreiber und verzeichneten die Zahl der abgelieferten Ziegel; und der Einpeitscher daneben mit der Knute. So hatte es Pharao befohlen und es gab grausam geschundene Rücken. Nach und nach sickerte die ganze Wahrheit duTC-h: Mosche hatte in Memphis mit Pharao gesprochen. Beim großen Fest des Opet, da der König zum Nil honuntersteogt und seine Hände in das heilige Wasser taucht, um Ammon-Ra, dem Sonnengott zu danken, daß er die Fluten hat anschwellen lassen zu Fruchtbarkeit und Segen, war Mosche vor ihn hingetreten wie ein Abgesandter seines Volkes. Er hatte von seinem Gotte gesprochen und ein Wunder gezeigt mit einer Schlange. Aber Pharao, hinter ihm Priester und Statthalter aller Reiche, die Leibwachen der Zekel, Wesobesch und Sohekelesoh, habe unwillig sein Haupt geschüttelt und den Wahrsagern befohlen, das Wunder des Hebräers zu wiederholen. Dann aber sei sein Zorn losgebrochen wie ein gewaltiges Unwetter: Ihr wollt das Volk von seiner Arbeit freimachen, damit sie Feste feiern und Brandopfer bringen in der Wüste? Wir wollen sie noch stärker drücken, daß ihr Übermut dahdnschwinde wie Wasser, ausgeschüttet in den Sand! — Und er hatte ihn fortgejagt und nun schmerzten ihre Rücken. Es wurde unerträglich. „Pharao plant einen großen Feldzug, beeilt euch, ihm Vorratshäuser zu errichten!“ verkündeten die Amteleute. Dann kamen die Steuerbüttel und nahmen fort, was sie fanden. Geschmeide vom Hals der Freuen, Geräte, Kleider — nichts blieb, was sie nicht verbargen oder äm Felde vergruben. Geschrei Von Waltfe* und Wehklagen der Frauen ertönte, selbst J und Jakobs, und hat gesagt: Ich habe euch des Nachte weinten sie und die Hausväter schlossen vor Sorge kein Auge. Was war mit ihnen geschehen? Kehrte sich Gottes Zorn gegen sie, daß eie die Niedrigsten wurden und Geschlagensten im großen Lande Ägypten? Wo gab’s eine Rettung? Mußten sie stets Fremde bleiben auf fremdem Boden, von Vögten bedrängt, verachtet und verhöhnt? Geh, räudiger Iwri spute dich, triefäugiger Hebräer! Soll ich dir deine zarten Knöchelohen zurechtbiegen? Du willst feiern und nicht arbeiten so feiere doch, ich will dich mit der Peitsche vermählen, daß du laut auf jauchzen sollst vor Eheglück! So ginge. Sie hätten fortlaufen mögen Aber wohin? Eines Tages lief es heimlich von Munt, zu Mund: er wird sprechen. Wer? Von dem ihr schon einmal hörtet: Mosche. Mosche, der beim Pharao war beim Fest des Opet? Ist es nicht ärger geworden, weil sich der König erzürnt hat ob Mosches Botschaft? Er wird sprechen. Gottes Wort an uns Er allein weiß die Rettung. Zwischen zwei Hügeln in einem abgelegenen Tal der Niederung liefen sie heimlich zusammen. Sie stahlen sich von ihrer Arbeit fort, gaben vor, Stoppeln auf den Feldern zu sammeln für die Ziegel zum Bau und kamen einzeln, aber es wurden Haufen, und als Mosche erschien, war es schon eine gewaltige Versammlung. Er stieg langsam den Hügel hinan und überblickte prüfend das harrende Volk. Hinter ihm schritt Aaron, sein älterer Bruder. Dann trat er einen Schritt vor, kreuzte die Arme vor der Brust, indem er seine Hände wechselseitig auf seine Schultern legte. Es schien, als berührten seine Füße nicht den Boden, als schwebte er vor den erwartungsvollen Blicken. „Kommst du, uns zu helfen, oder kommst du, uns zu verdammen?“ rief einer. Noch schwieg Mosche. „Er hat unseren Geruch stinkend gemacht vor Pharao und seinen Knechten! Nun drücken sie uns, pressen uns den letzten Odem aus der Brust. Ihr habt ihnen das Schwert in ihre Hände gegeben, uns zu töten! Ihr, ihr beide!“ Wut brach aus der stumpfen Masse; wären Steine zur Hand gewesen, sie hätten Mosche und Aaron gesteinigt. Da breitete Mosche beide Arme aus. Langsam tat er es, gewaltige Flügel schienen sich hinter seinen Schultern zu recken. Augenblicks erstarb der Tumult. „Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt.“ Er schwieg. Dann verschränkte er langsam wieder seine Arme. Die Stille wurde greifbar wie Samt. Es schien, als atmeten sie nicht mehr. Da brach plötzlich von ganz hinten ein gelles Schreien nach vom, dem viele Rufe wie kollernde Steine nachpolterten: „Wer, wer ist dieser Gott? Wie heißt sein Name?“ Wie Donnergrollen erhob sich Mosches Stimme: „Im Feuer, äm brennenden Feuer des Dora/buschs hat sich mir einer offenbart, der mir sagte: Ich bin, der ich bin. Ich werde sein, der ich sein werde.“ Die Arme hoch emporgehoben, ragte Mosche wie ein ungeheurer Seraph gegen den Himmel der purpurrot untergehenden Sonne. Sie warfen sich nieder vor ihm, manche bedeckten ihre Augen mit beiden Händen, als blende eie ein überhelles Licht. In das Murmeln der Gebete, in das tiefe Schluchzen, das aus den Kehlen hervorechütterte, tönte wie eine Posaune die Stimme Mosches: „Der Herr, der Gott eurer Väter ist mir erschienen, der Gott Abrahams, Jizchaks Jüdische Unternehmer, denket an AleMUthmnArMMwimn mmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmmm und fordert anläßlich der Prllhjahrssalson den Bedarf an Angestellten und Arbeitern aller Kategorien beim jüdischen Varaln für unanlgallllchan Arbaltsnachwal«, 1., Kohlmesserg&sse 4, Telephon U 27-0-65, an. heimgesucht und habe gesehen, was euch widerfährt und habe meinen Ratschluß beschlossen. Ich will euch aus der Knechtschaft Ägyptens freimacben und euch führen in das Land Kanaan, in da« Land der Kanaaniter, Hethiter, Amoriter, Pheresiter und Jebusiter, in das Land, darinnen Milch und Honig fließt. Seid ihr bereit, mit mix hinauszuziehen drei Tagereisen in die Wüste, auf daß wir bringen ein großes Brandopfer dem Herrn, damit er uns den Weg weise in das Land der Verheißung?“ Sie schrien unverständlich durcheinander. Viele beugten sich weinend zu Boden. „Haltet euch bereit! Seid geduldig und ungeduldig zugleich!“ rief Aaron. „Pharao will euch nicht ziehen lassen, aber die starke Hand wird über ihn kommen. ER wird seine Hand ausstrecken und wird Ägypten schlagen und wir werden stärker sein als ihre Schwerter und Kxiegswagen!“ So sprachen Mosche und Aaron. Und redeten an vielen Orten im Lande Gesohem das Wort Gottes, aber der Unmut des Volkes wuchs. Die Vorratshäuser, Kornspeicher und Waffenkammem standen nahezu vollendet da, aber nun galt es, das Getreide hineinzuschaffen und die Waffen zu bereiten. Tag lind Nacht zogen die Karren auf den Wegen nach Memphis, das Gerassel der Schilde tönte, auf denen Schwerter und Dolche geschichtet lagen. Überall im Lande glühten die Essen und klangen die Hämmer. Dem Volke jedoch klatschten die Peitschen in die gebeugten Rücken, Scheltworte trieben sie an und derbe Schläge der harten Fäuste. Mosche und Aaron redeten oft im Geheimen mit ihrem Volke. Aufseher und Amtsleute duldeten sie nicht mehr und waren nahe daran, sie in Ketten zu legen. Denn alle Macht ist beim Worte. „Blut und Finsternis des Krieges, Hagel der Geschosse wird über das Land kommen, wenn uns Pharao nicht ziehen läßt! Wie Frösche wimmeln die Fronvögte umher, in den Häusern, in den Höfen und auf dem Felde. Gleich Ungeziefer aller Art, gleich Schwärmen von Heuschrecken fressen sie alles hinweg, und werden uns nichts Eßbares lassen auf den Bäumen und kein Kraut auf den Äckern. Seht zu, was ich tue!“ Und Mosche und Aaron nahmen Fäuste voll Ruß aus einem Ziegelofen und sprengten ihn gen Himmel. „So wie diese Schwärze in Flocken auf euch nieder fällt, auf Haus und Baum und Tier und Mensch, so wird vom Krieg eine Pestilenz ins Land kommen, und der Herr wird schlagen alle Erstgeburt in Ägyptenland von dem ersten Sohn Pharaos bis zum Erstgeborenen der Magd, die die Handmühle -dreht, und alle Erstgeburt des Viehs!“ Pharao stieg auf seinen ehernen Kriegswagen, Der lange, vergoldete Köcher und die mit blauen und roten Farben verzierte Schwertscheide hingen quer an der Seite des Gefährtes. Kriegerisch schüttelten die edlen Pferde ihren Federschmuck, den sie am Haupte trugen. Der nie fehlende Bogen war in Pharaos Hand, der Lieblingshund Pharaos bellte und umsprang die Hufe der Pferde, der Bogemspanner, das bunte Leopardenfell um den Leib, stand bereit mit gegürteteu Lenden. Mit gellendem Klang fielen Becken und Tschinellen, Sistren und dumpfe Trommeln ein. Pharao schlang die Zügel um den Leib und berührte mit der Peitsche leicht die Hinterteile der Rosse: sie zogen an. ’^anzenträger, Bogenschützen, Kriegswagen, ein unendlicher Troß, bewegten sich nach Süden. Schwer lag die Hand Pharaos, der ins Teld gegen Nubien gezogen war, auf Israel. Sie wagten nicht mehr zu klagen, wenn sie ein Mizri, ein Ägypter, hören konnte. Galt doch, von seinen Leiden zu erzählen, als Verbrechen. Sie schlugen, sie verstümmelten, sie ließen keinen Fetzen reiner Haut an dem, auf den sich ihre Wut stürzte. (Fortsetzung folgt.)