Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1937-03-26 · Heft 631 (26.3.1937) · page 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 631 (26.3.1937)
Date
1937-03-26
Page
– (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3053752-3054338-3054387--6571-3062438
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wien, Freitag, 36. Märe 1337. — Kr. 681. Dil ST1MMI Sott« l Von R. I. Maid Wunder über Wunder begleiteten den Auszug Israels aus Ägypten. Die von bunter Volksphantosie genährte Agadah überbot sich selbst in der Aufzählung aller wunderbaren Ereignisse der ersten Erlösung. Doch eines der größten Wunder, und wer weiß, ob es nicht (las größte war, scheinen die alten Urkunden zu verschweigen. Eis wird nirgends hervöigehoben. Dieses Wunder hat sich nicht in Ägypten zugetragen. Auch nicht am Roten Meere. Sondern dm Israel selbst. Eine Masse geängstigter und gepeinigter Heloten, die sicherlich sogar das heilig« Wort Freiheit ausausprechen verlernt hatten, die über dickbäuchigem Fleischtöpfen naakenkrumm hockend, die Peitsche des Aufsehers und die ganze Schmach ihres Daseins vergaßen, erwaaht ajuf einmal aus dem dumpfen Schlummer ihrer knechtischen Unempfindiiahkeit. Sie lauschen den nur halb verständlichen merkwürdigen Worten ihres Wiederanlage tauchten immer sonderbarem Stammesbruders Mosas und sie glauben ihnen. Sie erklären sich aius innerem Trieb bereit, dem Sendlinge Gottes, dessen Erscheinen sie nicht einmal erwarteten,' freiwillig zu folgern. Garuz plötzlich, ohne daß sie e6 selbst wußten wieso es kam, fühlten sich die auf die tiefste Stufe menschlichen Seins Gesunkenen, die auch im ihrer bittersten Not nicht aufihörten vor den Augen ihrer Fronvögte miteinander au streiten und zu aanken, als ein Volk, als em Volk sich nach Freiheit sehnender Männer. Aus der Sklavenmenge sind wieder Hebräer geworden. Sie wurden von der Vorstellung der Erlösung besessen, um von ihr nicht mehr losaükommen. So begann das innere Wunder der ersten Befreiung. Seit vielen Generationen lebte der Stamm der Hebräer im Niilande. Einst lebten sie in Freiheit und Ansehen. Das wußte man noch. Dann aber hat man ihre wachsende Zahl als bedrohlich, ihre Art als fremd, ihre geistige Regsamkeit, als unerwünscht und ähr bloßes Dasein als eine Gefahr für das ägyptische MAUionenreich gefunden. Der mächtige Pharaonenstaat sah sich bedroht von einem kleinen Stamm. Pharao reihte die Hebräer in das Riesenheer seiner Sklaven. Zum Schutze des Reiches. Leise Notihklänge dieser alten Zeit und sonstige uralte, nicht mehr ganz verstandene Überlieferungen lebten noch verkümmert unter dem Geknechteten. Sie suchten sie aiufzufrißchen. Es traten öfters in den Nächten düstere zerscbundene Menschen zusammen. Männer mit verloschenen, glanzlosen Augen. . Der Älteste brachte mit schwerer Zunge irgend welche verschollene Überlieferungen hervor, die alle mit dunkeln Verheißungen endeten. Aber kein Gemüt erheiterte sich dabei und £ein müde gesunkener Kopf richtete sich auf. Es klang alles unverständlich wie ein Gebet für einen fremden unbekannten Gott. Die Ägypter verachteten sie. Rohe Gewalt hat freie, stammesbewußte Hebräer zu elendem Fronkneabten gemacht. Und nun wurde den Unfreien aus der Knechtschaft ein Vorwurf, ja ein Verbrechen gemacht. Diese Fremden wurden von den großen Göttern selbst zu Sklaven bestimmt. Es ist dies ein Fluch, der auf ihnen seit Urbegimn lastet So heuchelten devot die ägyptischen Priester. Vielleicht pflegten sich diese Priester auch am die Schwächsten unter den Ausgestoßenen heranzusdhleidhem, und nachdem sie ihnen als Gemeinschaft jede Hoffnung und jedes Recht auf Freiheit abgesprochen hatten, stellten sie dem Mürbegemachten sofortiges Seelenheil und Linderung der Not für ihre Nachkommenschaft in rosiger Zukunft in Aussicht. Die Sehnsucht und die Wünsche der versklavten Söhne Israels bewegtem sich, wie wäre es denn anders zu erwarten, auf der Ebene ihres Daseins. Sie sehnten sich nach einer milderen Aufseberpeitsche, nach weniger strengen Wärtern und noch besserer Kost aus der staatlichen Sklavenverwaltung. Und als die Pein auch für die Leidgewohnten unerträglich wurde, da schrien sie zum Gotte ihrer Väter, vom dem sie nur wußten, daß Er einst ihren Vätern beige&tanden hatte. Es war dies ein erschütterndes verzweifeltes Aufstöhnen der gequälten Kreatur. Kein entrüsteter Aufschrei mit gehallter Faust der mutwillig vorletzten Menschenwünde, keim Aufschrei der Empörung« Dazu waren die Söhne Israels damals nicht , mehr fähig. Es war dies auch kein Flehen, keine Bitte um Erlösung. Denn auch ihre Seelen waren unfrei geworden und hatten es schon verlernt, zum Himmel in Hoffnung emporzuschauen und wußten auch nicht, mehr, was Erlösung ist. So war das Israel, dem sich Moses, der kommende Erlöser, näherte. Hier setzt die Tragik dieser wuchtigsten Gestalt ein, welche das Judentum je hervorgebracht hat. Hier beginnt auch sein heroischer Kampf um dieses Volk. Moses zögerte seine Sendung auf sich zu nehmen. Ja, er haderte mit Gott.. Denn er konnte sich nur schwer zum Glauben durehriingen, daß dieser Sklavenstamm je für seine Erlösung reif werde, ihrer wert befunden würde. Es beschlichen ihn immer vom neuem Zweifel, ob dieser Haufe, dem jedes gemeinsame Ziel, jeder gemeinsame Gedanke fehlte, und mehr (von der gemeinsamen Not zusammengehailten wurde, als durch das Bewußtsein gemeinsamer Vergangenheit und nnent-! rinnibarer Schiokisailsverbundenhenit, jemals i befähigt sein wird, Gottes Vermächtnis, das seiner harrt, zu empfangen und zu wahren ... Oder schlummert etwa in diesen Unfreien irgend eine geheimnisvolle Kraft, etwas Verborgenes, das seine Auserwählthedt noch rechtfertigen wird... Moses war mit sich selbst entzweit. Er liebte sein armes, unglückliches Volk. Doch dieses (Volk stieß ihn gleichzeitig ab. Durch seine : häßliche Wirklichkeit. Seine aufflammende Liebe drohte in Mitleid verwandelt, zu werden, um schließlich als hilflose Resignation zu verlöschen. Doch die Entscheidung drängte. Es war ihr nicht mehr auszuweichen. Gott forderte von Moses blinden, durch nichts gerechtfertigtem Glauben am Israel. Aber Moses begriff das erst später: nicht an das Israel von heute, sondern an ein Israel von morgen. An ein Israel, wie es sein könnte, wie es sein sollte... Vor dem Dornbusch wurde das Ringen Moses um die Seele und um die Zukunft seines Volkes entschieden. Er folgt der Stimme der göttlichen Berufung. Bangenden Herzens tritt Moses vor seine Brüder. Er war auf dem Hofe Pharaos aufgewachsen. Seinen Stammesbrüdern war er der Fremde, der vom Fluche des Stammeselends Befreite, und sie begegneten ihm bis jetzt mit Neid und Mißtrauen. Seine bisherigen Erfahrungen mit ihnen waren nicht ermuti- |gemd. Er stieß nicht auf die Besten unter ihnen. Ale er einmal zwei zankende und vor den Augen des sich ob dieses Schauspieles ergötzenden Ägypters sich gegenseitig in den Kot zerrende Männer zu beschwichtigen suchte, da drohte man ihm mit einer Anzeige bei Pharao. Sein eigener ' Bruder wollte ihn verraten. Wofür? Weil er unter Einsatz des eigenen Lebens einen Hebräer vom sicheren Tode gerettet hatte. I Jedoch jetzt geschah das Unfaßbare. Die 1 Söhne Israels hatten Worte begriffen, die sie vielleicht zum ersten Male hörten. Das Volk glaubte und erfaßte die vor ihren er-! leuchteten Augen vorgezauberte Vision von Erlösung, Gottessendung und Gottesnähe, von dem fernen Lande, das ihnen Heimat und Schicksal werden soll. Das Volk Israel wurde geboren. Aber Wunder sind einmalig. Sie können nicht unaufhörlich mit gleicher Kraft wirken. So auch das Wunder der inneren Erlösung, das der äußeren vorausging. Es kamen Rückfälle. Fast bis zur tiefen Stufe der bereits einmal überwundenen Sklaverei der Seele. Zumindest war es so bei gewissen Teilen und Gruppen des Volkes. Es begann schon in Ägypten. Pharao, aufgebracht durch die gewandelte Haltung seiner ’ hebräischen Sklaven, griff zu Repressalien. Zehnfach vermehrte Fron sollte die Schwärmer zur Besinnung bringen. Unter dem neuen verstärkten Drucke lebt j Lei vielen der alte, kleinmütige und zän-! kische Sklavengeist auf. Es bilden sich mosesfeindliche Gruppen. Man murrt. Was betört Moses das Volk mit phantastischen Wunschträumen, unerreichbaren Utopien. Gott kann seine Lehre auch hier, in Ägypten offenbaren. Und wen will er glauben machen an dieses Zauberland, das erst PESSACH Ü«1 i L.li .. •»'; ' S 11 : BucheriscHer Jude in Jerusalem beim Kiddusch (Aus dem Kalender das Karen Hejessod) durch mühsames Bezwingen einer tausend« Gefahren in sich bergenden Wüste zu ^r*' reichen sei und auch dann nur schrittweise von den kriegstüchtigen Einwohnern zu erobern. Das Traumland der Verheißung ist fern und unerreicht. Inzwischen aber hat Pharao hier sein Machtwort gesprochen. Die in Aussicht gestellte Hilfe Gottes bleibt aus, aber die vorausgesehenen Folgen der unverantwortlichen Propaganda von Moses, Aharon und ihres jugendlichen levitisehen Anhanges haben sich bereits eingestellt. Wozu Pharao unnütz reizen? Er wünscht' diese neue Schwärmerei nicht. Und auch uns sind die Lehmhütten im fruchtbaren Ägypten lieber, als all die versprochenen Herrlichkeiten der unwegsamen, glutheißen Wüste. Soll Moses doch lieber zu Pharao gehen und ihn demütig zu beschwichtigen suchen. Soll er eher seine Ziehmutter, die Prinzessin Bathia, um Schutz und Fürsprache anflehen, statt im Namen seines Gottes lächerliche Forderungen zu stellen. Vielleicht werden doch noch Erleichterungen zu erreichen sein, bessere Lebensbedingungen für die besonders hart drangsalierten Baukolonnen bei den Pyramiden... So hallte es Moses entgegen, als er nach einer ergebnislosen Audienz die königliche Residenz verließ. Das alte Gespenst drohte wieder aufzuleben. Die verdrängten Zweifel, überfielen ihn von neuem. Vor einer Weile erst hat er vor Pharao stolz die Forderung nach dem Auszuge erhoben, im Namen seines Gottes und seines Volkes. Und nun steht das Volk gar nicht hinter ihm. Es begehrt den Auszug gar nicht. Gott habe ihn zum Sprecher einer Fiktion, eines gar nicht bestehenden, denn von keiner Volksmasse getragenen Volkswillens bestellt. Es begannen daher die zehn Plagen. Nicht allein um Pharao mürbe zu machen. Dazu würden auch weniger als zehn ausgereicht haben. Sondern auch um des kleingläubigen Israel willen. Um dieses allmählich von dem gottgewollten Wirken seines Führers zu überzeugen und dessen Selbstbewußtsein und Selbstvertrauen zu heben. Datan, Abiram und alle übrigen kleinen Nörgler und oberflächlichen, beschränkten Klügler mußten verstummen. Das Volk wuchs wirklich in sich. Moses führte Israel aus Ägypten. Das Übernatürliche war vollbracht. Datan und Abiram jedoch und ihr Klüngel blieben nicht überzeugungstreu in Ägypten. Nein. Sie, die unverbesserlichen- Opportunisten und Konjunktmrhelden zogen mit. Aber keineswegs bekehrt. Sie werden auch in der Wüste 1 weiter Moses Prügel vor die Füße werfen. Sie werden weiter Mißerfolge herbeisehnen, Uneinigkeit heraufbeschwören und Schwierigkeiten schadenfroh auflauern, um bei jeder Gelegenheit in den Ruf auszustoßen: „Zurück nach Ägypten, oder suchen wir uns ein anderes Land! Jetzt habt ihr das Ende dieses ganz auf Kleinkindennärchen aufgebauten Beginnens!“ Es folgt die Zeit der Läuterung, der Reife und des geistigen Wachstums. Die sich wiederholenden Rückfälle mußten wettgemacht werden. Und wen die eigene, am Sinai befrachtete Seele nicht gegen Gott und Kanaan gläubig emporrichtete, den stählten die Leiden und der glühende Schmelztiegel der Wüste. Und wer auch dann das Schandmal seiner früheren Knechtschaft von seinem Herzen nicht zu entfernen vermochte, wer trotz Moses, trotz Sinai, trotz Wüste ein Unfreier geblieben ist, einer, der eher in die ägyptischen Sklavenkasematten als in das gelobte Land gehörte — der wurde dem Untergänge geweiht. Moses hatte Recht behalten. Er sollte letzten Endes nicht enttäuscht werden. Er, der im erniedrigten Israel Ägyptens, in dem ewig hadernden, zänkischen Israel des ersten Wüstengeschlechtes das andere Israel lieben lernte, sah noch selbst das junge, in Freiheit und Gottesnähe aufgewachsene Geschlecht. Es verschwanden spurlos die Datans und die Abirams und ihr Anhang. Dahin war der ehrgeizige aber ideenarme Unruhestifter Korach, vergessen war die krankhafte Unentschlossenheit und Unfähigkeit zum Glauben der Kundschafter. Es entstand ein neues Volk. Die stolzen und hoffenden Scharen um Josua und Kar leb, die gläubigen Helden der Jordanüben«

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.