Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1937-03-09 · Heft 626 (9.3.1937) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 626 (9.3.1937)
Date
1937-03-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/3053752-3054338-3054382--6531-3062393
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seit« 4 DO STIMMI Wien, Dienstag, 9, März 1087. — Nr. 886. Durchsichtige Flüsterpropaganda Die KongreßwaJilen werfen ihre Schatten voraus. Die Konsolidierung des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten paßt ge wissen Zionisten, die sich sonst so gerne als Verfechter der Einheit und des Friedens anpreisen, nicht ins Konzept. Daher ist es kein Wunder, wenn durch Flüsterpropaganda in Wien und anderwärts die Nachricht kolportiert wird, die Landesorganisation für Westgalizien und Schlesien sei bei der in Krakau am 14. Februar stattgefundenen Landeskonferenz aus dem Weltverbänd der Allgemeinen Zionisten ausgetreten. Diese Nachricht ist frei erfunden. Im Gegenteil. Die Landeskonferenz, die sich geradezu zu einer Manifestation für den Weltverband gestaltete, faßte bei ihrer Tagung am 14. Februar mit über 300 gegen 2 Stimmen folgenden Beschluß: „Die Landesorganisation We$tgaMziens und Schlesiens bildet einen integralen Bestandteil des Weltverbandes der Allgemeinen Zionisten wtd realisiert dessen Programm und Beschlüsse. Diese Plattform bildet die Grundlage zur harmonischen Zusammenarbeit sämtlicher Allgemeinen Zionisten der Landesorganisation.“ Es ist bezeichnend, daß alle vier Mit glieder der Leitung des Weltverbandes, die in Krakau wohnen, und zwar Dr. I. Schwarzbart, Dr. S. Feldblum, Dr. Jehuda Ohren stein und Mag. L. Salpeter, der neuen Exekutive des Landesverbandes für Westgalizien und Schlesien angehöTen, die fest zum Weltverband steht Es ist im Interesse des innerzionistisohen Friedens zu wünschen, daß die Brunnenvergiftung durch Gerüchtemacherei, die ßicher nicht im allgemein-zionistischen Interesse liegt, sofort eingestellt wird. SAMSTAG. 13. MXRZ SOFIENSXLE „MASKEN, KÜNSTLER UND DU“ El erwarten Dich: ein Non-stop Cabaret (Leitung Frita Grttobaum und Karl Farkaa), ein Lunapark (Max Brod), ein Fotozeli (Paul O'MonUi), ein Helraiizeli (Josef Baar), ein Aatrolöglexelt (Alice Trau), ein Orapholog*nzeit (Schatz-Arcano), eine Bridge- •Tube (Hugo Knepler), ein PattSstliia-Pavillon (Jung Wizo Mirjam), eine Gratislotterte mit vielen wertvollen, aber auch werUoaen Preisen, eine PrBmllerung der schönsten Einzelmaaken und Maskengruppen. Zum Tanz spielen die Viel-Harmonik er „ElllgvKIddlei11 und „Fuks wltty vexars“ (ununterbrochen — aber nicht zugleich) Kartonvorvarkauff I KuitursteUe, I.. Kai 3 (R 28-2-36), Jung Wizo Mirjam, 7., Jordangasse 7, J. K. J., I., Goldschmiedgasse 9, Komiteelokal, I., Bauernmarkt 8, oder belGronner, Hohenberg und Lanyl. Studentenkarten I., Bauernmarkts. Von Dr. E. M. Zweig (Jerusalem) Bistritzkys Abschied von Wien Mittwoch verabschiedete sich Nathan Bistritzky von Wien. Im Saal des Hotel Metropol batte sich zu dem Abschiedsabend ein Publikum aus allen jüdischen Kreisen eingefunden. das den Raum bis auf den letzten Platz füllte. Nathan Bistritzky wurde bei seinem Eintritt in den Saal von den Anwesenden mit langanhaltenden Ovationen empfangen. Den Abend eröffnete der Vizepräsident dies Keren Kajemeth, Dr. Leo Preis, mit einer kurzen Ansprache, in der er die Tätigkeit Bistritzkys in Wien würdigte. Unter dem begeisterten Beifall der Anwesenden überreichte er dem Gast auß Jerusalem das Diplom der Goldbucbeintragung, wobei er mitteilte, es sei charakteristisch für den Erfolg der Tätigkeit Bistritzkys, daß große Beträge für die Goldbuchemtragung von Leuten gezahlt wurden, die sonst nichts mit dem Zionismus zu tun hatten. Dann sprach Leopold J e 8 s n e r, der ein Bild des Dichters und Dramatikers Bistritzky gab und namentlich auf seine zwei großen dramatischen Werke „In dieser Nacht“ und „Sabbatai Zwi“ binwies. Rudolf Langer laß eine packende Szene aus dem erstgenannten Werk. Es ist darin der Jerusalemer Parteiführer in der Zeit der Römerbelagerung geschildert, den Jochanan Ben Sakkai erfolglos zu bekämpfen versucht. Analogien auf den heutigen innerjüdischen Streit, die in dieser Szene klar zum.Ausdruck kommen, machten auf die Zuhörer starken Eindruck. I. Segal-Rosenbach brachte dann einige hebräische Lieder zum Vortrag. Schließlich ergriff Nathan Bis tritzky das Wort, um sich von den Wiener Juden zu verabschieden. Er stellte fest, daß er in Wien einen überraschend fruchtbaren Boden für die zionistische Idee gefunden habe, und sagte zum Problem des Zionismus im allgemeinen, daß er an Mechanisierung kranke, die allerdings . ein Ergebnis eines gewissen Entwicklungssfcadiumß sei. Das Ziel rler zionistischen Politik müsse die Reorganisierung und Wiedererweckung des jüdischen Volkes sein und auch Erez Israel sei schließlich nichts anderes als ein Instrument zur Erreichung : dieses Zieles. Id positiver, jüdischer kultureller Arbeit müßten die beklagenswerten Streitigkeiten innerhalb der Bewegung überwunden werden. Mit größter Spannung kuschte das Publikum den Ausführungen Bistritzkys. Nicht endenwollender Beifall bestätigte ihm schließlich, daß er verstanden worden war. Wir kommen auf Bistritzkys Wiener Tätigkeit noch zurück. Alle Juden lieben wohl Palästina, aber jeder in seinem Sinn. Zuerst projiziert man sein Ideal, seinen Wunschtraum dorthin und dann mißt man daran mißtrauisch und voll eifersüchtigem Groll das palästinensische Leben, das sich in ständigem Fluß durch Kampf nach außen wie durch den Wettstreit der verschiedensten innerjüdischen Bestrebungen zur Wirklichkeit gestaltet. Zumal die Frommen in Israel glauben sich da oft zu Enttäuschung veranlaßt. Und doch mag diese Ungeduld nicht recht zu ihrem unbedingten Gottvertrauen passen. Wer Augen hat zu ßehen kann sich der Überzeugung kaum verschließen, daß aus dem Boden Erez Israels als dem Heiligen Land auf die, so ihn lieben, besiedeln und bebauen, der Väterglaube mit zähbeharrlicher Urkraft ausströmt und selbst die Widerstrebenden siegreich in Bann schlägt. Darf ich hiefür aus dem'Schatz meiner Erinnerung einige Belege bringen? * Schon hielt man tief im November. Doch der in der Bibel verheißene und längst fällige „Joreh“, der Frühregen, war ausgeblieben. Erbarmungslose Sonnenglut strahlte aus ödem Blau auf die vertrocknete, wie von Schmerz zerrissene Erde. Seufzend litt alle Kreatur, Menech und Tier. Grade war ich einen Freund, Maler Blum, besuchen und fand ihn mit der ganzen Familie — bis zu seinem Jüngsten, Eli, herab — luftgierig auf der Terrasse. Wir spähten angstvoll zum Himmel erupor: ein weißes Wölkchen hatte sich dort geballt. Wird ee auch diesmal, ostwärts gleitend, in der Wüste verflattern? — Nein, die Wolke schwillt und schattet, um plötzlich in dicke Tropfen, in peitschendem Guß zu bersten. Ein Schrei der Erlösung hallt übers Land. Da patscht Eli ins Händchen und ruft: „ Bravo, Elohim!“ * Es war schon damals so. Der Hochkommissar hamsterte Überschüsse für den Staatsschatz. Das Groß des Aufwandes bleibt für Polizei und Militär, für Gerichte und Kerker reserviert. Da gehen die Wünsche der Natives und gar die der Juden nach konstruktiver Arbeit, Unterricht, sozialer Fürsorge leer aus. Und darum irren Geisteskranke — gefahrdrohend und gefährdet — in den Gassen herum, der Not, dem Kinderspott und bestenfalls dem Mitleid preisgegeben. Auch Talpioth hatte seinen Leibnarren, Refuel. Der einzige Sohn einer armen Witwe, die ihn erhielt und, soweit das ihr Dienst als Köchin ziuließ, treulich hütete. Das Paar war aus Algier eingewandert. Weinend pflegte die Frau zu erzählen, daß der Bedauernswerte im Weltkrieg, als französischer Soldat von einer Granate verschüttet, um den Verstand kam. Nun schweift er, seinen Knüppel schwingend, weithin durch die Gegend, ist aber harmlos und geht auf jeden Spaß der wilden Buben ein. Bloß oines bringt ihn außer Rand und Band: wenn man fragt, ob ihm Englands Palästinamandat recht sei. Bin Wutsohrei ist diej ja hinweg rotglühender französischer Patriot. Er fletscht die Zähne, schwingt den Knüppel, zieht sein Messer und droht Großbritannien wie jedem. Briten Mord und Bhit. Den Buben wird bang. „Refuel“, rufen sie, „heut’ ist Sabbath!“ — Da entspannt sich sein Gesicht er lächelt und seiner Hand entsinkt die Waffe Seither hat eine hohe Regierung unseren Re fuel doch versorgt — eingesperrt, mundtot ge macht. * Zu den Pessach-Halbfesttagen war ich nach Damaskus, der Hauptstadt Syriens, ausgeflogen und fuhr nun mit anderen Juden, denen ich dort begegnete, im Mietauto wieder beim durchs blühende Djolan Erez Israels zu. Schon hatten wir die ,drücke der Töchter Jakobs“ und über den schäumenden Jordan das diesseitige Ufer erreicht, wo stramm auf' gerichtet ein palästinensischer Polizist steht. Die Hand zum Salut an der Lammfellmütze begrüßt der schmucke Bursch uns Landes- und Stammensbrüder mit „Schalom!“ Das lenkt ihn aber nicht von der Pflicht ab, unser Gepäck genau zu durchsuchen. Er findet weder Verzoll bares, noch Schießgewehr. Was also gibt«, daß er jetzt erschreckt iu den ihm von meiner liebenswürdigen Sitznachbarin dargereichten Handkoffer, starrt? Auf dessen Grund sucht sich eine angeknabberte Semmel zu verbergen „Peseach — und Chomez?!“ Da sagt der Schoter der Sünderin bei aller Höflichkeit und in Iwrith natürlich, tüchtig Musser. — Sie ist beschämt, vernichtet. Mit bebenden Fingerspitzen greift eie den schnöden Semmelrest kehrt die zehn Schritte zur Grenze um und legt den Ohomez „chuz laarez“ auf den Brückenrand, den Vögeln als Fraß. — Der Schoter schien zufrieden: „Frei passiert!“ und hinter uns drein scholl sein fröhlicher Abschiedsgruß: „Schäioin alejcbem!“ Dae jüdische Jerusalem wächst, den Pogroms und sonstigen Regierunigsmaßnahmen zu Trotz; ja, es konzentriert sich noch in eigene, ge schlossene Stadtviertel. Und wenn die geschmalzenen Bodenpreise das Wachsein in die Breite hemmen, dann wächst man halt — fünf, sechs und sieben Stockwerke — in die Höhe. Freilich, die Ästhetik kommt dabei zu Scba den, vielleicht auch die ■ Gesundheit der Bewohner; bloß die Religion und ihre Satzungen behaupten eich mit Triumph. Wie das? Stehe ich in der King Georgstreet vor so einem funkelnagelneuen Riosenkaßten, an dessen Toren Plakate „M?ohirath Jiroth“, noch Wohnungskäufer locken, und schüttle das Haupt. Wendet sich der Kablan, das beißt Bauunternehmer, und forscht teilnehmend, was mir sei. — „lob weiß einiges von den Archi tekturstüen der Völker und Zeiten. Wollte man durchaus Balkons, lagen sie stets — mehr minder — symmetrisch untereinander. Und hierzulande wäre da« doch besonders praktisch als Schutz voir Sonnempein . und Regenschauer. Warum also sind da drüben die Antwort, denn Refuel blieb über den Wahnsinn | Balkon« — quer über alle Stockwerke hin Tu Deine Pflicht! Erwirb und verbreite den Schekel I Melde Dich zur Mitarbeit bei der nächsten Bezirkssektion I schief angeordnet?“ — Da. schmunzelt der Kablan: „Tja, auf jeden Balkon sieht der Gottoberste herab. Der Architekt ißt ein gar Frommer und sicher sind es viele der künftigen Inwohner auch. Kennt Ihr denn nicht den Talmudtraktat „Sukkah“ und was der Schulchan Aruch dazu lehrt? — Die Sterne des Himmels sollen durch das Dachreisig deiner Denkhütte leuchten...“ Da hätten wir nun die erste Keimzelle zu einem originell jüdisch-palästinensischen Baustil. * Vier Bilder buntgereiht, dem pulsenden Leben abgelauscht. Was sagen sie uns? Kinder und Narren, dae Regierungsorgan und der Architekt geben, jeder in seiner Art, Gott die Ehr’. „Ki hamakom ascher atab omed alaw adiöath kodesch hu“, denn das Land, auf dem wir fußen, ist heiliges Land. Werbemonat der f,Stimme“ Der Monat März wurde als Werbemonat für die ,Stimme“ festgesetzt. Lesen Sie die Anzeige auf Seite 2, aus der Sie erfahren, daß wir diesmal für die Werbung neuer Abonnenten wertvolle Bücherpreise dusgesetzt haben. E$ steht geschrieben! Der böse Trieb im Menschen ist erst wie das Spinngewebe, dann aber wie dicke Taue. (Talmud, Sukka 52 a) . * Wer Unrecht sät, wird Unrecht ernten. (Sprüche 22, 8) * Nicht die Stelle ehrt den Menschen, sondern der Mensch ehrt seine Stelle. (Talmud, Taanifc 21b) * Nur die Wahrheit bleibt und dauert für immer und lebt und herrscht in Ewigkeit. Bei ihr güt keim, Ansehen der Person und kein Unterschied. (3. Buch Esra 4, 38/39) * Ein Tor nur macht viele Worte. (Kohelet 10, 14) * Veysäume nicht einen frohen Tag. (Ben Sira 14, 14) Vor dem Ergrauten sollst du dich erheben und ehren den Alten. Alt ist derjenige, der Wahrheit erworben hat. (Talmud, Kiddusohio 32 b) Die Schlaraffen werden arisch In der „Schlaraffia“ ist eine betont nationale Revolution außgebrochen. Die „Schlaraffia“, eine vor 80 Jahren in Prag gegründete Vereinigung deutscher Künstler und Kuhfitfreunde, hat gesellige Zwecke und bedient eich eines dem Rittertum entnommenen Rituale«. Der Hauptsitz des Bundes, dessen Angehörige eine weiße Stecknadel als Abzeichen tragen, ist Prag, die „Allmutter“. Und dort ist ein Schreiben der Salzburger Schlaraffen eingelaufen, die ihren Austritt aumelden; ihnen hat sich Linz, Melk und Steyr angcschlossen. Begründet wird der Austritt damit, daß die „Schlaraffia mit dem Welt-;udentum und dem Weltbolschewlsmus in Verbindung stehen“. Dem Schlaraffenbund haben nämlich zahlreiche jüdische Kiuistfreunde und Schriftsteller angehört, die selbstverständlich dort wie auch in anderen Verbänden eich geehrt fühlten, wenn sie mit echten Christen in der Lulu-Spraoho reden und mit ihnen heiteren Unfug treiben durften. Mit der Umwandlung der Christen in „Arier“ sind auch dieee Juden, die man sehr stark für deutsche „Kulturzweoko“ schröpfte, untragbar geworden.-Die Arier von Salzburg biß Steyr wollen dein Weltbolßchewismus nun einmal nicht ausgeeetzt sein, obzwar die „Schlaraffia“ von solchen bösen Bazillen sehr weit entfernt war. Die Wandlung, die da vergebt/ ist für die jüdische Assimilation sehr betrüblich. Aber wenn sie zur Folge hat, daß diese Juden jüdisch werden und eich auf ihren Stolz beginnen, kann sie Gutes wirken. Trotzdem bleibt es ein Zeichen dieser Zeit, daß der freundschaftliche harmlose Vorkehr zwischen Juden und Deutschen zu einem Politikum geworden Ist, und daß sich die rein menschlioben Beziehungen unter der Einwirkung des braunen Giftes zu löeen beginnen. Allerdings trifft der Schaden ausschließlich die arabischen Schlaraffen, die mit Hilfe ihres Bundes auf der ganzen Welt Anschluß und Hilfe gefunden haben und zumeist bei Juden, deren Brieftasche für die Aufreohthaltung solcher Freundschaften stets weit offen gestanden ist.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.