Mannheim
Compact Memory

Die Stimme · 1937-02-23 · Heft 622 (23.2.1937) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 622 (23.2.1937)
Date
1937-02-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3053752-3054338-3054378--6498-3062356
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

Wien, Dienstag, 23. Februar 1937. — Nr. 622. DIC STIMM! Seite 3 gen, aber man will den Schein der Gesetzmäßigkeit wahren. Im Rahmen voller Gleichberechtigung richtet man die Juden zugrunde. DER RUMÄNISCHE HISTORIKER JORGA, ein Mann von Weltruf und zweifellos der bedeutendste Gelehrte Rumäniens, hat auf seinen Katheder verzichtet. In einem Schreiben an den Unterrichtsminister teilt er mit, daß von 800 inskribierten Hörern der Handelsakademie nur 30 zu den Vorlesungen kommen, und daß das Verhältnis an der Universität noch schlimmer sei. Unter solchen Umständen sei jede Lehrtätigkeit sinnlos. Die Studenten, meint Prof. Jorga, betreiben, zu lernen, Politik und üben nach den Interessen ihrer Parteien a.n den höheren Lehranstalten eine unerträgliche Diktatur aus. Prof. Jorga hat mit diesem Schritt und seiner Begründung, sicher ohne es zu wollen, eine vernichtende Kritik des Antisemitismus gegeben. Die rumänischen Studenten hören keine Vorlesungen, sie lernen nichts, sie treiben nur Politik, wenn sie aber dann das Diplom nicht bekommen oder wenn sie doch irgendwie knapp durch die Prüfungen rutschen und erst in der Ausübung des Berufes an ihren Mißerfolgen die Lücken ihres Wissens merken, eo ist selbst- 112 Künstler, Jun$-Wizo „Mlrlnm“ und Jüdischer Klub der Jungen bieten: die originellste und lustigste jüdische Großveranstaltung für jung und alt „Masken, Künstler und Du“ Soflensäle Samstag 13. Hirz Arrangement: Jüdische Kultuistelie verständlich der jüdische Arzt und der jüdische Anwalt schuld an dem Unglück. In Rumänien ist soeben eine Aktion im Gange, deren Zweck die Einführung des numerus proportionalis für Juden in der Advokatur oder ihre völlige Verdrängung aus diesem Beruf ist. Prof. Jorgas Anklagen zeigen die wahren Motive dieser Aktion. Die Ignoranten wollen unter eich bleiben. Von den Bodenständigen Das christlichsozial - betont - nationale „Wiener Montagsblatt“ veröffentlicht von Zeit zu Zeit Listen jüdischer Kleiderraacher, die auf Anzeige der Wiener Zunft wegen unbefugter Ausübung des Gewerbes und anderer Übertretungen der Gewerbeordnung bestraft wurden. Letzthin hat das Blatt wieder eine solche Liste publiziert und versieht sie mit dem Titel „Lieder ohne Worte“. Dabei handelt es sich um arme Teufel, die arbeitein wollen, aber aus diesen oder jenen Gründen — die Gründe liegen iim Namen und in der Konfession — dazu nicht zugelassen werden. Sie werden bestraft und damit sollte oder könnte die Angelegenheit erledigt sein. Aber das „Wiener Montagsblatt“ erhält von irgend einer eingeweihten Stelle die Liste und darf ungestraft und ungehemmt Rufmord betreiben, obzwar es doch verboten ist, jemand eine abgestandene Strafe vorzuhalten. Und außerdem gibt es noch Leute in . der Provinz, die an einer solchen Hetzjagd gerne teilnehmen. „Die Neuß Zeit“ in Linz, auch ein betonter Rufer der völkischen Belange, druckt die Liste ab. In der Nummer 45, in der das Blatt über folgende arische Zeitgenossen berichtet: Drei Defraudanten in Wien, zwei WieneT Knaben, die von der Mutter zum Stehlen angehalten wurden, eine Mordaffäre in Deutschland, eine Frau in der sittlich-germanischen Oststeiermark, d'ie ihr 2 H jähriges Kind erschlagen hat, einen Defraudanten in Wimpassing und einige Grbnzschmuggler in Kärnten. Das sind, wie wir meinen, doch einigermaßen kriminellere Dinge als die unbefugte Ausübung des Kleidermachergewerbes. Nimmt man hiezu noch die Gerichtssaalberichte der Blätter, in denen es von arischen Mördern, Betrügern, Blutschändern usw. wimmelt, so staunt man über den Mut, mit dom die arische Presse sich für die jüdischen unbefugten Kleidermaoher interessiert. Man kann natürlich N.ifht von einer besonderen arischen K. .ui, ’Alität sprechen und wir Juden lehnen eiftö Pausohalbeschuldigung ab. Aber wir weisen auf die arischen Rechtsbrecher hin und wir heben hervor, daß solche Erscheinungen, die sich bei allen Völkern finden, nichts mit Herkunft und der Seßhaftigkeit zu tun haben. Die Bodenständigkeit, von der so viel geredet wird, könnten eher die Juden, die schon zur Zeit der Kelten und Römer in Österreich lebten, für sich in Anspruch nehmen, gegenüber den aus dem Ausland zugereisten Schriftleitern und gegenüber den aus dem Dritten Reich alimentierten Tintenklecksern.. Was ist das überhaupt, Bodenständigkeit? Wann beginnt sie, wer bestimmt sie, wen umfaßt sie? Solche Fragen erhoben sich, wenn man zum Beispiel in der „Innsbrucker Zeitung“ vom 15. d. eine „Stimme angestammten Tirolextums“ vernimmt, die sich darüber beschwert, daß es noch kein bodenständiges tirolisohes Landeskommaudo der Frontmiliz gibt. Das „angestammte Tirolertum kommt an den Stellen maßgebenden Einflusses nicht zur Geltung*. Der Artikel, den ein wackerer Mann aus Matrei a. Br. sich vom Herzen geschrieben hat, schließt folgendermaßen: „Es lebe die Frontmiliz und die Vaterländische Front der Tiroler!“ Das Wort Tiroler ist gesperrt gedruckt. Wais ist also Bodenständigkeit? * * * Herr Professor C z e r m a k, , ehemals .Untemchteminißtor und Vorsitzender der ohristlichsozialen Partei, hat seinen Judenvortrag diesmal den Währingern vorgesetzt. Er hat seine Betrachtungen aktuell auffrisiert und sich auch mit den Vorgängen im Bolschewismus beschäftigt. Herr Czermak wiederholt in seiner Rede die Behauptung, daß die Juden selbst zugebeu, daß nach dem Umsturz 90 Prozent der österreichischen Juden im roten Lager standen. Die Juden haben das niemals zugegeben und der Anteil der Sozialdemokraten an jüdischen Stimmen hat niemals diese Höhe erreicht. Wohl aber haben über 50 Prozent der JViener christlichen Bevölkerung sozialdemokratisch gewählt. Die Herren, die gegenwärtig an der Verbreitung der bolsobewikißohen Psychose arbeiten, tun so, also ob nur Juden sozialdemokratisch gesinnt seien. Man muß deshalb daran erinnern, daß bei den letzten Nationalratswahlen in ganz Österreich 41.2 Prozent sozialdemokratische Stimmen (gegen 35 Prozent Christliobsoziale, 12 Prozent Schoberblock, 6 Prozent Heimatbloek und 5.3 Prozent andere) abgegeben worden sind. Es hat also fast die Hälfte der österreichischen Wähler sozialdemokratisch gewählt. In Wien standen bei der letzten Gemeinderatswahl 682.000 Sozialdemokraten den 233.622 Ohristlichsozialen und 200.000 Hakenkreuzlern gegenüber. Die Zahl der Juden beträgt kaum 180.000, von denen etwa 15.000 an den Wahlen teilgenomraen halben. Und von diesen hat, soweit sich dies erkennen läßt, etwa ein Drittel fiir die Ratbauspartei gestimmt. Diese Feststellung wird allerdings nichts nützen, Herr Czermak wird weiter bei seinen 90 Prozent bleiben. Daß ein kommunistischer Jude, wie Czermak behauptet, geäußert hätte, der Kommunismus bringe die Verwirklichung der Mes&iashoffnungen des jüdischen Volkes, glauben wir insolango nicht, als nicht Herr Czermak den Namen dieses Kommunisten nennt und die Umstände bezeichnet, unter denen diese Äußerung gefallen sein soll. Herr Czermak teilt auch mit, daß Trotzki an 5000 New-Yorker Juden die Mitteilung ergehen ließ, daß mit dem Sieg des spanischen Faezismus Stalins Ende gekommen sei: Woher weiß das Herr Czermak? Wann waren diese 5000 Juden beisammen? Er erzählt ferner, daß im Ansturm gegen die abendländische christliche Kultur, „sie alle“ einig sind, gegen eine Kultur also, die nach Czermak bisher unter jüdischer Führung gestanden ist, über dio das christliche Volk schwer enttäuscht ist. Herr Czermak müßto außer den Fragen nach dem jüdischen Kommunisten und nach den 500 New-Yorker Juden auch noch die beantworten, welche christlichen Kulturagenden von Juden geführt worden sind und welche den jüdischen Machthabern eigentümliche Methoden ausgemerzt werden sollen. Er wird aber diese Fragen nicht beantworten, zumal sie einige Sachkenntnis voraussetze«. Über Juden kann jeder reden und tut es. Auf diesem Gebiet ist jeder „Sachverständiger“ und kommt mit dem fertigen Urteil schon auf die Welt. Das ist praktisch, weil ma« nur mit solcher Methode die Unbekümmertheit aufbringen kann, den Kampf um die Posten und um das Stüokche« Brot weltanschaulich zu kaschieren und sich auf den Bolschewismus zu berufen, dessen inneren Kämpfe als „Kampf unter den bolschewistischen Juden“ hiingestellt werden, gegen deren Ansturm auf die christliche Kultur der gewesene Minister gerne den Kreuzzug predigen wollte. Denn was anderes ist doch die Zitierung des Kampfes gegen den Islam nicht! Herr Czermak ißt immerhin so gnädig, den Juden das Recht zu zu bi lügen, um jeden Posten zu kämpfen, aber er verwehrt ihnen das Recht auf den Posten, und so würde ihr Kampf aussichtslos werden, wenn der Run der gar so loyalen und bodenständigen Czermakisten sich durchsetzen würde. Und um diese Wirkung vor allem ist es ihnen zu tun, um die Aushungerung der Juden und die Aufrichtung eines Ghettokerkers. Rückgang der jüdischen Bevölkerung von Budapest Budapest, 18. Februar. (JTA.) Im Rahmen des sozialen Lehrkurses der Pester Kulturgemoinde teilte Gemeinde-Generalsekretär Alexander Eppler unter anderem mit: Der prozentuale Anteil der Juden Budapests a.n der Gesamtbevölkerung ist von 1900 bis 1930 von 23'6 auf 20'3 zurückgegangen. Während bei den übrigen Glaubensgemeinschaften die Zahl der Geburten seit 1900 nur um 27 Prozent zuriickgegaugftn ist, beträgt die Verringerung bei den Juden 65 Prozent. Während bei den nichtjüdischen Glaubensgemeinschaften der Zuzug in die Hauptstadt um 27 Prozent zngenommen bat, hat der der Juden um 9 Prozent abgenommen, weil aus der Provinz immer weniger, aus dem Auslande überhaupt keine Juden mehr nach Budapest übers Ledeln. Massentaufen Budapest, 18. Februar. (JTA.) „Egyenlöseg“ bringt einen aufsehenerregenden Artikel: „Die fürchterliche Welle der Übertritte in Budapest.“ Danach sind im Jahre 1936 in Budapest 1074 (921 in Pest, 153 in Ofen) Übertritte erfolgt. Fast ohne Ausnahme werden als Grund für die Taufe „materieller Vorteil“, „Anstellung“, „Erlangung einer Position“ usw. angeführt. Die Katastrophe der polnischen Juden Der Staat ist verantwortlich! Warschau, 19. Februar. (JTA.) In den beiden letzten Sitzungen des polnischen Sejm nahmen die jüdischen Deputierten Rabbiner Rubinstein und Dr. Sommerstein zum Staatsbudget Stellung und entrollten ein Bild von der verzweifelten Lage der polnischen Judenheit. Rabbiner Rubinstein führte aus: Die jüdische Bevölkerung vegetiert in einer unerhörte« und mit Worten gar nicht zu schildernden Not. Die staatlichen, städtischen und sozialamtlichen Arbeitsstätten sind vor den Juden wie mit sieben Schlössern verschlossen. Gegen die jüdischen Läden und Marktstellem mobilisieren die Pogromhelden eine förmliche Schlacht, die Angreifer sind mit Revolvern, Flinten, Bomben und Handgranaten bewaffnet. Am schlimmsten jedoch wirkt sich die „friedliche“ Ausstoßung der Juden aus allen Gebieten von Arbeit und Erwerb aus. Der Staat selbst stellt den Juden eine Konkurrenz unter ungleichen Bedingungen entgegen. Während man die Juden aus ihren Arbeitspositionen verdrängt, verschafft man ihren Konkurrenten allerlei Privilegien, wie Steuernachlässe und Kreditgewährung. Gegen die Juden aber wird die Steuerschraube unbarmherzig angesetzt, jüdischen Handwerkern und Unternehmern wird jede Art öffentlichen Kredits verweigert. Dazu tritt ein u n g eheuerlicher Boykott-Terror. Jetzt tritt etwas Neues hinzu: Man zwingt nicht allein christliche, sondern auch jüdische Unternehmer, jüdische Arbeiter und Angestellte zu entlassen. Dr. Sommerstein führte aus, die Juden seien heute ein Objekt der Verfolgung auch durch das polnische Gerichtswesen. Gegenüber der jüdischen Bevölkerung hört die psychische Unabhängigkeit der Richter auf. Die Urteile richten sich nach der Religion des Angeklagten. „Ich lasse massieren!“ mich mit Diana-Franzbranntwein —„Warum gerade mit Diana-Franzbranntwein?“—Weil ich mich überzeugt habe, daß nur Massage mit Diana1 solche Schmerzen lindert, welche von Ueberanstrengung und schwerer Arbeit herrübren. Eben darum kaufe ich nur CLTLCL FRÄNZBRÄNNTWEIN mifMENTHOl Histadruth ruft zur zionistischen Sammlung Tel-Aviv, 18. Februar. (JTA.) Die vor kurzem in Tel-Aviv abgehaltene 35. Jahreskonferenz der Histadruth Haowdim, hat gegen die Stimmen der Itzhaki-Abramovitz- Gruppe der linken Poale Zion eine Resolution angenommen, in der die Jewish Agency zu den Aussagen ihrer Vertreter vor der Königlichen Kommission beglückwünscht wird. In einer weiteren Entschließung wird der heroischen Haltung Anerkennung gezollt, die die Arbeiterschaft und die gesamte Bevölkerung während der Unruhen bewahrt hat. Protest erhoben wurde gegen die schwankende Haltung der Regierung angesichts der arabischen Agitation, eine Haltung, _ durch die die Stellung des Obersten Arabischen Ausschusses gestärkt worden sei; ferner wurde protestiert gegen das Amt der Oberstaatsanwaltsohaft, das als ein Instrument benutzt worden sei, um das Gesetz unwirksam zu machen, sowie gegen die Begrenzung der Zahl von Juden in der Polizeitruppe. Der Hauptrat richtete an die Juden den Appell, sich uan die Zionistische Organisation zu scharen, und forderte die werktätige Bevölkerung Englands auf, die zionistischen Anstrengungen zu unterstützen. miiwiiimiiimimiiiimimimimiimHiimmMmiimmmijmimmimimHiimimmmiimiiimiiiiiin Alexander Kipnis, der große Bassist der Wiener Staatsoper, der wiederholt in Konzerten vor dem besten jüdischen Publikum mit sensationellen Erfolgen gesungen hat, gibt Über Einladung der Konzertdirektion Dr. Hohenberg am 24. d. einen Arien- und Liederabend im Mozartsaal des Konzerthauses. Der Künstler wird Arien von Bach, Verdi, Moussorgsky, Gesänge von Brahms und Grieg, sowie eine Gruppe russischer Volkslieder singen. Die Begleitung bat Rudolf Schwarz inne. Karten sind an der Konzertkasse Dr. Hohenberg, I., Operagebäude, sowie an der Konzerthauskasse erhältlich. Sechzig Verletzte in Tiberias Tiberias, 20. Februar. Die United Press meldet: In der Nähe von Tiberias kam ee gestern zu schweren arabisch-jüdischen Zusammenstößen, in deren Verlauf dreißig Araber und dreißig Juden sowie ein palästinensischer und zwei britische Polizisten verletzt wurden. Den Anlaß zu dem Zusammenstoß bildete ein Aufmarsch der Revisionisten, die von Tiberias aus den See entlang zu der in der Nähe gelegenen jüdischen Siedlung T e 1 - C h a i zogen, um, wie es die Revisionisten und Zionisten alljährlich tun, zu dem Grab Trumpeldors zu wallfahren. Eine Schar arabischer Jungen begann bei dem Anblick der jüdischen Prozession zu johlen und sie mit Steinen zu bewerfen. Die Juden antworteten mit der gleichen Waffe. Die eingreifenden Polizisten konnten zunächst nichts ausrichten. Sie mußten vou ihrer Schußwaffe Gebrauch machen*

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.