Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 621 (19.2.1937)
- Date
- 1937-02-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Salt« Oll ITtMMI Wien, Freitag, 19. Februar 1987. — Nr. 621. Anny Diamant WIM l!. Br. Kalman Singer Wien II, Verlobt« Februar 1937 nichts. Nichtorganisierte werden nicht beschäftigt. Vom Hafenbau in Tel-Aviv, dem Werk, an dem das Herz des jüdischen Volkes hängt, mußten 50 Jugendliche entlassen werden, weil sie nicht in der Histadruth organisiert sind. Die Chaluzim der Allgemeinen Zionisten, die doch ebenso gut Pioniere sind wie die sozialistischen, finden keine Arbeit und werden — wie im Fall des Wiener Kibbuz von der Arbeitsstätte vertrieben oder weggeekelt. Dabei ist nicht einmal der sonst gebrauchte Vorwand angängig, daß es sich um Lohndrücker handelt. Denn die jungen Leute, die so zurückgewiesen werden, kommen gar nicht dazu, die Lohnfrage aufzuwerfen. Natürlich gibt es auch Leute, die sich mit einem derartigen Zwang nicht abfinden wollen, und so ist es in den letzten Wochen wiederholt zu Schlägereien und Raufereien gekommen. Das vorläufige Ende war, daß die Polizei, die englische nämlich, eingriff und nach ihrer Methode mit dem Gummiknttttel die äußerliche Ruhe wieder herstellte. Es ist schon auf mehreren Kongressen versucht worden, einen Ausgleich zu finden, und die Allgemeinen Zionisten haben eine Ordnung in der Frage der Arbeitsämter und der Arbeitsvermittlung angestrebt. Auf ihren Vorschlag wurde beim letzten Kongreß eine Kommission zur Lösung dieser Frage eingesetzt. Aber schon in der dem Kongreß in Zürich folgenden Sitzung des Aktionskomitees haben die Vertreter der Histadruth einen Beschluß verhindert und die Sache verschleppt. Man steht wieder vor der Tatsache, daß im jüdischen Palästina junge jüdische Arbeiter keine Beschäftigung finden, wenn sie charaktervoll und ehrlich ...bei ihrer Meinung bleiben wollen. Das-ist nicht Organisation* sondern einfach Mißbrauch der Macht, ausgeübt an Opfern eines anderen Machtmißbrauches. Wenn in Europa ein Jude, um Arbeit zu finden oder ungestört seinen Beruf auszuüben, aus dem Judentum austritfc, so empfinden wir alle dies als Desertion .und Charakterlosigkeit. Wie soll man also das Verhalten der Leitung der Histadruth nennen, die in Palästina regiert und die Verantwortung trägt? Sie will, gestützt auf ihre ziffernmäßige Stärke, ihre Hegemonie dazu benützen, den Arbeitsmarkt zu hundert Prozent zu beherrschen. Das ist genau das. was die sozialdemokratische Partei in Österreich getan hat, der es nicht um soziale Besserung, sondern um die politische Macht zu tun war. Sie wurde schließlich von den Arbeitern verlassen. Will die Histadruth es erzielen, daß sich das nichtsozialdemokratische Judentum der Diaspora etwa eines Tages von der Tätigkeit für Palästina zurückzieht? Will sie etwa den Zustand verewigen, daß immer der englische Polizist — es kann auch der arabische sein — die letzte Entscheidung in innerjüdischen Konflikten an sich zieht? Nichts von dem wollen wir. Im Gegenteil. Kein Teil des Volkes, keine Klasse, kein Stand darf von der Aufbauarbeit ausgeschlossen werden. Wir mißbilligen daher entschieden jeden Klassenkampf und überhaupt jede Gewalttätigkeit, sowohl die der Histadruth als auch die der Revisionisten. Der revisionistische Überfall auf das Gebäude der Exekutive kann nicht entschuldigt werden, ebensowenig aber der Terror der Histadruth. Palästina ist, wie Ben Gurion gesagt hat, die Sache des ganzen Volkes. Der Jude, der in der Diaspora unter Haß und Arbeitslosigkeit zu leiden hat, sucht im Zionismus die Bewegung, die ihm Hoffnung auf Land, auf Arbeit, auf Freiheit bringt. Die englische Regierung hat durch das System der Zertifikate und durch die berühmte Berufung auf die Aufnahmsfähigkeit des Arbeitsmarktes eine sehr wesentliche und fühlbare Beeinträchtigung dieser Hoffnungen vorgenoramen. Wenn nun so ein junger jüdischer Enthusiast mit Mühe und Not sein Zertifikat erlangt hat, dann pflanzt sich vor ihm der Funktionär der Histadruth auf, der Engel mit dem flammenden Schwert, der die Parteilegitimation verlangt. Das ist kein Zionismus mehr. Das ist das, wovon die antijüdische Agitation der Araber lebt, woraus die Mißgunst der Mandatsmacht immer neue Vorwände zieht. Der innere Kampf muß ein Ende finden. Das Übel muß an der Wurzel gepackt werden. Die Regelung der Arbeitsbeziehungen ist zumindest so lebenswichtig wie die Araberfrage oder die Königliche Kommission. Die Lösung kann nicht von links und nicht von rechts, sondern nur durch die Allgemeinen Zionisten im Sinne des volksversöhnenden Krakauer Programmes erfolgen, und sie muß rasch erfolgen, bevor es zu schweren innerzionistischen Erschütterungen kommt. liiMPURIHBm Samstag, 2P.Februar, in den FtsisäM des Hotel Metropole, Morzimlatz Zum Tanz spielt das Jazzorcbester Elite Klddies - Mitte mach tsakadem?«; los« Kanla (Tenors Kurt Brüh und Purim-Revue ■ Barstüberl, Juxbasar Reichhaltige Gewinste, Haupttreffer 1 Freibillet Triest—Haifa-Triest. Tour.-Klasse, gespendet von „Adriatica“ Schiffabrtsges. Venedig, per procura Lloyd Triestino, I., Kärntnerring 8 Karlen im Club Erez Israel, II., PralerstraBe 18, und im Zionistischen Landeskomitee, I., Maro-Aurel-StraBe ft. ... und wir schlafen ruhig B. H. Es weigert sich der Verstamd, es weigert sich das Herz, alles das zu glauben, was über die grauenhaften Leiden der Juden in Polen gemeldet wird. Man kann nicht glauben, daß Menschen so verwildern können, wie das in Polen geschehen ist. Man kann nicht glauben, daß der Starke sich nicht schämt, seine Kraft, statt sie auf Arbeit und Aufbau zu verwenden, an dem Schwächsten der Schwachen zu messen. Man kann nicht glauben, daß Menschen so unvernünftig sein können, von der Vernichtung des Schwachen für sich einen Vorteil zu erwarten. Man kann nicht glauben, daß Erfahrungen vieler Jahrhunderte, die bewiesen haben, daß mit Enteignung, Austreibung und Ausrottung der Juden nichts zu erreichen ist, auch heute noch immer nicht gelten sollen. Man kann es nicht glauben und muß es doch glauben. Die Quellen, aus denen die Nachrichten kommen, sind einwandfrei, aber es bemüht sich auch niemand in Polen, die Wahrheit der Nachrichten, auch nicht der grausigsten, zu bestreiten. Es wird im Warschauer Parlament über die Dinge debattiert. Die jüdischen Abgeordneten bringen ihre Informationen vor — und die andere Seite bestreitet nichta, sie bestätigt höhnisch, worüber die Juden klagen. „Was ist schon ein Jude?“ hat jüngst ein Pole einem Juden zugerufen. Das ist alles, was sie zu erwidern haben. Polnische Blätter bringen, in spöttische Kommentare gekleidet, Statistiken über den Fortgang der Judenvernichtung. In dieser Stadt wurden so viel, in jener Stadt so viel jüdische Werkstätten, Geschäfte oder Marktbuden unter dem Druck des Pogroms und des Boykotts aufgelassen, von da sind 50, von dort 150 Juden fortgezogen, weil sie in ihrer Stadt nicht mehr leben konnten, weil sie nichts zu essen batten oder ihr Leben nicht sicher war, in einer Großstadt erkrankten die entkräfteten Juden zu Hunderten, Epidemien breiten sich im Ghetto a us... Durch alle Schichten des polnischen Volkes geht die Welle des brutalen Judenhasses. Es verfolgt den Juden der Bauer, es verfolgt ihn der städtische Kleinbürger, es exzedieren die Studenten an den Universitäten gegen ihre jüdischen Kommilitonen, es neiiden die polnischen Ärzte und Anwälte ihren jüdischen Berufsgenossen das Stückchen Brot, das ihnen noch geblieben ist. Es geht gegen alle dreieinhalb Millionen Juden, die in Polen wohnen. * Man will es nicht glauben und muß es glauben. Es ist alles grauenhafte Wahrheit. Es ist Wahrheit am Ende dos dritten Jahrzehnts des zwanzigsten Jahrhunderts, was man schwer glauben kann, wenn man es ln Chroniken längstvergangener Jahrhunderte lieet. Es ist wahr, daß das alles geschieht, es ist aber noch etwas wahr: Die Welt sieht untätig und teilnahmslos den Ereignissen zu — soweit sie überhaupt wenigstens zu-, sieht und nicht einfach die Augen schließt vor dem, was geschieht. Meist wählt sie diese, die bequemere Methode. Man lese die Zeitungen: Kaum ein Wort wissen sie zu melden über die Vorgänge in Polen. Die Zeitungen, die sich sonst hungrig auf jede Mordsensation stürzen, sind uninteressiert an dem kollektiven Mord, der in Polen geschieht. Es mordet jemand in Brünn, es mordet jemand in Paris, in Belgrad: spaltenlange Berichte vermitteln dem Leser alle Einzelheiten der Tat. Die Blätter brauchen die Sensation, weil sie das Publikum brauchen. Aber das Leiden der Juden in Polen ist für sie nicht einmal Sensation. Denkt man vielleicht auch in den Redaktionen so, wie das der polnische Sejm-Abgeordnete klassisch in dem einen Satz ausgedrückt hat: „Was ist schon ein Jude?“ Es schweigen die Zeitungen, es schweigen auch die Staatsmänner. Der Völkerbund rührt sich nicht und die Minister, die doch wahrhaftig geanug redselig sind und viel zu klagen wissen über das und jenes, was der Nachbar treibt, vergessen, die Juden Polens auch nur zu erwähnen. Eine einzige rühmliche Ausnahme machen die Vereinigten Staaten. Dort hat man aus der Entfernung von Tausenden von Kilometern bemerkt, was andere, vor deren Augen es geschieht, geflissentlich übersehen. Amerika protestiert, es protestiert die Gesellschaft und es prote- M A N SITZT gemüUich UND ISST die besten BACKEREIEN IN DER KONDITOREI I 2 S Ä K WIPPLJNGERSTRASSE I3> stieren Amerikas Staatsmänner und Politiker. Ist Amerika, sind die Vereinigten Staaten der letzte Zufluchtsort von Menschlichkeit und Gesittung geworden? Wird die Stimme Amerikas allein genügen, daß das Unrecht aufhöre? * Wird es, so muß man vor allem fragen, etwas für die Juden Polens ausrichten, wenn die Juden Europas teilnahmslos bleiben?' Man hat sich ln Empörung vereinigt, als die Barbarei in Deutschland ausbraoh. Es gab gegen Hitler eine jüdische öffentliche Meinung und es gibt sie noch heute. Man hat in den Tempeln für die deutschen Juden gebetet, man hat Geld für sie gesammelt, man ist ihnen zu Hilfe gekommen, wie man konnte. Die jüdische Empörung hat auch die Umwelt aufgerüttelt, soweit sich diese Umwelt in jüdischen Dhsren überhaupt aufrütteln läßt. Aber von den Juden Polens spricht man kaum. Wer keine _ der jüdischen Zeitungen liest, weiß gar nicht, was dort vorgeht. In Polen sterben die Juden und wir schlafen ruhig. Das ist beschämend und das darf nicht sein. Es ist wahr, die Juden sind auch anderwärts bedrängt, es ist wahr, das Morgen ist für uns alle unsicher geworden. Aber das rechtfertigt nicht die Teilnahmslosigkeit denen gegenüber, die schon kein Heute haben. Wollen wir warten, bis die Katastrophe ganz akut wird, bis sich ein Strom von Hunderttausenden polnischer Flüchtlinge über die Länder ergießen wird? Es ist ein schwerer Fehler jüdischer Politik, daß sie immer erst dann eingreift, wenn schon schwerer Schaden geschehen ist. Für präventives Vorgehen haben wir keinen Sinn. Die Wiedergut-, machung des angerichteten Schadens erfordert dann hundertfache Energien und hundertfache Geldmittel. Die jüdische öffentliche Meinung aller Länder muß für die leidenden Millionen der Juden Polens mobilisiert werden. Es tue das jeder in seinem Bereich. Man fange damit an, daß man bei Gottesdiensten und bei allen Zusammenkünften von Juden der Unglücklichen in Polen gedenkt, damit alle Juden immer und immer wieder daran erinnert werden, was dort drüben geschieht. Man lasse die Juden nicht schlafen, man rüttle ihr Gewissen immer und immer wieder auf. Die, deren Beruf es ist, organisierend und durch die Tat einzugreifen, haben die so geschaffene öffentliche Meinung in wirkliche Hilfeleistung umzusetzen. Es ist schwer, man ha,t mit sich selbst sehr viel zu tun, aber wir müssen auch noch diese Kraft' aufbringen. Wer Unrecht untätig geschehen läßt, macht sich mitschuldig am Unrecht. Für das Schicksal der dreieinhalb Millionen Juden Polens werden alle Juden der Welt mitverantwortlich sein. Wer wagt es, diese Verantwortung auf sich zu nehmen? Es muß geholfen w-erden — und weil es nicht so bleiben darf, weil geholfen werden muß, wird man auch helfen können. Hugo Meist, Oesterreichs Sport-Botschafter Der unersetzliche Verlust, den die österreichische Sportbewegung durch den Tod Hugo Meiels erlitten bat, wird in seiner Gänze erst nach Jahren fühlbar werden. Die Großmachtstellung Österreichs als Sportland ist das alleinige Werk Meiste, deT mit unbeirrbarem Fanatismus den Fußballsport von seinen kleinen Anfängen bis zur heutigen Bedeutung hinaufgeführt hat. Meisl, der einer jüdischen Familie aus Maleschau in Böhmen entstammt, war ein Mann mit vielen Talenten. Es gab nur wenige europäische Sprachen, die er nicht in Wort und Schrift beherrscht hätte. Seine internationale Geltung, sein Ruf in allen Weltteilen und seine Popularität in Österreich, die er nicht nur in Sportkreisen genoß, haben ihn zum anerkannten führenden Kopf in der gesamten Fußballbewegung gemacht. Meisls Bedeutung und Talent wurden nicht nur den österreichischen Sportlern wertvoll, bei jedem größeren internationalen Konflikt wurde er als Experte berufen und bei allen Sportkonferenzen war Meisl als Vertreter Österreichs dazu berufen, das letzte entscheidende Wort zu sprechen. Er hat den österreichischen Fußball zu einem Begriff in der ganzen Welt gemacht. Es fehlte nicht an Versuchen des Auslandes, die wertvolle Arbeitskraft Meiste zu gewinnen. so bekam er vor Jahren einen Antrag aus England, eine führende Position im britischen Sportleben zu übernehmen, auch die Tschechoslowakei bat eine Berufung an Hugo Meisl gerichtet. Er sollte in der tschechoslowakischen Fremdenverkebrswerbung eine leitende Stellung übernehmen. Meisl hat aber nie daran gedacht, Österreich zu verlassen, im Gegenteil, gerade in der letzten Zeit, da die Nöten des Fußbailsports immer größer wurden, hat er seine Arbeitskraft zum Wohl des österreichischen Sports noch verdoppelt. Meisl war ein Mann von Format, ein blendender Redner und Journalist, der es verstand, auch jene Kreise, die dem Fußballsport gleichgültig, ja ablehnend gegenüiberstanden, zu gewinnen. Die Frage seiner Nachfolge ist heute noch ganz ungeklärt. In seiner internationalen Tätigkeit ist er überhaupt nicht zu ersetzen. Was die Nachfolge im österreichischen Fußballbund, ln dem er als Vorstandsmitglied, Generalsekretär und Bundeßlkapitän tätig war, betrifft, ist daran gedacht, seine Agenden zu teilen. Man wird allerdings nur schwer die geeigneten Persönlichkeiten finden. Der berufendste Nachfolger Hugo Meiste wäre vielleicht sein Bruder, Dr. Willy Meisl, ein prominenter Sportsmann, der vor vielen Jahren bei den „Amateuren“ einer der besten Wiener Torleute war und sich dann auch administrativ mit großem Erfolg betätigte. Später ging Dr. Meisl zum Journalismus über und war viele Jahre hindurch in leitender Stellung bei der „Vosaischen Zeitung“ in Berlin tätig. Derzeit wirkt er als Generalsekretär des Welt-Makkahi-Verbandes ln London. Das Leichenbegängnis Hugo Meiste findet am Sonntag, um U Uhr, im Zentralfriedhof, IV. Tor, statt. In Anbetracht seiner Verdienste erfolgt die Bestattung in oinem von der Israelitischen Kultusgemeinde gewidmeten Ehrengrab. uri'mfeier der jüdischen und zionistischen Organisationen Hietzings Sonntag, den 28. Februar 1937, halb 9 Uhr abends in Hübners Parkhotel Sdiünbrunn. Akademie mit anschließendem Tanz, Tombola usw. Erstrangige Kunstkrafte. Jazzkapelle Bert Sllvfng, Karten im Vorverkauf S 3’- (an der Abendkassa S 3*50) bei B. Pasternak, XIII., Nisselgasse Nr. 8 (Telephon A 50-8-12), Hermann Roth, XIII., Lainzerstraße Nr. 84 (Telephon A 50-3-90) M