Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 619 (12.2.1937)
- Date
- 1937-02-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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S»?!« 4 Oll STIMMI Wion, Freitag, 12. Februar 1937. — Nr. 619. Identitätspapiere für deutsche Flüchtlinge Seit, einiger Zeit ist unter den Deutschlandemigranten das irrige Gerücht verbreitet, daß der Völkerbund nunmehr für sie sogenannte „Haasson-Piisse“ ausstellt, auf Grund deren sie berechtigt wären, in eine große Anzahl von Ländern, angeblich in 28, frei einzureisen. Dieses Gerücht ist in jeder Hinsicht unzutreffend. Hansson??t wohl der aus Norwegen stammende derzeitige Leiter des sogenannten „Nansenamtes“, das in den meisten Staaten offizielle Vertretungen besitzt. Die von diesen Vertretungen aus-gegebenen Pässe heißen nach wie vor ..Nansen-Pässe“, werden jedoch ausschließlich an russische, syrische und seit, einiger Zeit auch an Flüchtlinge aus dem Saargebiet unter gewissen Bestimmungen ausgegeben, jedoch nicht an Emigranten aus dem Deutschen Reiche. Für Deutschlandemigranten besteht ein eigenes Hochkommissariat beim Völkerbund, das jedoch keine Pässe ausgibt. Hingegen haben einige Staaten, und zwar bisher Belgien, England. Dänemark, Frankreich und Norwegen ein am 4. Juli 1936 in Genf beschlossenes Abkommen ratifiziert, auf Grund dessen diese Staaten an Deutschlandflüchtlinge Identitätezeugnisse ausstellen. Dies gilt aber nur für jene Emigranten, die bereits zu einem bestimmten Termin im Jahre 1936 (beispielsweise in Frankreich am 5. August) in dem betreffenden Lande ansässig waren, nicht aber für Neuzureisende. Der Inhaber dieses Identitätszeugnisses kann sich frei auf dem Territorium des betreffenden Staates bewegen und nach erfolgter Ausreise wieder in jeneu Staat zurückkehren, der das Zeugnis ausgestellt hat. Die Einreise in andere Staaten ist auf Grund dieses Papiers nur dann möglich, wenn das Einreiseland — mag. es auch dem Abkommen vom 4. Juli 1936 beigetreten sein. — ein Visum erteilt hat. Es sei noch bemerkt, daß die Schweiz und die Tschechoslowakei das Abkommen vom 4, Juli 1936 unterzeichnet, aber noch nicht ratifiziert haben. Der Ring der zionistischen A. H.- Verbände für die Universität in Jerusalem Der hebräischen Universität in Jerusalem kommt für den Aufbau des jüdischen Palästina entscheidende Bedeutung zu. Sie hat die Funktion übernommen, alle wissenschaftlichen Forschungsarbeiten bezüglich Bodenbeschaffenheit, Fauna, Flora, Klima, landwirtschaftliche Möglichkeiten, Hygiene der Bevölkerung usw. durchzuführen. Sie nimmt in bezug auf die geisteswissenschaftliche Forschung — Judaistik, Orientalistik — in der Welt eine zentrale Stellung ein und ihr obliegt es vor allem, Musterschulen zu schaffen, in denen der kommende Lehrerstand des Landes vorzügliche Beispiele für die erwünschte ethisch-intellektuelle Erziehung der Jugend finden wird. ln Anbetracht der hohen Wichtigkeit dieses Instituts hat der Fing der A. TI.-Verbände als die bedeutendste zionistische akademische Vereinigung Österreichs im Anschluß an einen informativen Vortrag des Dozenten Dr. Grau (Jerusalem) und über Initiative seines Prä sidenten Dr. Moriz Bar nik beschlossen seine Mitglieder zugunsten dieser Universität durch eine jährliche Pflichtumlage zu besteuern, Der Bing erwartet,- daß die jüdische Akademikerschaft in aller Welt die Lebenswichtigkeit der hebräischen Universität erkennt und zu ihrer Fortenticickhmg beiträgt. Sektion und WIko HarlahHf-Neubau Gelber Saal d. Hotel Miinchnerhof, Marlahllferstr. 81 Donnerstag, 18. Feber 1937, halb 9 Uhr abends DR. OSKAR QRONSAUM t Präs. d. Zionistischen Landesverbandes f. Oesterreich: „Aktuelle Jüdische u. zionistische Probleme“ Josef Kastein spricht zur jüdischen Jugend Der Jüdische Turn- und Sportverband hatte die jüdische Jugend Wiens am 9. Februar 1937 im Großem Musikvoreinssaal zu einem Vortrag von Prof. Dr. Josof Kastein eingeladen. In seiner Begrüßungsansprache wies der Präsident des Makkabi-österreich Doktor Otto L i f c z i s auf das Ziel der Makkabi- Bewegung hin, die bestrebt sei, die jüdische Jugend . zu einem tapferen, ordentlichen, disziplinierten jüdischen Geschlecht heranzuziehen. Sodann ergriff Josef Kastein, begeistert begrüßt, das Wort. Was ist der Erbe der jüdischen Jugend und was ihre Aufgaben für die Zukunft? Völker müssen immer einem Ziele leb ein. Im Hintergründe steht bei uns intimer der messianische Erlösungsgedanke. Der Redner setzte sich mit dem Judentum und dem Sozialismus auseinander. Dies sei ein Problem, führte er aus, daß die heutige Jugend besonders .beschäftige. Daß Wichtigste sei, daß die Jugend imstande wäre, ein richtiges soziales Verhalten zu erzeugen, denn Sozialismus kann nur in einer durchgeformten Gemeinschaft bestehen. Sozialismus sei kein Ersatz für Judentum. Unsere Stellung sei zweifach umschrieben in der Welt, erstens durch das, was wir wollen, zweitens durch das, was wir müssen. Lernen ist die jüdische Waffe der Jahrhunderte, aber mit einem Kopf voll angelernter Dinge steht man in einem luftleeren Raum. Das Lernen muß Herzensbedürfnis sein und alles Lernen muß in unser Inneres dringen. Wer lernt, soll Jüdisches lernen, wer Sport treibt, möge ihn als Jude betreiben, wer Feste feiert, möge sie jüdisch feiern, alles müsse der Formung der jüdischen Gemeinschaft dienen, denn, die Juden von heute haben nicht die' Gewißheit, in den Ländern der Galuth ihr Brot zu verdienen. Bei uns kommt ee leider nicht mehr darauf an, was man kann, sondern was man uns zu tun erlaubt. Deshalb möge der junge Jude die Berufswahl zu seinem jüdischen Schicksal in Beziehung setzen. Die jüdische Jugend ist vor die Wahl gestellt: Will sie sich zum Judentum bekennen oder es verleugnen? Wer jetzt aus Achtlosigkeit und Trägheit am Judentum vorübergeht, wird nie mehr Anschluß finden und ist verloren. „W er nicht a in II a u s m i t a r b e i t o t, ist als Nutznießer der k ü n f t i g c n Wohn u n g s e li r u ne r w ii n s c h t.“ Die jüdische Jugend steht wieder in einem geschichtlichen Anfang, den sie mitformen darf, vorerst aber hat sie die Wahl, wohin sie sich entscheiden will. Antwortet mit der Tat oder schweigt aus Ohnmacht! Sucht euch Erfüllungen und jedes Opfer wird euch zum unendlichen Reichtum.“ Kastei ns Rede übte auf die junge Zuhörerschaft tiefe Wirkung. Atemlos hatte sie seinen Ausführungen gelauscht. Der Aufruf, mit dem er schloß, löste stürmische Beifallskundgebungen aus. Der Abend schloß mit der Absingung’ der Tikwah und einiger anderer hebräischer Lie- „Katastrophe von historischem Ausmaß" New York, 10. Februar. (JTA.) Die „New York Times“ veröffentlichen einen Bericht ihres polnischen Sonderkorrespondenten über die „Katastrophe von wahrhaft historischem Ausmaß“, die den fünf Millionen Juden in Polen, Lettland, Litauen, Ungarn und Rumänien drohe. Dio Juden dieser Länder stünden vor der Wahl zwischen einem vollständigen Exodus oder einem „langsamen Tod durch wirtschaftliche- Abwürgung“. Als Gründe für die Judennot. in den genannten Ländern führt der Sonderkorrespondent daß Anwachsen des Nationalismus, Übervölkerung und die ungesunde Wirtschaftsßtruktur der jüdischen Bevölkerung an. aus der. Hedi Zipser-Markheim. GROSSFLEISCHHAUEREI ZENTRALE iX„ BERGGASSE NUMMER 19 TEI.FPHONNUMMEW A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant lür Heilanstalten Abteilungen t. -v^-Fleiseh unter Aufsicht des Ehrwürdigen Rabbi nats der isiaelitischen Kultusgemeinde Wien Autozusteliung kostenlos, IX.,Berggasse 15, XVIII.,Währingerstraße 71 Restaurant Billet Bestrenommierte Küche Reichhaltige Menüs ä S V90 u.2a60 ll.,Hammerpurgstal!gasse3 (nächst Salztorbrücke) Helft einem Blinden nach * Erez Israel! Ein blinder Jude, noch jung, im Besitz eines Zertifikats, der auf Grund seiner Fertigkeiten in Erez Israel eine Existenz haben könnte, kann die lang ersehnte Reise nicht unternehmen, weil er bisher außerstande war, dio Reisekosten aufzubringen. Sein Zertifikat läuft bald ab und dann wird, wenn ihm uicht geholfen wird, seine einzige Lebenshoffnung zerstört. Er wendet sich auf diesem Wege an die jüdische Öffentlichkeit um Hilfe. Die Redaktion der „Stimme“ nimmt Spenden für ihn entgegen und erlegt sie zu seinen Gunsten im Palästina-Amt. * Von Frau Sidony Weiß sind für den blinden Zcrtifikatistcn S 10.— eingegangen. Ministerpräsident Skladkowski: Keine Änderung der Judenpolitik Polens Warschau, 8. Februar. (JTA.). Im Verlauf einer Debatte im polnischen Senat gab Ministerpräsident General Dr. Slawoj Skladkowski eine Erklärung ab, die vielfach auch als Antwort auf die Stellungnahme des American J e w i s h 0 o ng r e s s und der amerikanischen Gouverneure und Parlamentarier zur Judenfrago in Polen aufzufassen ist. Der Ministerpräsident sprach zunächst über die seinerzeit von nationaldemokratischen Studenten durchgeführte Blockade der Warschauer Universität und betonte, daß die Polizei seiner Meinung nach in diesem Fall durchaus pflichtgemäß vorgegangen sei. Die Zerstörungen, die von den nationaldemokratißohen Abenteurern angerichtet worden seien, erinnerten an die Zeiten des Mittelalters. Im übrigen hätten an der Blockade nicht nur Studenten, sondern auch gedungene Abenteurer teil* genommen, Arbeitslose, Arbeiter, Mittelschüler und Leute ohne Beruf. Gegen solche Exzesse müsse mit voller Strengo vorgegangen werden. Was die Judenfrage betreffe, fuhr der Ministerpräsident fort, so stimme er dem Senator Fürst R a d z i w i 11 darin zu, daß ihre Regelung durch Regierung und Gesellschaft erfolgen müsse. Es sei in der Tat keine leichte Sache. Die Regierung werde, sich in dieser Frage nicht durch den Druck einschüchtern 1-assen, der von ausländischen jüdischen Organisationen ausgeht. Wie Minister Beck bereits erklärt habe, beruhe das gesamte Judenproblem nicht auf Rassen- oder Religionshaß, sondern ausschließlich auf wirtschaftlichen Grundlagen. Es werde nichts damit gewonnen, wenn man gegen zehn jüdische Marktstände einen Pogrom veranstaltet, oder eine jüdische Frau verprügelt. Wir müssen, sagte der Ministerpräsident, alle Mittel anwendeu, um Ruhe und Ordnung zu sichern. Diese Methoden haben wir auch tatsächlich anläßlich der Ausschreitungen in der Wojwodschaft Bialystok zur Anwendung gebracht. Wir sind gegen die Organisatoren der judenfeindlichen Exzesse mit denselben Mitteln vorgegangen, die wir gegen die Organisatoren sonstiger Unruhen anwendeu. M: Die Antwort des Ministerpräsidenten geht also einfach darauf hinaus, daß Exzesse verhindert werden sollen, daß aber im übrigen nichts geändert wird. Was die Exzesse anbetrifft, so schreitet die Regierung gegen die Juden ein, die sieb verteidigen. Auf der anderen Seite läßt sie d3n wirtschaftlichen Pogrom und seinß Nutznießer sich weiter entwickeln. Anklage gegen Stadt rät e wegen Aufreizung zum Judenmord Warschau, 10. Februar (JTA.). Der Lodzer Staatsanwalt hat gegen zwei nationaldemokratische Führer Im Stadtrat, die bekannten Judenhetzer Adv. Kowalski und Advokat C z e r n 1 c k, wegen aufreizender Zwischenrufe, die sie bei der letzten Sitzung des Stadtrates gemacht haben, Anklage erhoben. Die beiden Stadtverordneten hatten ihrer Freude über die Ermordung Chaim Chelemers, des Sohnes des Vorsitzenden der agudistischen Ortsgruppe in Lodz, dadurch Ausdruck gegeben, daß sie riefen: „Bravo, wieder einmal ein Jude getötel!“ Falls die beiden Nationaldemokraten der Aufreizung zum Mord schuldig befunden werden, droht ihnen eine fünfjährige Gefängnisstrafe. Blutiger „Tag ohne Juden" Wilna, 10. Februar (JTA.). Ebenso wie vor kurzem in Warschau, veranstalteten die nationaldemokratischen Studenten am 9. Februar ln Wilna einen „Tag ohne Juden“, der einen blutigen Verlauf nahm. Die nationalistischen Studenten blockierten alle Eingänge zur Universität und ließen jüdische Studierende nicht durch. 50 jüdische Hochschüler wurden dabei mißhandelt und zum Tel! erheblich verletzt. Im Stiegenhaus eines Wohnhauses in Wilna, ln welchem sich die Wohnung und die Kanzlei des jüdischen Sejmdeputierten Rabb. Rubinstein beflnden, explodierte am Dienstag, 9, Februar, eine Höllenmaschine. Die Explosion demolierte das SUegenbaus und drückte sämtliche Fensterscheiben des Wohnhauses ein. Es kam niemand zu Schaden. Jerusalem, im Februar. Palästina-Regierung nimmt indische Hafenarbeiter Dio Leitung de« Zollamtes im Hafen von Haifa stellte über wiederholte Intervention der Jewish Agency 175 jüdische Lastträger ein. Da« wird als großer Erfolg angesehen, denn es sind die ersten jüdischen Hafenarbeiter, die in Regierungsdiensten etc-hen. Die 300 biß 400 jüdischen Arbeiter, die von früher her im Hafen beschäftigt sind, arbeiten im Aufträge privater jüdischer Finnen. Dabei ist zai bedenken, daß die Regierung täglich an die 2000 Arbeiter im Hafen beschäftigt, darunter aus „Ersparuugsrüeksiohten“ viele ITauranier und Ägypter. Kürzlich gab es Zusammenstöße zwischen jüdischen Arbeitern und Hauranicren, wobei eino Anzahl jüdischer Arbeiter von der Polizei verhaftet oder schwer mißhandelt wurde. „• Englische Polizisten bevorzugen Arabisch 15 englische Polizisten meldeten »ich zur Prüfung aus einer der Landessprachen, um in eine höhere Gehaltssufe zu gelangen. Dreizehn machten die Prüfung aus Arabisch und bloß zwei aus Hebräisch. Woche der hebräischen Sprache* Die letzte Jännerwoohe war ale „Woche der hebräischen Sprache“ proklamiert. Den Reigen der Veranstaltungen eröffnete ein Jugendtreffen im Hofe des Gymnasiums „Herzliah“ in Tcl-Av-iv am 23. Jänner, an welchem Jugenilverblinde von der äußersten Linken bis zum Retar teilnahmen. Am 3. Februar wiiircl in Ohel Schein von der „Brith Iwrith Olamith“ eine öffentliche „Gerichtsverhandlung“ gegen alle, die die hebräische Sprache und Kultur mißachten, veranstaltet. An,geklagt sind die jüdische Öffentlichkeit und die zionistischen Führer, zum Gerichtshof gehören u. a. Burla und Tsohemiohowski, zu dien Anklägern Sehoschanah Persitsoh. 75 Zentimeter Schnee Der Winter im Lande ist ungewöhnlich streng. Es stürmt und schneit, ln Hebron soll der Schnee nach Meldungen arabischer Zeitungen eine Höhe von 75 Zentimeter erreicht haben. Mehrere in Zelten kampierende Beduinen erfroren. Der Jordan führt große Wassormengen. In der Nähe der Mündung wurde jüngst ein Beduine von den Fluten erfaßt und konnte nur mit Mühe gerettet werden. Iin Hafen von Tel-Aviv konnte wegen des Sturmes einige Tage nicht gearbeitet werden. Die Niederschläge erreichten in Haifa bis zum 26. Jänner eino Höhe von 536.4 Millimeter. In Jerusalem bis zum 24. Jänner 418 Millimeter (gegenüber 117.5 Millimeter während des gleichen Zeitraumes im Vorjahr). In Petach Tikwer 615, in Tel- Aviv bis 25. Jänner 53G.4 Millimeter. Hungersnot in Transfordanlen Die in Damaskus erscheinende Zeitung „Alif Ba“ bringt einen erschütternden Bericht au« der Hauptstadt Transjordaniens, Rabbat Amon. Im ganzen Lande herrsche unbeschreibliches Elend. Im Lager des Stammes der Bne Chassan starben beispielsweise an einem Tag 98 Beduinen Hungers. Die Insassen eines englischen Militärlagers erzählen, daß Beduinen den Rferdemist des 'Lagers nach unverdauten Gerstenkörnern durchsuchen, von welchen sie sieh ernähren. Andore Beduinen wandern über den Jordan, um auf den Marktplätzen Erez Israels Orangenschalen aufzuklauben, die sie essen. (Tramsjordanien galt seit jeher als sehr fruchtbar. Es wurde während der Amtsperiodo Herbert Sam/uoLs von Erez Israel abgetrennt.) DerDlcHlerHntlrnnBlstrltzKy ÄÄÄ ..Die Krise in Europa und tlns ifldlsclieScliltKsgl“