Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 617 (5.2.1937)
- Date
- 1937-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seit» 4 Oll STIMMI Wien, Freitag, 5. Februar 1937. — Nr, Zionistische Bezirkssektion undWIZO DObllng, Sdiwarzenbers-Kaslno, Donnerstag, den 11. Februar 1937, */,9 Uhr abends, Dozent Dr- I. K. G R a U (Jerusalem); Jie kulturelle Bedeutung der HeMchen Unloersitiit in Jerusalem“ Es gibt keine Flucht B. H. Vielgestaltig ist die Assimilation. Alle Strömungen und Bewegungen, die sich in der Umwelt geltend machen, werden von den Juden, die einen Fluchtweg aus dem Judentum suchen, zur Verfolgung ihres unerreichbaren Ziels benützt. Die Assimilation hat es mit dem extremen Nationalismus, der bürgerlichen Reaktion, dem Liberalismus, der Demokratie und auch mit dem Sozial» raus der verschiedenen Schattierungen' versucht. Als Querverbindung durch diese poli tischen Assimilationsbestrebungen ging die rein religiöse Assimilation. Es hat alles versagt Als Kronzeuge gegen die rote Assimilation hat sich jetzt einer zu Wort gemeldet, der früher einmal einer der heftigsten Verfechter dieser Bewegung war: Leo Trotzki. In einem Interview mit dem amerikanischen Vertreter der Jüdischen Telegraphenagentur hat er erklärt, die historischen Ereignisse unserer Zeit 'hätten ihn veranlaßt, seinen früheren assimilatorischen Standpunkt aufzugeben, er habe eingesehen, daß die Judenfrage für sich gelöst werden müsse. Er erkennt auch an, daß die Lösung der Judenfrage nur auf territorialer Grundlage durch die Zusammenziehung der Juden in einem Land möglich sei. Daß dieses Land Palästina sein müsse oder auch nur sein könne, bestreitet Trotzki allerdings. Der Vorbehalt, den der ehemalige Ober kommandant der Roten Armee in Bezug auf Palästina macht, ist grundsätzlich unwioh % und uninteressant. Er ist auch durch die Tatsache widerlegt, daß die Juden nur aus dem Palästinaidealismus die Kraft schöpfen konnten, die notwendig ist für die Verwirklichung der Wiedererstehung eines Volkes Es hat verschiedene Versuche zur Ansied lung von Juden auf anderen Gebieten gegeben, und es wurden anderseits auch Versuche zur Ansiedlung von Juden in Palästina, aber ohne diie politisch nationale Grundlage, gemacht. Jene, wie diese, sind mißlungen. Es hat sich gezeigt, daß der Jude nur für Palästina die persönlichen Opfer zu bringen bereit und imstande Ist, die zur Erneuerung des Judentums führen können, und daß er auch in Palästina wieder nur aus dem nationalen Selbstbewußtem diese Kraft zu schöpfen imstande ist. Nationale Erneuerung und Palästina stehen zueinander in unzerreißbarer Wechselwirkung. Das ist heute schon eine historische Tatsache. Daß Trotzki das noch nicht weht, ist erklärlich bei einem Dogmatiker, der nur die materialistischen Beweggründe des Geschehens sehen will. Entscheidend bleibt, daß er, der Führer der roten Assimilation, auch aus seinem materialistischen Standpunkt heraus eine territoriale Lösung der Judenfrage anerkennt und für notwendig hält. Damit zieht er endlich die Lehren, die eigentlich schon zweitausend Jahre alt sind. Es hat, seit wir unter den Völkern leben, schon eine Reihe von sozialen Umgestaltungen gegeben, Wirtschaft und Gesellschaft wurden von der Einrichtung des Sklaventums auf die Leibeigentumswirtsohaft, auf den Feudalismus, a/uf den Kapitalismus umgestellt, die Weit hat Grundsätze gewechselt und Einrichtungen umgeworfen, um neue zu schaffen, aber an der Judenfrage, am Judenproblem hat sich nichts geändert. Wie immer die Welt eingerichtet war, der Antisemitismus _ ist geblieben. Er hat gerade in den Zeiten sozialer Umgestaltungen besonders arg gewütet und er wütet heute in einer Reihe von Ländern, die für neue soziale Umgestaltungen reif geworden sind, abermals hemmungslos. Trotzki und seine Anhänger erwarten die Weltrevolution und den Sieg des Kommunismus. Trotzki gibt heute zu, daß auch eine solche Umgestaltung der Welt die Judenfrage nicht aus der Welt schaffen würde. Also auch ein System, das jeden Unterschied zwischen den Menschen bestreitet, das keine Religionen und keine Nationen anerkennt, das durch die Schaffung einer einzigen Klasse alle Probleme der Welt lösen zu können glaubt, erklärt sich machtlos gegenüber dem einen Problem, dem Judenproblera. Es muß besonders gelöst werden, es könnte auch in dem allgemeinen großen roten Sohmelztiegel nicht aufgelöst werden. Schon vor Trotzki haben das seine Gegner im bolschewistischen Lager eigentlich praktisch anerkannt. Plötzlich sohufen sie in Rußland eine eigene Judenrepublik, plötzlich haben sie unter sich wieder die Juden entdeckt. Auch sie bekämpfen gleichzeitig den Zionismus, weil auch sie das Irrationale, aus dem sich schließlich doch der Begriff der Nation und der Zusammengehörigkeit von Mensc-hen ergibt, aus dogmatischen Gründen nicht anerkennen dürfen. Sie bestreiten es mit Worten und sie erkennen es mit Taten doch an. Ihre Biro-Bidsohan-Aktion ist nichts anderes als ein Konkurrenzkampf gegen den Zionismus, der gerade in ihrem Land unter der jüdischen Jugend, die sich von der kommunistischen Lösung der Judenfrage abgewendet hat, wieder große Werbekraft zeigt. Man leugnet die Existenz einer Sache und bekämpft eie gleichzeitig durch die Tat... Darin liegt schon die Sicherheit, daß der Kampf erfolglos bleiben muß. Trotzki und Stalin sind gegen den Zionismus, aber sie erkennen die Existenz der Judenfrage und die Notwendigkeit ihrer territorialen Lösung an. Es mag ihnen schwer gefallen sein, dem Juden Trotzki ebenso wie dem Christen Stalin, sich so weit durchzuringen. Beide sind Menschen, die sioh nur vor Tatsachen beugen. Sie werden unter dem Druck weiterer Tatsachen noch einen Schritt weit erg oben und sich zur vollen Erkenntnis des Problems durohringon müssen. Ein einziger territorialer Lösungsversuoh der Judenfrage ist überhaupt in das Stadium der Verwirklichung getreten und dieser Versuch ist schon so weit gediehen, daß ihn kein Aräbcraufstand und keine englische Kolonialbürokratie mehr zum Scheitern bringen kann. Es ist der palästinensische Versuch. Nur Palästina war imstande, den jüdischen Mensohentyp aus dör Masse des Ju dentums herauszukristallisieren, der allein imstande ist, ein jüdisches Land aufzubauen, den Cbaluz. Nie noch hat ein Volk besser bewiesen als das jüdische, daß auch die Voraussetzungen für das Materielle aus den irrationalen Kräften kommen. Wie der Einzelmensoh, so hat auch die Nation ihre Seele und aus der nationalen Seele kommt jedn Lebenskraft der Nation. Verschiedene Bestrebungen sind gegenwärtig wieder im Gange, Juden auch außerhalb Palästinas anzusiodeln. Zweifellos drängt die jüdische Not in vielen Ländern zu einem Tempo der Lösung der Judenfrage, dem Palästina unter englischer Herrschaft nicht nachkomm en kann, und es wird notwendig sein, Juden anderwärts neue Existenzen zu schaffen. Aber das können nur Ansiedlungen sein, das können nur Existenzen sein, das kann vielleicht eine zeitlich beschränkte Lösung des persönlichen Existenzproblems für eine Anzahl von Juden werden, und mag es auch eine größere Anzahl sein. Eine Lösung der Judenfrage kann das nicht sein. Sie liegt einzig und allein in Palästina. Nur im alten jüdischen Land kann sich neues jüdisches Leben kristallisieren. Wer die Ansiedlung von Juden wo immer außerhalb Palästinas als Lösung des Juden- RESTAURANT UND SELCHWAREN Unter Aufsicht der Adas Jlsrocl (Schlffschul) IDA IAZAR SCHIFFAMTSöASSE 10 (Edtt frmi-HodiadflngBr-flastt) Telephon A 4S*1;3Z Selchwaren a.d. Fabrik I. Elsen. Bieru.Weinausachank Lokalitäten für nunm .nmyn Problems versucht, wird scheitern und wird das Judenproblem nur noch mohr verwirren und seine Lösung nur hinaussohieben. Es wird jede andere jüdische Siedlung auch als bloße Existenzrettung für eine größore Anzahl von Juden nur dann von Bestand und entwicklungsfähig sein können, wenn sic geistig, moralisch und national auf Palästina ausgerichtot ist, das heißt, auch für anderwärts angcsiodclte Juden wird die Judenfrage nur mit Palästina zu lösen sein. * Nichts, nichts auf der Welt kann den Juden helfen, nur Palästina. Am allerwenigsten kann die Hoffnung auf die Rettung durch irgendeine Umgestaltung der Welt in Erfüllung geben. Es gibt für die Juden nur eine Rettung, das ist der Weg der nationalen Selbstbejahung, wie sie der Zionismus weist. Kein Versuch, aus dem Judentum zu fliehen, konnte gelingen. Es gibt keinen Fluchtweg für die Juden, es gibt nur einen Weg in die Zukunft, den Weg der nationalen und selbständigen Gestaltung des eigenen Schicksals. Junger Chauffeur tüchtiger Mechaniker und Installateur’ mit besten Zeugnissen, sucht Posten» event. auch für jede andere Arbeit- E. B,, II., Untere Augartänstraße 18/3* Sitzung der Exekutive des Weltkongresses: Die Katastrophe der polnischen Juden Am 31. Jänner fand in Paris eine Voll Sitzung der Exekutive des Jüdischem Weltkongresses statt. Die Sitzung befaßte sich zunächst mit organisatori scheu Fragen. Es wurde beschlossen, daß das Orga.nisation.s- und Propaganda-Ressort von Baruch Zuckermann, der in die Exekutive kooptiert wurde, Dr. N. Goldmann und Dr. M. N u r o c k geleitet werde. Eine ganze Reihe von organisatorischen Maßnahmen zwecks Organisierung der Judenheiten, insbesondere der mittel- und osteuropäischen Länder im Rahmen des Weltkongresses wurden beschlossen. Zuckermann und Nurook werden in den nächsten Monaten in verschiedenen Ländern im Aufträge der Exekutive diese Arbeiten leiten. Besonders ausführlich befaßte sich die Exekutive auf Grund eingehender Berichte mit der Lage der Juden in Polen. Die antisemitische Kampagne in Polen nimmt immer maßlosere Formen an. Die beinahe täglichen Exzesse gegen Juden, insbesondere in der Provinz, und die ökonomische Boykott-Agitation gegen die Juden wird mit wachsender Heftigkeit in allen Teilen Polens geführt. Die Regierung, obsohon sie immer wieder erklärt, gegen die Exzesse mit Energie vorgehen zu wollen, :ist weit davon entfernt, Maßnahmen zu ergreifen, um der Pogrom- und Boykottagitation — die nicht nur von der nationaldemokratischen Opposition, sondern auch von Teilen der Regierungsparteien und dem catholisohen Klerus geführt wird —, ein Sode zu machen. I Die Exekutive des Jüdischen Weltkongresses hält es für ihre Pflicht, die Aufmerksamkeit des Jüdischen Volkes und der öffentlichen Meinung der Welt auf die tragische Verschärfung des polnisch-jüdischen Problems zu lenken urul das jüdische Volk dazu aufzunifen, mit erhöhter Wachsamkeit und Entschlossenheit seinen Willen kundzutun, für die bedrohten Rechte der polnischen Judenheit zu kämpfen und nicht zuzulassen, daß die dreieinhalb Millionen jüdischer Bürger Polens ihrer konstitutionell und international garantierten Rechte faktisch verlustig gehen. Die Exekutive des Jüdischen Weltkongresses wird aufmerksam die weitere Entwicklung verfolgen und ist überzeugt, die Unterstützung aller bewußten Teile des jüdischen Volkes in ihrem Kampf für die Sicherung der Rechte und die Verbesserung der ökonomischen Notlage des polnischen Judentums zu haben. Proteste aus Amerika New York, 2. Februar. (JTA.) Der American Jewish Congress hielt in New York eine Konferenz ab, um gegen die Behandlung der Juden in Polen zu protestieren. Zahlreiche amerikanische Geistliche und über hundert Mitglieder des amen kanischen Parlaments hatten an die Konferenz Sympathiekundgebungen für die polnischen Juden gerichtet. Der New-YQrker Bischof William Thomas Manning bezeichnete in seiner Kundgebung die Auswanderungspläne der polnischen Regierung als u n g 1 a u b 1 'i c h. Eime solche Massenaustreibung wäre eine unerhörte Ungerechtigkeit und würde der jüdischen Bevölkerung Härten und- Leiden auferlegen, die sioh nicht mit Worten schildern lassen. Der Sekretär des Landesrates der Ohurches of Christ, Samuel Cavert, erklärte, die gegenwärtigen Verhältnisse in Polen seien „eine Herausforderung für ff Was Ist schon ein Jude?" Warschau, 2. Februar. (JTA.) Am letzten Markttag ist es in D z i a 1 o s z y n (Kreis Wielun) zu bestialischen Ausschreitungen gekommen. Die von antisemitischen Agitatoren aufgehetzte Menge stürzte die Marktständo der jüdischen Händler um, verstroute oder raubte die Waren. Vierzig Juden wurden verletzt, zehn von ihnen sehrschwor. Eine größere Polizeiabteilung aus Wielun stellte die Ordnung wieder her. Von den Pogromleuton ist kein einziger verhaftet worden, dagegen wurden jüdische Bürger fostgenommeü und in das Kroisgericht eingeliefort. Die Lago der jüdischen Bevölkerung ist verzweifelt Wie ein Beamter des Joint, der sich nach Dzialoszyn begab, von dort telephonisch berichtet hat, gibt es in der Stadt keine Lebensmittel und es verbreiten sich Epidemien. Im Lodzer Stadtrat brachte der jüdische Stadtverordnete Löwin den Mord an dem jungen Chaim Chelemer zur Sprache und wies darauf hin, daß der Mörder, Jahn Anczak, Kommandant der Ordnung« wache der National demokratischen Partei ist. Daraufhin erhob sioh der nationaldennokratischo Stadtverordnete C z e r n i k und rief: „W as ist schon ein Jude! Ich wollte jede Stund o hunderte Juden töten!“ Der Antrag> Lewins, daß die Stadt für die Zurückgebliebenen dor in Lodz in der letzten Zeit durch Antisemiten getöteten .luden sorgen solle, wurde nicht zur Abstimmung gestellt. jeden Freund sohenreoht“. von Gerechtigkeit und Men- „Alle freiheitsliebenden Amerikaner «« In der Konferenz wurde beschlossen, der polnischen Regierung eine Erklärung zu überreichen, die drei Hauptbeschwerden enthält. Die ernte Bas oh werde geht dahin, daß den Minderheiten die im Friedenevertrag gewährleietetea Rechte systematisch voreiithalten werden; in der zweiten wird die polnische Regierung beschuldigt, ein Syetem wirtschaftlicher Diskriminierung und Gewalttätigkeit direkt und indirekt zu unterstützen, und die dritte richtet eich gegen die Bemühungen, die Judenfrage in Polen durch Expatriierung von drei Millionen Juden zu Iöeen. Die Regierung wird aufgefordert, sofort Schritte zu unternehmen, um die Rechtsgleichheit der Juden wiederherzustellen. An die Bevölkerung Polens wird der Appell gerichtet, der judenfeindlichen Bewegung Widerstand zu leisten. Alle freiheitsliebenden Amerikaner, so wird versichert, schlössen sich dieser Aktion zur Verhinderung eines Schrittes, der zu nationaler Unehre führen würde, an. 124 amerikanische Politiker protestieren Die „Stimme Amerikas für die Juden in Polen« wurde, wie ein Redner auf der Konferenz betonte, in den Kundgebungen laut, die 11 Gouverneure amerikanischer Staaten, 23 Senatoren und 90 Mitglieder des Repräsentantenhauses an die Konferenz gerichtet hatten, in denen sie ihr Mitgefühl für die Juden Polens aussprachen und die grausame Behandlung der polnischen Juden verurteilten. Der Dichter tlnthan Blstritzky sorttt am Donnerstag, im 18. Februar, Mir ..Die Kriseln EnnamBnililns IBdisdieSthlcksd“