Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 617 (5.2.1937)
- Date
- 1937-02-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3053752-3054338-3054373--6456-3062309- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 2 0» STIMM« Wien, Freitag, 5. Februar 1937. — Nr. 617. Weizmann bei Leon Blum Paris, 1. Februar. (Palcor.) Die „Palästina- Korrespondenz“ meldet: Der Präsident der Zionistischen Organisation und der Jewish Agency . des Völkerbundes, Professor Ch. Weizmann, der sich auf dem Wege von Palästina nach London befindet, wurde Samstag vom Ministerpräsidenten L6on Blum empfangen. In einer mehrstündigen Unterredung setzte Professor Weizmann die gegenwärtige Lage im Heiligen Lande auseinander, namentlich den Verlauf der Verhandlungen vor der Königlichen Kommission, und erbat die Unterstützung Blums. Es soll dieser Unterredung noch eine zweite folgen. Vegetarische Küche -nw Diätküche, Milchspeisen, Büfett, Fischspezialitäten Menü S V~, V60. «•- Im Abonnement 10"/« billiger Wien, II., Herml^eRg. \Qt Fron* Hochedllng«rg. 1P. Schöner Saal >ü( Festlichkeiten. — Samstag geschlossen Kolonisation des Huleh-Gebietes Jerusalem, 30. Jänner. (Palcor.) Auf Grund eines Abkommens zwischen der Pale sfcine Land Development Company und der AMIOA werden nunmehr Vorbereitungen für neue jüdische Kolonisation im Huleh-Gebiet getroffen. Man hofft, schon in Kürze mit den Kolonisierungsarbeiten beginnen zu können Die Jewish Agency hat mit dem Tiefbau Departement der I. C. I. einen Vertrag ab geschlossen, wonach diese Kanalisations arbeiten für 100.000 Pal. Pfund in Keren Hajessod-Siedlungen vornehmen wird. Im letzten Halbjahr sind 1000 Arbeiter aus Tel-Aviv in die Kolonien überführt und in der Landwirtschaft verwurzelt worden Die Jewish Agency beteiligte sich an ihrer Ansiedlung. Die Histadnith bereitet die Überführung weiterer Arbeitergruppen nach den Siedlungen vor. spricht am 9. Februar 7.8 Uhr Im Großen Musikverelnssaa § zur jüdischen Jugend 1 miwmiimiwmmmmwmniiimmimwniwiwiiwmiiwiiimmmmiwiimimmitmiii M n Karten 50Groschen und 1 Schilling. Vorverkauf: Hakoah, I«, Wiesingerstraße 11, §j Telephon: R25-0-10, Buchhandlungen Rath und Mejstrik § Politische Holzwege Die Judennot nahm ihren Anfang an dem|zember 1914 nahm Weizmann mit engli- MAN SITZT gemütlich UND ISST die besten BÄCKEREIEN IN DER KONDITOREI I Z S Ä K WIPPLINQERSTRASSE 13 Grofie Bewässerungsanlage in Palästina London, 2. Februar. Nach einer Meldung der . „Palästina-Korrespondenz“ hat die Jewish agency mit einer englischen Baugeselisohaft einen Vertrag abgeschlossen, um neue Bewässerungsanlagen mit einem Aufwand von vorläufig 300.000 Pfund anzulegen. Hinzugefügt wird, daß ein großer Teil des Kapitals von deutschen Juden aufgebracht wird; hiefür wurden für 2 Millionen Mark Obligationen ausgegeben, dio fast vollständig gezeichnet sind. Auf dem der Landwirtschaft neu erschlossenen Gelände werden zu einem großen Teil Juden aus Deutschland angesiedelt werden. Arbeitskonflikt in Tel-Aviv Jännor. (Palcor.) an einem Bau aufkurzem Mitglieder Tel-Aviv, 29. 300 Streikposten, die gestellt waren, wo vor der Histadnith entlassen und revisionistische Arbeiter eingestellt wurden, sind von der Polizei unter Anwendung ihrer Stöcke auseinandergetrieben worden. 11 Mitglieder der Histadnith wurden verhaftet, 17 revisionistische Arbeiter, deren Forderung auf Anstellung von cler Leitung der Tel-Aviver Anlegestelle verweigert worden war, versuchten das zum Hafengelände führende Tor zu stürmen. Sie wurden von der Polizei in Haft genommen. «i: Der Hafen von Tel-Aviv ist eine nationale Errungenschaft, die mit Recht überall gefeiert wird. Die „llistadruth“ aber, die sich von naiven Allgemeinen Zionisten als unpolitische Gewerkschaft feiern läßt, hat den Ausschluß von Arbeitern beim Hafenbau durchgesetzt, die nicht in der Histadnith organisiert sind. Die Histadnith hat also den zionistischen Burgfrieden gebrochen und mißbraucht ihn zur Festigung ihrer Macht. Hebräisch als Lehrfach in arabischen Schulen Jerusalem, 3. Februar. „AlUwa“ meldet, daß die Regierung Hebräisch als obligatorisches Lehrfach ln den arabischen Schulen einführen wird. Tage, da Jerusalem zerstört und das jüdische Volk über die ganze Welt zerstreut wurde. Aber erst im vorigen Jahrhundert machten einzelne Juden ernsthafte Versuche, der Judennot an den Leib zu rücken. Die Fata Morgana der Emanzipation und der Assimi lation betörte die jüdischen Massen im Westen. Die traditionsgebundenen Massen des Ostens wurden den Juden im Westen unbequem. So versuchten reiche Juden aus angeborenem Wohltätigkeitesinn und weil ihnen der Jude im Kaftan ihr politisches Konzept zu stören drohte, die Judenfrage nach ihrer Manier zu lösen. Baron Hirsch verwendete Millionen auf sein Kolonisationsexperiraent in Argentinien. Es mißglückte. Baron Edmond de Rothschild verpulverte viel Geld und Energie in Palästina. Auch dieses Experiment hatte im Weltkrieg ein trauriges Ende gefunden, hätte Theodor Herzl nicht die zionistische Bewegung geschaffen, die erst die Balfour-Deklaration und das Mandat ermöglichte. Erst Theodor Herzl war es — wenn wir von Pinsker absehen, dessen Ruf die Massen nicht weckte — der das Wesen des Antisemitismus und die wahre Ursache der Judennot erkannte. Herzl zog aus seinen Erkenntnissen unerbittlich die Konsequenzen. Hatte er zur Zeit, als er seinen „J uden- Staat“ schrieb, Palästina noch nicht als das einzige Land im Auge, bald erkannte er, daß nur im Lande der Väter die Judenfrage gelöst werden könne, nicht in irgend einem „F r e i 1 a n d“, über das Hertzka einen Roman geschrieben hatte. Herzl kämpfte um den Charter für Palästina. Als er keinen politischen Erfolg beim Sultan erzielte und die Pogrome in Rußland die Judennot von Tag zu Tag verschärften, da wankte auch Herzl. Er, der sich immer gegen die „Politik des nächsten Vorteils“ gewendet hatte, kam mit dem Uganda-Projekt als Zwischenlösung. Die „N e i n - S a g e r“ am 6. Kongreß und die Einsicht in den begangenen Fehler veranlaßten ihn, das Uganda-Projekt fallen zu lassen und er leistete den Schwur: „Vergäße ich dein je, Jerusalem, so verdorre meine Rechte.“ Bald darauf starb Herzl. Im Jahr nach seinem Tode (1905), nach dem 7. Kongreß, fiel Israel Zangwill von der Zionistischen Bewegung ab und gründete die 11 o (Jewish Territorial Organisation). Ihr Programm war „ein Territorium auf autonomer Basia für diejenigen Juden zu finden, die n den Ländern, in denen sie jetzt leben, nicht bleiben wolen, oder nicht bleiben könne n“. Sie entwickelte sich zu einer ausgesprochen tntizionistischen Organisation, in der enragierte Antizionisten, wie Lucien Wolf, zu finden waren. Die Ito wurde, wie Adolf Böhm in seinem Buche „Die Zionistische Bewegung“ richtig bemerkt „eine Vereinigung mit pseudo-zionistischen Aspirationen, der Zionismusersatz für Antizioniste n“. Der Ito stand im Gegensatz zur Armut der Zionisten das Geld reicher Juden zur Verfügung. So suchte sie in der ganzen Welt nach einem Land, das die verarmten jüdischen Massen des Ostens hätte aufnehmen können — und fand keines. Man bedenke! Man schrieb damals nicht 1937, es gab keine Wirtschaftsnot wie heute und keinen Hitler, man stand erst am Anfang dieses Jahrhunderts. Das Judentum in Amerika, in West- und Mitteleuropa war damals wohlhabend. Es gab ln diesen Ländern viele jüdische Millionäre und einen gutsituierten jüdischen Mittelstand. Dann kam der Weltkrieg. Schon im Deschen Ministern Fühlung, um Palästina dem jüdischen Volk zu sichern und die Palästina- Frage wurde in England öffentlich erörtert. Da versetzte die Ito dem Zionismus hinterrücks einen Dolchstoß. Zangwill wollte nicht mittun und Lucien Wolf überreichte der englischen Regierung am 3. März 1916 namens decs „Joint Foreign Committee of the Board of Deputies“ ein Memorandum über die Palästina-Frage. Er lizitierte die zionistischen Forderungen auf politische Gleichberechtigung und nationale Rechte herunter. Er wollte nur das Recht auf Einwanderung und Kolonisation. Unter dem Aspekt der Nachkriegssituation in Palästina wird jedermann einsehen, wie heute das jüdische Palästina aussehen würde, hätte Lucien Wolfs Memorandum die Zustimmung der englischen Regierung gefunden. Der Jischuw wäre wohl schon 1929 zerstört worden. Die Araber hätten ihm physisch und Passfield hätte ihm politisch den Garaus gemacht. Wären aber 1929 noch Reste der jüdischen Siedlung übrig geblieben — die Unruhen des Jahres 1936 hätten einen Trümmerhaufen zurückgelassen, wie die Legionen des Titus im Jahre 70. Glücklicherweise fand bei der englischen Regierung nicht das billigere Offert Lucien Wolfs Gehör, sondern die nationalen Forderungen des politischen Zionismus. Wir bekamen am 2. November 1917 die Balfour- Deklaration. Zangwill sah die Aussichtslosigkeit der Ito ein und löste sie im Jahre 1918 a u f. Der Territorialismus war erledigt und Herzls Ideen traten ihren Siegeszug an. In der Nachkriegszeit wurde die Assimilation, insbesondere seit dem Siegeszug des Nationalsozialismus, immer kleinlauter und das zionistische Palästina wurde zum einzigen Land jüdischer Masseneinwanderung. Dann kamen die Unruhen des Jahres 1936 und die jüdische Not verschärfte sich von Tag zu Tag. Und nun wiederholt sich das alte Spiel. Nichtzionisten sprechen anerkennend über die großen Leistungen des zionistischen Aufbauwerkes, verweisen aber gleichzeitig auf die Schwierigkeiten mit den Arabern und lugen nach einem „F r e i- 1 a n d“ aus. Und es kommen Antizionisten, die nach dem Bankrott ihrer Assirailationspolitik glauben, an den Schwierigkeiten in Palästina ihre politische Suppe kochen zu können. Sie verwenden dasselbe Rezept wie vor 40 Jahren. Sie geben sich als die Überpatrioten und stellen die Zionisten als Vaterlandsverräter hin. Man lese Herziß „Mauschel“ nach und wird sehen, daß öich nichts geändert hat. Andere heucheln Sympathie für den Zionismus, aber nur für einen „unpolitischen, nicht nationalen Zionism u s“, der etwas für arme und verfolgte Glaubensgenossen tun will, aber in der Regel nach dem Rezept: „Mund auf, Tasche zu!“ .Schließlich meldet sich noch in Wien eine „Jüdische Erneuerungsb e w e g u n g“. dio eine Abwehrfront schaffen, die Berufsumschichtung durchführen, in der ganzen Welt nach Siedlungs- und Arbeitsgelegenheiten für Juden suchen und „ä u c h jedes Opfer bringen will, um den zionistischen Bestrebungen in Palästina zum Siege zu verhelfen.“ Wollen die „Erneuerer“ wirklich die jüdische Erneuerung, wollen sie wirklich jedes Opfer bringen, um den zionistischen Bestrebungen in Palästina zum Siege zu verhelfen, dann ist ihr Platz nur in der zionistischen Organisation und nicht in irgend einer „Bewegung“, die doch nur zur Kräftevergeudung und Kräftezersplitterung führt. Alle die Menschen, die in ohnmächtiger Wut die Zionisten denunzieren, Palästina zu [PUR INS ALL M Samstag, 20.Februar, In den Fetten des Hotel Metropole, HM Zum Tanz spielt das Jazzorchester Elite Ktdüles HltternochtsuKademte Barstflherl Juxbasar Karten zu S ß'— (Studenten gegen Legitimation H 3‘fiO) Im Club Urea Israel, II., Pruterstraüe 18, und in Zionistischen Landeskomitee, I., MaroAurel-Btraße ß. einem Nach t ä s y 1 für verfolgte und arme Glaubensgenossen degradieren wollen oder für Palästina sprechen und nicht den Mut zum zionistischen Bekenntnis haben, gehen immer wieder Holzwege, weil sic vor dem geraden Weg, dem zionistischen Weg, der schwer und steil ist, zurüoksehrecken. Zangwill ist mit seiner Ito so einen Holzweg gegangen und ist gescheitert, sogar in einer Zeit, in der Wohlstand herrschte und die Tore der Einwanderungsländer für Juden noch offen standen. Houto, in der Zeit der allgemeinen Wirtsohaftsnot, wo es außer Palästina keine Einwanderungsländer für Juden gibt, wo sich die ganze Kraft des jüdischen Volkes auf Palästina konzentrieren müßte, kommen Juden und gründen eine neue Ito. Ihr Kongreß soll im März in Wien stattfinden. Nehmen wir nun an, daß es tatsächlich gelingen könnte, ein Land zu finden, das bereit und in der Lage ist, jüdische Massen aufzünehmen. Menschenleere Länder, die.kolonisiert werden können, gibt es nicht. Daher wird jedes Emwandererland eine' Art Aralyrproblem haben, dafür aber keine internationale Garantie für eine jüdische Heimstätto und noch mehr: Der erste Jude wird noch nicht ans Land gegangen sein und die antisemitische Hetze wird durch „Bodenständige“ oder durch nationalsozialistische Agenten beginnen. Spanien, von wo jüdische Emigranten aus Deutschland, die nach dem Jahre 1933 einwanderten, wieder flüchten müssen, ist da ein furchtbares Memento für die Itoisten! Kein Zionist verkennt die tragische Situation des Judentums in vielen Ländern und die Notwendigkeit konstruktiver Hilfe. Aber kein wahrer Zionist und kein verantwortungsbewußter Jude wird einer Politik des nächsten Vorteils zuliebe politische H o 1 z w e g e gehen, die zu Katastrophen führen müssen. Mangel an Mut zum nationalen Bekenntnis, Ressentiment gegen, die unaufhaltsam wachsende zionistische Be-, wogung, Eigenbrötelei und Vereinsmeierei geben niemandem das Recht, der zionistischen Bewegung in den Rücken zu fallen, die zur Genüge bewiesen hat, daß sie allein die Judenfrage lösen kann. Denen, die auf unsere Schwierigkeiten in Palästina hinweisen, sei es gesagt: Noch keinem Volke wurde die nationale Freiheit g es c h e n k t. Jedes. Volk mußte seine nationale Freiheit , ia schweren Kämpfen und unter schweren Opfern erringen. Bei uns Juden kann es nicht anders sein, um so mehr, als u n s J uden bekanntlich nichts geschenkt wird. Wir Zionisten sind trotz aller Schwierigkeiten guten Mutes. Die Schwierigkeiten in Palästina offenbaren keinen Mangel der geistigen Konzeption _ des Zionismus. Im Gegenteil, die zionistische Idee bewährt sich täglich aufs neue in dieser schweren Zeit. Wir sind dessen gewiß, daß wir alle Schwierigkeiten im Aufbau überwinden werden. Diejenigen Juden aber, die aus Ratlosigkeit oder Ressentiment den Weg des Territorialismus gehen wollen, werden denselben Zusammenbruch erleben, den Zangwill mit seiner Ito erlebt hat. Sie werden nichts zuwege bringen, bestenfalls e i n neues Ghetto, aus dem man frühe* oder später dio Juden davon jagen wird. Wir möchten wünschen, daß wir mit dieser Vorhersage Unrecht hätten. Wer aber dio jüdische Geschichte zu deuten versteht, dei weiß, daß sich auf die Fehler der assimilatorischen Holzwegepolitik immer K atastrophen einstollen. Zangwills Ito ißt zusammengebrochen und die Assimilationspolitik der deutschen Juden hat zu einer, furchtbaren Katastrophe geführt. Das muß man heute denen sagen, die Gefahr laufen, sich von scheinbar neuon, in Wirklichkeit aber bankrotten Schlagworten ködern zu lassen. Man muß weiter diesen Menschen, die cs, abgesehen von gewissen Projokte- und Geschäftemachern und von den unentwegten Antizionisten, ehrlich meinen, sagen, daß es in unserer schweren Zeit e i n o Sünde am Volk ist, seine schwachen Kräfto noch mehr zu zersplittern. Den Zionisten aber muß man sagen, daß sie endlich aufhören sollen, sich ständig' selbstgefällig im eigenen Kreis zu bewegen. Die Versuche, eine itoistisohe .Bewegung zu gründen und die Versuche aullv e1* nder Kreise, sich irgendwie zum ' ’ :s in Beziehung zu setzen, beweisen d<> ■ . daß die jüdischem Massen au! " ■ r ü ttelt sind und geführt wu-den wo Hon. Niemand anderer ist zur Führung berufen als der Zionismus. An don Zionisten ist es daher, das zionistische Banner zu entrollen und die Reihe der zionistischen Organisation durch eine systematische und intensive Mitgliodsworb u n g zu vergrößern. Das ist das Gebot der Stunde und der einzige Schutz gegen die Hydra der Assimilation. Dir. Oskar Grünbaum,