Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 612 (19.1.1937)
- Date
- 1937-01-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 Wien, Dienstag, 19 Jenner 1937. — Nr. 612. DII STIMM! daran, daß laut Aussage der gewiß nicht für uns voreingenommenen englischen Beamten die Leistung der Mandatamacht — verglichen mit der unseren — sehr gering und schließlich der der Araber fast Null war! Dabei bilden die jüdischen Zeugen vor der Kommission eine fast restlos gechlos sene Front in Verkörperung des festen Willens, das Werk entschlossen und friedlich fortzusetzon. Hingegen läßt sich darauf wetten, daß trotz der nach außen krampfhaft aufrechterhaltenen Gemeinbürgschaft J&sef ICasUiu, de& jfidiseke Jleduu Von Dr. Alfred Werner An mitreißenden, gemeinschaftformenden Rednern hat es unserer Bewegung nie gemangelt. Da standen an derem Beginn Theodor Herzl und Max Nordau, da sind es gegenwärtig Martin Buber und Joachim Prinz, doren „Charisma“, deren geistige Führerschaft der Araber Palästinas es unter der Decke sich im gesprochenen Worte offenbart. Josef gärt, und daß der eigensüchtige Haß unter i Kastein bringt ein neues Element in Redeihren Familienklüngeln, genannt Parteien, * - ’ < — sich in gegenseitiger Denunzierung an die Kommission ausgetobt hat, Was will es nun bei gerechtem Abwägen von Wert und Verdienst der Juden und Ara her dann bedeuten, wenn wirklich der oder jener jüdische Zeuge nicht immer schlagfertig, nicht exzellent vorbereitet war? Als ob ein Uberwollender Herr Professor nicht auch den bestpräparierten Kandidaten auf Ungenügend prüfen kann. Und wie stechen denn jeder ist den Unbilden einer Verkühlung ausgesetzt, die von verhängnisvollen Folgen begleitet sein kann. Der beste Schutz gegen Verkühlung ist die Abhärtung und die Stählung des Körpers, die am besten erzielt wird durch ständigen Gebrauch von ▲ noch unsere schwächeren Zeugen mit ihrer Hingabe, ihrer Sachkenntniß wohltätig von der Mehrzahl der vernommenen Regierungsbeamten ab... Ja, ja, ich schweige schon davon. Aber man habe bei uns doch nicht solche Angst, taktlos zu sein! In der hohen Schule der Royal Commission läßt sich — bei Gott — kein Takt zulernen. Auch erlebt man da seine Wunder, wann sich der stolze Brite verletzt fühlt; so wies Lord Peel es wiederholt in schroffer Entrüstung zurück, wenn einer der Unseren an der Palästinaregierung etwas , anzuerkennen fand... Wie denn also, wenn nicht durch Verschulden der Juden, ist jener Umschwung der Kommission zu erklären? Etwa einfach’ durch Beeinflussung seitens der lokalen englischen, vorwiegend anti jüdischen Beamtenschaft, wenn man sich mit ihr nach den aufreibenden Verhören tagsüber nachts in der Bar des King David Hotels trifft? Das mag mitwirken, kann aber noch nicht entscheiden. Da sind die Kommissionsmitglieder zu eigenwillig und geistesscharf, zu sehr gewiegte Diplomaten und vor allem pflichtbewußte Patrioten. Nie haben sio sich als Hüter des Rechts gefühlt, des objektiven Völkerrechts, sondern stets und ausschließlich als treue Diener der britischen Weltpolitik. Wo aber die mit uns hinaus will, ist eine andere, alte und nach wie vor offene Frage. Hält London den Zwist zwischen Juden und Arabern wirklich für unüberbrückbar? Will es darum Zeit gewinnen, um sich später irgendwie zu entscheiden, oder hat es sich gar schon für die Araber als die Stärkeren, Kriegstüchtigeren entschieden? Und zwar auch jetzt noch, nach dem Pakt mit Italien übers Mittelmeer ... Will man uns Juden zu verzweifelter Unbesonnenheit treiben oder uns nur einschüchtern? So oder so, um — dank der Ohnmacht des Völkerbundes — dem Mandat eine bequemere Deutung zu geben, es praktisch unwirksam zu machen? Über diese und andere Fragen wird — vielleicht erst nach Jahrzehnten — aus den Memoiren der britischen Staatsmänner, aus den geöffneten Archiven restlos Klarheit fließen. Indes ist ganz Palästina — Juden wie Araber — überzeugt, daß die Kommission außer ihrer verlautharten Richtschnur noch eine vertrauliche Instruktion für Befund und Gutachten — natürlich im Gerippe — fertig mit bekam. Der Rest ist Taktik: ein unerwartetes Lächeln nach links und ein plötzliches Stirnrunzeln nach rechts, und gleich darauf gegengleich. Die Natives mögen nur zappeln, mögen fürchten und hoffen! Was für oino Lehre aber sollen wir, das jüdischo Volk, aus dieser so peinlichen Lage schöpfen? Auch wieder die alte, sturmbewährte Lehre: sich aufs Schlimmste gefaßt maohen, stets auf der Hut sein und sich mit dem eisernen Wille" zum Durchhulten gegen die Gefahren der Zukunft wappnen! kunst und Redegeist des Zionismus: hatten Herzls leidenschaftliche Liebe zum Volke, Nordaus realitätdurchleucbtender Verstand sich an den bitteren Fakten des Augenblicks entzündet, sind Buber und Prinz gewissermaßen die Theologen unserer Wiedergeburt, so geht Kastein als Historiker von den unerschütterlichen Fundamenten unserer Nationalgeschichte aus, die er mit weltlicher Vernunft bis zu jenen Grenzen durchdringt, wo sie, in grauer Vorzeit, in blauer Zukunft, zum Gleichnis, 2um Mythos wird! Worauf beruhen die Erfolge des Redners Kastein, der sich durch die vier Vorträge, die er in den letzten zwei Jahren in Wien gehalten hat, noch mehr als durch seine grandiosen Geschichtsphilosöphien begeisterte Gefolgschaft gesichert hat? Ist's seine oratorisehe Kunst allein? Dem Laien erscheint Kunst als etwas durchaus Äußerliches, für ihn bedeutet Sprache das Kleid, nicht den Körper seiner Gedanken. Der Künstler jedoch weiß, daß der Stil die Schönheit vom Gedanken erhält, nicht aber die Gedanken durch den Stil schön werden können, wie es gewisse Scheindenker sich wünschen. Kaste ins Sätze entbehren des Ornaments, des Schnörkels, des Stückwerks — dafür sind sie so kristallisch klar, so ebenmäßig, in ihrer Schmucklosigkeit so lapidar, daß sie zuweilen an lateinische Redner gemahnen. „An der Rede erkennt man den Mann“ heißt es in der Bibel; „der Stil ist der Mensch selbst“ sagt ein neuerer Denker: aus Forderung, Inhalt, Wesen ergibt sich für Kastein zwangsmäßig-zwanglos Formel, Aufbau, Vortrag! Weil Kastein Neues zu künden hat, weil seine Reden aus der Notwendigkeit der Zeit geboren sind, weil ein starkes, reines Gefühl sich in das dauerhafte Gefäß der Worte ergießt: deshalb strömt allerorts die Judenbeit zu seinen Vorträgen, hoffend, um eine Erkenntnis, um einen Trost reicher zu werden. Und sie wurde nie enttäuscht! Kastein hat schon in seiner ersten Wiener Reise im Titel das Leitmotiv seiner künftigen Predigten angeschlagen: „Jüdische Neuorientierung.“ Geistige Freiheit schon in der Galuth, Zerstörung unseres „Als-ob“-Weltbi]des, Erlösung von der tragischen Orientierung nach dem Werturteil der Umwelt - auf daß wir aus Objekten der Geschichte endlich wieder formende Mächte, aus politischen und seelischen Phantasten Wirklichkeitsseher werden! Zerstörung und Neuaufbau! In seinem denkwürdigen Vortrag „Ahasver oder die Überwindung eines Mythos“ hat Kastein erfolgreich dagegen angekämpft, daß immer noch Juden, selbst jüdische Juden, bewußt oder unbewußt in den Kategorien des Antisemiten über Juden und Judentum denken — in dieser wahrhaft befreienden Ahasverlegende als ein antisemitisches, durchaus unjüdisches Produkt aus der Welt der Reformation! Aber auch der falsche Herzl-Mythos wird von ihm in seiner Gedenkrede zerstört, jener schon erstorbene Mythos einer zerbrochenen Gemeinschaft, während wir doch den echten Herzl suchen und finden müßten „im Erlebnis des jüdischen Menschen, in jenem Erlebnis, in dessen Mitte wir heute selber stehen und mit dessen Bejahung oder Verneinung wir unser Jude-Sein steigern oder zu Grabe tragen“. Kastein ist Historiker. Als jüdischer Historiker erlebt er mit Bitternis das doppelte Weltbild, das dem durchschnittlichen Juden der Diaspora eigen wurde, der faktisch ein Leben zwar mit Aktualität, aber ohne selbständige Gegenwart lebt, der jedoch in seinem Bewußtsein schmerzlich oder beglückt das Fortleben der Vergangenheit als geistformende Triebkraft spürt. Aus dieser Zerrissenheit will Kastein herausfiihren durch Anknüpfung an jenen raum-zeitlichen Punkt, wo die schöpferische Realität des Judentums unterirdisch auch während des Exils fortdauerte, an das Land Palästina, dessen ewiges Problem — Problem der Liebe, der Furcht und des Glückes — uns in seinem neuen Vortrag verheißungsvoll erstehen soll. J. K. J. I., Goldschmidgasse 9 PROGRAMM: Die Ronachersensationen der zweiten Jännerhälfte, ferner Rita GEORG Sonja LEWKOWA Max BROD Karl FARKAS o Fritx GRÜNBAUM Duno TENDLEft Martin MILLER 3 Melo-Parodisten Fritx STREHLEN 8 MAKKABI-Boys Conference: Josef BAAR TANZ »JUGEND FÜR WINTERHILFE« RONACHER Samstag, 30. Jänner 1937 Im Barstüberl: Edmund HELFER, Jimmy BERG Beginn: 23 Uhr Karten von S 2*— aufwärts Kartenvorverkauf: Konzertkaase Bernard, I., Sohwarzenbergplalz 1 (U 17-2-83); Gronner, I., Graben 28; Jüdische Kulturstelle, I., Kai 3 (R 28-2-38); J. K. J., I., Goldschmidgasse 9 und in diversen Theaterkartenbüros Das Reinerträgnis fließt zur Gänze dem Winterhilfsfonds der Israelitischen Kultusgemeinde zu Kurze Palästina-Nachr'chten Eine Reihe von arabischen Dörfern hat in einer Eingabe die Regierung aufgefordert, ihnen Schutz vor den Räubersetz darauf zurück, daß die Regierung eine möglichst große Zahl einheimischer Polizisten durch Engländer ersetzen will. * Die Stadtgemeinde Jerusalem beginnt banden zu gewähren. „Die Jugend der' endlich, eine Feuerwehr einzurichten. Jerti- WIZO II. Douerstag, den 21 Jänner, findet eine Sondervorstellung in den Jüdischen Künstlerspielen, II., Praterstraßa 34, statt, in Pension zu schicken, und führt dieses Ge Dörfer“, heißt es, „sei bereit, den Schutz selbst zu übernehmen, wenn die Regierung dazu nicht imstande sei.“ Dieso Eingabe wurde abgeschickt, nachdem die Räuber ein Darlehen der Barclays Bank an ein Dorf, sofort nach Eintreffen des Geldes, geraubt hatten. * Der High-Commissär veranstaltete ein Fest, zu dem er 130 Kinder von Beamten, Juden und Araber einlud. * Eino arabische Gesellschaft, an deren Spitze der Bürgermeister von Bethlehem steht, ist in Verhandlungen mit der ägyptischen Regierung eingetreten, um eine ständige Autobusverbindung zwischen Palästina und Ägypten einzurichten. fr „EI livva“, das Organ des Mufti, berichtet, daß oine große Anzahl von Regierungsbeamten pensioniort und andere versetzt werden. Diese Maßnahme stünde mit den letzten Unruhen in Zusammenhang. Besonders bemerkenswert sei, so schreibt das Blatt, die Absicht der Regierung, Polizisten uncl Polizeioffiziere nach fünfzehnjähriger Dienstzeit gegebenenfalls salem dürfte wohl die einzige Großstadt der Welt 6ein, die über keine Feuerwehr verfügt. Arbeitskalender des Keren Kajemeth Lejisrael (Aktion zur Gründung der Liga der Keren- Kajenteth-Frennde. — Referate Prof. Julian Silberbusch und Dr. Chaim Tartakower.) . Dienstag, 19. Jänner, %9 Uhr abends, 3. Bezirk, Sektion und WIZO, Landstraßer Hauptstraße 9, Vortrag: Das jüdische Aufbauwerk im Lichte der Königlichen Untersuchungskommission. Mittwooh, 20. Jänner, %9 Uhr abends. 15. Bezirk, Herklotzgasse 21: Engere Zirkelversammlung. Donnerstag, 21. Jänner, H9 Uhr abends, 1. Bezirk: Engere Zirkelversammlung Donnerstag, 21. Jänner, %9 Uhr abends, WIZO IX, Schottenring 25: Erweiterte Auissohußsiizung. Club jüdischer Frauen, WIZO-Heim, T., Schottenring 25. Mittwooh, 20. Jänner, K5 Uhr, Hauskonzert. Werke von Goldschmidt, Kauder, Mahler, Mendelssohn, Willner. Ausführende: Gertrud Kaldeck (Violine), Hedda Kux (Gesang), Lucy Weiß (Cello) und Adolf Baller (Klavier). V/ M/fi> Endlich wiedef Orangen und Grapefrucht sind saftiger PALÄSTINENSISCHES* WACHSTUM Nordische Rabbinerkonferenz Kopenhagen, 15. Jänner. (JTA.) Die zweite nordische Rabbinerkonferenz, welche die vier nordischen Länder: Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden umfaßt, tagte in Kopenhagen unter dem Vorsitz des Oberrabbners Dr. Friediger vom 11. bis 13. Jänner. Anwesend waren: Rabbiner Berlinger, Malmö; Oberrabbiner Professor Dr. Ehrenpreis, Stockholm; Rabbiner Doktor Kronheim, Stockholm; Rabbiner Dr. Loeb, Göteborg; Rabbiner Dr. Samuel, Oslo; Oberrabbiner Dr. Federbusch, Helsingfors, wurde im letzten Augenblick dienstlich am Kommen verhindert. Herr A. I. Jacobsohn aus Trondheim, Norwegen, war als Experte für Sehr chita-Angelegenheiten zugezogen. Die Frage der Schechita wurde eingehend durchberaten und Mitteilungen über den bisherigen Verlauf von Versuchen mit vorhergehender Betäubung, die gegenwärtig an zwei Stellen in Skandinavien vorgenommen werden, gemacht. Die Konferenz gelangte zu der einheitlichen Schlußansicht, in voller Unabhängigkeit die begonnenen Versuche fortzusetzen und zu Ende zu führen, worauf die weiteren entsprechenden Schritte unternommen werden sollen. Ee wurde weiters eingehend die Frage der Hilfeleistung für die Emigranten sowie anderer Hilfsaktionen erörtert und Maßnahmen für die Vereinheitlichung der jüdischen Hilfsarbeit in den nordischen Ländern vereinbart. Es fand auch ein Gedankenaustausch statt über die gegen die Ehre des Judentums und seine Lehren verbreiteten Verleumdungen und über die den Rabbinern in dieser Frage obliegenden Verpflichtungen. Die Konferenz hat sich zu einer s t ä n d igen Institution konstituiert; sie soll periodisch zusammentreten, und zwar abwechselnd in den vier nordischen Ländern. An der Konferenz beteiligen sich ausschließlich die ira Amte befindlichen autorisierten Gemeinderabbiner der vier nordischen Länder. Generalversammlung der Gesellschaft der Freunde der hebräischen Universität in Jerusalem. Am 16. d. fand im Sitzungssaal der „Bnai Brith“ unter Vorsitz des Herrn Adolf Böhm die Generalversammlung der Gesellschaft der Freunde der hebräischen Universität statt. Nach Erstattung der Berichte wurde die bisherige Leitung per Akklamation wiedergewählt. Sodann berichtete Dr. Kurt Joachim Grau, Dozent im Allgemeinen Lehrerseminar und Mitarbeiter des pädagogischen Instituts der hebräischen Universität über die bisherigen Leistungen dieser Anstalt. Der Referent war früher in Frankfurt a. M. und in Berlin in seinem Fache tätig und Ut. in der Fachwelt durch zahlreiche Publikationen bekannt.