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Die Stimme · 1936-01-15 · Heft 611 (15.1.1936) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 611 (15.1.1936)
Date
1936-01-15
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Botte 4 DII 8TIMMI Wien, Freitag, 1B. Jänner 1987. — Nr. 611. GROSSFLEISCHHAUERE < IIEGM. KORNHEHL ZENTRALE IX., BERGGASSE NUMMER 19 f E L E PHOMNUMM£f< a 17-3-99 unrt A 1K-9-34 Lieferant für Heilanstalten Abteilungen t. *1^3.Fleisch untei Aufsicht des Ehrwürdigen Rabblnatsder Israelitischen Kultusgemeinde Wien Autosustellung kostenlos IX., Berggasse 15. XVIII.,Währingerstraße 71 Ein judisch-europäischer Roman Der Sohn des verlorenen Sohnes Von Soma Morgenstern. Einen jüdischen Roman gibt es seit einigen Jahrzehnten, In der jiddischen Literatur hat ihn Mendele Mocher-Seforim geschaffen, in dessen Werken <Lie jüdische Welt des Ostens von innen heraus gestaltet ist, sehr ur “wüchsig, aber nicht leicht zugänglich, nicht einmal für den Westjuden, geschweige denn für den Nichtjuden. Mendele war der „Großvater“ der jiddischen Literatur. Der „Enkel“, Scha- 10 m Asch, flirtet bereits energisch mit dem Westen. Er ist ein weitgereister Mann, viele Beziehungen verbinden ihn mit der europäi sehen, der Weltkultur. Aber das Wesentliche im Schaffen des „Enkels“ ist ostjüdisch. Der Westen, den dieser Schriftsteller erst als Mann erfahren hat, durchdringt nicht die tiefsten Schichten seines Werkes. Der jüdische Roman westjüdischer Autoren gestaltet eine peripherische, im wesentlichen nicht mehr jüdische Welt. Auch ein Buch wie Joseph Roths „Hiob“ ist mehr künstliob, künstlerisch wiederbelebtes, als lebendiges Judentum. Seit dem Erscheinen von Soma Morgensterns „Der Sohn des verlorenen Sohns“ gibt es den echten jüdischen und zugleich europäischen Roman. Eine ost-westliche Synthese ist in diesem Buch künstlerische Wirklichkeit geworden. Es ist kein Zufall, daß dieser jüdische Roman ein österreichischer Roman ist. Mendele hat mit den jüdischen Massen Rußlands gelebt, Schalom Asch ist mit einem Sprung aus dem Osten in den Westen gelangt, Roth hat den Osten früh verlassen, er ist für ihn eher Sehnsucht nach dem Land der Kindheit als bewußtes Erlebnis. Morgenstern ist zugleich Jude und Europäer. Das alte Österreich hat bis in den galizischen und Bukowinaer Osten gereicht, in dem die Juden noch in traditionsgesicherter Wirklichkeit gelebt haben. Es war für diese Juden eine natürliche Brücke nach dem Westen. Von dem großen Ziel Wien hat die Sehnsucht aller östlichen österreichischen Jugend geträumt. Kindheit und frühe Jugend hat Morgenstern in jener geschlossenen jüdischen Gemeinschaft verlebt. In dem stärksten Eindrücken zugänglichen Jünglingsalter ist er nach Wien gekommen, das ihm, geistig und seelisch, zur zweiten Heimat wurde. Von der alten Heimat des Kindes und Knaben zur neuen, der des Jünglings und Mannes, spannt sich der Bogen des Romanes, in dem einem Dichter die Gestaltung eines episehen Kunstwerkes, eines echten und bedeutenden jüdischen Romans in deutscher Sprache gelungen ist. Morgenstern war vor dem Erscheinen seines Romanes durch seine in der „Frankfurter Zeitung“ (deren Wiener Feuilletonkorrespondent er war) erschienenen Arbeiten als sehr kultivierter Schriftsteller bekannt. In manchen Partien des Buches, besonders in den Schilderungen Wiens findet man den Meister blendender, geistvoller Pointierung wieder, den Europäer mit umfassender Kultur, als den man Morgenstern gekannt hatte. Überrascht lernt man aber nun einen Dichter kennen, der besonders in den Teilen des Buches, die im Osten spielen, eine epische Geschlossenheit erreicht, die an die großen russischen Erzähler erinnert. Und dieser Volljude schreibt ein Deutsch, das ln seiner Reinheit, seiner Musikalität und seinem inneren Schwung hoch über dem Durchschnitt der üblichen deutschen Literatur steht. „Der verlorene Sohn“ ist einer jener jungen Juden, die zu Ende des vorigen und zu Beginn unseres Jahrhunderts nach Wien gekommen sind und hier, geblendet von der westlichen Kultur, abtrünnig wurden. Sein Sohn, der Held von Morgensterns Roman, besinnt sich wieder auf die alten Zusammenhänge. Hat sich der Vater taufen lassen, so will der Sohn wieder zum Judentum. Am Ende des Buches kehrt der junge Alfred mit seinem Onkel, dem frommen Welwel, in den Osten zurück. Ob die innere Rückkehr gelingen wird, und wie sie sich vollzieht, wird uns der Dichter in einem weiteren Buch erzählen. Er hat uns auf diese Entwicklung neugierig gemacht, denn wir sind 1 liehen Palais mit der gleichen sicheren Kunst im Laufe der Erzählung mit den geschilderten Personen vertraut geworden und wir haben einige von ihnen ins Herz geschlossen. Einen Dorfjuden wie den Verwalter Jankel Christjampoler, haben wir bisher nicht gekannt: eine starke und originelle Schöpfung. Von einer Gestalt, wie dem gütigen und frommen Welwel Mohilewski mit seiner innigen Sioberheit und Tiefe zerfallen tausend verzerrte Vorstellungen von Juden und Judentum als Ausgeburten kranker oder verbrecherischer Hirne. Neben diesen östlichen Figuren stehen andere aus Wien, wie die des liebenswerten Ministerialrats Frankl oder die mit freundlicher Ironie gezeichnete Frau Frltzi. Morgenstern weiß nicht nur so andersgeartete Menschen mit gleicher Meisterschaft darzustellen, er baut auch grundverschiedene Geschehnisse, wie einen „Kongreß gesetzestreuer Juden“ und ein Mozart-Konzert im erzbischöfdes meisterlichen Erzählers auf. Am mächt'gsten ergreifen in dem Buch die Schilderungen aus dem Osten. So reife, landschaftliche Gestaltungen, wie die der Fahrt durch die weiten östlichen Felder, sind in der zeitgenössischen Literatur kaum zu finden. Die Geschichte von dem Weißkleefeld, die Irrfahrt in einem Schneesturm und die tiefe, legendenhafte Erzählung von Rabbi Abba sind Schöpfungen eines reifen und begnadeten Dichters. Wer die jüdische Welt dee Ostens kennt, erlebt beim Lesen von Morgensterns Buch ergreifende Erinnerungen seiner Kindheit wieder. Der Westjude und der Nichtjude aber wird von diesem Buch eine hinreißende, künstlerische Gestaltung jüdischen Lebens finden, dessen Wirklichkeit und Sinn ihm hier in bestrickender Art erhellt wird. Isaak Grünberg. W KniHUKHIII 1®= UND »ELCHWAREN Unter Aufsicht der Adas JiBroel (Schiffschul) IAA BAZAR» SCHIFFAMTSGASSE 10 ■ U (Edcs Franz-Hodisdlingcr-Gasse) gBHKHBBfflHBHHflHBSHH Telephon A 48-1-32 Selchwaren aus der Fabrik I. EISE<v. •- Bier- und Weinausschank. Lokalitliten für alle Festlichkeiten Zionistische Bcxlrksscktfon und Wfxo Wieden, Margareten Montag, den 18. Jänner 1937, 8 Uhr abends Präsident der Kultusgemeinde ** Zur jüdischen Situation Faschismus und Antisemitismus Das angesehene faschistische Blatt „Popolo d’Italia“, das vom Mussolini gegründet wurde und von seinem Neffen V. Mussolini geleitet wird, brachte kürzlich einen antisemitischen Artikel, der folgendermaßen begann: „Das zerstreute Volk scheint sich über den Ursprung des Antisemitismus nicht klar zu sein, obwohl die Antwort auf diese Frage sehr einfach ist: Antisemitismus ist dort unvermeidlich, wo sich die Juden durch ihre forcierten Ambitionen, ihre Aufdringlichkeit und ihre Herrschsucht bemerkbar machen.“ Anschließend wird eine Attacke gegen die Juden Frankreichs unternommen, die nur 2 Prozent der Bevölkerung ausmachen und Frankreich beherrschen. Daran schließen sich die bekannten Anwürfe: „jüdischer Kommunismus“, „jüdische Freimaurerei“ usw. Man sieht, daß dieser Artikel ebensogut in einer nationalsozialistischen Zeitung stehen könnte. Es bleibt abzuwarten, ob dieser Artikel eine weitere Schwenkung in der Judenpolitik Mussolinis bedeutet, oder ob er dem italienischen Ressentiment über das Echo in der Weltpresse entsprungen ist, das die Vorgänge in Tripolis gefunden haben. Marschall Balbo hat bekanntlich jüdische Kaufleute in Tripolis a u s peitschen lassen, weil sie sich weigerten, am Samstag ihre Geschäfte zu öffnen. In englischen diplomatischen Kreisen hat der Artikel im „Popolo dTtalia“ Verwunderung hervorgerufen und man fragt sich, ob die politische Annäherung zwischen Deutschland und Italien zu einer Übernahme der nationalsozialistischen Judenpolitik durch Italien führen wird, was mit der bisherigen Judenpolitik Mussolinis in einem diametralen Widerspruch stehen würde. Das englische Blatt „The Scotchinan“ gibt der Vermutung Ausdruck, daß die persönliche Freundschaft zwischen Marschall Balbo und dem Ministerpräsidenten Görin g auf Balbos Vorgehen abgefärbt haben könnte. Wir stehen jedenfalls der Tatsache gegenüber, daß die nationalsozialistische Terminologie vom „jüdischen Freiraaurerfcum“, vom „jüdischen Kommunismus“ usw. beliebte Schlagworte in der italienischen Presse sind, so insbesondere in der Zeitung „Regime Fascista“, die kürzlich einen Artikel unter dem Titel „Jüdische Freimaurer- -Prüfung“ brachte. Auch die in Tripolis erscheinende italienische Zeitung „Avvenire de Tripoli“ setzt ihre antisemitische Agitation fort und schreibt: „Die Juden vergessen, daß Tripolis nicht Tel-Aviv ist.“ Diese Agitation befriedigt die mohammedanischen Araber in Tripolis. Gleichzeitig wirbt in Abessinien der Vizekönig Graziani um die Sympathie der Mohammedaner. Er hielt in Addis Abeba eine Rede, in der er erklärte, das faschistische Regime sei der Protektor und Freund der Mohammedaner. Diese Rede wurde dann in allen mohammedanischen Ländern verbreitet. In Tripolis hat Marschall Balbo die Errichtung von Moscheen und Schulen angekündigt. Diesem italienischen Liebeswerben wird auch das sonst unerklärliche Vorgehen Balbos gegen die Juden und die Auspeitschung frommer Juden zugeschrieben, das in der ganzen Kulturwelt, auch in christlichen Kreisen, peinliches Befremden hervorgerüfen hat. In diesem Zusammenhang sei eines mutigen Artikels in der in Milano erscheinenden jüdischen Zeitung „Israel“ Erwähnung getan, in dem es heißt, daß die Juden Italiens hinter den Juden von Tripolis stehen und ihnen in der Anhänglichkeit zum angestammten Glauben nicht naolistehen wollen. Die Zeitung gibt der Erwartung Ausdruck, Heinz Politzer: Penstet voe dem Ticmton&d Heinz Politzer, der junge Wiener Lyriker, ist der Öffentlichkeit durch seine gelegentlich in Tageszeitungen und Zeitschriften erschienenen Beiträge bekannt geworden, und seine ungewöhnlich verheißungsvolle Begabung hat tiefsten Eindruck gemacht. Seine in Wien und Prag veranstalteten Vorlesungen aus eigenen Werken gestalteten sich zu wohlverdienten Erfolgen. Hier wird zum erstenmal in einer kleinen Auswahl aus seinen Gedichten ein Überblick über das Schaffen des jungen Autors geboten. Wir bringen in unserer heutigen Nummer als Probe das Gedicht „Vater Noah“. Franz Werfel schreibt über Politzers Lyrik: „Diese Verse eines echten Dichters sind mehr als wohltönend und schöngestalt. Sie bewahren in ihren Strophen da-s dunkle Meereerausohen der Natur und die zärtlich-schmerzlichen Geeichte eines jungen Menschenherzen. Das Gemüt des Lesers wird durch sie bereichert wie durch jene seltenen Träume, deren man sich im Lärm des Tages plötzlich erinnern muß.“ (Verlag Julius Kittiß Nachfolger, M.-Ostrau.) Iledu HactU Vater Noah, Vater Noah, nippe nimmermehr vom Wein! Deiner Arche Balken schwanken, Lüstern nach des Lammes Flanken, Senkt der Panther schon die Pranken, Nah dem Bugspriet an den Planken schlug der Blitz jetzt ein. Vater Noah, Vater Noah, ward dein milder Blick denn blind? Wellentale. Schäume steigen. Deine Knaben klagen. Neigen Wilde Stirn in bittres Schweigen. Aus des Mastbaums kahlen Zweigen lacht ein Aff im Wind. Vater Noah, Vater Noah, Kraft in deine alte Hand/ Will der Sturm dein Meer haus spalten, Muß die Faust am Lenkrad walten. daß die italienische Regierung die wahre Wasser strahlen durch die Spalten. Situation in Tripolis erkennen und Abhilfe schaffen wird. Das ist auch der Wunsch aller gerechtdenkenden Menschen. Es scheint übrigens, daß man auch in gewissen italienischen Kreisen doch schon das Gefühl hat, z;u weit gegangen zu sein. Der italienische Botschafter in London D i n o Gr a n d i hat einer jüdischen Deputation gegenüber die Erklärung abgegeben, daß der Faschismus koino antisemitische Tendenz habe und daß die italienische Regierung die Juden entsprechend den Gesetzen als völlig gleichberechtigt behandle. Die Zukunft wird lehren, ob Italien zu seiner traditionellen Judenpolitik zurückkehren wird, die ihm in der Welt nur Freunde geschaffen hat. Junge, symp. Beamtin in bostor Position, hohes Gehalt und Barvermögen, sucht nur seriösen berufstätigen Mann als Ehepartner. Unter „33—48 Jahre“ a. d. Administr. Kulturelle Veranstaltungen müssen Niveau haben. Der Zionistische Landesverband setzt seinen Stolz darein, auf diesem Gebiete führend zu sein. Die herrliche Makkabäerfeier am 8. Dezember ist heute noch das allgemeine Gesprächsthema, spricht man von kulturellen Veranstaltungen. Es wird nun unsere Freunde interessieren, daß Dr. Josef Kasteln (Haifa), dessen Vorträge immer einen geistigen Genuß bedeuten, am 23. Jänner im Großen Musikvereinssaal über das aktuellste jüdische Thema unserer Zeit: „Palästina — das jüdische Sc hick s aV* sprechen wird. Beginn: 8 XJhr. Da ein zweiter Vortrag Dr. Kasteins leider nicht möglich ist, empfiehlt sich mit Rücksicht auf die starke Nachfrage die sofortige Besorgung von Karten, die zum Preise von 3 1.60 bis S 5.75 beim Zionistischen Landesverband, l., Marc-Aurel-Straße 5, den Bezirkssektionen, der WIZO, der Buchhandlung Mejstrik, Buchhandlung Rath, bei der Jüdischen Kunststelle und in der Buchhandlung Lanyi erhältlich sind. JÜDISCHER KALENDER 15. bis 21. Jänner 1937 3. bis 9. S-hwat 5697 Freitag (15.1 Sabbath-Eingang 420 Samstai (16.) Sabbatb-Ausgang Wodienabsdinltt: Bo Drunt im Dunkeln, kaum zu halten, röhrt der Elefant. Vater Noah, Vater Noah, noch ein Weilchen oder zwei! Mutter wird den Bart dir krauen, Söhne, Tiervolk samt den Frauen Dich lobpreisen, fromm dir trauen, Schwebt die Taube nach den Auen mit gedämpftem Schrei. Heinz Politzer. iiinimiiiiiiiiminiiiiiiiimiimiiiniitnnmiiiiiiiiininiiiiiiiiiniiiiiiiiiiiiiiiiiiminitiiiiiiiiiiiiiiiiiiino Neuerscheinungen des Bernsann« Fischer-Verlags (Wien) Dr. Renaults Versuchung Dieser nouo Roman des berühmten dänischen Dichters Johannes V. Jensen schildert uns einen Mann, der nach seinem Tode noch einmal ein Stück seines Lebens erleben darf. Voll Spannung liest man, wie dieser Mensch alle Schönheit und alle Schrecklichkeit des Menechendaseins erfährt. Ein Buch voll Spannung, das die letzten Probleme berührt. Freud und die Zukunft Der vielbesprochene Vortrag, den Thomas Mann zur Feier des 80. Geburtstages des Schöpfers der Psychoanalyse in Wien hielt, ißt im Druck erschienen. Das große Interesse, das die kurzen Zeitungsberichte über den Vortrag orweckten, wird durch die Lektüre des ganzen Vortrages voll gerechtfertigt. Nur ein Mensch von der goistigon Kapazität von Thomas Mann konnte in so gedrängter Kürze and vollendeter Form das große Phänomen Freud behandeln. In jedes jüdische Haus „Die Stimme"

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