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Die Stimme · 1936-01-08 · Heft 609 (8.1.1936) · page 4

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 609 (8.1.1936)
Date
1936-01-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Mt« 4 OtC STIMME Nr. 609. — Wien, Freitag, 8. Jänner 1987. Kurioses von einem großen Kongreß Jeder Kongreß, der etwa« auf «ich hält, verfügt zum Schluß über ein Aktenstück, das. wieder einmal beweist, um wie viel kurioser das Leben ist, als die kurioseste Phantasie. Ja, man darf sogar behaupten, daß der Umfang dieses Aktenstückes der Bedeutung des Kongresses proportional ist, seinem Echo und dem Interesse entspricht, das der Kongreß im entferntesten Winkel der Erde nicht nur bei vernünftigen Menschen findet, die sich regelmäßig über die wichtigsten Ereignisse auf dem Erdball in formieren, sondern vor allem auch bei den unzähligen Träumern, bei den ewigen Gold Suchern der Hoffnung. Man könnte sie zu Hunderten zitieren, die verrückten, rührenden, phantastischen, ver schrobenen Anregungen und Ideen, die einem Kongreß zufliegen. 9 Der Zar von Palästina Aus dem tiefsten Litauen hat der Jüdische Weltkongreß sogar ein regelrechtes Man fest erhalten: „Ich, Manus Balagula, richte dieses wichtige Manifest an sämtliche Juden der Welt: Ich, Manu« Balagula, aus M in Litauen, befehle dem Jüdischen Welt kongreß, mich zum palästinensischen Zaren des jüdischen Volkes zu proklamieren! Warum zum Zaren und nicht zum Präsidenten? Weil es schon den Präsidenten Chaim Weiz mann gibt und Israel schon genug Präsiden ten hat!“ (Gar nicht so verrückt, dieser Narr!) „Deswegen ziehe ich vor, zum Zaren ausgerufen zu werden. Ich werde übrigens Weizmann und Ben-Gurion zu meinen Mini etern ernennen. Und, damit er sich mit sei nen Legionen amüsieren kann, werde ich Jabotinsky zum Heeresführer ernennen!“ Manus Balagula gibt überdies die Ver Sicherung ab, er werde „ein Zar der Frei heit“, „selbständig und balabatiseh“ sein Um den Kongreß von der Berechtigung sei ner Ansprüche zu überzeugen, sandte Manus Balagula eine Photographie von sich „in der Uniform des palästinensischen Zaren“ ein weißer Bock mit blauen Taschen und blauem Gürtel, blaue Beinkleider mit weißer Passe poile, blau-weiße Offiziersmütze mit einfem Davidstern als Kokarde; der Davidstern findet sich auch auf der Schärpe, am Kragen und auf den Achselstücken! Da sind andere Briefsobreiber viel pathtsober. symleichtl Palastinaproblem - ganz „Lieber Rabbi Wise“, schreibt ein Mann aus Finnland, „ich habe ein unfehlbares Mittel gefunden, um in Palästina eine jüdische Mehrheit zu’erlangen. Das Mittel ist leicht anzuwenden. Ich brauchte es Ihnen nur wenige Minuten zu erklären, und Sie wären betroffen — so einleuchtend ist es! Aber Sie begreifen, daß ich mein Geheimnis nicht der Poet anvertrauen kann. Und da ich siebzig Jahre alt bin, kann ich auch keine lange Reise antreten. Ich bitte Sie daher, vor Ihrer Heimreise nach Amerika einen kleinen Umweg zu machen und über Finnland zu reisen. Bitte, kabeln Sie mir Ihre Ankunft.“ Sollte Stephen S. Wise diese Einladung wirklich in den Wind geschlagen haben? Es wird dann noch eine andere Lösung des Palästina-Problems vorgesohlagen. Diese Lösung hat den Vorzug, nicht geheim zu sein. Aber die Frage wird von einer höchst merkwürdigen Seite angepackt. „Worum handelt es sich eigentlich?“, fragt der betreffende Politiker. Und er gibt folgende Antwort: „Es handelt sich darum, England zu retten! Nichte einfacher als dies. Die sechzehn Millionen Juden erklären sich zu Engländern und bilden in Palästina das zivilisierteste Dominion des British Empire. Die Mittel hiezu habe ich in einer umfangreichen Arbeit auseinandergeeetzfc..Und hier ist dem Verfasser des Briefes eine Freudsohe Fehlleistung unterlaufen: er schreibt nämlich „in einer umfangreichen hysterischen — statt historischen — Arbeit“.., Utilitaristisches Expansiomphänomenon ... Ein anderer Ideologe setzt in einem sechzehn Seiten langen, mit einer kleinen und enggedrängten Handschrift geschriebenen Brief auseinander, was er „eine in die Augen springende und glasklare Lösung“ nennt: „Die Lösung der Judenfrage ist genau wie die Lösung der Weltkrise in der naturgesetzlichen Verdrängung des wohlerworbenen Phänomenon des utilitaristischen Expansionsdranges im Namen des neuen inneren Kulturkoloniaationsideals begründet, Von Nina Gurfinkel mus durch technische oder Vergreisungsfaktoren rückwärts entwickelt zu werden braucht, statt einem ewigen Fortschritt zu unterliegen.“ Da« dürfte ja wohl klar genug sein ... Zitieren wir noch einen Tolstoianer, der den Kongreß ersucht, „den Juden durch Dekret jeglichen Fleischgenuß zu verbieten.“ „Das in mehreren Ländern erlassene Schächtv er bot muß von uns ale eine Manifestation des himmlischen Willens angesehen werden: Erklimmen wir, o jüdische Brüder, gemeinsam die höchste Kulturstufe und werden alle miteinander Vegetarier!“ Gold aus Steinen .Noch kategorischer sind die „Techniker“. Sie haben keine „ideologischen“ Lösungen gefunden, sondern genaue, konkrete Lösungen, ausgedrückt in Ziffern und chemischen Formeln. Und somit kann an diesen Lösungen nicht gerüttelt werden „Ich habe eine — nein: die Lösung des Palästina-Problems gefunden“, schreibt ein Diplom-Architekt einer großen technischen Hochschule jenseits des großen Teiches. „Genug gesammelt! Genug gebettelt bei hochherzigen, aber in ihren Mitteln beschränkten Gönnern! Wir worden über eine unerschöpfliche Quelle von Gaben verfügen, wenn sich der Weltkongreß meinen Plan zur Ausbeutung des palästinensischen Grund und Bodens zu eigen macht. Ich werde die Natur zu einem folgsamen Zugtier machen, indem ich sie meinen Methoden unterwerfe.“ Zwei Ingenieure aus einer europäischen Hauptstadt sind noch realistischer: sie senden zur Unterstützung ihrer Vorschläge ein eingetragenes und geschütztes Patent ein, dessen Ausbeutung nicht nur alte Traditionen zu beleben, sondern dem Kongreß auch eine unerschöpfliche Geldquelle schaffen würde. Es handelt sich um nicht mehr und nicht weniger als um die Wiederbelebung der alten Sitte, die da wollte, daß die Juden, wenn sie ihre entschlafenen Angehörigen auf dem Friedhof besuchen, als Zeichen des Gedenkens kleine Steine niederlegen. Auf die Dauer werden die Grabmäler dadurch aufis häßlichste entstellt... Die beiden Er finder schlagen nun eine Formel für die Fabrikation „dieser Erinnemngskjeselsteine aus künstlichem Dünger vor, der durch ein besonderes Verfahren gehärtet wird, aber infolge der atmosphärischen Einwirkungen von selbst zerfällt.“ Diese Kieselsteine würden den doppelten Vorteil bieten, erstens einmal künstlerisch (in Düngemitteln!) ausgeführt zu sein und in Staub zu zerfallen, und ferner, wenn ihre Verwendung obligatorisch würde, dem Kongreß eine große Einnahms quelle zu sichern... Und schließlich tritt auch der Erfinder des „Perpetuum mobile“ auf. (Er würde fehlen, wenn es ihn nicht gäbe!) Hübsche und liebenswerte Wienerinnen . . . Als Leckerbissen haben wir uns bis zuletzt einen Brief aufbewahrt, der von einer so patriarchalischen und naiven Auffassung von den Aufgaben des Kongresses zeugt, wie man sie kaum für möglich halten soll. Die Verfasserinnen dieses Briefes sind zwei „h üb sehe und liebenswerte“ W ienerinnen: „Hochgeehrter Kongreß! Bedeutende Menschen sind in Genf versammelt zum Wohl des jüdischen Volkes. Möge alles Gute, das dem edlen Geiste entspringt, in Erfüllung gehen! Sind wir doch auch ein Teil des jüdischen Volkes. Leider einzelne Teile, die so gern ein starkes Ganzes sein wollen. Das heißt, es fehlt uns noch der gute Kamerad fürs Leben. Bitte, helfen Sie! Bitte bald! Wir sind in reiferen Jahren, 38 und 41 Jahre alt, Wienerinnen, hübsch und liebenswert. Meine Schwester ist besonders wirtschaftlich, und ich bin Beamtin bei einer großen Firma. Leider aber haben wir keine Mitgift. Vielleicht gibt es den einen oder, anderen unter den jüdischen Delegierten, der Zuneigung für uns hätte?“ Ihr lieben, reizenden Wienerinnen! Die Hoffnung eurer einfältigen und reinen Seelen entfaltet sich im Schatten der gewaltigen Hoffnungen, die der Jüdische Weltkongreß ausgelöst hat — habt Dank dafür! ■*» RESTAURANT-- UND SELCHWAREN Unter Aufsicht der Adas Jisroel (Schiffschul) IDA I A7AD SCHIFFAMTSGASSE 10 1 m Fmu-HiuhedüngtNGisse) Telephon A 48-1-82 Selchwaren aus der Fabrik I. EISBK. Bier- und Welnauaschank. v Lokalitftten für alle Festlichkeiten bei Minister Pernter, Bürgermeister Schmitz und eine Festvorstellung in der Staatsoper in Aussicht genommen. Zum Empfang bei Unterrichtsminister Pernter wurde auch der Vertreter des Wcltverbandes dei Jüdischen Hochschülerschaft und Beirat der Wiener Universität, Sekretär Alexander Teich, eingeladen. * Es ist außerordentlich charakteristisch, daß der Vertreter Italiens sich zu diesem Vorgehen entschlossen hat. Es ist bekannt, daß es eine arabische Studentenschaft im Sinne der internationalen Auffassung gar nicht gibt. Es wäre selbstverständlich nichts gegen eine Teilnahme der arabischen Studentenschaft Ägyptens einzuwenden, aber für Palästina, das nur eine jüdische Universität und eine jüdische Technik besitzt, kann nur die jüdische Studentenschaft als Repräsentanz in Betracht kommen. BLINDER JUDE Vater zweier kleiner Kinder, ohne jede ■ Arbeitsmöglichkeit, bittet mildtätige Menschen, ihm in seiner großen Notlage zu helfen. Spenden übernimmt und weist aus die Administration der „Stimme“. FÜR DIE SICHERHEIT UND FESTIGUNG DES JÜDISCHEN AUFBAUWERKES IN PALÄSTINA U/ERBET FÜR MIFAL BIZZARON! Palästinas Studenten auf der Wiener Studententagung Bei der derzeit in Wien stattfindenden Tagung der Internationalen Studentenkonföderation wird die palästinensische Studentenschaft durch einen Delegierten, Daniel Scher, vertreten. Dieser internationalen Korporation, die ihren Sitz in Genf hat und die dem Völkerbundkomiteo für geistige Zusammenarbeit der Nationen untersteht, gehört die palästinensische Studentenschaft bisher als außerordentliches Mitglied an. Bei dieser Tagung beantragte nun, wie die JTA meldet, der palästinensische Delegierte die Zulassung der alästinensischen Studentenchaftals ordentliches Mitglied, wobei er folgendes hervorhob: Die palästinensische Vereinigung der Studenten, die er repräsentiert, umfaßt jiHe Hoohschüler Palästinas, auch die arabischen. Da der Prozentsatz der jüdischen Studentenschaft in Palästina fast 90 Prozent ausmacht, erscheint es notwendig, daß die Leitung und die Repräsentanz dieser Hochschülerschaft auf internationalem Forum durch Juden aiisgetibt wird. Von der „Vereinigung palästinensischer Studenten“ wird jedoch niemand ausgeschlossen, es wird ira Gegenteil jeder Hoclischüler, der in Jerusalem oder in Haifa studiert, automatisch Mitglied dieser Vereinigung. . Der palästinensische Delegierte verwies auch darauf, daß die klaro juristische Einheit Palästinas schon daraus hervorgehe, daß Palästina bereits in internationalen Organisationen, wie Völkerbundliga und Weltverband der Universitäten, dein 26 Staaten angehören, als Einheitsstaat aufgenommen wurde. Bei der Diskussion wurde der palästinensische Delegierte sowohl vom ,General- #nd zwar ohne daß der Menschheitsorganis- * Sekretär wie auch von den Vertretern Bel giens, Frankreichs, Englands, Schweiz und Luxemburg unterstützt, wogegen der Vertreter Italiens erklärte, daß er prim zipiell nichts gegen die Aufnahme der palästinensischen Studentenschaft als ordentliches Mitglied habe; er verlange jedoch, daß vorher auch arabischo Studenten eingeladen werden, damit man auch ihren Standpunkt kennenlornt, da die Araber in Palästina die Majorität haben Diesen Standpunkt untorstützte auch der Vertreter Griechenlands, der noch hinzufügto, daß die Zulassung der palästinensi sehen Studentenschaft, die durch dio Juden repräsentiert wird, ein Präjudiz schaffen könnte für dio Haltung der deutschon Studentenschaft im Rahmen der Konföderation. Der Generalsekretär hob hervor, daß d i e P a1ä b t in a - R e gie r u ng auf ei ne diesbezügliche Anfrage g e a n twortet h a t, d a ß d i o j ü d i« c h e St u dontonsohaft die einzige Vor fcre torin de r 11 ochs c h Ii 1 o r d e s L a n d e s i s L. Die Vertreter Deutschlands, ebenso wio Österreichs, enthielten sich jeder Stellungnahme. Da bezüglich der Aufnahme der palästinensischen Studentenschaft als o Ale Etliches Mitglied noch Bedenken bestehen, oh hiezu eine gewöhnliche odor qualifizierte Majorität, notwendig ist, wurde die Erledigung für dio nächste Sitzung verschoben. Bemerkt wird, daß der Antrag nur bei einer einfachen Mehrheit Aussicht, auf Erfolg haben kann, da sich außer Italien und Griechenland auch die Vertreter Estlands, Lettlands und Finnlands gegen den Antrag aussprechen dürften. Die Tagung wird von einer Reiho von Festlichkeiten begleitet, und ist ein Empfang Geistige Aufklärung durch den K. K. L. Es lag im Wesen dies K. K. L., daß er wiewohl äußerlich als Fonds aufgezogen eine große geistige Kraft danstellte. Er weckte das liebevolle Interesse für die. jüdischen Feste und verstand es, die jüdische Tradition mit dem Geiste des arbeitenden Erez Israel zu verbinden. Erschuf die Bibliothek „Lanoar“ (in den letzten Jahren auch in deutscher Sprache), in der Monographien hervorragender Schriftsteller einerseits über neue Siedlungen und anderseits über Ortschaften, dio im. alten kulturgeschichtlichen Leben unseres Volkes eine große Rolle gespielt haben, erschienen. Der K. K. L. hat ein p ä d a g o g i s c h e s Sys tem geschaffen, nach welchem in den jüdischen Schulen der Golah in die Seelen des jüdischen Kindes dio Kenntnis und die Liebe von Ercz Israel gepflanzt werden können. Es gelang ihm, regelmäßige Konferenzen der jüdischen Lehrerwelt Palästinas und der Diaspora zu organisieren, die den Anstoß zu dieser pädagogischem Literatur und zu deren Weiterentwicklung gaben. Der K. K. L. ließ sieh hiebei von dem Grundsatz leiten, daß die indirekte Propaganda die wirkungsvollste ist. Dauernde Verdienste hat sich um diesegeistige Seite des K. K. L. Nathan Bistritzky erworben, der ein hervorragender Redner, Schriftsteller und Dichter ist. Er »leitet seit Jahren die Propagandaabteilung des Hauptbureaus des Keren Kaj-emct.ii. Eingedonk der geistigen Rolle, die der K. K. L. ini jüdischen Leben spielt und noch mehr zu spielen hat, hat das Hauptbüro des K. K. L. beschlossen, eine geistige A u f k 1 ä r u n g s k a m p a g n e in der Golah durohzuführen. Diese Kampagne Ist eino rein geistige, sie verfolgt nicht den Zwouk, eino Gelcisamraelaktion durohzuführen, sondern einzig und allein das geistige Problem dos Zionismus unserer Tage aufzurollen. Nathan Bistritzky hat in den östlichen Ländern mit seiner Aktion große Erfolge erzielt. Die Tournee Bistritzkys gilt diesmal vornehmlich den westlichen Ländern. . iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiimniiiiiiiiniiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiu Die letzten Vorstellungen von „Chassene im Stadtl" Jüdische KÜn8tlerspielc, Praterstraße 34. Die Revue „Chats sc ne im StädteV* von A. Meiseis, wird seil vierzehn Taigen vor misverkauftcm Ham gespielt. Trotzdem hat sich das Theater entschlossen, getreu seinem Grundsatz, dem Publikum möglichst viel Abwechslung zu bieten, schon für nächste Woche eine neue Premiere anzusetzen. Freitag, Samstag und Sonntag (an diesem Tag auch Nachmittag bei kleinen Preisen) wird noch die Meisels-Revue ge« spielt. Montag findet eine Vorstellung vom üßfa Um ims bängt? statt,

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