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Die Stimme · 1937-01-05 · Heft 608 (5.1.1937) · page 2

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 608 (5.1.1937)
Date
1937-01-05
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seit« Z Dlfi STIMM* Nr. 608. — Wien, Dienstag, 5. Jänner 1987. Massenlaufe in Bukarest Von Dr. Mayer Ebner (Cernauti) Die Bukarester Zeitungen melden: Zweihundert jüdische Intellektuellen* Familien in Bukarest treten zur griechisch-orthodoxen Staatskircho über. Ihre Massentaufe soll in Kürze in feierlicher Weise stattfinden. Diese neuen Judenchristen sammeln einen großen Fonds zur Errichtung einer prächtigen Kirche. I. Die Nachricht, daß zweihundert jüdische Intellektuelle (Advokaten, Ärzte, Bankiers Industrielle u. a.) Schritte eingeleitet haben, ran zur orthodoxen Staatskirche zu über' treten, überrascht uns nicht. Zu allen Zeiten sind Juden zum Christentum übertreten. Israel ist weder überrascht noch erschüttert. Sie werden nicht auf der Erde sitzen, um die übertretenen dem Brauche g'eanäß als Tote zu beklagen. Wir zerreißen nicht unsere Kleider und keinen Kaddisch wird man sagen. In die feierlichen Klänge der Kirchen glocken aus Anlaß der Taufe dieser Kinder Israels wird kein jüdischer Klagelaut einen Mißton bringen. Kein Anathema! Kein Rabbiner wird die Abtrünnigen verfluchen. Mögen sie tun, was eie glauben, da.ß es zu ihrem Heile ist und. möge jeder einzelne so glücklich werden, als er es nach seinen sonstigen guten Taten verdient. n. Nur mit einem soll man uns nicht kommen! Man soll nicht sagen, diese zweihundert Juden der angeblich besseren Gesellschaft von Bukarest nehmen die Taufe aus religiöser Überzeugung. Yor wirklicher religiöser Überzeugung streichen wir die Segel. Jeder soll nach seiner Fasson selig werden. Wer wirklich glaubt, ist reinen Herzens. Wer von den Wahrheiten des Evangeliums durchdrungen ist und sich zur Lehre der Tochter bekennt — die Mutter wird ihn darob nicht schelten. Aber die zweihundert Neuchristen wenden dem Judentums den Rücken, weil sie es für besiegt halten. Sie glauben, das Judentum sei ein verlorener Posten und da nur Cato die besiegte Sache liebt, rücken sie von ihr ab und gehen zu den Siegern über. Das ist die Wahrheit, und sie hat mit einer wirklichen religiösen Überzeugung nichts ziu tun. m. Ist es beschämend fürs Judentum, daß so und so viele seiner Kinder es mit einem Male verlassen? Nein. Wenn der Sturmwind durch die Baumkronen rast, fallen faule Zweige ab. Sie beweisen nichts gegen die Stärke des Baumes. Er steht fest. Seine Lebenskraft spottet aller Stürme. In Bukarest sind es vorläufig 200, die abfallen — mit ihren Angehörigen etwa 600. In Deutschland sterben ihrer Hunderttausende aus, in Sowjetrußland sind es Millionen, die als Juden verschwinden. Trotzdem ist uns um das Judentum nicht bange. Es wird die bösen Zeiten überdauern, und kein Abfall wirft einen Fleck auf seine Ehre. Nicht überall wirkt sich Druck in gleicher Weise aus. Im zaristischen Rußland mit seinen Plehves, Stolipyns, mit seinen von der Polizei arrangierten Judenpogromen erstarkte das Nationalbewußtsein der Juden und das russische Judentum war es, welches uns die meisten zionistischen Führer gab. IV. mächtige Presse, sie halten angesehene und einflußreiche Positionen im wirtschaftlichen Leben, und als die nationale und zionistische Richtung auch im alten Königreiche Platz griff, schlossen sie mit ihren jüdischen Gewissen einen Ausgleich zur Hälfte. Sie bewiesen aktive Sympafien für das zionistische Aufbauwerk in Palästina, von einem nationalen Judentum aber wollten sie nichts wissen. Die politisch Interessierten schrieben sich in die verschiedenen rumänischen Parteien ein. Dies galt als ein Bekenntnis zum „Rumänentum mosaischer Konfession“ und als ein . persönlicher Schutz gegen antisemitische Übergriffe, indem man gegebenenfalls die einflußreichen Führer der Partei für sich mobilisieren zu können glaubte. Eine Zeit lang mochte diese Rechnung gestimmt haben. Aber seit dem Auftreten Hitlers kam eine antisemitische Flut über die Welt, und es hätte mit Wundern zugehen müssen, daß auch nicht ein Teil der rumänischen Gesellschaft von ihr erfaßt worden wäre. Die antisemitischen, politischen Parteien, die vor Hitler kaum ihr Dasein fristeten, wuchsen über Nacht, und heute, nach kaum vier Jahren, ist der antieemitische Rechtsextremismus in Rumänien 60 stark geworden, daß er bei einem eventuellen Wechsel der Regierung für die Regienmgsuachfolge als ernst zu nehmender Faktor in Betracht gezogen werden kann. , Wohl steht es Juden noch frei, sich in die nicht gerade ausgesprochen antisemitischen Parteien ein zusohreiben, aber ihre Rolle ist innerhalb der Parteien von vornherein nur eine sekudnäre, hat ja sogar der ehemalige Ministerpräsident Marschall Averescu, Führer der Volkspartei, und ein Mann, dem man Judenfeindschaft nicht nachsagen kann, vor kurzem öffentlich erklärt, die Juden sollten sich wohl in die verschiedenen rumänischen Parteien einschreiben, aber sie sollen nirgends Anspruch erheben, in Fragen der rumänischen Politik mitzureaen. Es ist auch wahrscheinlich, daß diese Parteien sich einem Massen eintritt von Juden verschließen werden. Angesichts des mächtig um sich greifenden Rechtsextremismus wird sich keine Partei mit einem Judenschutz „kompromittieren“. V. In dieser Erkenntnis liegt der Schlüssel zur neuesten Taufbewegung Bukarest und in manchen anderen den rumänischen Machtparte ion gilt nicht mehr als genügender Judenschutz. Man glaubt Bich geborgen, erst wenn man s.ioh ins Christentum einschreibt, und man ist am sichersten im Schoße der orthodoxen Landeskirche. Selbstredend hat diese Logik ein Loch. Einzelne Neuchristen mögen wohl ihre Judenfrage für sich gelöst haben. Aber wenn Juden in ganzen Gruppen oder gar in Mas sen die Taufe nehmen, verliert das Neopliytentum des einzelnen seinen sonstigen Seltenheitswert, und die Gruppe oder die Masse wird der Umgebung als Judenchristen deutlich erkennbar. Die jüdische Geschichte kennt solcher Beispiele genug. Diese judenchristliohen Gemeinschaften stehen z w sehen zwei Welten. Von der jüdischen Welt sind sie ausgeschlossen, und in der christlichen Welt werden sie nicht voll genommen. Diese jüdischen Intellektuellen in Buka rest, wollen es nicht zur Kenntnis nehmen, daß der vom Geiste Hitlers influenzierte Rechtsextremismus in Rumänien sich den Rasse -Antisemitismus zu eigen gemacht hat und die Taufe als Sühne für das Verbrechen, Jude gewesen zu sein, nicht gelten läßt. Das Hitlertum verfolgt diese Sünde bis ins vierte Geschlecht. Die Statuten der national-christlichen Cuza-Goga-Partei verbieten die Aufn’ahmo getaufter Juden, und wenn das kommt, was die zweihundert jüdischen Familien in Bukarest befürchten, wird ihnen die Zugehörigkeit zum Christentum nicht helfen. Zu spät werden sie erkannt haben, daß sie mit eisernen Banden an unser Judenschicksal gekettet sind. Die Taufe hilft nicht mehr. Wenn die Taufe hätte helfen können, ein großer Teil der deutschen Juden wäre protestantisch oder katholisch geworden. Aber der deutsche Antisemitismus ist gründlich, die Taufe erscheint ihm als jüdischer Schleichweg, und die Rechtsextremisten in Rumänien haben viel zu viel von der fortdauernd sprudelnden deutsch-antisemitischen Quelle getrunken, als daß der Weihrauch in der projektierten prächtigen Judenkirche ihre Köpfe benebeln könnte. VI. Imre Kaiser und Frau zeigen hiemit allen Freunden und Bekannten die glückliche Geburt ihrer TOCHTER ESTHER an. TEL-AVIV, 24. Dezember 1936 redi. Shlomoh Hemelech 54 Schon haben die hakenkreuzlerischen Zeitungen der Hauptstadt, allen voran die blutrünstige „Porunca vremii“ Brandartikel gegen die Massentaufe losgelassen — ganz im Stile des „Stürmers“ in Berlin. Es gibt nicht einen Schimpf, der nicht diesen jüdischen Taufkandidaten angetan wird. Selbst die ernster zu nehmende „Tara noastra“ des Octavian Goga, Mitpräsidenten der national-christlichen Partei Cuza-Goga, Städten des Reiches. Die Einschreibung bei lehnt diese Taufe ab. Die Zeitung glaubt m nicht an die Aufrichtigkeit dieser Täuflinge und schreibt: „In diesen Zeiten des Antisemitismus ist der Übergang zum Christentum eines der semitischen Mittel, sich irgendwo zu verstecken. Es wiederholen sich heute die Geschehnisse wie im ehemaligen antisemitischen Spanien, als ganze jüdische Gemeinden zum Christentum tibertraten, aber nach dem Aufhören der Verfolgungen in die Synagoge zurückkehrten.“ Mögen die zweihundert jüdischen Intellektuellenfamilien in Bukarest die Taufe nehmen. Es ist übrigens noch nicht sicher, ob sio zur Taufe zugelassen werden. Starke antisemitische Kräfte bemühen sich um die Ablehnung dieses unwillkommenen jüdischen Zuwachses. Aber für alle Fälle werden die Judenchristen sich in ihrer neuen Rolle nicht glücklich fühlen, und wenn die Schicksalsstunde für das Judentum in Rumänien kommen sollte — wir hoffen, daß sie nicht kommt — und wenn der siegende Rechtsextremismus nur die Gleichberechtigung der getauften mit den ungetauften Juden anerkannt haben wird, dann werden wir in der besseren Lage sein. Unsere gegenseitige Liebe, die Hilfsbereitschaft der Juden der Welt, und nicht zuletzt die Sympathien der Legion edler Christen in allen Ländern der Welt werden unser Trost und unsere Stütze sein. Jene aber, die uns in Zeiten der Not verlassen, sie werden verloren sein in beiden Welten. *• Diese jüdische Massentaufe hat aber auch ihr Gutes. Es verlassen uns die Schwächlinge, und es bleiben nur die Starken und Mutigen. Diese Selektion ist das Geheimnis unseres ewigen Bestandes. Zu vermieten Ein großes. sonnigeB Zimmer, event. m. 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Aber dieser moralische Druck hat bei einem Teile der rumänischen Judenschaft nicht in dem Sinne der Erstarkung des eigenen nationalen Bewußtseins gewirkt, sondern er hat schon in der Vorkriegszeit namentlich in den höheren jüdischen Ständen zur Assimilation und zu der mit ihr Hand in Hand gehenden Entjudung geführt. Einige begriffen, daß -es sich um eine Liebe ohne Gegenliebe handelte. Der alte unvergeßliche Führer des rumänischen Vorkriegsjudentumes, der verewigte Dr.. Adolf Stern, dessen vornehmster Platz in der Geschichte der Juden Rumäniens unbestritten ist, hat in den letzten Jahren seines tatenreiohen Lebens seinen Irrtum erkannt und hat sich mm nationalen Judentums bekannt. Aber im alten Regat ist die Zahl der unverbesserlichen Asslm/ilanten nicht wesentlich kleiner geworden. Sie verfügten über eine ausg^breitete. und im gewissen Sinne Jerusalem, 81. Dezember. (JTA.) Der Leiter des politischen Departments der Exeku tive der Jewish Agency, Mosche Shertok, erschien heute abermals vor der Kgl. Kommission, um Bich über die Forderung öffentlicher Arbeiten zu äußern. Das Verlangen der Juden nach einem angemessenen Anteil an den öffentlichen Arbeiten stütze sich, so erklärt Shertok, in erster Reihe auf das die Zulassung jüdischer Einwanderer regelnde Prinzip der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes; in zweiter Reihe bleibe die jüdische Gleichberechtigung unvollständig ohne diesen Anteil; drittens liege es im Interesse des Staates, den öffentlichen Dienst von nationaler Unruhe freizumachen. Shertok führte weiter aus, daß die Leistungen der Juden für die Finanzen der Regierung 60 Prozent der Gesamteinkünfte erreichen, obwohl die Juden nur 80 bis 83 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Dis Juden verlangen jedoch bloß, daß ihnen entsprechend ihrer Zahl ein Anteil von dreißig bis dreiunddreißig Prozent an allen öffentlichen Arbeiten zugestanden werde. Über die Arbeitsverbältnisse in den palästinensischen Häfen und bei den Eisenbahnen stellte Shertok fest, daß von den Passagieren der palästinensischen Bahnen 05 Prozent Juden sind, während unter den 4800 Eisenbahnangestellten nur 305, also nur 7 Prozent, Juden sind. Wir wollen, sagte Shertok, Juden nicht nur als Passagiere, sondern wir verlangen auch den uns zukommenden Anteil an der Arbeit bei den Bahnen. Sir Laurie Hammond fragte, wie hoch die Löhne seien, die Juden und Araber erhalten. Shertok antwortete, die arabischen Arbeiter bekämen einen Taglohn von 80 bis 180 Mils,. die jüdischen Arbeiter im Durchschnitt einen Lohn von 170 bis 200 Mils, Sir Laurie Hammond: Also fast das Doppelte? Shertok: Jawohl. Sir Laurie Hammond: Sollen wir annehmen, daß ein Jude die Arbeit von zwei Arabern leistet? Shertok antwortete, daß der Jude bei Benutzung von Maschinen häufig sogar a c h t- bis zehnmal so viel leistet wie ein Araber. Sir Laurie Hammond: Wäre es nicht teurer für die Regierung? Shertok: Nein. Bei Arbeitsverträgen mit der Regierung handelt es sich nicht um Löhne. Wir sind bereit, zu den gleichen Bedingungen ohne Herabdrückung der Arbeitslöhne Arbeit zu übernehmen. Sir Morris Carter: Woher sollen die Araber Arbeit bekommen? Shertok antwortete, die Juden beständen nicht darauf, daß ihr Anspruch auf Beteiligung an öffentlichen Arbeiten maximal erfüllt werde. Außerdem wachse der Umfang der Arbeit im Lande ständig; es sei unzulässig, daß die Juden daran nicht beteiligt werden sollen. Der Vorsitzende der Kommission, Lord Peel» fragte, ob es niejit besser wäre, bei der Erörterung dieser Angelegenheit die Palästinenser im allgemeinen statt der Prozentsätze von Juden und Arabern ins Auge zu fassen. Shertok: Vielleicht in Zukunft. Heute jedoch, wo die Juden von den öffentlichen Arbeiten fast völlig ausgeschlossen sind, fordern sie ihren Anteil. Lord Peel: In welcher Zukunft? Shertok: Wenn d er p ol i tis ch e Streit zwischen Juden und Arabern beigelegt ist und auf wirtschaftlichem Gebiet die Löhne von Juden und Arabern angeglichen sind. Zum Schluß verlangte Shertok, daß den Stadtgemeinden von Jerusalem und Haifa der Auftrag erteilt werde, entsprechend dem Prozentsätze der jüdischen Bevölkerung: dieser Städte den Anteil der Juden an den städtischen Arbeiten und im Verwaltungsdienst um 50 Prozent zu erhöhen. Lord Peel: Oie Kommission wird ihre des eigene Interpretation Mandats geben Shertok verlas vor der Kommission den bekannten Brief des damaligen britischen Premierministers Ramsay Macdonald an den Präsidenten der Jewish Agency, Dr. Chaim Wai z m an n, vom Jahre 1931, in welchem Macdonald die Forderung der Jewish Agency nach entsprechender Beschäftigung jüdischer Arbeiter bei öffentliche^ Arbeiten der Regierung und der Munizipalitäten anerkennt und feststellt, daß der jüdische Anteil an den Steuer-, Zoil- und anderen Einnahmen der Regierung ein Maßstab für die Beschäftigung von Juden zu sein hat. Nach Beendigung der Verlesung des Briefes entstand der folgende, aufsehenerregende Meinungsaustausch: Lord P e s 1: Die Königliche Kommission Ist nicht daran gebunden, frühere Interpretationen des Mandates sich zu eigen zu machen. Stützen sich Ihre Argumente lediglich auf das Mandat oder auch au! andere Dokumente? Shertok: Wir sehen in dieser zusätzlichen Erklärung des damaligen Premierministers eine autoritative Interpretation des Mandats. Lord Peel: Betrachten Sie das Mandat als eine Bibel? Shertok: Ja, gewiß! Lord Peel: Unsere Kommission muß Ihre eigene Interpretation des Mandatsgeben. Lord Peel stellte dann eine Frage betreffend die Forderung der jüdischen Arbeiter nach Sabbath-Ruhe. Shertok erwiderte, diese Angelegenheit könne zufriedenstellend geregelt werden. Keineswegs darf die Frage der Saibbath-Ruhe maßgebend sein für (Se

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