Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 608 (5.1.1937)
- Date
- 1937-01-05
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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9k 5Stimme V. 6. fi. 20 g Nr. 608 JÜDISCHE ZEITUNG Wien, Dienetag, §• Jänner 1937 41. Tewefh 9497 io. Jahrgang Mandat und Mittelmeer Das Abkommen London-Rom Das englisch-italienische Mittelmeerabkommen ist am Samstag in Rom unterzeichnet worden. Die Vereinbarung enthält in der Hauptsache zwei Punkte: Die beiden Staaten erklären, daß ihre Interessen einander nicht entgegengesetzt sind, einander vielmehr ergänzen. Der gegenwärtige Stand der Dinge wird anerkannt, ohne daß jedoch die militärische Frage erörtert wird. Bei einer solchen Vereinbarung kommt es weniger auf den Inhalt an, als auf den guten Willen; man darf wohl glauben, daß beide Staaten gerne den Anlaß wahrgenommen haben, einen gefährlichen Zustand zu beendigen und sich einer weniger nervösen Auffassung zu befleißen. Der Sinn der Abkommens ist freilich im Wesen eine Bekräftigung der Prestigeeinbuße Englands. London unterschreibt, daß Mussolini am Weg nach Indien sitzen bleibt und daß der Tana-See in Abessinien endgültig aus der britischen Interessensphäre ausgeschieden ist. Damit anerkennt aber auch England die politische Parität Italiens im Mittelmeer, was anderseits dem faschistischen Staat alle Möglichkeiten schafft, sich den neuen kolonisatorischen Problemen zu widmen, die durch die Besetzung Abessiniens entstanden sind, mit ganzer Kraft und gemehrtem Ansehen. Die Kommentare der römischen Blätter, die vom Außenministerium inspiriert sind, unterstreichen dies und sie fügen mit auffallender Übereinstimmung hinzu, daß das Abkommen die Bedeutung der Achse Rom- Berlin nicht schmälere, sondern sogar verstärke. Diese Betonung verweist somit auf den zwischen Italien und Deutschland seit dem Besuch des Grafen Ciano bestehenden außenpolitischen Akkord, der sich vor allem in dem spanischen Krieg auswirkt und schon zu Gerüchten Anlaß gegeben hat, wonach Italien die Balearen, Deutschland die spanische Marökkozone beansprucht. Das Gentleman-Abkommen ist also die Zustimmung Englands zu seiner diplomatischen Verdrängung aus der mediterranen Hegemonie. Die Kriegsschiffe vor Malta und Zypern ändern daran nur sehr Aus Erez Israel Sechs neue jüdische Siedlungen Jerusalem, 31. Dezember. (JTA.) Sechs neue jüdische Siedlungen werden im Jänner eingeweiht werden: Zwei Kwuzoth und zwei Moechawim im Beisan, und zwei Kwuzoth im Jordantale. Huberman-Orchester in Nablus attackiert Jerusalem, 3. Jänner. (JTA.) Der Autobus, in dem 72 Mitglieder des Toscamitni- Orchesters, das zur Zeit in Palästina eine Konzertreise unternimmt, von Jerusalem nach Haifa fuhr, wurde bei der Durchfahrt durch Nablus von Arabern mit Steinen beworfen. Einige Fenster wurden zerschlagen, verletzt wurde niemand. Toscanini selbst hat in letzter Minute* seine Abreise nach Haifa verschieben müssen und war daher nicht im Autobus. Man schließt aus. diesem Zwischenfall, daß die Araber genaue Kenntnis von den Reisen bekannter Persönlichkeiten in Palästina besitzen und ihre Angriffspläne danach einrichten. Eine Schenkung an Toscanini Tel-Aviv, 2. Jänner. (Palcor.) Die Stadtverwaltung von Tel-Aviv veranstaltete zu Ehren von Toscanini einen Empfang, bei dem angekündigt wurde, daß eine Gruppe von Verehrern des Maestro ihm als Zeicheü ihrer Bewunderung eine Plantage im Scharon geschenkt hat. Vizebürgermeißter R o k a c h, der die Tatsache der Schenkung verkündete, bemerkte dazu, daß Palästina um einen neuen Landwirt bereichert worden 6ei. In seiner Antwort sagte Toscanini, daß eine Reihe großer Länder, in denen die Musik gepflegt werde, ihm nunmehr verschlossen sei, daß er aber an ihrer Stelle ein neues Land gefunden habe. Er erklärte, daß ei die Absicht hege, mindestens einmal in jedem Jahre nach Palästina zurückzukehren. 10.000 jüdische Arbeiter in den Kolonien Jerusalem, 1. Jänner. (Palcor.) Zirka 10.000 jüdische Arbeiter sind heute in den Kolonien in der Landwirtschaft beschäftigt. Vor dein letzten Ereignissen betrug die Zahl der in der Landwirtschaft beschäftigtem jüdischen Arbeiter 5500. Dr. Josef Kasteln Es ist jedoch ein Mangel an Arbeitskräften spürbar, besonders in den Kolonien Ohedera, Kfar-Saba, Hadar und Petach-Tikwa, und zwar infolge der Pflückarbeiten. In den letzten beiden Monaten sind aus Tel-Aviv 500 Arbeiter in die Kolonien gegangen. Man bemüht sich darum, daß in den nächsten beiden Monaten weitere 1000 Arbeiter aus Tel-Aviv, Jerusalem und Haifa zatr Arbeit in,die Kolonien geben. Im ganzen, leben in Palästina 50.000 bis 60.000 Juden von der Landwirtschaft. Auf Keren-Kajemeth-Boden loben 38.000 Personen in 101 Siedlungen. Die Gesamtzahl der Siedlungen beträgt 190. Neue Pläne Abdullahs Jerusalem, 1. Jänner. (Palcor.) Über einen neuen Plan, der vom Emir Abdullah stammen soll, wird in der syrisch-arabischen Presse von dem extremen arabischen Politiker Mohammed Aldin berichtet, der zu den führenden Persönlichkeiten der „Istaklal“ gehört. Der Plan Emir Abdullahs soll in der Gründling eines Reiches bestehen, das Palästina und Transjordanien umfassen und an dessen Spitze Emir Abdullah stehen soll. Während der letzten Ereignisse, so schreibt Mohammed Aldin, haben sich diese Hoffnungen des Emirs verstärkt, inzwischen ist jedoch eine Änderung in diesem Plane eingetreten. Es wird nämlich vorgesohlagen, die arabischen Bezirke Sichern und Jenin von Palästina abzutrennen und mit Transjordanien als „Königreich Belka“ zu vereinigen. Die übrigen Teile Palästinas — mit Ausnahme von Jerusalem, das selbständig bleiben soll —; werden den Status eines britischen Dominions erhalten. Wie sich zeigt, so schreibt der Verfasser, stimmen sowohl die Engländer als auch der Emir, diesem Plane zu. Ais Beweis hierfür kann die Tatsache dienen, daß die Engländer sich nicht nur nicht, bemüht haben, daß die Juden in die Distrikte von Sichern und Jenin eindringen, sondern dies sogar verhinderthaben. Naturgemäß muß man diese Nachricht mit größter Vorsicht aufnehmen. Die arabischen Unruhen Jerusalem, 31. Dezember. (JTA.) Ieaae Mistritzki, ein Siedler aus Kirjat Samuel in der Nähe von Herzlia, wurde, als er in der Nacht arabische Diebe verscheuchte, von diesen angeschossen und leicht verletzt. spricht, am Somas tag, den 23. Jänner, im Großen Musikvereinesaal über „Palästina, das jüdische Schicksal“. iiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiiinniiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinnifuiiiniiiiuninumnnrmflmmnnMniin Aus dem Jaffaer Zollhaus verschwanden mehrere Kisten Dynamit Die Polizei unter Mitwirkung des Zolldirektois Klingsley W. Stead führt die Untersuchung der Angelegenheit-. Aus dem Jemen wird berichtet,# daß der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde von Adhara im Jemen, Saadia Babli, von Arabern ermordet wurde. Antichristlicher Boykott In Haifa wurden Flugblätter verteilt, die von „Schülern des Scheich Kassam“ gezeichnet, die Mohammedaner zum Boykott der christlichen Araber aufrufen, mit der Begründung, daß diese das arabische Volk ausbeuten und die mohammedanischen Kinder vergiften. Wieder das Kuba-Einwanderungsprojekt Havanna, 3. Jänner. (JTA.) Das Mitglied des Repräsentantenhauses der Vereinigten Staaten William Sirovich ist in Havanna eingetroffen, um mit dem Oberkommandanten der kubanischen Armee, Signor Batista, . über die Genehmigung des Plans, hunderttausend Juden aus Deutschland in Kuba anzusiedeln, zu verhandeln. - Der Plan des amerikanischen Abgeordneten Sirovich, eine Massenansiedlung von Juden aus Deutschland auf Kuba zu organisieren (anfangs war sogar von 200.000 die Rede), ist in den maßgebenden jüdischen Kreisen Deutschlands und in Fachkreisen als phantastisch und undurchführbar bezeichnet worden. In diesem Sinn hat sich u. a. der kubanische Staatssekretär Luis Maohado y Ortega geäußert, der in Prag erklärte, selbst tausend Europäer hätten auf Kuba keine Arbeits¬ und Lebensmöglichkeit. Anderseits behauptet Sirovich, für seine Pläne den Präsidenten Kuba, G o m e z, uind den amerikanischen Präsidenten Roosevelt interessiert zu haben. Dem von ihm gegründeten Vorbereitungskomitee hat sich auch der bekannte Filmindustrie!!© Louis B. Mayer, der Vizepräsident des Metro-Goldwyn- Mayer-Konzerns, als Vorsitzender zur Verfügung gestellt. wenig. Immerhin verbürgt das Dokument die Unantastbarkeit der gegenwärtigen Positionen im Mittelmeer, sowie die Wahrung der Interessen und Rechte der beteiligten und der anderen Nationen. Bekräftigt dieses Abkommen auch die Völkerbundmandate, konkret gesprochen, den Auftrag Englands in Palästina? Es ist sicher, daß diese Frage bei den Vorverhandlungen ventiliert worden ist, denn Palästina ist,' nicht zuletzt durch die Schuld der englischen Praxis und nicht zuletzt durch das italienische Wurst wider Wurst eine sehr heikle Stelle des britischen Interesses geworden. Italien hat im Verlauf seiner Auseinandersetzung mit England die arabischen Tendenzen ermuntert und sie, um London zu treffen, gegen die an dem ganzen Streit gewiß unschuldigen Juden gelenkt. Englands Haltung war infolgedessen un- (Die bekannten Rundfunksendungen aus Bari werden jetzt eingestellt werden.) sicher geworden und es hat vielleicht gerne es verabsäumt, von der in Palästina angesammelten Militärmacht so Gebrauch zu machen, wie dies notwendig war. Es bestand die Gefahr eines italienischen antienglisfihen Abkommens mit dem König Ibn Saud und dem des Jemen; England, das zwischen den Verpflichtungen des Mandats und seinen arabischen Interessen schwankte, entschloß sich zu einem dilatorischen Vorgehen, aus dem dann die Verwirrung entstanden ist, die noch andauert und auch durch die Verlegenheitsmaßnahme der Kommission ' nicht zu bannen ist. Das neue Abkommen wäre gewiß geeignet, feste Verhältnisse herbeizuführen und den Anreiz des Werbens um die Araber zu beseitigen.' Es ist deshalb auf der jüdischen Seite mit Genugtuung aufgenommen worden; man will an eine Stärkung, der friedlichen Stimmungen glauben; trotzdem aber ist die Sorge nicht abgeschwächt, daß vielleicht die Dinge schon zu weit gediehen sind, und daß die arabischen Exaltados nicht so leicht die Romantik des Bandenwesens aufgeben werden. Palästina ist Völkerbundland. Es wird aber wie eine englische Kolonie verwaltet und die Verhöre der Kommission, die ja ein rein englisches Instrument ist, sind, wie immer sie geführt werden, kein Mittel, Ruhe zu stiften. Die Kombestehen, aber sie sind nicht objektiv, und sie sind niemandem verantwortlich. Lord Peel hat mitgeteilt, daß das Mandat kein heiliges Buch ist und daß die Kommission eine eigene Interpretation des Vertrages geben wird. Es ist gut, daß dann noch der Appell an die Mandatskommission offensteht und daß das Vorgehen Englands auch in Genf wird diskutiert werden können. Es handelt sich nicht allein um die Juden Palästinas, sondern um das Wohl und Wehe des jüdischen Volkes, und niemals wird der Völkerbund daran vergessen dürfen, daß er das historische Recht der Juden auf Palästina anerkannt hat. England hat den Auftrag erhalten und angenommen, die Errichtung des jüdischen Nationalheims mit allen Mitteln zu fördern und es ist eine sonderbare Verkennung dieses Auftrages, wenn in der .Kommission Sir Rumbold, der ehemalige Botschafter in Berlin, erklärte, im Mandat werde nicht ausdrücklich festgestellt, daß die Entwicklung in einem gewissen Tempo vor sich gehen sollte. Er hat übrigens auch gesagt, daß man in Palästina dem Staatskörper „eine fremde Wort, das an der Ehrlichkeit der Kommission fast zweifeln läßt, jedenfalls aber ihr politisches Verständnis , für die gesamte Lage an der Ostküste des Mittelmeeres in Frage stellt. Denn die arabische Bewegung, in der der Kampf gegen das Mandat nur ein Teil ist, zielt gegen England und sie ist ja gerade darum von Italien benützt worden. Wird das neue Abkommen Englands Stellung wieder stärken? Und sind solche Äußerungen geeignet, in diesem Sinn und in der Richtung einer Beruhigung zu wirken? Wir wollen hoffen, daß dies eintritt und daß eine Periode friedlicher Arbeit wenigstens in diesem Teil der Welt beginnt, in dem die Juden ohne Englands Unterstützung ein Werk aufgebaut haben, dem die Nachkriegszeit bei anderen Nationen nichts Gleichwertiges zur Seite stellen kann. Die Juden sind nicht auf Kampf und Krieg aus, sie wünschen keine Verwüstungen und keine Brandstiftungen, sie wünschen weder mit England noch mit den Arabern Konflikte, aber sie lassen sich nicht mehr unterdrücken und zurückschrauben. Sie sind Mittelmeer und sie werden dort miauen mag aus ÄQütaUendea Herren Raaae‘* mmtöhsa aselie, am höftflfl1 bleiben.