Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 606 (24.12.1936)
- Date
- 1936-12-24
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 806 — Wfen. Donnerstag, 24. Dezember 1936 Oll STIMMI Sette 3 Sinclair Lewis’ weltberühmter Roman als Film! Dodsworth ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ (Die Krise einer Ehe) Ur* und Alleinaufführung Rotenfturm-K'no I., Fleisch markt t, Tel. R 29-1-69 Die Juden gehen leer aus Im Bundesgesetzblatt erschien soeben das Bundeefinanzgosetz für das Jahr 1937, das Ausgaben von S 1.382,262.200, Einnahmen von S 1.342,059.700, Investitionen von S 17,488.000 und somit einen Gesamtgebarungsabgang von S 57,690.500 vorsiebt. Das Kapitel „Kultus“ bringt folgende interessante Ziffern auf der Ausgabeneeite: Offener ludenboykott eines Pfarrblattes Katholischer Kultus . . Evangelischer Kultus . . Sonstige Kultusausgaben . S 15,942.600 S 586.500 S 14.600 Demgegenüber ergibt die Einnahmenseite: Katholischer Kultus . . . S 427.800 Evangelischer Kultus . . . S 1.800 Wie man sieht, ist der jüdische Kultus wieder leer ausgegangen, obwohl die Israelitischen Kultusgemeinden aus eigenen Mitteln für den Religionsunterricht mehr ausgoben als andere Religionsgemeinden. Für die Gehalte der Rabbiner und Religionslehrer erhalten die jüdischen Gemeinden keine staatliche Zuwendung, wie dies in den Nachbarstaaten, zum Beispiel in Jugoslawien und in der Tschechoslowakei, der Fall ist. Die Israelitischen Kultusgemeinden erhalten überhaupt keine staatliche Beihilfe. , Die Wiener Jüdische Gemeinde entlastet durch die Erhaltung des Spitals, des Altersheims, durch ihre Fürsorgetätigkeit den Bund und die Gemeinde Wien. Die zunehmende Not der jüdischen Bevölkerung und die in der Verfassung verankerte Gleichberechtigung der Juden sind eine einwandfreie Begründung für die wiederholt erhobene Forderung auf eine angemessene staatliche Beihilfe an die Jüdischen Gemeinden zur Erleichterung der Erhaltung ihrer religiösen und sozialen Institutionen sowie zur Besoldung ihrer Lehrer und Rabbiner. Die faktische Durchsetzung dieser gerechten Forderungen muß von der Arbeitsgemeinschaft der Israel. Kultusgemeinden Österreichs und von der gesamten Judenschaft Österreichs einhellig vertreten werden. Beck über jüdische Auswande uns Warschau, 20. Dezember (JTA.). Der polnische Außenminister Josef Beck hielt im Außenausschuß des polnischen Senates ein ausführliches Expos6 über die gegenwärtige Lage, iu dem er auch die polnischen kolonialen Interessen im Zusammenhang mit der Jndenfrage behandelte und u. a. sagte: „In dieser Hinsicht handle es eich für Polen um die Sicherung von Auswanderungsgebieten namentlich für die jüdische Auswanderung und um den Zutritt zu Rohstoffquellen. Die Angelegenheit der jüdischen Auswanderung hält der Minister nicht nur für ein palästinensisches, sondern auchfür ein europäisches Problem. W e?er ein Todesopfer in Po’en Radom, 17. Dezember. (JTA.) In der Nacht zum 4. November wurden im Zug Warschau—Radom die jüdischen Passagiere von Huligans Überfällen und furchtbar mißhandelt. Dabei wurde der 39jährige Buchhalter der Markower Gerberei in Radom, Jakob Josef Weißbrod, durch Messerstiche lebensgefährlich verletzt. Am 15. Dezember erlag er im Radomer Hospital den furchtbaren Verletzungen. An der Bestattung nahm fast die ganze jüdische Bevölkerung von Radom teil. Deutschland und der Herzog von Windsor London, 18. Dezember. (JTA.) „News Chroniolo“ meldet, daß das Schreibverbot über Eduard, das der gesamten reichedeutschen Presse auferlegt wurde, darauf zurückzuführen ist, daß man über Eduards Verhalten sehr verstimmt sei. Die Tatsache, daß Eduard bei dein Juden Baron Rothschild ständigen Aufenthalt genommen hat und sich von dem jüdischen Spezialisten Prof. N e u m a n u behandeln lasse, hat das Propagandammisterium sehr verärgert. Das „P.f arrbIa11 St. Rochus und St. S e b a s t i a n“, das in Wien erscheint (Eigentümer, Herausgeber und Vorleger: Pfarramt St. Rochus und St. Sebastian) betreibt in seiner Dezember-Nummer offen Judenboykott in einem Artikel: „Frage und Antwort“. Die Frage lautet: „Herr Pfarrer, darf ich mich über eine Ansicht orientieren, die mich schon lange auf das lebhafteste bewegt? Sie sind ja, wie ich oft gehört, der Vertreter, Verfechter und Verkünder praktischer Nächstenliebe. Es handelt sieh um den Begriff: Gemeinschaftsgeist. Und zwar den Gemeinschaftsgeist der Nichtchristen.“ Und nun wird behauptet, daß die „gläubigen Israeliten mit großer Genauigkeit darauf bedacht sind, ihre Aufträge nur ihren Glaubensgenossen zufließen zu lassen, ihre Einkäufe ungeachtet so mancher unbequemen Entfernung nur bei diesen zu tätigen.“ In dieser Tonart geht es weiter. Man sollte nun erwarten, daß „der Vertreter, Verfechter und Verkünder praktischer Nächstenliebe“ darauf hinweisen würde, daß alle diese Behauptungen unwahr sind, und daß der von den Antisemiten so oft behauptete anbichristliche Boykott eine böswillige Erfindung ist. Aber weit gefehlt. Die Antwort lautet: „Ich bin ganz Ihrer Meinung und unterstreiche jedes Wort. Was die Juden schon längst üben, nämlich nur bei ihren Glaubensgenossen zu kaufen, das müßten doch endlich einmal auch die Christen begreifen. Christen kauft nur bei Christen! Seht ihr nicht, wie die Juden sich gegenseitig unterstützen! Eine schwere Pflicht ist es, die | Glaubens- und Volksgenossen, also die ' Christen, in jeder Weise zu fördern. Es stirbt ein christliches Geschäft nach dem anderen ab; die Juden setzen sich hinein, machen eine netie Fassade, eine schreiende Reklame, und lassen sich das alles von den — Golm zahlen. So sind die Christen. Und wenn man ihnen Vorstellungen macht und sie an die Pflicht auch die Christen leben zu lassen erinnert, dann seufzen sie verschämt: ,Ja, wenn man halt zu einem Juden geht, wird man so freundlich bedient, man .hat größere Auswahl, alles ist billiger und besser.4 Wir empfehlen immer und immer wieder den Lesern unseres Pfarrblattes nur bei Christen zu kaufen, besonders bei unseren Inserenten. Da ist kein einziger Jude dabei. Die Juden sollen von ihren Glaubensgenossen leben. Wir Christen denken in erster Linie an die Christen. Sie sind unsere näheren Brüder, sind Blut von unserem Blute und sind meist auch in der schlechteren wirtschaftlichen Lage als ihre Berufskollegen aus dem Volke Juda.“ So geschehen zu Weihnachten dos Jahres 1936, da es überall heißt: „... und Frieden den Menschen auf Erden.“ Die „Frage“ und die „Antwort44, (Ii6 nach dem Stil zu schließen, denselben Autor zu haben scheinen, verstoßen gegen das Gesetz, weil sie zu Unfrieden und Haß gegen die Juden aufreizen. Daran ändert auch nichts die Tatsache, daß hier dem nationalsozialistischem Rezept des Judenboykotts ein christliches Mäntelchen umgehängt wird. Es ist Pflicht der Staatsanwaltschaft, hier einzuschreiten. Numerus clausus bei der Oevag Die Oesterreichische Versicherungs A. G. hat, wie wir hören, nur einen ganz geringen Teil der ehemaligen jüdischen Angestellten des Phönix übernommen. Von rund 360 Juden wurden im Innendienst 20 wieder angestellt. Diese Zahl entspricht genau 4 Prozent des gesamten Angestelltenstocks. Es Ist bei der Oevag also der Numerus clausus durchgeführt. Von den nichtjüdischen Angestellten des Phönix wurden mehr als 50 Prozent in der Oevag wieder angestelit. Jeder Numerus clausus, überhaupt jede Einschränkung der Beschäftigung von Juden widerspricht den Grundgesetzen des österreichischen Staates. In diesem Fall ist man mit besonderer Härte vorgegangen und man muß auch fragen, ob die Oesterreichische Versicherungs A. G. auch bei der Aufnahme von Versicherungen nach der Prozentnorm Vorgehen wird. Nach der Höhe der Prämienleistung sind über 30 Prozent des Wiener Versicherungsstocks allein aus dem Vertrag des Keren Kajemeth hervorgegangen. Der Gesamtanteil der Juden an der Prämienleistung ist natürlich weitaus größer. Es ist aber nicht anzunehmen, daß die Oevag auch auf dem Prämiengebiet in Bezug auf die Juden wählerisch sein wird. Das geht schon daraus hervor, daß sie eine Neueinteilung in ihrem Außendienst vorgenommen hat. Es wurden nämlich die jüdischen Beamten des Außendienstes in den vorwiegend von Juden bewohnten Bezirken konzentriert, ein Zeichen, daß man sogar eine intensivere Bearbeitung der Juden für die Versicherungsgesellschaft plant. Juden-Auspeitschung in Tripolis Paris, 20. Dezember. (JTA.) Wie aus Tripolis berichtet wird, wurden am 16. Dezember auf einem großen Platz der Stadt drei jüdische Führer vor einer riesigen Menge öffentlich ausgepeitscht, bis sie das Bewußtsein verloren. Zwei andere jüdische Führer, die gleichfalls zur Auspeitschung verurteilt waren, entgingen dieser Exekution nur dadurch, daß der Arzt erklärte, ihr Gesundheitszustand lasse eine solehe körperliche Tortur nicht zu. 240 jüdische Kaufleute sind verhaftet worden. Der deutsch-jüdische Emigrant Doktor P i n n e r, der Zeuge der Auspeitschung war, protestierte gegen diese, woraufhin er verhaftet wurde. Wie verlautet, soll er deportiert werden. Die Vorfälle, die unter der jüdischen Bevölkerung von Tripolis ungeheure Erregung und Verzweiflung ausgelöst haben, haben folgende Vorgeschichte: Der italienische Provinzkommissar V e 1- I a n i hat eine Verordnung erlassen, wonach die Juden gezwungen werden sollten, am Samstag ihre Läden offen zu halten. Zum Protest gegen diese Verordnung hat das Rabbinat von Tripolis einen Fasttag proklamiert. Nach dem Fasttag hielten die Juden ihre Geschäfte am Samstag* zwar wieder geöffnet; doch weigerten sie sich demonstrativ, die Kunden zu bedienen. Wie die JTA. erfährt, hat der Oberrabbiner von Rom, David Prato, sich eilends nach Tripolis begeben. Es ist unverständlich, wie sich unter der straffen italienischen Herrschaft derartige Dinge ereignen können. Manschal Balbo, der jetzige Gouverneur von Tripolis, erregte schon einmal dadurch Aufsehen, daß er den Oberrabbiner von Tripolis verhaften ließ und nach Italien zurüoksohiokte, als dieser sich weigerte, eine rituell geschlossene Ehe für ungültig au erklären. Der Handelsverkehr Österreich-Palästina Die Ausfuhr Palästinas nach Österreich betrug bis Ende Oktober 14.996 Meterzentner im Werte von S 514.000. Hievon entfielen auf Nahrungsmittel und Getränke S 108.000, Rohstoffe und Halbfabrikate S 346.000, Fertigwaren S 52.000, Gold S 13.000. Möglicherweise wird durch Erhöhung von Citrusimporten in den letzten zwei Monaten der Abgang* in der Einfuhr Palästinas nach Österreich gegenüber dem Vorjahre aufgeholt werden. Die Einfuhr Österreichs nach Palästina im Jahro 1986 betrug bis Ende Oktober 1.4,915 Meterzentner im Werte von S 8,287.000. Hievon eutfielou auf Nahrungsmittel und Getränke S 115.000, Rohstoffe und Halbfabrikate S 124.000, Fertigwaren S 3,048.000. Wenn auch anzunehmen ist, daß in den letzten zwei Monaten die Exportzahlen nach Palästina eine Erhöhung erfahren werden, muß immerhin für das Jahr 1986 ein Abgang von rund 50% unseres Exports nach Palästina gegenüber dem Vorjahr gerechnet werden. Es ist dies eine Folge der Araberunruhen in Palästina, während welcher -die Importeure mit ihren Aufträgen zurüekgehalten haben, anderseits jedoch auf einigen Gebieten der österreichische Import von der Konkurrenz in den Hintergrund gedrängt wurde. Immerhin steht Palästina auch in diesem Krisenjahr im Vordergründe des österreichischen Exports nach den Ländern des vorderen Orients, zumal die Aktivität der Handelsbilanz Österreich-Palästina in den ersten zehn Monaten 1986 noch immer zirka 6 :1 beträgt. Dr. Hugo Groß. MORGEN Shilrley Temple in (Das Matrosen - Herzbinkerl) Burg-, Imperial-, Stafa- und Votivpark-Kino Lord Allenbys Büste Unser Bild zeigt Lord Allenby neben der von dem in London lebenden Wiener jüdischen Künstler Felix Weiß gestalteten Büste. Nach diesem Modell stellt Weiß das Allenby- Denkmal für Palästina her. mimmiimiwiiimiwiMiiimiiiiminmimiiiimiimmmmnmmmimmmmnmmimin Klassenlos-Haupttreffer gewinnt wieder ein Schelhammer - Los! Bei der am 21. d. Mts. stattgefundenen B-Ziehung der II. Klasse entfiel wieder der Haupttreffer von S 40.000 auf das vom Bank- und Wechselhaus Schelhammer & Schattera, Wien, I., Stephansplatz 11, in vier Anteilen verkaufte Los Nr. 25406. iiiiniiiiiiiiiiimiiiiiimmiiiiimiimiiiiiniiiiiiimiMiiimiiiiiiiiimiiiimmiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiumiiiiini Die Flüchtlinge aus JaSSa London, 18. Dezember. (JTA.) Nach einer Ankündigung des Kolonienministers Ormsby- Gore im Unterhaus wird die Palästinaregierung 5000 Pfund zu den Kosten für die Fürsorge der jüdischen Flüchtlinge in Tel-Aviv und Jaffa beitragen. Der Kolonienminister sprach weiterhin die Hoffnung aus, daß nach Erstattung des Berichts der Kgl. Kommission es für Juden und Araber möglich sein würde, in freundschaftlichem Einvernehmen in Jaffa zu leben. Die Mitteilung des Kolonienminsters über die Bewilligung von 5000 Pfund zur Versorgung der jüdischen Flüchtlinge aus Jaffa erfolgte anläßlich der Beantwortung einer Anfrage des Abgeordneten Wedgwood, der darauf hingewiesen hatte, daß 15.000 Pfund zur Errichtung eines Dorfes für diejenigen Araber bewilligt worden seien, deren Häuser in der Altstadt von Jaffa niedergerissen worden sind. Anläßlich der Silbernen Hochzeit des Herrn Dr. Egon Michael Zweig und Frau Louise Zweig gratuliert der Zionistische Landesverband für Österreich aufs herzlichste. Arbeitska'ender des Keren Kajemeth Lejisrael (Aktion zur Gründung der Liga der Keren- Kajemeth-Freunde. — Referate Prof. Julian Silberbusch und Dr. Chaim Tartakower.) Der für Dienstag, den 22. Dezember, angesetzte Vortrag „Jahre der Entscheidung“ wurde für Dienstag, den 19. Jänner 1937 verschoben. Ort wird noch bekanntgegeben werden. iiiiiiiiiiiiiiiniiiiiiiiiiimiiimiimiimiiiiiiiiiiiiiiiimiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiuiiiimiiiiniimuiiiiiiiiiUP Makkabäerfeier des Ringes der Altherrenverbände Die Feier nahm einen imposanten Verlauf; nach dem Liehteranzünden hielt Dr. Otto L i f c z i s eine Rede über die Bedeutung des Festes und beleuchtete die Ereignisse der fernen Vergangenheit von Gesichtspunkten der Gegenwart aus. Hervorgehoben aus dem reichen Programm seien vor allem die Gesangsvorträge Duno Tendlers (jiddische und palästinensische Lieder) und die Vorlesung von Rudolf Weiß aus Becr-HoL nnums „Vorspiel zu König* David“.