Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 605 (18.12.1936)
- Date
- 1936-12-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 605 — Wien, Freitag, 18. Dezember 1036 Oll «TIMMI 8«tt« 3 Der Chanukkah-Heeresgottesdienst in England London, 16. Dezember. (JTA.) In der Cricklewood Synagogue in London fand unter der Leitung des Feldoberrabbiners der englischen Armee, Dajan M. ö o 11 o p, zum 33. Male der Chanukah-Gottesdienst fiir Angehörige der Flotte, des Heeres und der Luftwaffe statt. Dem Gottesdienst in der überfüllten Synagoge wohnten u. a. Fcldmarschall Sir William R. Birdwood, General Sir Ian Hamilton und der Bürgermeister von Willesden bei. Im Rahmen des Gottesdienstes fand eine Huldigung für den neuen König Georg VI. statt, dem Feldoberrabbiner Gollop im Namen der jüdischen Mannschaften Treue aus vollem Herzen gelobte. Zu Beginn der anschließenden Kameradeohaftsfeier in den Wharncliffe-Sälen wurde von dem Vorsitzenden, Major F. C. Stern, folgendes Telegramm König Georg VI. verlesen: ragendsten Vizekönige Indiens gewesen sei. Dann sprach der Feldmarschall von dem jüdischen Pfadfinderverband, der Jewish Lads Brigade, die er vor kurzem inspiziert habe. Die Arbeit dieser Vereinigung verdiene höchste Anerkennung. Die Schulung, die die jungen Leute hier erfahren, bedeute nicht Militarismus, denn sie würden nicht zum Angriff, sondern zu richtigem Bürgerbewußtsein erzogen. Zum Schluß gedachte der Feldmarschall der hohen Leistungen, die die Juden seit jeher in der englischen Streitmacht vollbracht hätten, und wies darauf hin, daß von den 50.000 Juden, die auf englischer Seite am Weltkrieg teilgenommen haben, 10.000 ihr Leben für das Vaterland opferten. Als Sprecher der Luftwaffe stellte Gruppenkapitän A. C. W r i g h t fest, daß die : Zahl der Juden bei den britischen Luftstreit-1 kräften sieb im letzten Jahr um 100% verj größert habe. Es sei aber immer noch genug Platz für junge Leute bei| der Luftwaffe. Ihm antwortete Lord-Richter Greene, der es als einen besonderen Vorzug derjenigen, i die in England das Recht handhaben, bezeichnete, daß sie dies ohne Furcht und Gunst und ohne Unterscheidung nach Rasse oder Glauben tun. Es sprachen noch General Sir Walter M. St. G. Kirke als Oberkommandant des Landsturms und Oberst R. H. Joseph. Einigkeit im Geiste Juda Makkabis Bitte übermitteln Sie den jüdischen Angehörigen der militärischen Kräfte den aufrichtigsten Dank des Königs für ihre freundliche und loyale Glück,wunschbotschaft. Der Marquis of R e a d i n g sprach den Toast auf die königlichen Streitkräfte. Ein englischer Ministerpräsident habe einst gesagt: Welchen Zweck hat es, ein Volk vernichten zu wollen, das über zweitausend Jahre landlos ist und noch immer ein Erntefest feiert. Ebenso könne man sagen: Es ist zwecklos, ein Volk vernichten zu wollen, das nach zweitausend Jahren der Wehrlosigkeit noch immer ein Siegesfest, Chanukkah, begeht. Auf den Trinkspruch Lord Readings antwortete für die Kriegsflotte Admiral Sir William W. Fisher. Im Namen des Heeres sprach Feldmarschall Sir William R. Birdwood. Er huldigte dem Andenken des Vaters Lord Readings, der einer der hervor¬ Am 12. Dezember fand im Großen M!usikvereinssaale die Chanukkah-Feier des Bundes jüdischer Frontsoldaten statt, bei welcher der Bundesführer Hauptmann Edler von Friedmann eine beachtenswerte Rede hielt. Nach einer Schilderung der geschichtlichen Vorgänge zur Zeit der Makkabäer insbesonders der hellenistischen Assimilation führte der Redner aus: „Solche Spaltungen innerhalb der jüdischen Gemeinschaft wiederholen sich öfter im Ablauf des geschichtlichen Geschehens und führen dazu, daß außenstehende Kreise in die jüdische Entwicklung schicksalhaft eingreifen können. Ebenso wiederholt sich die Anrufung außerjüdischer Stellen zur Unterstützung des Standpunktes der einen Gruppe gegenüber dem der änderen. Ebenso wiederholt sich von Zeit zu Zeit das Verlangen, sich der Umwelt vollkommen anzupassen. Solange eine solche Anpassung nur Angleichung bleibt, kann dagegen nichts euigewendet werden. Speziell dann nicht, wenn durch eine Angleichung eine Aufwertung eigener Lebensformen eintritt. Wo jedoch die Anpassung zu einer Nachahmung, also zu einer Assimilation wird, werden schwierige, beinahe unlösbare Probleme aufgeworfen. Der Drang zur Assimilation tritt in Perioden stärker in Erscheinung, in welchen die Juden durch die Umwelt nicht immer in mehr oder minder .«barbarischen Formen daran erinnert werden, daß sie Juden sind. In solchen Epochen ist ein Teil der Juden bemüht, jeden Unterschied zu verwischen, sich zu assimilieren. Dadurch müssen sie aber zwangsläufig mit jener Umwelt in Konflikt geraten, die nicht nur den Juden feindlich gegenübersteht, sondern sich gegen das Assimilieren wehrt. Und diese Umwelt ist heute starker und aggressiver Dr.lsaac Herzog bisher Oberrabbiner von Irland/ wurde als Nachfolger von Rabbi Kul< zum aschkenasischen Oberrabbiner von Palästina gewählt ..(um.. denn je und verfolgt ihre Ziele mit Mitteln, die in ihrer Gesamtheit unsere Vernichtung vorbereiten sollen.“- Im weiteren Verlauf seiner Ausführurgen rief der Redner das Judentum auf, im Geiste Juda Makkabie lind seiner Heldenschar einig zusammen zu wirken und die Einigkeitsbestrebungen des Bundes jüdischer Frontsoldaten zu unterstützen. „Nicht der ist ein großer Politiker,“ ruft der Redner unter dem Beifall des Hauses aus, „der m i t Beschimpfungen des Gegners seine Richtung vertritt, sondern derjenige, der durch Überzeugung Anhänger gewinnt. Wir dürfen keinen Augenblick vergessen, daß wir alle vorerst Juden sind, und dann erst nach verschiedenen Richtungen auseinanderstreben. Wir dürfen nicht dortUntersehiedekonstruiereu, wo doch die nichtjüdisohe Umwelt in ihrer Einstellung zu den Juden keinen Unterschied macht. Allen Juden wird die gleiche Abneigung entgegengebracht. Alle Juden, ohne Unterschied, werden geh aß tl Und hier liegt die gemeinsame Linie, die wir verfolgen müssen, um uns gegen den gleichen. Angriff, die gleichen Besohimpfun- Der heilige Teppich Von M. y. Ben-gavriel (Jerusalem) Eine Meldung der letzten Tage besagt, daß zwischen Ägypten und der Saudiye ein Vertrag unterschrieben wurde, dem zufolge die diplomatischen Beziehungen zwischen diesen beiden Ländern am Roten Meer wieder aufgenommen werden. Wenn man die Geschichte des letzten Jahrhunderts nachblättert, findet man keinen einzigen Krieg zwischen diesen beiden Staaten, so daß diese Meldungein wenig unverständlich erscheint. Um so unverständlicher, wenn man weiß, daß in der Hafenstadt Djiddah die Vertreter. beinahe aller Mächte sitzen — ausgenommen die der muslimischen Staaten, die, ale Mo-! hammodaner, in der Hauptstadt Mekka wohnen dürfen —, die alle Rechte und Pflichten von Diplomaten, wie in irgend oinern Land der Welt, haben. Unter ihnen gab es auch einen Vertreter Ägyptens, der aber diese Rechte nicht genoß, sondern Privatperson war, genau wie der Vertreter des Königs Ihn Saud in Kairo. Eine Privat-' person, die wohl einen König und ein Land vertrat, von deren Existenz aber die Regierung offiziell keine Kenntnis nahm. Die Ursache dieses merkwürdigen Zustandes ist' darin begründet, daß Ägypten als. einzige! Macht die Herrschaft der Wahabi nicht anerkannte, wiewohi sehr rege kommerzielle' und religiöse Beziehungen zwischen diesen beiden Anrainern bestehen. Es gab, wie gesagt, keinen Krieg zwischen Ägypten undj dem Land Ihn Sauds und auch keine nennenswerten Konflikte auf handelspoliti-1 schein Gebiet, keine Grenzverwicklungen und keine Neutralitätsverletzungen. Nichts in der Welt hätte die beiden Staaten hindern können, im besten Einvernehmen zu leben, wenn es keinen Mahm.il gäbe. Dieser Mahmil j war der einzige Grund und Anlaß dos be-| ziehungslosen Zustandes der beiden größten muslimischen Staaten. * Was ist nun dieser Mahmil? Dem Äußeren nach ein viereckiges hölzernes Gestell, pyramidenförmig, bedeckt mit goldgesticktem Brokat, eine Art Teppich, eine Sänfte, diej aber niemals von Menschenfuß betreten.wird, j Seit einigen Hunderten Jahren sendet der; jeweilige Herrscher des Nillandes diesen’ Mahmil zur Zeit der großen Pilgerfahrt aufj einem schönen, weißen Kamel — dem dann, lebenslänglich jede Arbeit erspart wird — in pomphafter, militärisch stark gesicherter Karawane nach Mekka. Der religiöse Ursprung der Sitte ist allmählich in Vergessenheit geraten, während der politische Sinn desselben weder von Mekka noch von Kairo jo vergessen wurde: die Entsendung des’ Teppichs wurde als symbolische Handlung! dafür angesehen, daß der Herrscher Ägyptens Beschützer, Souverän also des Herrschers von Mekka ist. Als nun 1807 die Wahabi zum orstomnal Mekka eroberten, wurde diese Tradition unterbrochen. Diese Puritaner der Wüste verbaten sich den Besuch, einesteils, weil sie sich durchaus unabhängig fühlten, anderseits, weil ihnen alles, was nicht im Koran geschrieben steht, ein Greuel' ist. Nachdem diese Eiferer wieder aus; Mekka.vertrieben worden waren, schickte man den Mahmil wieder in die Heilige Stadt, doch gab es aueh unter dem letzten Scherifen, dem späteren König von Hedjas, Hussein, dom von Ibn Saud vertriebenen Vater des verstorbenen Königs von Irak, deswegen Zerwürfnisse. Als dann die Wahabi, 1924, Mekka wieder eroberten, kam es zum Zusammenstoß. Der Mahmil wurde auf dem Weg vom Hafen Djiddah nach Mekka, bei Munah, von fanatischen Wahabi-Partisanen überfallen. Nach einem schweren Gefecht mit der äygptischon Begleitmannschaft rottete der König persönlich den Toppich, und die Ägypter und schickte sie nach Ägypten zurück. Der Vertreter des Hedjas erklärte, daß der Mahmil „wie ein Götzenbild“ behandelt werden würde, wenn er nochmals nach Mekka käme. Und wie die Wahabi alles, was ihnen Götzenbild erscheint, behandeln, zeigt die historische Tatsache, daß sie nach der Eroberung Mekkas durchaus nicht abgeneigt waren, die Heiligtümer dort in Ruinen zu verwandeln. (Nach der Eroberung der heiligen Stadt Kerbeiah im Anfang des vorigen Jahrhunderts, zerstörten sie eine Reihe von Reliquien.) Nach längeren Verhandlungen erklärte sieh aber Ibn Saud' denn doch bereit, die Heranbringung des Mahmils zu gestatten, stellte aber die Bedingung, daß sowohl die wahabischem Gefühl widersprechende Begleitmusik, wie auch die bewaffnete Eskorte, die mit Beinen Souveränitätsrechten nicht vereinbar sei, zu Hause bleibe. Beides wurde von Ägypten abgelehnt. * Immer wieder fanden in den letzten Jahren darüber Verhandlungen statt, wiederholt tauschten die beiden Könige persönliche Handschreiben aus — aber eine Lösung des merkwürdigen Problems wurde nicht gefunden, wiewohl der vertragslose Zustand der in regen Wechselbeziehungen stehenden Länder immer wieder zu unangenehmen Komplikationen führte. Nun scheint endlich die Lösung des Problems gelungen zu sein. Die Frage des Mahmils w.urde ohne Prestigeverlust für beide Seiten aus der Welt geschaffen und das mohammedanische Ägypten wird zu den heiligen Städten des Islam wieder in geordnete Beziehungen treten, nicht anders wie die nicht-mohammedanischen Staaten. Es. ist natürlich kein Zufall, daß das Problem in ' dieser Jahreszeit gelöst wurde, denn die Pilgereaison steht vor der Türe und Ägypten stellt ein gewaltiges Kontin-, gent von Pilgern. Jedes Jahr aber, das ohne geregelte Beziehungen abläuft, bringt einen schweren Schaden für die Wahabi- 6taaten mit sich, deren Budget mit den Einnahmen aus der Wallfahrt steht und fällt. ..... Nachdruck verboten! Laß midi ruhn in deinen Armen (Hadinisini tachath kenafech) v. N. Bialik Übersetzt von M. Kienbein. Aus einer demnächst erscheinenden neuen Übersetzung der Gedichte Bialiks. Lass’ mich ruh’n in deinen Armen, Sei mir Mutter, Schwester — Traute! Und dein Busen sei die Zuflucht Meiner irrenden Gebete! Kommt die abendliche Stunde Des Erbarmens, lass’ mich weinen! Jugend, sagt iqan, — gibt’s auf Eiden, Wo ist meine? Und ein zweites Rätsel löse; Mich verbrennen meine Triebe, Liebe, sagt man, gibt’s auf Erden, Was ist Liebe? Ach, wie trogen mich die Sterne! Hab’ geträumt und — ausgeträumet, Nichts auf Erden ist mein eigen, Hab's versäumet.., Lass’ mich ruh’n. in deinen Armen, Sei mir Mutter, Schwester — Traute! Und dein Busen sei die Zuflucht Meiner irrenden Gebete!