Die Stimme
- Journal
- Die Stimme
- Volume
- 10 (1936-1937)
- Issue
- Heft 604 (15.12.1936)
- Date
- 1936-12-15
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 604 — Wien, Dienstag, 15. Dezember 1936 Oll IfIMMB Sette 3 Sonderbericht der „Stimme" aus Erez Israel Der Prozeß ohne Ankläger Hause sind, dann weiß man, daß alle Fragen einmal von uns aus ihre Antwort erhalten werden. Man hört dort von verschiedenen Formeln, die von dem Regierungspalais auf dem ölberg und von gewissen Zirkeln Londons aus in Umlauf gesetzt werden, um eine Reaktion der Juden zu provozieren. So wird vorgeschlagen, die Juden mögen das Vorgehen von Hui eh ausbreiten, wo sie das Land enteumpfen und anbaufähig machen, und davon einen Teil den arabischen Beduinen oder Fellachen zur Verfügung stellen müssen. Die Juden sollen mit ihrer Technik, ihrer Erfahrung, ihrer Intelligenz und — ihrem Kapital an der Hebung des arabischen Teiles Palästinas und des Irak mitarbeiten, damit ein Teil der arabischen Bevölkerung aue Palästina abwandern könnte; die Juden sollen das gleiche in Transjordanien tun, das ihnen aber als Siedlungsland weiter verschlossen bleibt; und selbstverständlich taucht auch die Formel von den Reservationen für die Araber auf, im Wesen also wieder die Kantonisierung. Man ißt auf jüdischer Seite gewiß bereit, einen Modus vivendi zu suchen. Aber ein solcher ist doch nur dann zu finden, wenn die Gegenseite da ißt. Aber die Araber sind nicht erschienen. „Extremismus“ — sagt mir Herr Hermann, der Generalsekretär deß Keren Hajessod, — „ist die Waffe des schwachen Mannes, der sich fürchtet. Den Angstkomplex kann man vielleicht dem einzelnen nehmen, aber nicht einem Volk. Wir haben ihnen nichts getan, wir haben sie nicht verdrängt. Weizmann ist auf jeden Punkt ihrer Beschwerden eingegangen — aber sie haben Angst und in solchem Zustand ist ein Gentleman agreement unmöglich. Das macht die Lage so schwierig. Bei uns besteht keine Psychose. Wir haben unsere Positionen gehalten und keinen Punkt geräumt. Wir sind hier und wir bleiben hier.“ Daß ist die Stimmung deß ganzen Landes. Jeder Arbeiter, jeder Bauer, jeder Geschäftsmann gibt auf dio Frage die gleiche ■Antwort: „W-i r sind d a und w i r gehen nich t!“ Diese Menschen haben sechs Monate Kampf hinter sich. Man muß wissen, was daß heißt, sechs Monate lang tagsüber bei der Arbeit und auf dem Felde stehen, des nachts Wachdienst zu leisten. Vor sich verwegene, mit dem Gelände vertraute Raubßchützen, neben sich den mißmutigen englißchen Kolonialsoldaten und den arabischen Polizeioffizier. Und im Hintergrund die Regierung, die durchaus antijüdisch ist, die aus dem jüdischen Geld sechs Millionen Pfund Überschuß angesammelt hat und die Hilfspolizisten weiter von den Juden bezahlen läßt, die fast nichts für die jüdische Industrie, nichts für den Export —- mit Ausnahme der Orangen — tut, die zusieht, wie aus der Barclay-Bank die Millionen jü d i ß c h e r Einlagen nach Kenya, C y p e r n und England wandern und dort für billiges Geld arbeiten, während wir Wintersport fürs Kind! Jüd. Kinderferienhelm »ATID« Inhaber u. Leiters A. TAGUCHT Mod. kom«. Helm Cnffal am VorzUql. rituelle dpilfll dm v"apch?.gsÄt.r«cht Semmering Stand, ärztliche und pädagogische Aufsicht Auch fllr Erwachsene Sekretariat:Wien, IX.,Schwarzspanierstraßei2/31 Tel. A 26-3-73 Anleihen zu teueren Bedingungen aufnehmen müssen. Wer nur ein paar Tage durch daß Land wandert, der sieht, wie Ungeheuerlicheß durch die jüdische Arbeit entstanden ist, ohne die geringste Hilfe der Mandatsmacht lind gegen ihren Willen. Aus unserem Geld baut England Colleges für die Araber und erzieht diese arabischen Lehrer, die dann wütend gegen uns — und gegen England hetzen. Aber daß jüdische Volk i ß t s t ä r k e r. Es baut und arbeitet. Und mit wem immer man spricht, der sagt immer dasselbe: „Kommt zu uns und arbeitet mit. Stärket unsere Fonds. Wenn die Golah mit uns ist, dann trotzen wir dem Teufel und der ganzen Welt!“ In dieser Entschlossenheit feiert der Jischuw Chanukkah. Die Abendvorstellung im Simpl Mittwoch, den 16. d. M., „All Farkas und die 40 Griinbäume“ findet zu Gunsten der Zionistischen Betlrksaektlon VIII/IX statt. Restliche Karten im Sekretariat (Tel. R 52-0-12) und an der Abendkassa. Kurze Palästina-Nachrichten waffne,ten Araber auseinander, ohne , iemail(j verwundet worden wäre. dal Fl,r Genußmittelfabrik ta D-SäfliNa werden von I*CIICdS1I|1CI Fachmann Pfund 3000’— gesucht. Unter „S e r i ö s u n d a u ss i c h t s r e i c h“ a. d. Adm. d. Blattes (JeM dem Jischuw! Als Kurt Blrnnenfcld während seines Wiener Aufenthaltes von einem Redakteur einer Tageszeitung gefragt wurde, wie es denn uni den Hafen von Tel-Aviv und überhaupt um die jüdische Schiffahrt stehe, antwortete er, das sei eine rei.no Geldfrage. Wenn man den Engländern das Geld zeigen könne, das für die Errichtung des Hafens und für die Organisierung der Schiffahrt notwendig sei, so würden jüdischer Hafen und jüdische Schiffahrt entgegen allen sonstigen Widerstünden und Schwierigkeiten im Handumdrehen Tatsachen werden. Wenn man allerdings statt einer Million nur etwa 100.000 oder 200.000 Pfund zeigen könne, so fehle ja von vornherein jede Basis für eine Verhandlung. Es sei nur Zeitverlust, mit einem Partner zu diskutieren, der das, was er machen möchte, gar nicht machen kann, weil er das Geld dazu nicht hat. Blumenfeld kam auf dieses Thema im Verlauf der Unterhaltung mit dem Journalisten immer wieder zurück. Man könne, so sagte er schließlich ganz allgemein, bei den Engländern so manches erreichen, wenn man sich auf ein kräftiges Bankkonto berufen könne. Wenn wir die Einstellung jüdischer Hilfspolizisten verlangen, fragt man: Habt ihr das Geld, sie zu bezahlen? Wenn man dicis und jenes Problem der Sicherheit und des Wiederaufbaues amsohneklet, immer muß die natürliche Gegenfrage sein: Könnt ihr, was ihr haben möchtet, aber auch machen, könnt ihr es finanzieren? Nur wenn die Antwort „Ja“ lautet, kann man sich weiter unterhalten. Dann aber kommt man auch sicher zu einem Ergebnis ... Geld! Die Engländer wollen Geld sehen, aber Geld brauchen wir auch auf allen jenen Tätigkioibsgiebictfui in Palästina, wo wir gar nicht vom guten Willen der Engländer abhängig sind, Geld, Geld und wieder Geld ist der Kernpunkt des gesamten praktischen Palüßthvaproblems. Die moralischen, politischen mul wirtschaftlichen Voraussetzungen für die Durchsetzung unserer Pläne sind gegeben: Der Jischuw hat gezeigt, daß er die Kräfte besitzt, ans denen das jüdische Land erwachsen kann. Er ist zu jedem Opfer bereit., er hat alle Opfer auf sich genommen, die die Ereignisse von ihm verlangten. An ums in der Galuth ist. es, ihnen materielle Mittel zu liefern, die den Opfern und der Arbeit des Jischuw ihren praktischen Sinn geben werden. Das Aktionskomitee hat in Zürich _ die Schaffung eines Sonderfonds „Mifai Bizzaron moitachon“ — für 'Sicherheit, und Wiederaufbau — be.schlo.sseu. Überall in der Welt sind die Sammlungen im Gange, überall opfert das Judentum freudig unter Anspannung aller seiner Kräfte. In Österreich wurde die Aktion durch technische Umstände verzögert. Sie muß nach geholt, werden, es muß das, was an Zeit verloren wurde, durch verschärftes Tempo eingebracht werden. Elieser Kaplan hat in Zürich in seinem Bericht über die Lage in Erez Israel gesagt: die Juden Erez Israels leimten es ab, sich ihre Ruhe und Sicherheit durch ihre Zustimmung zu einer Einstellung oder auch nur Einschränkung der Einwanderung zu erkaufen. Sie wollten weiterkämpfen und weiter leiden und wiesen den Gedanken dos Verrat« an der Galuth entrüstet zurück. Sie geben ihr Leben, sie sind solidarisch mit der Galuth biß in die letzten Konsequenzen! Wir können ihnen nicht Gleiches mit Gleichem erwidern und sie verlangen es auch nicht. Aber wir müssen geben, was wir geben können: Geld! Wir müssen es reichlich geben — und beschämt: daß wir ihre Opfer an Blut und ihre mit dem Leben besiegelte Solidarität nur mit Geld lohnen können. Wenn wir noch soviel geben, wir bleiben immer tief in der Schuld des Jischuw! Literarische Vorlesung Dr. Kaminkas In der Jüdischen Kulturstelle, I., Fnanz- Josefs-Kai 8) wird Horr Rabbiner Dr. Armand Kaminka am Samstag, den 19. Dezember, Szenen aus seinem Biboldrama „König Ahab“ vorlesen, das boroits bei vielen literarischen Persönlichkeiten großon Beifall gefunden hat. Die einleitenden Worte spricht Dr. Alfred Wernor. Es wirken Schauspieler des Jüdisckos Kulturthoaters aalt, Beginn, 18 Uhr« —y, Jerusalem, 8. Dezember 1936. Im Tanzsaal deß verkrachten arabischen Hotels Pallas tagt die königliche Kommission. Der Raum ist ziemlich klein. An einer langen Tafel sitzen die fünf Herren, an der Querseite zwei Sekretäre und zwei Stenotypistinnen. Im Hause ißt ein umfangreiches Bureau eingerichtet mit Schreibmaschinen, Diktaphonen, Personal, Boten, Polizisten imw. Alles wird, und zwar sehr gut, aus den Mitteln der Palästina-Regierung, daß heißt aus jüdischem Geld, bezahlt. Die Verhöre sind ari sich ßohr interessant. Die Komimisßion hört aufmerksam zu, hie und da fallen Fragen. Manche erinnern an den Knaben in der Haggadah, manches hellt aber die Zustände grell auf. So wenn Lord Peel das Urteil über daß Erziehungswesen zusammenfaßt: „Die Juden lernen hebräisch und arabisch, die Araber nur arabisch, beide aber lernen nicht englisch. Das ißt aas Resultat nach 15 Jahren.“ Oder wenn er Herrn S c h ertok fragt: „Weßhalb übergeben die Zionisten nicht die Illegalen der Polizei?“ Sdhertok antwortet scharf: „Das kommt nicht in Frage!“ Solche Fragen sind in dem Land der jüdischen Heimstätte möglich und von einem, wie man sagt, wohlgesinnten und demokratischen Richter. Die Kommißßion ist ein Produkt der Verlogenheit. Sie ißt nicht von der Regierung ersonnen worden, sondern wurde von Lord L y 11 o n, dem seinerzeitigen Leiter der China-Japan-Kommißsion und jetzigen Vorsitzenden der Palästine-Pottash-Comp. am Toten Meer, in einer Rode angeregt. Man kann das Wiener Wort: „Es muß waß g'ßcheh’n“ anwenden. Die englißche Regierung hat kein Konzept für den Fall Palästina. Sicher ist nur, daß sie, respektive ihr Militär, im Lande bleibt, und ihr Verhalten zu Juden und Arabern wird ausschließlich von militärpolitischen Gesichtspunkten bestimmt. Der Himmel ist hoch und der Völkerbund nirgendß. Demgemäß wird auch die Kommission nichts tun. Sie nimmt sozusagen den Tatbestand auf, aber höchst einseitig. Es ist, wenn man das so sagen darf, ein : Verfahren in..Kontumaz. Der Ankläger,, die Araber, fehlt. Die jüdischen Experten müssen groteskerweiße vom arabischen Standpunkt ausgehen. Sie bringen — und Weizmann tat dieß besonders — die arabische Argumentation und antworten zugleich. Das jüdische Volk hat sich im Bewußtsein seines Rechte« und seiner Leistung der Kommission gestellt. Aber das arabische Volk fehlt, und daß wirkt sicherlich irritierend. Die arabische Öffentlichkeit scheint damit nicht einverstanden zu sein, und es heißt, daß N a s h a s h i b i, der alte Antagonist des Mufti, die Kommission nach Amann laden und dort vor ihr „privat“ sprechen will. Ob es dazu kommt, ist fraglich. Die Kommission will bi« Mitte Dezember fertig ßein, um ihren Christmas-Truthahn schon in London essen zu können. Sie wird dann ihre Berichte und Vorschläge machen, die Regierung wird sie studieren und so ungefähr nach Pessach, wenn in Palästina die Anbauarbeit vorbei ist, wird man vielleicht etwas beschließen. Dann aber wird auch das Nebi-Musa-Fest da sein, das Fest der arabischen Exaltados ... Die Frage der Unruhen ßteht nicht auf dem Programm der Kommißßion. Wer sie angestiftet und bezahlt hat, wieso sie sich so ausbreiten konnten, wieso die verfügbare Exekutive immer wieder gebremst wurde, wieso Fauzi aus der Umzingelung nächtlicherweile freigelaesen und nach Transjordanien zu einem schon vorbereiteten festlichen Empfang entkommen konnte, weshalb 90 Juden haben sterben müssen — das ficht die Untersuchungskoininission fio wenig an, daß sie gar nicht fragte, wenigstens bisher nicht. Aber im jüdischen Dorf und in der Stadt fragt man und man antwortet. Man sieht auf das wuchtige massive Haus der Soclimut in Rechawjah, auf diese Festung, in der die Jewish Agency, der Nationalfouds und der Keren Hajessod untergebraoht sipds' Dort schlägt das Herz dieser Organisation, die die Welt umspannt und die eme Regierung darstellt. Wenn man dort durch die Korridore geht und die Arbeit sieht, wenn man die festo Entschlossenheit und Bereitschaft erkennt, die dort zu Zum Proteßt gegen die Haltung des Jerusalemer Bürgermeisters Dr. Khaldi gegenüber dem jüdischen Vizebürgermeister Daniel Auster sind sämtliche jüdischen Stadtverordneten der Sitzung des Stadtrates ferngeblieben. Der High Commissioner prüft die geschaffene Lage. * Auf dem Keren-Kajemeth-Boden in den Hügeln bei Jerusalem sollen zwei neue Siedlungen für jüdische Steinbrucharbeiter gegründet werden, um die jüdische Fabrikation von Bausteinen zu fördern. * In Jerusalem kam es am 7. Dezember an zwei Stellen zu Zusammenstößen zwischen Mohammedanern und Christen. Junge Mohammedaner, die vor christlichen Geschäften in der Altstadt Streikposten standen, verursachten Störungen vor dem Gebäude des Vereins für Christliche Junge Männer und hinderten Araber am Betreten des Gebäudes, worauf es zu einem Handgemenge kam. * Die Führer des Arabischen Obersten Komitees haben eine Reise durch die Städte Palästinas angetreten, um die Verbindung mit den Ortskomitees zu stärken und Gelder zu sammeln. * Auf eine Militärpatrouille wurden in der Nähe von Nablus Schüsse abgegeben. Herbeigerufene Verstärkungen trieben die be- Die Mitglieder der Kgl. Kommission besuchten die Kwuzah in Kirjath Anawim und ließen sich die Lebensweise der Siedler erklären. Sie unterhielten sich des längeren in deutscher Sprache mit den deutschen Jugendlichen, die in Kirjath Anawim ausgebildet werden. * Ein Araber, der unter der Anklage stand, am 15. Februar 1936 in Haifa Juli Keller ermordet zu haben, wurde zum Tode verurteilt. Arabischen Pressemeldungen zufolge besteht der Plan, in der bevorstehenden Pilgerfahrtssaison eine mohammedanische Palästina-Konferenz nach Mekka einzuberufen. * Nach einem in Jerusalem eimgetroffenen Bericht aus zuverlässiger Quelle sind 500 Araber aus dem Irak in Transjordanien eingetroffen, um Banden zu organisieren, die gegen die englischen Truppen in Palästina kämpfen sollen. Eine neue Ausgabe der Werke Sokolows Wie uns aus London gemeldet wird, bereiten Celina Sokolow, Selig Brodetsky und Simon Ravidovicz die Herausgabe einer vollständigen Sammlung aller Werke Nahum Sokolows vor. Es werden alle jene, die iim Besitz von Manuskripten, Briefen oder sonstigen Dokumenten politischen oder privaten Charakters von Nahum Sokolow oder über Nahum Sokolow sind, gebeten, ihr Material zwecks Verwertung für die geplante Ausgabe an Miss Celina Sokolow, 43 Compayne Gardens, London N. W. 6, zu senden. Auf Wunsch wird das Material nach erfolgter Abschrift zurück- Die (Dinteriillfe der Kultusgemeinde hat begonnen*spendet reichlich! Postspark* - Konto t B 29*659