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Die Stimme · 1936-12-10 · Heft 603 (10.12.1936) · page 9

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Journal
Die Stimme
Volume
10 (1936-1937)
Issue
Heft 603 (10.12.1936)
Date
1936-12-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Äff. 603. — Wien, Donnerstag, 10. Dez. 1936 Dil ITIMMI Seit« 5 Pogrom-Debatte im Seim Warschau, 6. Dezember. (JTA.) In einer Interpellation, die der Deputierte Rabbiner Rubinstein aus Wilna ira Namen des Jüdischen Parlamentsklubs ira Sejm an die Reierung einbrachte, wird eine ausführliche childerung der mehrtägigen pogromartigen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung gegeben, die ihren Höhepunkt am 28. November erreichten, dem Tage, an dem der durch die antisemitischen Losungen bis zur Sinnlosigkeit aufgehetzte 11jährige Schüler Marjan Szumowioz den jüdischen Schüler Meir Rabinowitz überfiel und ihm mit einem Messer lebensgefährliche Stiche befrachte. Die antisemitischen Agitatoren nutzten diesen Vorfall für ihre Zwecke aus, indem sie das Gerücht verbreiteten, ein christlicher Knabe sei durch einen jüdischen Knaben erstochen worden. Die erschreckten Juden mieden die Straßen, die jüdischen Geschäftsleute schlossen ihre Läden. Die Polizei aber zeigte sich keineswegs geneigt, die bedrohten Juden zu schützen, sondern sie schlug auf jeden Juden, der ihr ln die Hände fiel, unbarmherzig ein. Polizisten brachen sogar in die geschlossenen Läden und Werkstätten ein und mißhandelten die Inhaber. Greise und Frauen wurden nicht geschont. Die Polizisten schlugen ihre Opfer über Schädel und Gesicht, sie hatten sich hiezu ein spezielles Pelnlgungssystem zurechtgelegt. Der Interpellation sind mehrere Protokolle beigelegt, die mit Opfern des studentischen und des polizeilichen Pogrome angenommen wurden. Aus mehreren diesen Aussagen geht hervor, daß Polizisten auf Befehl des der Szene beiwohnenden Polizeioffiziers einzelne jüdische Bürger aus Läden und Wohnungen hervorholten und barbarisch auf sie einscnlugen. Die Aussagen dieser Zeugen lassen sich durch die Verletzungen, die sie erlitten, genau belegen. Durch die Polizei Schwer mißhandelt und erheblich verletzt wurden 46 Juden. Die Zahl der durch die Studenten und Huligans verletzten Juden ist weit größer. Zum Schluß heißt es in der Interpellation: Die jüdische Bevölkerung von Wilna fordert von der Regierung auf Grund der elementaren durch die Verfassung garantierten bürgerlichen Rechte den Schutz ihres Lebeas und ihrer Habe. Was wird die Regierung unternehmen, um der jüdischen Bevölkerung Wilnas diese Garantie zu geben? Werden die zivilen und die polizeilichen Schuldigen an den Angriffen gegen ruhige jüdische Bürger zur Verantwortung gezogen werden? Drastisch verringern. Sämtliche jüdischen Zeitungen, die den Text der Interpellation abdruckten, verfielen der Konfiskation. In der Sitzung des Sejm am Mittwoch, den 2. Dezember abends, entwickelte sich im Anschluß an die Interpellation eine Debatte über die Judenfrage in Polen. Der Abgeordnete der Regierungsfront Surzynski gab seiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß der polnische Außenminister Oberst Josef Beck sich vor dem Völkerbund mit jüdischer Auswanderung und Kolonisation befaßt habe; denn es sei „notwendig, daß die Zahl der Juden in Polen, insbesondere in den Städten, drastisch verringert" werde. Uber Mord zur Macht.. Der jüdische Deputierte Münzberg r(Aguda) knüpfte an die Ausführungen des Ministerpräsidenten Skladkowski in der vorangegangenen Sitznng an, daß die soziale [Wohlfahrt allen Bürgern des Landes zuteil werden solle und appellierte an den Ministerpräsidenten, die ganze Wahrheit über die soziale Lage der Juden zu hören. E* fehlen die Worte, die Tragik der jüdischen Bevölkerung von Polen auch nur annähernd erschöpfend darzustellen, über ihre eingeschlagenen Köpfe hinweg will eine gewisse Partei, die Nationaldemokratie, zur Macht in Polen gelangen. Die Steine, die gegen die jüdischen Geschäfte und Wohnungen geschleudert werden, treffen auch das jetzige Regime in Polen. Die Hirne werden vernebelt. Kaders von Mördern werden aufgestellt. Dieselben Leute, auf deren Sohuldkonto die Ermordung des ersten Präsidenten der polnischen Republik, Prof. Narutowicz, zu setzen ist, hetzen jetzt die Bevölkerung gegen die Juden auf. Die Lodzer Zeitung „Republika“ veröffentlicht soeben eine Kundgebung, die lautet: „Es wird sehr viel Blut vergossen werden, weil dies die einzige Diskussionsbasis ist. Der Stich des Bajonetts und die Kugel des Revolvers sind die einzigen gerechten Argumente." Soziale Gerechtigkeit Duputierter Dr. Sommerstein führte aus: Ich erfülle eine schwere Pflicht, wenn ich hier über die Vorgänge in Wilna spreche. Denn ich muß mich fragen: Wird mich jemand hören? Wird man auch nur einen Teil dessen erfüllen, was ich im Namen der jüdischen Bevölkerung, die so viel Leid und Pein erdulden muß, verlange? Während kein nicht jüdischer Abgeordneter im Sejm die Exzesse verurteilt hat, durfte der Deputierte Hopel hier eine Rechtfertigung der blutigen Ereignisse vortragen und diese damit begründen, daß die Studenten „es nicht ertragen können, wenn Handel, Handwerk und freie Berufe verjudet“ werden. Das sind zu grobe Argumente in einer Zeit, in der die Juden systematisch aus ihren wirtschaftlichen und beruflichen Positionen hinausgedrängt werden und ihnen der Zutritt zu den Staatsämtem und zu den städtischen Anstellungen vollkommen versperrt ist. Die Zahl der an den Hoch- In der Volksschule in Jadweina sagte der Geistliche den Kindern in der Religions- Stunde: „Man muß die Juden in Polen ebenso behandeln, wie sie Pharao in Ägypten be/handelt hat.“ Rabbiner Rubinstein erklärte: Was in Wilna zwischen dem 12. und 24. November vor sich gegangen ist, hat nicht seinesgleichen in der Geschichte dieser Stadt. 96 verletzte jüdische Bürger wurden an einem Tag in das Haus der Jüdischen Gemeinde gebracht. Die Hälfte von ihnen erlitt Verletzungen durch Hiebe der Polizisten. Große Gruppen junger Schüler zogen herum und schlugen überall bei Juden die Fenster ein. Der Ministerpräsident verurteilte die Ausschreitungen, enthielt sich aber, auch den Boykott-Terror zu verurteilen, obwohl auch dieser ungesetzlich Ist. Die Erfahrung muß ihn aber lehren, daß jeder Boykott-Terror notwendig in Exzesse ausartet. In Wilna kam es zu folgendem charakteristischen Vorfall: Ein Pogromzug traf sich in einem Stadtteil mit einem Demonstrationszug der Kolonial-Liga. Beide Gruppen haben verschiedene Ziele. Aber als sie sich begegneten, stießen beide den gleichen Ruf aus: „Hinausmitden Juden aus Pole nl“ Warum klärt man die verblendeten Massen nicht dahin auf, daß das E m igr a t i o ns p r o b 1 e m Polens nicht nur ein jüdisches sei. Polen, schloß Rabbiner Rubinstein, kann nacht den Weg einer roten oder ' braunen Diktatur wählen, es muß eine Demokratie bleiben und freundschaftliche Beziehungen mit Frankreich und England unterhalten. Man bann aber nicht mit den Demokratien im Ausland vertrauensvolle Beziehungen unterhalten, während im Lande selbst Brutalitäten geduldet werden. Haß kann nie aufbauend, sondern immer nur zerstörend wirken. Aufbauen kann man nur im Zeichen von Freundschaft und Frieden. Zu einer solchen Aufbauarbeit sind wir Juden immer bereit. — aber Judenboykott schulen studierenden Juden vermindert sich progressiv, und doch haben die jüdischen Studienbeflissenen keinen Tag Ruhe und müssen jederzeit gewärtig sein, Gesundheit, ja das Lehen zu opfern, wenn sie die Hochschulen betreten. Mit tiefem Bedauern stelle ich fest, daß der Ministerpräsident das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit gegenüber der jüdischen Bevölkerung nicht richtig kommentiert hat. Er versprach Bestrafung der Schuldigen an antijüdischen Exzessen. Aber mit keinem Wort berührte er die Frage des wirtschaftlichen Ruins des jüdischen städtischen Elements, im Gegenteil, er begrüßte mit Genugtuung die Tatsache, daß die Dorfelemente in die Städte ziehen, um dort Handel und Handwerk zu erobern. Das ist keine Soziale Gerechtigkeit, Das ist eine Ermutigung zu dem wirtschaftlichen Boykott, der viele Hunderttausende jüdische Existenzen vernichtet hat. 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Mannigfache Schwierigkeiten behördlicher Art, aber auch die Schwierigkeit der Erziehung des Publikums stellten sich der Arbeit entgegen. Daß das Theater dennoch künstlerisch und materiell gehalten und entwickelt werden konnte, lobt jedenfalls die Fähigkeiten der Unternehmung. Über das, was bisher geleistet worden ist und auch über die Wünsche, die man dean Theater gegenüber noch hat, wird noch zu sprechen sein. * In den Jüdischen Künstlerspielen, II., Praterstraße 34 (Tel. R 45-4-94), wird ab Freitag, den 11. Dezember, täglich halb 9 Uhr abends, die musikalische Komödie „Dem Chaseena Sind 1“ mit David Seidermann und Chana L e r n e r aufgeführt. Die Novität geht auch Sonntag, den 13., halb 4 Uhr nachmittags bei kleinen Preisen in Szene; auch bei dieser Nachmittagsvorstellung erhält jedes Kind von der Direktion ein schönes Geschenk. Im Rahmen der Vorstellung von Montag, den 14., die von F. C. Hakoah veranstaltet wird, wird der bekannte jüdische Rezitator Jehuda Ehrenk r a n t z einen Chanukkah-Prolog sprechen. * Werbevorstellung von „Rebbeniu". Dienstag, den 15. Dezember wird im Rahmen einer Werbevorstellung die Komödie „Rebbeniu“ mit David Seidermann in der Titelrolle und der Premierenbesetzung einmalig wiederholt. ---^ Der Hechaluz Haklal Zioni snif Österreich gratuliert seinem Kibuzleiter Samuel Weintraub und Gemahlin anläßlich der Geburt eines Sohnes aufs herzlichste Josef Kamen wieder in Wien. Nach längerer Abwesenheit und einer erfolgreichen Tournee durch Polen ist der jüdische Schauspieler Josef Kamen nach Wien zurückgekelirt und wird hier einige Abende veranstalten. Chanukkali-Feier der Misrachi-Jugend. Samstag, den 12. Dezember, präzise S Uhr abends, veranstaltet die Misrachi-Jugend im Festsaale des Hotels Bayrischer Hof, n., Obere Augartenstraße 5, eine große Ohamukkah-Feier. Festrede: Rabbiner Dr. M. Roeenmann. Lichterzünden: Oberkantor Emanuel Fränkel. Rezitationen: Rudolf Weiß (Jüdisches Kulturtheater). Gesang: Oberkantor Alter Feuer, am Flügel: Gideon May. Einakter: Aufgeführt von den Mitgliedern des Haschomer Hadati „Das Lied vom Licht“. Jüdisches Kulturtheater. Ferner wirken mit: Dolly Nachbar (humoristische Vorträge) und die Kapelle Max Geiger. Karten an der Abendkasse. Freitag, den 11. Dezember, halb 8 Uhr abends: Onegg-Schabath. Seminare der Histadruth. Bibelseminar (Doktor Schächter), Samstag, den 12 Dezember, 7 Uhr abends, im Fcetsaal des Cafe Central, 8 Uhr abends, Literaturseminar (Auerbach). Jüd, Volksbildungsheini . „Bialik“, VII., Kaiserstraße 30. Donnerstag, den 10. Dezember, 7 Uhr 30 abends, Talmudvortrag. Referent: Rabbiner Dr. Cli. Barer. Einsehrei; bungen zu den H e b r ä i ß c h - K u r s e n tägglich — außer Freitag — ab 6 Uhr abends. Unterricht für Jugendliche und Erwachsene (Anfänger und Fortgeschrittene). — Sam stag, den 12. Dezember, S Uhr 30 abends, Chanukk&h-Feier mit reichhaltigem Programm und erstklassigen Kunstkräflen. Karten ab 6 Uhr abends im Heim. Der Verband der Alten Herren zionistischer Verbindungen (AHV. d. ZMV.) veranstaltet, zusammen mit dem Kameradschaftsverband Jüdischer Mittelschüler Österreichs am Sonntag, den 18. ds., um 8 Uhr abends, im Festsaal des Hotel de France in Wien, I., Schottenring, eine Makkabäer-Feier mit anschließendem Tanz, zu welcher alle Bb. Bb. auf diesem Wege nochmals eingeladen werden. Hiemit werden auch alle jüdischen Mittelschüler aufgefordert, der obgenamnten Feier beizuwohnen. Jüdische Obermittelsohülör haben freien Ei#« tritt.

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